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Rainbow Warrior vor Sumatra: Ein Interview

Das Greenpeace-Schiff Rainbow Warrior und seine Crew befinden sich zurzeit in den Gewässern vor Sumatra. Dort unterstützen sie die Arbeit der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF). An Bord der Rainbow Warrior arbeitet Beate Lochhaas aus Hamburg. Die 38-Jährige ist seit Februar 2000 bei Greenpeace und hat die Position des zweiten Ingenieurs inne. Wir sprachen mit ihr über ihre Eindrücke und Erlebnisse in der Katastrophenregion.

Greenpeace Online: Von wo aus seid ihr in Richtung Sumatra aufgebrochen?

Beate Lochhaas: Wir befanden uns in Singapur. Dort wurde die Rainbow Warrior schon seit vier Wochen gründlich überholt. Geplant war, dass diese Arbeiten bis zum 10. Januar dauern sollten. Es gab viel zu tun im Maschinenraum wie auch an Deck.

Als sich Greenpeace spontan dazu entschlossen hat, die Rainbow Warrior als Hilfe für Operationen von Ärzte ohne Grenzen anzubieten, hatten wir selbst bereits diskutiert, wie man am besten helfen könnte. Wir waren erleichtert, dass wir nicht - als wäre nichts geschehen und wie geplant - weiterarbeiten mussten.

Greenpeace Online: Was bedeutete die Entscheidung für euch?

Beate Lochhaas: Es folgten ein paar hektische Tage, bis das Schiff startklar war, schließlich hatten wir ursprünglich deutlich mehr Zeit für die Arbeiten eingeplant. Der Crewwechsel, der für die erste Januarwoche geplant war, konnte ebenfalls nicht stattfinden. Für viele von uns bedeutete dieser frühe Aufbruch länger als die sonst üblichen drei Monate an Bord bleiben zu müssen. Trotzdem waren alle froh, etwas tun zu können und mit den Mitteln, die wir haben, zu helfen.

Greenpeace Online: Wie lange brauchtet ihr bis zum Einsatzort?

Beate Lochhaas: Von Singapur bis Medan, wo wir die erste Ladung Hilfsgüter übernehmen sollten, dauerte es anderthalb Tage. Berichte von MSF und anderen Hilfsorganisationen vor Ort informierten uns darüber, wie die aktuelle Lage in Aceh, Thailand, Indien und Sri Lanka aussah. Wir erfuhren außerdem, was uns voraussichtlich an Tätigkeiten erwarten wird.

Greenpeace Online: Konntet ihr euch vorbereiten?

Beate Lochhaas: Wir haben versucht, uns so gut wie möglich seelisch darauf vorzubereiten, um Stresssituationen begegnen zu können. Darüber wurde gesprochen und nachgelesen. Insofern war es gut, dass wir diese Transittage hatten: In aller Ruhe konnten wir uns mit allem befassen. Wir haben ein tägliches Crewtreffen eingeführt, um allen den Raum und die Zeit zu geben, Gefühlen und Gedanken Luft zu machen. So ist es auch möglich, alle Crewmitglieder auf den gleichen Wissensstand zu bringen. Diese Meetings machen wir seitdem jeden Tag.

Greenpeace Online: Wie sieht dein Alltag gegenwärtig auf der Rainbow Warrior aus?

Beate Lochhaas: Unser Schiff befindet sich im so genannten Actionmode. Das heißt, alle Arbeiten an Deck ruhen und die Tätigkeiten organisieren sich rund um das, was von uns gefordert wird. Für mich als Ingenieur ist das genauso, allerdings kümmern wir uns als technisches Personal nach wie vor um notwendige Servicearbeiten. Das heißt, ich arbeite ganz normal im Maschinenraum meine Arbeitsstunden ab. Wenn allerdings gerade nichts Besonderes anliegt, dann bin ich beim Verladen dabei. Denn sobald mehr Personen mitmachen, wird es für den Einzelnen leichter.

Greenpeace Online: Was ist zurzeit die Hauptaufgabe?

Beate Lochhaas: Die Rainbow Warrior wird momentan als Transportmittel benutzt, um Hilfsgüter von Krueng Raya, das ist 40 Kilometer entfernt von Banda Aceh, nach Meulaboh zu bringen. Das heißt einladen, was zwischen vier und sieben Stunden dauert. Geladen wird von Hand und/oder mit dem Kran. Dann ablegen, 18-stündiger Transit nach Meulaboh und ausladen. Die Reise Krueng Raya-Meulaboh haben wir nun zweimal gemacht. Wahrscheinlich werden wir demnächst auch in andere Regionen aufbrechen.

Alles ist sehr spontan und die Planung, wann und wohin das Schiff fährt, liegt im Enscheidungsbereich von MSF. Entscheidungen können sich stündlich ändern und jede Planung ist selbstredend kurzfristig, um sich der ständig ändernden Lage anzupassen.

Greenpeace Online: Was waren deine Eindrücke, als du in Indonesien ankamst?

Beate Lochhaas: Der erste Ort, den ich zu Gesicht bekam war Krueng Raya. Das ist der kleine Hafen bei Banda Aceh, wo wir die Hilfsgüter für das Krankenhaus in Meulaboh geladen haben.

Krueng Raya war ein kleiner Fischerort. Alle Gebäude sind zerstört. Da wo der Ort einmal war, sieht es aus, wie auf einer Mülldeponie: zerschlagene Autos, Schiffe hoch und trocken auf dem Land, Bretter, Mauerreste, Geröll, ...

In der Bucht liegen etwa 50 Fischerboote vor Anker. Alles Katamarane mit einem kleinem Häuschen in der Mitte und Auslegern für Netze. Das Gespenstische ist, dass kein Mensch auf ihnen zu sehen ist, was in einem Land in Südostasien völlig undenkbar ist. Schiffe und Hafen ohne Betriebsamkeit!

Die Schiffe liegen einfach da und haben vor sieben Tagen, als wir das erste Mal dort waren, genauso dagelegen. Der Hafenmeister, der alles etwas koordiniert, was an der übriggebliebenen Pier passiert, erzählte uns, dass von den Fischerfamilien alle verschwunden sind.

Die ganze Küste ist eigentlich ein wunderschönes Paradies. Bergig und grün - von der Ferne sieht es aus wie Neuseeland. Jetzt hat sie ein braunes Bauchband bis in etwa 20 Meter Höhe, da wo die Welle alles weggewaschen hat. Die Bäume am Ufer sind bis in 20 Meter Höhe braun, es gibt kein Untergestrüpp mehr. Alles was in diesem Bereich noch steht sind vereinzelte Palmen.

Greenpeace Online: Was erwartete euch in Meulaboh?

Beate Lochhaas: Die Häuser, die in Meulaboh noch stehen, sehen aus wie angebissen. Die Welle hat überall im Frontbereich Spuren hinterlassen. Die Vorderseite eines Hauses ist gähnend leer und auf der Rückseite hat das Dach noch Ziegel und die Mauern stehen noch. Da, wo Holz verbaut wurde, ist allerdings alles weg. Genauso wie ganze Etagen in den Bauten leergefegt sind. Nichts, nichts ist mehr drin geblieben.

Greenpeace Online: Bekommt ihr etwas vom Schicksal der Menschen mit?

Beate Lochhaas: In Meulaboh haben uns ein paar Leute mit Fischerbooten geholfen, unsere Fracht an Land zu bringen. Die Männer, die die Boote steuern, sind Überlebende aus Fischerfamilien. Sie hatten aber selbst mit dem Fischen nie etwas zu tun.

Da hat ein Sohn das Fischerboot geerbt und weil er der einzige Überlebende aus der Familie ist, fährt er nun Fischerboot. Was sich schnell an seinen nicht vorhandenen Steuerkünsten zeigt. Wir vertrauen ihnen unsere Fracht trotzdem an, und irgendwie kommt alles heil an Land.

Greenpeace Online: Es gibt Nachbeben in der Region. Hat das Auswirkungen auf euch oder eure Arbeit?

Beate Lochhaas: Von den Nachbeben haben wir nichts gespürt - bislang. Wir sind ja meist auf See.

Greenpeace Online: Wie ist die Stimmung an Bord nach über zwei Wochen Einsatz?

Beate Lochhaas: Wir sind alle guter Dinge. Das Verladen geht mit kleinen Späßen und Scherzen einher. Die meisten von uns waren nun drei Monate zusammen, sind aufeinander eingespielt und passen aufeinander auf. Für mich ist es eine wunderbare Crew. (mir)

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