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Interview: Zeugen im Irak, 1

Vier Wochen lang hat ein Greenpeace-Team im Irak die Region um die Atomanlage Tuwaitha auf Radioaktivität untersucht. Was sie gefunden haben, ist alarmierend: Die Gesundheit der Menschen dort ist akut gefährdet. Wolfgang Sadik, einer der gerade zurückgekehrten Aktivisten, hat der Internetredaktion geschildert, was er erlebt hat. Hier der erste Teil des Interviews.

Wolfgang, wie haben die Menschen vor Ort auf das Greenpeace-Team reagiert? Wie habt Ihr es geschafft, ihr Vertrauen zu gewinnen?

Zunächst haben sie mit Skepsis reagiert, wie auf alle Menschen, die aus dem Westen kommen. Wir haben aber die gesellschaftlichen Strukturen erkannt und genutzt. Die schon vorher vorhandenen und die, die in diesem Chaos neu entstanden sind. Es ist uns gelungen, in diese Strukturen hineinzukommen und Vertrauen aufzubauen. Danach standen uns alle Türen offen. Die Kinder sind hinter uns her gelaufen. Jeder hat uns in sein Haus eingeladen - zum Essen oder zum Teetrinken. Sie waren sehr herzlich.

Kannten die Leute Greenpeace? Habt Ihr Euch als Greenpeacer zu erkennen gegeben?

Ja, wir haben uns als Greenpeacer vorgestellt, und alle haben gesagt, dass sie Greenpeace kennen. Aber wer die Mentalität der Menschen dort kennt, weiß, dass das reine Höflichkeit ist. Ich denke nicht, dass sie Greenpeace kannten. Sie waren ja lange isoliert. Nur ein Einziger hatte schon mal etwas von unseren Schiffen gehört.

Die Reaktionen auf unsere Aktivitäten dort vor Ort waren sehr unterschiedlich. Die Lehrerinnen zum Beispiel, die wir in einer teilweise radioaktiv verseuchten Schule angetroffen haben, sind zunächst mal auf uns losgegangen. Zwanzig auf uns einschreiende Frauen. Sie wollten, dass wir sofort wegfahren. Wollten wissen, ob man das Wasser trinken kann, ob das Examen trotzdem stattfinden konnte. Haben sich darüber geärgert, dass schon wieder ein westliches Kamerateam da war. Sie waren völlig verunsichert. Aber wenn man ihre Mentalität versteht, dann weiß man, dass dieses Schreien nichts Aggressives hat. Es ist ein Ausdruck ihres Gefühls.

Ich habe dann dafür gesorgt, dass nur die Frau in unserem Team, unsere Strahlenexpertin Rianne, Messungen an der Kleidung und den Schuhen vornehmen durfte. Alle Männer habe ich aus dem Raum geschickt, was helle Begeisterung hervorgerufen hat. Zum Schluss war ich der einzige Mann dort, und dann haben sie mich rausgeschmissen. Als sie wussten, dass sie keine Strahlung am Körper hatten, waren sie beruhigt. Die Strahlungsquelle haben wir dann außerhalb der Schule lokalisiert. Etwa fünf Meter entfernt, gegenüber.

Was für eine Strahlungsquelle war das?

Das wissen wir bis heute nicht. Wir vermuten aber, dass es ein Neutronenstrahler gewesen ist. Ein fingernagelgroßes Stück, höchstwahrscheinlich aus Metall. Später haben wir die Stelle gekennzeichnet und das Gelände an der Straße vier Meter im Umkreis abgeriegelt.

Habt Ihr Schutzanzüge getragen?

Ja. Keine Bleivorschriftsanzüge, das war nicht nötig. Aber Schutzanzüge, um Körperkontakt zu vermeiden. Und Masken. Wir haben auch nicht ständig Schutzkleidung getragen. Manchmal sind wir gar nicht aus dem Auto gestiegen, bevor nicht unsere Experten die Strahlung vor der Autotür gemessen hatten. Und dann auf dem Parkplatz, dem Weg und so weiter. Wir sind ganz systematisch vorgegangen.

Wie seid Ihr überhaupt auf die Schule und die Strahlungsquelle dort gestoßen? War das Zufall?

Ich habe in Bagdad einen Informanten gefunden. Der hat auf einem Markt jemanden für uns gefunden, der aus geplünderten Fässern Essen verkauft hat. Am nächsten Tag sind wir wieder hingegangen und haben weitere Informationen bekommen. Und schließlich bekamen wir die Information über eine Schule, in der zwei Klassenräume abgesperrt worden waren. Die erste Frage war natürlich: Wer hat die Klassenzimmer abgesperrt? Da war ja schon jemand vor uns hier. Und dann sind wir hingefahren.

Dort haben wir erfahren, dass amerikanische Soldaten mit ähnlich aussehenden Geräten gekommen waren, in der Schule gemessen und die Absperrung angeordnet hatten. Das war einen Monat vorher. Die sind also offensichtlich herumgegangen, aber nicht systematisch. Vielleicht hatten sie einen Tipp bekommen.

Wir haben zunächst in den beiden Räumen keine Strahlung gefunden. Aber zum Fenster hin schlug der Geigerzähler dann aus. Nicht neben dem Fenster und nicht unterhalb. Die Strahlung kam durchs Fenster. Die Wände hielten sie ab. Dann haben wir natürlich draußen weiter gesucht und festgestellt, dass die Außenmauer um die Schule herum die Strahlung auch abhielt. Die Strahlung kam vom Tor. So haben wir die Quelle immer weiter eingegrenzt.

Später haben wir beschlossen, die Stelle abzuriegeln. Die Kinder standen dort immer herum. Auch Mütter mit ihren Kindern. Sie stehen direkt auf der Strahlenquelle. Du warnst sie und sie gehen weg. Aber nach zwei Minuten sind sie wieder da. Darum war es erstes Gebot, die Stelle abzusperren. Mit Warnschildern auf Arabisch natürlich. Nicht wie die Amerikaner auf Englisch.

Am nächsten Tag waren die Schilder an einem der anderen untersuchten Häuser weg. Der Besitzer hatte sie umgerissen, damit die Nachbarn nicht mitbekamen, dass sein Haus und seine Familie schwer geschädigt waren. Die Menschen dort sind sehr ungebildet. Für sie ist Strahlung etwas wie eine Seuche. So als würde bei uns die Cholera ausbrechen. Das hat mit dem Ruf in der Gemeinde zu tun. Man wird plötzlich zum Aussätzigen.

Hier wurde berichtet, dass die Leute durchaus gewarnt worden seien. Aber auch wenn - konnten sie die Gefahr denn ermessen?

Nein, das konnten sie nicht. Die Menschen sind ganz schlecht gebildet. Sehr sehr arm und unterdrückt. Schiitisch eben - die Schiiten wurden unter Saddam Hussein besonders unterdrückt, und die qualifizierten Facharbeiter kommen größtenteils nicht aus dieser Gegend. Sie haben abgeschottet im Inneren der Anlage gewohnt. Ganz, ganz viele Kinder und Jugendliche haben geplündert. Sie haben einfach nicht gewusst, was sie taten.

Nach den ganze Untersuchungen wurde schließlich von uns gefordert, die Strahlenquelle wegzuschaffen. Alle wollten das: die Lehrerinnen, die Eltern, der Gemeindevertreter, der Priester. Das war für uns ein Dilemma. Das Ding kannst du ja nicht einfach anfassen. Das ist richtig gefährlich. Und wir hatten keinen Ort zum Lagern. Keine Expertise: Was gibt ess denn da drin im Werk für strahlende Stoffe. Welcher konnte das hier sein? Das wissen nur die Leute im Werk. Wir haben die Stelle dann erst einmal mit dicken Bleiplatten abgeschirmt.

Eines Tages ist plötzlich ein Bus mit Regierungskennzeichen vorgefahren. Männer in weißen Anzügen sind ausgestiegen, haben niemanden gegrüßt, nicht gefragt, ob sie hereinkommen dürfen oder nicht. Haben sich vor der Kamera geschützt und uns verboten, sie zu filmen oder zu fotografieren. Sie waren sehr forsch. Haben Material und Messgeräte herangeschafft. Da wussten wir, das muss die irakische Atomenergiebehörde sein. Die hält engen Kontakt mit den Amerikanern. Es war sehr unheimlich. Die waren wie Agenten. Auch ihre Gespräche waren sehr seltsam.

Sie haben diese Strahlenquelle auf die russische Art weggeschafft, indem sie sich selber massiv den Strahlen ausgesetzt haben. Aber sie waren sehr, sehr professionell. Es war sofort zu sehen, dass das keine Dilettanten waren. Und sie wussten auch, wohin damit. Ins Atomlager. Sie hatten den Schlüssel. Wir nicht.

Weiter geht es mit Teil 2.

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