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Interview: Zeugen im Irak, 3

Vier Wochen lang hat ein Greenpeace-Team im Irak die Region um die Atomanlage Tuwaitha auf Radioaktivität untersucht. Was sie gefunden haben, ist alarmierend: Die Gesundheit der Menschen dort ist akut gefährdet. Wolfgang Sadik, einer der gerade zurückgekehrten Aktivisten, hat der Internetredaktion geschildert, was er erlebt hat. Hier der dritte Teil des Interviews.
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Die Internationale Atomenergiebehörde und die Weltgesundheitsorganisation dürfen trotz der akuten gesundheitlichen Gefahr für die Bevölkerung um Al-Tuwaitha nicht ins Land, oder?

Die dürfen nicht rein.

Es dürfen auch Ärzte ohne Grenzen nicht rein?

Doch, die sind da. Zwar nicht in Al-Tuwaitha, aber im Irak. Auch viele andere Hilfsorganisationen wie zum Beispiel das Internationale Rote Kreuz sind vor Ort. Es ist die UNICEF da, es ist die FAO da. Die UNO ist da.

Nach offizieller amerikanischer Darstellung gibt in Al-Tuwaitha kein Problem. Es wurde zwar geplündert, aber es sei alles zurückgekommen. Aber die internationale Atomenergiebehörde hat ein streng begrenztes Mandat. Die IAEO wurde erst nach Wochen ins Land geholt. Sie durften für zwei Wochen rein, während wir da waren. Sie durften nur die Uranoxidlager besichtigen und quantitativ feststellen, wie viel Uranoxid fehlt. Durften aber alle anderen industriellen Strahlenquellen, die Produktionsgebäude nicht besichtigen und nicht messen. Natürlich durften sie auch nicht die Bevölkerung, die Dörfer und Städte untersuchen.

Kann man denn feststellen, was fehlt?

Natürlich. Du kannst feststellen, was fehlt. Du hast einen Raum, der war voll mit Uranoxid und jetzt ist da nichts mehr drin. Also man weiß, das ist eine Urananreicherungsanlage. Man weiß, das ist eine Produktionsanlage. Da waren Maschinen, Rohrleitungssysteme etc. drin. Und wenn die weg sind, dann weiß man, die sind geplündert worden. Die Ingenieure können sagen, in den Rohrleitungssystemen liegt normalerweise Uranoxid. Und ist es weg, bedeutet es, das ist rausgegangen, geplündert worden. Wir haben eine Trommel mit Uranoxid außerhalb der Atomanlage gefunden.

Irgendwo in der Landschaft?

Nein, in der Stadt. An einem Platz wo sich ständig Menschen aufhalten.

In dem Moment können doch aber die Amerikaner nicht mehr sagen, es gibt kein Problem. Aber das tun sie nach wie vor?

Ja, das tun sie nach wie vor. Allerdings war bis jetzt die Situation im Irak nicht bekannt, nicht öffentlich. Wir haben das jetzt öffentlich gemacht. Es hat zwar vorher schon vereinzelte Medienberichte gegeben, aber die haben nicht zu einem breiten öffentlichen Bewusstsein geführt. Das ist unser Ziel. Wenn es ein Problem gibt, dann wollen wir das Problem natürlich auch bekannt machen.

Und wir haben festgestellt, es gibt dort ein Problem. Strahlenquellen liegen überal in der gesamten Stadt verteilt: Metall aus Reaktoranlagen, Produktionsteile, Kabel, Kabelschächte, alles was in irgendeinem Gebäude war.

Wir haben festgestellt, dass selbst Kabel und Atommüll aus der Erde ausgegraben wurden. Die Gebäude wurden nicht nur ausgeräumt, sondern es wurden die Fensterläden rausgerissen, die Leitungen rausgezogen. Und am Ende hat man das Dach abgedeckt und die Bodenplatten rausgeholt. Danach wurden noch die Wände zertrümmert und die Ziegel weiter verwertet. Es bleibt nichts mehr übrig. Wenn es möglich ist, wird alles mit Haut und Haaren weggeräumt. Bei den Plünderungen kamen viele mit LKWs angefahren

Dann müssen ja noch unvorstellbare Mengen in der Gegend herumliegen?

Ja, da sind um hundert Gebäudekomplexe geplündert worden und alles Mögliche davon liegt noch in der Stadt. Man sieht auf der Durchfahrt Teile aus Produktionsanlagen.

Also nicht nur diese Fässer, die Ihr dann umgetauscht habt. War das eine spontane Idee von Euch?

Ja. Wir hatten den dortigen Scheich kennen gelernt. Er bestimmt dort alles, er hat dort das Sagen. Wir hatten das Glück, sein Vertrauen zu erlangen und bekamen darüber viele Informationen.

Die Menschen haben an der Atomanlage zuerst mal den Zaun weggerissen, sind dann zu Fuß oder mit LKW rein. Kinder, Frauen, Männer, alle. Sind in die Gebäude und haben aus den Regalen die Fässer geholt. Sie haben die Tonnen aufgerissen, geguckt was drin ist, ausgeleert und mitgenommen. Sie haben alles in ihre Häuser geschleppt. Sie sind einfach so arm, haben nichts und brauchen alles.

Manche haben geglaubt, das Uranoxid sei Milchpulver und haben es getrunken. Andere haben geglaubt, es ist Seifenpulver und haben damit ihre Wäsche gewaschen. Stell dir vor, deine Wäsche ist komplett mit Uranoxid verstrahlt. Viele haben sich in den Fässern gewaschen oder Trinkwasser, Lebensmittel, Zucker oder Mehl darin gelagert. Es ist einfach unglaublich.

Die Amerikaner haben sich vermutlich gedacht, ok, das ist jetzt hier in diesen paar Ortschaften in der Nähe dieses Lagers. Die Fässer holen wir jetzt zurück. Sie haben drei Dollar für jedes Fass geboten und so auch einige zurückbekommen, aber bei weitem nicht alle.

Das brachte uns auf folgende Überlegung: Wenn die Amerikaner die Fässer nicht zurückkaufen können, ist das Geld weniger wichtig als das Fass. Es ist klar, die Leute brauchen Fässer. Was kostet ein Fass eigentlich, wenn man ein Neues kauft? Was kostet ein Fass, das man gebraucht kauft? Wir fanden heraus, ein Fass kostet neu 15 Dollar, und selbst ein gebrauchtes Fass kostet immer noch acht Dollar. Mit drei Dollar kannst du dir also kein Fass kaufen.

Und wir haben dann Trinkwasserbehälter besorgt. Neue verzinkte Trinkwasserbehälter. Mit Deckel und Einfüllstutzen und Anschlussmöglichkeit. Was wirklich Sinnvolles für die Menschen dort. Über den Scheich haben wir bekannt geben lassen, dass wir neue Fässer gegen radioaktive Fässer und Objekte, die radioaktive Warnzeichen tragen, eintauschen.

Das haben wir dann auch gemacht. Der Scheich ist mit uns gegangen, an einen Platz im Ort. Am ersten Tag hat er die Leute zusammengerufen. Später sind sie auch so gekommen. Viele der zurückgebrachten Fässer waren sauber und wir haben keine Strahlung gemessen.

Das war ein ganz schlechtes Zeichen, weil wir dann wussten, dass das Material jetzt irgendwo in der Umwelt herumlag. Im Haus, am Körper, auf jeden Fall nicht mehr in dem Fass. Eine Frau hat uns erzählt, sie hat ein Fass gehabt, ein weißes Fass, da war ein Holzstück drin, das sie weggeschmissen hat. Dann hat sie Wasser reingeschüttet und sich mit dem Wasser gewaschen. Seitdem hat sie Ausschlag rund um den Hals und an Händen und Armen.

Wir wollten wissen, wie das Fass ausgesehen hat. Ich habe dann das Radioaktivitätswarnzeichen aufgemalt und es gezeigt. Alle meinten gleich: Ja, das ist es, das war da drauf. Ein paar Minuten später hat jemand den Deckel von diesem Fass gebracht. Da ist das Radioaktivitätszeichen drauf und Made in UK.

Wir haben auch Fässer zurückgenommen, die nicht gestrahlt haben, um der Bevölkerung zu signalisieren, das ist ein realer Tausch. Bring mir dein Fass, denn du weißt ja nicht, ob es strahlt oder nicht. In zwei Fässern haben wir noch "Yellow Cake", also Uranoxid, gefunden. An manchen war eine erhöhte Strahlung festzustellen: An der Außenwand, an Deckeln oder Koffern, in denen ehemals industrielle Strahlenquellen gelagert waren.

Diese Fass-Austauschaktion haben wir alle paar Tage durchgeführt und jetzt in die Hände des Scheichs und der Gemeinde übergeben. Das heißt für sie, sie müssen mit den Amerikanern zusammenarbeiten. Der Scheich kann die Radioaktivität ja nicht messen.

Jetzt gibt es auch seit zwei Wochen wieder Polizei. Die Menschen haben sich selbst umgesehen, haben sich sogar Autos und Uniformen besorgt. So langsam entwickelt es sich dort. Die Polizei arbeitet eng mit den Amerikanern zusammen. Wegen Infrastruktur, Spital,Telefon sind sie ohnehin mit den dortigen Besatzungsbehörden in Verbindung.

Und wir haben den Amerikanern deutlich gemacht, dass wir dort ein eigenens kleines Fass-Lager eingerichtet haben. Die Behörden vor Ort, die Gemeinde sorgt auch dafür, dass die Fässer zurückgenommen werden.

Der vierte Teil des Gesprächs folgt am Dienstag.

Weiter geht es mit Teil 4.

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