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Fragen und Antworten zum Spiegel-Interview mit Kumi Naidoo

In der aktuellen Ausgabe des Wochenmagazins Der Spiegel ist ein Interview mit dem neuen Geschaftsführer von Greenpeace International, Kumi Naidoo, erschienen: Das eigene Leben riskieren. Zu vier der dort angesprochenen Punkte gab es Anfragen von Seiten der Presse, aber auch von Greenpeacern aus Deutschland. Deshalb möchte Kumi Naidoo seine Aussagen präzisieren, damit es zu keinen Missverständnissen kommt.

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SPIEGEL: Für welches Umweltziel würden Sie in den Hungerstreik treten?

Naidoo: Im Kampf gegen das derzeit drängendste Menschheitsproblem: den Klimawandel. Über radikale Aktionen wie Hungerstreiks haben wir bei Greenpeace kürzlich in der Tat schon nachgedacht. Wenn die Klimakonferenz in Kopenhagen scheitert, dann ist das nicht nur ein Versagen der politischen Kaste, sondern auch unserer Kampagnen. Politischer Kampf ist ein Marathon, der notfalls das ganze Leben dauern kann. Beim Klimawandel allerdings haben wir nicht einmal mehr Zeit für einen Halbmarathon.

Anmerkung Kumi Naidoo: Das Wort radikal wird im Englischen benutzt im Sinne von spürbaren und tiefgreifenden Veränderungen. Um diese tiefgreifenden Veränderungen zu bewirken, ist und bleibt Greenpeace unberechenbar. Die Radikalität, über die wir sprechen, wird sich allerdings immer im Rahmen der Greenpeace-Grundsätze bewegen und wird damit immer gewaltfrei sein. Auch dabei werden wir in Zukunft radikal bleiben. Seit Gründung der Organisation hat Greenpeace auf Aktionsformen gesetzt, die in der Öffentlichkeit auch als radikal angesehen werden.

SPIEGEL: Greenpeace gehört inzwischen zum Öko-Establishment. Wie wollen Sie mehr junge Menschen begeistern?

Naidoo: Mit jungen Menschen kenne ich mich aus. Ich selbst habe mit 14 meinen politischen Kampf begonnen. Außerdem will ich auch religiöse Aktivisten stärker an uns binden. Bei denen gibt es großen Widerstand gegen die Zerstörung der Schöpfung. Und ich will auch die Menschen im Süden, die heute Armen und Unterdrückten, von unseren Zielen überzeugen.

Anmerkung Kumi Naidoo: Greenpeace geht es bei seiner gesamten Arbeit darum, die Schöpfung zu bewahren und unsere Lebensgrundlagen zu erhalten. Dieses Ziel verbindet uns auch mit Religionsgemeinschaften aller Konfessionen. Menschen davon zu überzeugen, unsere Lebensgrundlagen zu schützen, könnte dabei auch religiöse Menschen an uns binden.

SPIEGEL: Die Gentechnik hat den Goldenen Reis hervorgebracht, der unterernährte Kinder mit Vitamin A versorgen und vor der Erblindung bewahren könnte. Was hat ein afrikanischer Greenpeace-Chef dagegen?

Naidoo: Über diese Frage habe ich ein ganzes Wochenende lang nachgedacht. Ich habe keine naturwissenschaftliche Erfahrung, und deshalb will ich auch alle unsere wissenschaftlichen Positionen noch einmal untersuchen. Wir müssen sichergehen, keine neue, richtige Entwicklung zu verpassen.

Anmerkung Kumi Naidoo: Greenpeace überdenkt seit seiner Gründung seine Positionen ständig, zieht neue wissenschaftliche Erkenntnisse heran und bewertet vor diesem Hintergrund alle Themen immer wieder neu. Greenpeace geht somit genau den richtigen Weg. Gen-Pflanzen sind eine Bedrohung für die Umwelt und bergen deutliche Risiken für den Menschen. Durch die Übertragung eines Gens in einen anderen Organismus wird mehr als ein Merkmal verändert. Niemand weiß und kann steuern, zu welchen Wechselwirkungen es mit anderen Genen kommt. Unerwünschte Effekte sind die mögliche Folge.

Durch die Patentierung in Folge einer gentechnischen Veränderung geraten Landwirte in eine zusätzliche Abhängigkeit von internationalen Chemiekonzernen. Der sogenannte Yellow Rice ist nicht die richtige Antwort auf Mangelernährung. Die Entwicklung kostet Millionen, die für Programme ausgegeben werden könnten, die tatsächlich funktionieren und keine Umweltrisiken haben. Auch Experten, die zu Vitamin A-Mangel arbeiten, sehen in dem Yellow Rice keine Lösung.

SPIEGEL: Würden Sie für den Klimawandel sogar den Neubau von Atomkraftwerken propagieren?

Naidoo: Alles ist in Bewegung. Wenn es etwa für die Speicherung von Kohlendioxid plötzlich gute Gründe gibt, wollen wir uns nicht blind stellen. Bei der Atomenergie halte ich eine Kehrtwende aber für extrem unwahrscheinlich. Sie ist und bleibt eine Gefahr für die Menschheit.

Anmerkung Kumi Naidoo: Auch bei der Speicherung von CO2 aus Kohlekraftwerken im Untergrund (CCS) gilt, dass wir unsere Position ständig überprüfen und neu bewerten. Die Fakten sprechen allerdings klar gegen diese Technologie. Sie packt das Problem weder bei der Wurzel, noch ist sie eine Lösung für die Klimakrise. Um einen wesentlichen Beitrag zum Klimaschutz leisten zu können, kommt die sogenannte CCS-Technik zu spät. Sie wird frühestens im Jahr 2030 kommerziell einsatzbereit sein - bis zu diesem Zeitpunkt müssen wir jedoch die Treibhausgase schon drastisch reduziert haben. Außerdem verbraucht die CCS-Technik erheblich mehr Ressourcen, da die Abscheidung und Speicherung des Gases energieaufwendig ist. Sie ist damit ineffizient und zu teuer. Erneuerbare Energien wie die Erzeugung von Windenergie auf See werden im Jahr 2030 billiger als CCS sein. Außerdem verlagert die CCS-Technik die Risiken nur auf zukünftige Generationen.

Wie ich im Interview schon sagte, ist und bleibt Atomkraft eine Gefahr für die Menschheit. Die Greenpeace-Position zu Atomkraft ist damit sehr klar: Greenpeace richtet sich gegen die weitere zivile Nutzung von Atomenergie. Die Greenpeace-Studie Energy [R]evolution zeigt, dass die Energieversorgung auch mit einem schnelleren Ausstieg aus der Atomenergie möglich ist.

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