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Brasilien: Nicht nur Fußball und Samba

Die sprichwörtliche brasilianische Fröhlichkeit steht im krassen Gegensatz zur Lebenssituation vieler Menschen in Brasilien. Aber alle vier Jahre scheinen sie ihr Elend komplett zu vergessen - als Fußball-Weltmeister fühlen sie sich von allen Nationen einen Monat lang respektiert. Das muss dann wieder drei Jahre und elf Monate reichen.

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Die Bevölkerung Brasiliens bestand ursprünglich aus ungefähr fünf bis sechs Millionen Menschen, die - in Stämmen organisiert - vom Jagen, Sammeln und einfachen Formen der Landwirtschaft lebten. Nachdem Pedro Alvares Cabral das Land 1500 entdeckte und für Portugal in Besitz nahm, reduzierte sich die indigene Bevölkerung im Laufe der Jahrhunderte durch eingeschleppte Krankheiten, Zwangsarbeit und Mord durch die Kolonisatoren auf ungefähr 100.000 Menschen im Jahre 1950. Heute soll es wieder 400.000 Indios in Brasilien geben, von denen allerdings nur noch ein ganz geringer Teil auf traditionelle Art in Weise im Urwald und vom Urwald lebt. Die meisten haben sich mit den als Sklaven verschleppten Menschen afrikanischer Herkunft und europäischen Einwanderern vermischt.

Wirtschaft

Brasilien diente als Kolonie zunächst dem Königreich Portugal und nach der Unabhängigkeit auch den anderen europäischen Staaten als unerschöpfliche Quelle natürlicher Reichtümer. Hochverschuldet bei ausländischen Banken und Staaten, muss Brasilien alle seine Wirtschaftskraft auf den Export konzentrieren, um die Devisen für die Zinsen und die Rückzahlung der Schulden aufzubringen. Wichtigste Exportartikel sind weiterhin Rohstoffe und landwirtschaftliche Produkte, die auf den Warentermin- und Rohstoffbörsen der Industrieländer gehandelt werden: Bauxit (Aluminiumerz), Gold, Titan, Mangan, Kupfer, Zinn und Eisenerz. Als Exporteur von landwirtschaftlichen Produkten steht Brasilien an zweiter Stelle in der Welt.

Kaffee, Sojabohnen, Orangensaft, Zucker, Kakao, Geflügel, Rindfleisch, Tabak, Mais, Sisal und Baumwolle gehören aber zu den Warengruppen, deren Preise auf dem Weltmarkt tendenziell sinken. Deshalb verschärfen sich die sozialen und ökologischen Probleme der Brasilianer. Der Anbau von weltmarkt-gängigen Produkten verschlingt immer größere Anbauflächen und zerstört immer größere Teile des Urwalds. Die Schere zwischen arm und reich öffnet sich immer weiter. Fast ein Drittel der Bevölkerung hat im Monat weniger als umgerechnet 22 Euro zur Verfügung, während sich 40 Prozent des brasilianischen Reichtums auf die reichsten 5.000 Familien konzentrieren.

Geografie, Politik, Fußball

  • Fläche: 8.547.404 Quadratkilometer
  • Einwohnerzahl: 186,4 Millionen
  • Hauptstadt: Brasilia
  • Amtssprache: Brasilianisch (Portugiesisch)
  • Staatsform: Bundesrepublik
  • Unabhängigkeit: 1822 (Erklärung) 1825 (Anerkennung)
  • Brasilien ist das erfolgreichste Fußball-Land der Welt. Als fünfmaliger Weltmeister und zweimaliger Vizeweltmeister gelten sie auch bei dieser WM wieder als Favorit für den Titel.

Natur und Umwelt

Brasilien reicht von den tropischen Klimazonen des Amazonasbeckens bis zu den Bergregionen im Süden mit gemäßigtem Klima. 3.000 Arten von Wirbeltieren, 51 Primaten- und 3.000 Amphibienarten, 2.500 Baum- und 55.000 Blütenpflanzenarten machen Brasilien zum artenreichsten Land der Erde.

Brasilien hat seinen Namen von einem Baum, dem Brasilholz, der in den ersten Jahren der Kolonisierung exzessiv genutzt wurde und heute beinahe ausgestorben ist. Gelingt es nicht, die Abholzung des Amazonas Regenwalds zu stoppen, steht diesem artenreichsten aller Biotope ein ähnliches Schicksal bevor. Agrarbusiness und Holzfirmen haben allein in den letzten beiden Jahren Regenwald von der Größe der Schweiz vernichtet.

Der Abbau von Bauxit verpestet die Flüsse und gefährdet die indigene Bevölkerung. 2001 sank vor der brasilianischen Küste eine der größten Ölbohrplattformen und zerstörte das Küstenbiotop. Kleinbauern, vertrieben von ihren Feldern, ziehen in die Favelas der großen Städte. Wasserknappheit, Müllprobleme und die Ausbreitung von Krankheiten sind die Folgen.

Menschenrechte und Korruption

Die brasilianische Verfassung von 1988 sieht vor, dass bis zum Jahre 1993 alle Gebiete an die indigene Bevölkerung zurückgegeben werden sollten, die traditionell von ihr bewohnt wurden. Aber weder die alten Latifundienbesitzer noch die neuen Nutzer Brasiliens denken daran, auch nur ein Hektar brauchbares Land abzugeben. Sie machen notfalls mit brutaler Gewalt den indigenen Gemeinschaften ihre Rechte streitig. Wortführer werden ermordet, Prozesse finden nicht statt oder enden mit Freisprüchen. Im September 2003 bereiste sogar ein UN-Berichterstatter das Land, um die Menschenrechtssituation in Brasilien zu untersuchen. Besonders empörend vermerkte der Bericht die Situation brasilianischer Kinder und Jugendlicher: Kinderarbeit, Kinderhandel, Kinderprostitution und Kinderpornografie, an denen oft Polizei und Justiz mitverdienen, sind die schlimmsten Verbrechen, von denen Kinder bedroht sind. Hierzulande tauchen in den Medien brasilianische Kinder hauptsächlich als zukünftige Fußballstars auf.

Paramilitärische Verbände und Todesschwadrone existieren immer noch und ermorden Menschen, die den Interessen Reicher und Mächtiger im Wege stehen.

Besonderheiten

Lange währte der Streit zwischen Kirche und Wissenschaft, ob Südamerika ein eigener oder Teil eines größeren Kontinents sei. Eines ist jedenfalls seit dem 7. Juni 1494 klar: Südamerika ist eine Sahnetorte! Genau so wurde es im Vertrag von Tordesillas zwischen Portugal und Spanien aufgeteilt. Deshalb spricht man in Brasilien portugiesisch.

Brasilien ist aber nicht nur ein Stück Sahnetorte und eine Fußballgroßmacht, es ist auch das größte Fußball-Internat der Welt. Brasilien hat nämlich circa 20.000 Profifußballer, die in brasilianischen Vereinen spielen. Gleichzeitig stehen zur Zeit 5.000 brasilianische Profis in Diensten ausländischer Vereine. Jahr für Jahr exportiert Brasilien zwischen sechs- und siebenhundert Fußballtalente.

Autor: Harald Mörking

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