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Interview mit Emily Hunter

Paten für den Planeten

Emily Hunter über den Film „How to Change the World“ – und wie es war, ihren Vater, den Greenpeace-Pionier Bob Hunter, mit einer anderen Stimme sprechen zu hören. 

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Der Aktivismus war ihr in die Wiege gelegt: Emily Hunter ist die Tochter des ersten Greenpeace-Präsidenten Bob Hunter und selbst Filmemacherin. Für „How to Change the World“ arbeitete sie eng mit dem Regisseur Jerry Rothwell zusammen. Die Dokumentation über die Anfänge von Greenpeace ist auch ihre Familiengeschichte. Ihr Vater starb 2005.

Greenpeace: Wie haben Sie reagiert, als der Regisseur Jerry Rothwell mit dem Projekt auf Sie zukam? Waren Sie sofort begeistert oder musste er Sie erst überzeugen?

Emily Hunter: Meine Familie und ich sagten uns: erst einmal abwarten. Wir waren sehr skeptisch. Trotzdem mochte ich Jerry auf Anhieb und fand seine Herangehensweise gut. Er wollte eine Dokumentation drehen und keinen Spielfilm. Sieben Jahre harte Arbeit liegen nun hinter uns, und in der Zwischenzeit ist er ein guter Freund der Familie geworden. Noch vor einem Jahr dachte ich, das wird nichts. Dann wurden die Rechte für die Bücher meines Vaters frei, die Finanzierung stand, und Jerry schaffte es, innerhalb eines Jahres Interviews mit den noch lebenden Mitgründern zu führen. Das Archivmaterial hatten wir schon. Damit gingen wir in den Schneideraum und ehe wir uns versahen, waren wir mit dem fertigen Film unterwegs zum Sundance-Festival!

Sie haben die Geschichten, die der Film erzählt, sicherlich Dutzende Male gehört. Erkennen Sie sie auf der Leinwand wieder?

Das stimmt, ich bin mit diesen Geschichten aufgewachsen, und man hört sie von verschiedenen Leuten immer etwas anders, alle haben ihre eigene Version. Jerry hält sich allerdings eng an die Schilderungen meines Vaters. Mein Vater war in erster Linie Journalist, dann erst Aktivist. Und obwohl er eine Art Gonzo-Journalismus betrieb und ziemlich voreingenommen war, konnte er trotzdem Zeit und Ort verständlicher dokumentieren als irgendjemand damals sonst. Für mich fühlt sich der Film wahrheitsgetreu an, weil Jerry die Sichtweisen vieler verschiedener Leute balanciert. Er hat keine politische Agenda und lässt jeden zu Wort kommen.

Eine Menge des Materials wurde erst vor Kurzem in den Greenpeace-Archiven in Amsterdam entdeckt. Haben Sie noch mehr von dem Filmmaterial gesehen?

Wissen Sie was? Ich habe diese Filmdosen noch nie gesehen, ich wusste nicht einmal, dass sie existieren. Ich war wirklich geschockt, als ich den Film sah und meinen Vater, wie er damals war. Ich kannte ihn zu der Zeit nicht, ich war ja nicht einmal auf der Welt! Ein ganz besonderer Moment war für mich, ihn mit meinem Halbbruder und meiner Halbschwester, Conan und Justine, zu sehen und etwas aus seinem vorherigen Leben zu erfahren. Das ist toll – weil er immer schon so war, wie ich ihn kenne.

Im Film spricht ja ein Schauspieler Texte, die Ihr Vater geschrieben hat. Wie war es, ihn mit einer anderen Stimme sprechen zu hören?

Barry Pepper, der meinen Vater spricht, war sehr motiviert, und er hat tolle Arbeit geleistet. Wir haben verschiedene Sprecher ausprobiert, und er kam ihm am nächsten. Er hat aber selbst auch verschiedene Stimmen ausprobiert, und bei den ersten paar Versuchen war das einfach absolut nicht mein Vater. Für meine Familie ist es immer noch sehr offensichtlich, dass da ein Schauspieler spricht, aber er ist nahe dran.

Ein wiederkehrendes Thema des Films ist der Widerwillen Ihres Vaters, eine Bewegung anzuführen. Warum war das so – und warum hat er es trotzdem getan?

Er wollte nicht der Typ sein, der anderen sagt, was sie zu tun haben, oder sie attackiert. Er sah seine Stärken mehr in der Zusammenarbeit, darin, Teil von etwas zu sein, das größer ist als er selbst. Er wollte seine Ideen einbringen, aber andere mussten ebenfalls mitmachen. Die anderen hoben ihn auf ein Podest. Das war aber nicht sein Stil, er fühlte sich dabei nicht wohl. Es ging ja nicht um ihn. Je mehr wir zusammenarbeiten, umso stärker sind wir als Bewegung – das wusste er von Anfang an.

Die Macht der Bilder war sehr wichtig in den Anfängen von Greenpeace. War es für die Generation Ihres Vaters einfacher, solche wirksamen Bilder zu finden?

Ich glaube, mein Vater wusste um die Kraft einer gut erzählten Geschichte, und seine Idee einer „Mindbomb“, einer „Bewusstseinsbombe“, beinhaltet viel mehr als nur wirkungsvolle Bilder auf Video. Über die Jahre habe ich verstanden, dass er ein ganz neues Verständnis von uns und unserem Platz in der Welt wecken wollte. Menschen in Schlauchbooten vor eine Harpune zu schicken, das war nicht bloß „wir gegen die“, Walfänger gegen Aktivisten – es zeigte eine andere Idee, eine Art Patenschaft über den Planeten, keine reine Herrschaft des Menschen. Beim Klimawandel sind wir heute in einem vergleichbaren Kampf wie die Aktivisten damals gegen Atombombentests. Wir haben zwar modernere Kommunikationstools, aber es ist heutzutage sehr schwer, durch das Grundrauschen der vielen Geschichten und Nachrichten zu dringen. Aber wenn wir da durchdringen, können wir genau solche Mindbombs wieder erzeugen.

Gehört Hoffnung zum heutigen Aktivismus?

Auf jeden Fall. Mit der Hoffnungslosigkeit sind wir durch, wir haben vierzig Jahre lang Krisen beschworen, und es hat uns nichts gebracht. Aber wenn wir anfangen über Hoffnung zu reden, optimistisch sind und Problemlösungen anbieten, dann können wir auch den Übergang in jene neue Welt schaffen, die wir uns wünschen. Und wir arbeiten bereits daran, es ist keine Utopie. Es passiert!

Im Film zitiert Ihre Mutter Ihren Vater mit den Worten „Kein G-Wort in diesem Haus!“ Hatte er seinen Frieden mit Greenpeace geschlossen?

Für ihn war es sehr persönlich, immerhin hatten er und seine Freunde die Gruppe gegründet. Es gab zwischenmenschliche Verletzungen, die Zeit zum Heilen brauchten. Die meisten Leute fanden wieder zusammen. Wäre mein Vater noch am Leben, wäre die Verbindung zu Greenpeace auch zurückgekommen. Für meine Familie ist sie es ganz sicher. Vor Kumi Naidoo kam keiner der Greenpeace-Geschäftsführer auf uns zu. Das war für uns eine große Sache, weil so lange eine Missstimmung herrschte. Kumi hat viel dafür getan, Greenpeace in eine neue Richtung zu lenken. Das ist einer der wichtigsten Gründe, weswegen ich jetzt auch für Greenpeace arbeite. Heute sagen wir das G-Wort wieder, und wir sagen es häufig!

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