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Frankreich: Der beneidete Nachbar

Frankreich wird von vielen Deutschen beneidet: Manche beneiden es um Paris, andere um die kämpferische Einstellung der französischen Arbeiter, Angestellten, Rentner und Jugendlichen, die sich gegen die Zumutungen von Staat und Wirtschaft wehren. DFB-Präsident Meyer-Vorfelder beneidet Frankreich um seine koloniale Vergangenheit.

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Nachdem die französische Nationalmannschaft die WM 1998 gewonnen hatte, fand Meyer-Vorfelder das ein bisschen ungerecht: Es soll nicht chauvinistisch klingen, aber hätten wir 1918 die deutschen Kolonien nicht verloren, hätten wir heute in der Nationalmannschaft wahrscheinlich auch nur Spieler aus Deutsch-Südwest.

Frankreich etablierte sich mit der Revolution von 1789 als eine Willensnation. Franzose ist nach der Verfassung, wer die französische Staatsbürgerschaft besitzt. Um die französische Staatsbürgerschaft zu bekommen, sollten Herkunft oder (Mutter-)Sprache keine Rolle spielen. Deshalb war Frankreich schon im 19. Jahrhundert ein Einwanderungsland.

Aber auch in Frankreich gibt es Leute, die ein dumpfes Nationalgefühl pflegen. Zurzeit schießt sich die französische Rechte vor allem auf die zweite Generation der maghrebinischen (nordafrikanischen) Einwanderer ein, der sie mangelndes Bemühen um eine echte Integration vorwirft. Doch der Wille zur Integration allein reicht keineswegs aus, solange noch die Kinder der Einwanderer trotz französischer Staatsbürgerschaft als immigrés diskriminiert werden.

Geographie, Politik und Fußball

  • Fläche: 543.965 Quadratkilometer (672.352 Quadratkilometer mit überseeischen Gebieten)
  • Einwohnerzahl: 60,6 Millionen
  • Hauptstadt: Paris
  • Amtssprache: Französisch
  • Staatsform: Präsidialrepublik mit Mehrparteiensystem

    Frankreich hat sich zum zwölften Mal für eine Fußball-WM qualifiziert. Zum Leidwesen der Fans hat es aber erst einmal den Titel gewonnen, obwohl es regelmäßig zu den Favoriten gezählt wird

Wirtschaft

Die französische Wirtschaft ist - anders als die deutsche - immer noch weitgehend staatlich kontrolliert. Trotz aller Privatisierungen in den letzten Jahren befinden sich Schlüsselindustrien weiterhin unter staatlicher Kontrolle. Das gilt vor allem für die Atomwirtschaft, die mit 18 Kernkraftstandorten fast 80 Prozent des französischen Strombedarfs produziert. Deutschland ist nicht nur ein wichtiger Kunde für französischen Atomstrom. Es nutzt auch die französischen Wiederaufarbeitungsanlagen, um das Problem des hauseigenen Atommülls in die Zukunft zu verschieben.

Staatliche Wirtschaftspläne verwandelten das landwirtschaftlich geprägte Land nach dem Zweiten Weltkrieg in einen modernen Industriestaat, aber innerhalb der EU ist Frankreich auch heute noch der größte Exporteur landwirtschaftlicher Erzeugnisse.

Natur und Umwelt

In Frankreich sind alle Formen von Landschaften anzutreffen, von Hoch- über Mittelgebirge, fruchtbaren Ebenen bis hin zu Küstenlandschaften. Die höchste Erhebung ist der Montblanc in den französischen Alpen mit 4.808 Metern, der Tiefstpunkt liegt im Delta der Rhône mit zwei Metern unter NN (Normal Null).

Auch heute noch ist Frankreich in der EU das Land mit dem größten Anteil an landwirtschaftlich genutzten Flächen. 56 Prozent der Fläche Frankreichs werden landwirtschaftlich genutzt. 7,8 Prozent sind Naturschutzgebiete. Überdüngung durch die Landwirtschaft und die Abwässer der großen Städte beeinträchtigen bereits große Teile der Süßwasserreserven.

Ausgerechnet bei der Trinkwasserversorgung verzichtet der französische Staat auf seine Kontrollinstrumente: Zwei große Wasser-Konzerne teilen sich den privaten Wassermarkt im größten Teil Frankreichs und sind auch überall auf der Welt zur Stelle, wo die öffentliche Trinkwasserversorgung in eine private umgewandelt werden soll.

Menschenrechte und Korruption

Die Franzosen fühlen sich als Erfinder der Menschenrechte. Inzwischen müssen sie sich aber vorhalten lassen, dass sie nicht nur in ihrer Kolonialgeschichte Folter und Mord angewendet haben, um die Machtverhältnisse zu stabilisieren. Die Fremdenlegion wurde aufgebaut, um in den Kolonien die mörderischen Dreckarbeiten zu erledigen.

Auch die französischen Geheimdienste werden im Ausland eingesetzt, um Probleme zur Not gewaltsam zu 'lösen'. Am 10. Juli 1985 verübten Agenten des französischen Geheimdienstes einen Sprengstoffanschlag auf das Greenpeace-Schiff Rainbow Warrior. Sie sollten im Auftrag der französischen Regierung die Protestfahrt gegen französische Atomwaffenversuche auf der Südseeinsel Moruroa verhindern. Bei diesem Anschlag wurde der Greenpeace-Fotograf Fernando Pereira getötet.

Besonderheiten

In Frankreich gibt es eine Front zur Befreiung der Gartenzwerge. Sie ist vor allem in der Normandie aktiv und entfernt Gartenzwerge aus Vorgärten, wobei sie Abschiedsbriefe an Mama und Papa hinterlässt.

(Autor: Harald Mörking)

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