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Algerien: Ölquellen unterm Wüstensand

Algerien gehört neben Brasilien, Argentinien, England, Frankreich und Italien zu den wenigen Fußballnationen auf der Welt, die gegenüber der deutschen Nationalmannschaft eine positive Länderspielbilanz aufweisen können: drei Spiele, zwei Siege, eine Niederlage. 1982 bei der WM in Spanien rettete nur ein Stillhalteabkommen mit Österreich die deutsche Nationalmannschaft davor, von Algerien frühzeitig aus dem Turnier gekickt zu werden.

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Die algerische Bevölkerung spricht zu 70 Prozent einen algerischen Dialekt des Arabischen und zu 30 Prozent eine der zahlreichen Berbersprachen. 96 Prozent leben in dem schmalen Küstenstreifen am Mittelmeer, der nur 15 Prozent der Landesfläche ausmacht. Hinter dem Atlasgebirge und dem Tiefland des Schott erstreckt sich die Sahara über 85 Prozent des Staatsgebiets.

Geografie, Politik, Fußball

  • Fläche: 2.381.741 Quadratkilometer
  • Einwohnerzahl: 33,8 Millionen
  • Hauptstadt: Algier (Djazair)
  • Amtssprache: Arabisch; Französisch ist nach wie vor eine Verkehrssprache
  • Staatsform: Präsidialrepublik (nach dem Vorbild Frankreichs)
  • Unabhängigkeit: 5. Juli 1962 von Frankreich
  • Die algerische Nationalmannschaft hat dreimal an Weltmeisterschaften teilgenommen.

Wirtschaft und Politik

Algerien ist der siebtgrößte Erdölproduzent der Welt. Wie viele Erdölreserven sich noch unter der Sahara befinden, ist unbekannt. 1830 wurde Algerien von den Franzosen erobert und zu einer Siedlerkolonie gemacht: Französische Siedler strömten in den fruchtbaren Streifen des Landes am Mittelmeer und vertrieben die einheimischen Bauern in weniger attraktive Gebiete.

Zwischen 1954 und 1962 führten die Algerier einen erbitterten Krieg gegen die französische Besatzung, der 1962 mit der Unabhängigkeit Algeriens endete. Die zur Macht gekommene FLN (Front de Libération Nationale) verkündete den Aufbau eines algerischen Sozialismus, der das Aufblühen der islamischen Werte als Fundament der Volkseinheit sicherstellen sollte.

Mit Hilfe der Öleinnahmen sollte Algerien den Status eines bloßen Rohstofflandes überwinden und zu einer modernen Industrienation werden. Von den Öleinnahmen wurden moderne Industrieanlagen schlüsselfertig eingekauft und für die Bevölkerung ein Bildungs- und Gesundheitssystem eingerichtet.

Spätestens mit dem Sinken der Erdölpreise Ende der 1980er Jahre merkte Algerien, dass es immer noch vom Energiebedarf der Industrieländer abhängig war. Die implantierten Industrien fanden weder im Land noch auf dem Weltmarkt zahlungsfähige Abnehmer. Die eigene Landwirtschaft lag am Boden, der Staat hatte riesige Schuldenberge angehäuft und in den Städten sammelten sich die Menschen, die weder hier noch auf dem Land Arbeit fanden. Inoffiziell rechnet man heute mit einer Arbeitslosenquote von 30 Prozent - unter den jungen Algeriern sogar mit 60 Prozent. 2,3 Millionen Algerier leben im Ausland, davon 1,5 Millionen in Frankreich.

Der algerische Staat reagierte mit radikalen Kürzungen der Sozial- und Bildungsprogramme. Der Protest der Bevölkerung organisierte sich in der FIS (Front islamique de Salut = Islamistische Heilsfront), die das Scheitern des algerischen Sozialismus als Verrat an den islamischen Werten verstand. Als sie bei den Parlamentswahlen 1991/92 die Mehrheit der Stimmen erreichte, kassierte die Armee die Wahlen und verhängte den Ausnahmezustand. Mehr als zehn Jahre lang überzogen Islamisten und Armee das Land mit Terror. Algerien gilt heute als relativ befriedet, aber noch immer ist der Ausnahmezustand in Kraft.

Natur und Umwelt

Vier Fünftel Algeriens sind vegetationslos. Etwa 2 Prozent der Fläche sind noch bewaldet. Mit Aufforstungsprojekten versucht man die Ausbreitung der Sahara einzudämmen. Auffällig für alle Reisenden ist die Tatsache, dass noch in den entlegensten Gebieten Müll herumliegt. Die Tatsache, dass Algerien sinkende Treibhausgas- Emissionen vorweisen kann, hat weniger mit aktiver Klimapolitik, sondern mit dem Verfall industrieller Anlagen zu tun.

Menschenrechte und Korruption

Experten sehen Algerien als einen Staat, der von einer undurchsichtigen Clique an der Spitze des Militärs beherrscht und ausgebeutet wird. Wer ein Papier, einen Stempel oder eine Unterschrift braucht, muss zahlen - wenn er nicht zufällig einen Beamten kennt ...

In Algier herrscht Demonstrationsverbot, die Presse und Verlage unterliegen einer staatlichen Zensur. 2007 berichtete Amnesty International, dass es geheime Haftzentren gebe, in denen nicht nur Menschen ohne Verurteilung eingekerkert seien, sondern auch misshandelt und gefoltert würden.

Besonderheiten

Algerien hatte bereits eine Nationalmannschaft, bevor es das Land überhaupt gab. 1958 beschloss die FLN den Aufbau einer eigenen Fußball-Nationalmannschaft und rief dazu Algerier ins Land, die als Profi-Fußballer in der französischen 1. Liga spielten. Zwei von ihnen bereiteten sich gerade auf ihren Einsatz für die französische Equipe bei der Weltmeisterschaft in Schweden vor. Sie kamen trotzdem - und stießen dabei sogar auf Verständnis bei französischen Fußballspielern. Jedenfalls schrieben unter anderem die damals berühmtesten von ihnen, Kopa und Fontaine, eine Grußpostkarte aus Schweden an ihre Ex-Kollegen.

(Autor: Harald Mörking)

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