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Internationalität von Umweltengagement

Regional für globale Ziele

Die Zahl der Menschen, die sich weltweit für Umweltschutz engagieren, wächst. Wie werden es noch mehr? Und wie können sie sich regional für Themen engagieren, die globale Bedeutung haben?

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Ein Artikel von Dr. Dietmar Kress, Bereichsleiter Greenpeace Deutschland e.V.

Immer mehr Menschen engagieren sich weltweit als Ehrenamtliche (volunteers) bei Greenpeace in den 50 Ländern mit Greenpeace-Niederlassung. Inzwischen sind es über 20.000 Menschen, die sich kontinuierlich engagieren. Die neuesten Gruppierungen gibt es im Nahen Osten, Israel, Jordanien und Ägypten. Auch unsere Bemühungen in Südafrika, Kamerun oder Senegal zeigen, das sich Menschen direkt am Umweltschutz beteiligen möchten.

Für eine international agierende Umweltorganisation wie Greenpeace ist es immer eine Herausforderung, die internationalen Themen in lokale Aktivitäten zu übersetzen. Es liegt auf der Hand, dass globale Themen von international agierenden Organisationen behandelt werden. Wer aber bestimmt, wann Themen global sind? Und wie können Menschen sich beteiligen, wenn sie nur mittelbar betroffen sind?

Umweltthemen globalisieren

Zunächst ist es ein regionales Thema wenn multinationale Ölkonzerne wie Shell mit der Genehmigung amerikanischer und russischer Behörden in der Arktis nach Öl und Gas bohren. Aber die Auswirkungen der Industrialisierung vormals geschützter Gebiete sind nicht regional. Kommt es zu Ölkatastrophen oder zu einem weiteren Anstieg der weltweiten Temperaturen, haben regionale Einzelentscheidungen gleich internationale Auswirkungen.

Genauso verhält es sich mit der Überfischung der Meere durch fahrende Fischfabriken auf Kosten der kleinen Fischer, etwa in den afrikanischen Ländern. Deren Überleben mit ihren Familien hängt ursächlich mit immer geringer werdendem Fang und deshalb weniger Einkommen durch ausbleibende landnahe Fischfangchancen zusammen. Dadurch erhöht sich wieder die Landflucht weg aus angestammten Regionen hin in die Fremde, und hinein in den größten Flüchtlingsstrom weltweit, der sich in Afrika selbst befindet. So wird aus regionalen Problemen ein globales Thema.

Verständnis, Mitgefühl, Gerechtigkeit schaffen

Diese und viele andere Themen müssen vermittelt werden. Das ist das Schwierigste am ganzen NGO-Business. Wie werden Menschen interessiert und im besten Falle betroffen, wenn sie mit den ganzen Problemen vermeintlich nichts zu tun haben? Und wie kann sich daraus Druck entwickeln, damit sich etwas ändert?

Es geht um mehr, als die technischen Lösungen für erneuerbare Energien und Elektroautos zu entwickeln. Das ist vergleichsweise leicht durchzusetzen, denn schließlich verdient jemand gut damit. Verständnis und Mitgefühl, den Wert des Erhalts natürlicher Lebensgrundlagen anzuerkennen und die allgemeingültige Logik des Wachstums durch Gerechtigkeit zu ersetzen sind Ansätze, die sich bei der Mehrheit der Menschen, aus welchen Gründen auch immer, wieder durchsetzen scheinen.  

Vom Wissen zur Tat

Wenn die Ursachen der Klimaerwärmung Jahrzehnte zurückliegen und die gewaltigen Auswirkungen erst in Jahrzehnten massiv zu spüren sind, ist es nicht einfach, sich auch für die Verringerung der Treibhausgase hier und jetzt einzusetzen. Und trotzdem hat sich das Thema erst über das millionenfache Engagement auf die Agenden der internationalen Politik gesetzt. Dieses Engagement wird umso wichtiger, wenn es dazu nutzt, den persönlichen, regionalen und nationalen Konsum und Ressourcenverbrauch zu verringern, da sich natürlicherweise entwickelnde Gesellschaften in ärmeren Regionen unabhängiger machen können.

Natürlich ist eine solche humanistische und naturphilosophisch begründete Politik der gerechten Verteilung und balancierter Entwicklungschancen nicht im Interesse multinationaler Konzerne und autokratischer Eliten. Deren Macht und Reichtum hängt von der grenzenlosen und hemmungslosen Ausbeutung von Menschen, Natur und Ressourcen ab. Sie bestimmen die Preise genauso wie die Länge der Gefängnisaufenthalte.

Engagement braucht Begeisterung

Es wird oft gefragt, warum sich nicht mehr Leute zu globalen Themen engagieren. Manchmal ist die Antwort einfach: Sie wurden nicht gefragt. Es ist überraschend, aber auf die Frage „Warum engagieren Sie sich nicht für xyz“, antworten überraschend Viele mit eben beschriebener Antwort. Des Weiteren ist es inzwischen allgemein anerkannt, dass es geradezu „de-emotionalisiert“, je mehr krasse Beispiele zu einem bestimmten Thema berichtet werden. Die Leute stumpfen nicht ab, sondern sie ziehen sich gleichsam einen Schutzmantel gegen die immer wiederkehrende furchtbare nächste Nachricht  über. Ohne einen Ausweg, geradezu Hoffnung zu einer Lösung zu vermitteln, gibt es keine positiv emotionale Aufladung, sich zu engagieren (wenn man nicht direkt persönlich betroffen ist). So dann gibt es in den Zeiten des globalen Internets eigentlich keine gute Ausrede mehr sich nicht zu engagieren.

Die Leiter des Engagements beginnt mit der einfachen Unterschrift auf der nächsten E-Mail-Petition, womöglich einer Spende, geht über in eine Postkarte und persönliche Briefe an Entscheidungsträger. Dann schon –  ein bisschen schwerer – über die Änderung des eigenen Lebenswandels, die Mitgliedschaft in gesellschaftlichen Institutionen und Vereinen oder aktives Mitmachen in deren Gruppierungen, um dann auch andere von den eigenen Überzeugungen zu berichten. Keine dieser Aktionen ist zu gering oder klein, auch die großen Institutionen und Vereine sind nur aus der Summe des Engagements viele Einzelner überhaupt denkbar. In den neuen Parteienbewegungen Podemos in Spanien und Syriza in Griechenland lässt sich aufzeigen, dass selbst finanzkritische Bewegungen inzwischen Mehrheiten organisieren können.

Internationales Engagement gibt es allerdings nicht nur von Nicht-Regierungsorganisationen. Bürgerinitiativen, Schülergruppen, Studenten und Gewerkschafter engagieren sich genauso wie Millionen Einzelner in der Nachbarschaftshilfe. Eine immer wichtigere Rolle bei Übernahme von Verantwortung hin zu globalen Lösungen kommt den Wissenschaften zu. Sie müssen den Elfenbeinturm der Analyse verlassen und sich noch aktiver an der Umsetzung alternativer Lösungen im Sinne der „common goods“ einbringen. Und nicht zuletzt politische Entscheidungsträger lassen sich vom Engagement der Menschen beeindrucken und lassen sich, im besten Falle demokratisch legitimiert, zu alternativen Entscheidungen bewegen. 

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Jahresbericht 2016

Greenpeace legt jedes Jahr seine Bücher offen, um nachzuweisen, dass die Gelder ausschließlich für die in der Satzung festgelegten Zwecke eingesetzt werden.

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„Das ist mein Ding!“

Kreative Ideen für erfolgreiche Aktionen entwickeln – das ist die Arbeit der JAGs: Greenpeace-Jugendgruppen, in denen sich junge Menschen bundesweit für den Umweltschutz engagieren.