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Erinnerungen an den 10. Juli 1985

Die Crew der Rainbow Warrior - damals und heute

Die Zeiten haben sich grundlegend geändert, seit der französische Geheimdienst das Greenpeace-Schiff Rainbow Warrior mitten im Hafen von Auckland/Neuseeland mit einem Bombenanschlag versenkte. Mittlerweile gibt es keine Atomwaffentests mehr, die Doktrin der gegenseitigen nuklearen Vernichtung (Mutually Assured Destruction, MAD) aus der Zeit des Kalten Kriegs und die Angst vor einem nuklearen Winter sind dem Krieg gegen den Terror und gegen die sogenannten Schurkenstaaten gewichen und der Angst vor der globalen Erwärmung.
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Auch Greenpeace hat sich verändert, hat neue Themen aufgegriffen, neue Taktiken entwickelt und neue Aktivist/innen aufgenommen. Aber eines hat sich nicht verändert: Fast alle Besatzungsmitglieder der Rainbow Warrior von 1985 sind noch dabei, setzen sich ein für eine sicherere und nachhaltigere Welt.

10. Juli 1985, 23.48 Uhr, Marsden Dock, Auckland: Die Rainbow Warrior sinkt. Kapitän Peter Willcox wacht in seiner Koje auf und denkt: Wir sind mit einem anderen Schiff zusammengestoßen. Aber ein Blick aus dem Bullauge seiner Kabine zeigt Willcox die Lichter des Marsden Docks, an dem das Schiff festgemacht ist, und er stellt fest, dass es nicht mein Fehler war. Aber irgendetwas stimmt nicht. Die Geräusche waren anders als sonst. Also griff ich nach meiner Brille, die neben meiner Koje hing. Ich konnte sie nicht finden. Während vier Jahren auf See war sie noch nie von da heruntergefallen, wo sie hing. Ich stand auf und alles in meiner Kabine war völlig durcheinander, erinnert sich der 51-jährige Amerikaner.

Ich band mir ein Handtuch um und ging zum Maschinenraum, wo ich auf den Chefmaschinisten Davey Edwards traf, der den Kopf schüttelte und sagte Es ist alles vorbei, sie ist kaputt. Willcox ordnete an, alle zu wecken, damit sie gemeinsam herausfinden könnten, was zu tun sei. Martini Gotje, der erste Maat, war am Fuß der Treppen zu den unteren Kabinen. Ich fragte ihn, ob alle auf den Beinen seien und er sagte ja. In diesem Moment ging die zweite Bombe hoch, genau unter unseren Füßen! Ich befahl sofort, das Schiff zu verlassen.

Es lagen nur ein paar Minuten zwischen den beiden Explosionen. Willcox ging zu seiner Kabine zurück, weil er mittlerweile sein Handtuch verloren hatte. Ich wollte mir etwas zum Anziehen holen, bevor ich an Land ging und merkte dann, dass das Schiff in Richtung Kai zu kippen. Ich rief, dass alle von Bord gehen sollten, und lief zurück. Ich stand da und schaute hinunter auf das Schiff, aus dem die Luftblasen aufstiegen. Da sagte Davey, dass Fernando dort unten sei. Ich kann mich daran erinnern, ihm widersprochen zu haben, gesagt zu haben, dass Fernando in die Stadt gegangen sei, weil er das immer tat. Er sagte Nein. Fernando ist dort unten.

Steve Sawyer, ein weiterer amerikanischer Aktivist und damals 29 Jahre alt, war am anderen Ende der Stadt im Piha Surf Club, wo Greenpeace ein regionales Treffen abhielt. Er feierte seinen Geburtstag und spielte gerade Billard, als er den Anruf erhielt: Es war Elaine Shaw, die die Greenpeace Anti-Atom-Kampagne in Neuseeland leitete. Sie sagte, dass es Feuer und eine Explosion an Bord des Schiffes gegeben habe und dass wir sofort kommen sollten, was wir auch taten. Die Polizei hatte den Kai abgesperrt; sie sagten uns, die Crew sei in der Polizeiwache auf der anderen Straßenseite. Chris Robinson, der Kapitän der Vega, erzählte mir, dass das Schiff in die Luft gesprengt und Fernando getötet worden sei.

Sawyer erinnert sich an den Morgen des nächsten Tages: Willcox und ich wurden zum Hafenmeister bestellt, der im Wesentlichen von uns wissen wollte, wann und wie wir vorhätten, unser Schiff vom Grund seines Hafens zu entfernen. Noch während wir sprachen, kam der Anruf der Polizei vom Kai. Es war mittlerweile hell genug, um etwas erkennen zu können, die Taucher waren unten gewesen und bestätigten, dass die Planken nach innen gedrückt worden waren und dass offensichtlich eine Explosion von außen stattgefunden hatte. An diesem Punkt änderte sich die Haltung der Polizei vollständig.

Bald verbreiteten Nachrichtensendungen rund um die Welt, dass ein Bombenanschlag auf die Rainbow Warrior verübt worden war: Sabotage und Mord. Innerhalb von Tagen zeigten alle Finger auf Frankreich. Die pazifische Friedensflotte wollte, angeführt von Greenpeace und der Rainbow Warrior, gegen französische Atomwaffentests protestieren. Es war in Frankreichs Interesse, sie an ihrer bevorstehenden Abfahrt nach Moruroa zu hindern.

Sawyer, der später als Geschäftsführer von Greenpeace International tätig war und heute das Vorgehen der Organisation in Bezug auf den Klimawandel organisiert, erinnert sich: Ich sprach im australischen Fernsehen und sagte, es könne nicht Frankreich gewesen sein, so eine Dummheit sei Frankreich nicht zuzutrauen... Aber innerhalb von Tagen klärte sich alles sehr schnell auf. Entsprechend der Beobachtung einiger Zeitungskolumnisten fehlten eigentlich nur noch Baskenmütze, Baguette und eine Flasche Beaujolais.

Das einzige Crewmitglied aus Neuseeland war die 28-jährige Bunny McDiarmid. Sie arbeitete als Matrosin und hatte die sieben vorangegangenen Jahre damit verbracht, durch die Welt zu reisen. Sie war ebenfalls von Bord gegangen und befand sich mit ihrem Partner Henk Haazen, dem dritten Maschinisten der Warrior, bei ihren Eltern. Bunny erinnert sich, dass Martini Gotje gegen zwei oder drei Uhr morgens anrief und sagte, dass das Schiff versenkt und Fernando getötet worden sei. Da war einfach nur vollständiger und tiefster Unglaube und Schock bei dem Versuch zu begreifen, dass Fernando tot war. Es war unvorstellbar, dass das Schiff und Fernando gerade verschwunden waren, einfach so.

Ich glaube, sie [die Franzosen] hatten absolut nicht verstanden, warum Greenpeace Erfolg hatte, fügt Bunny hinzu, die heute einen Teil der Greenpeace-Kampagne zum Schutz der Ozeane leitet. Ich glaube, dass sie keinerlei Vorstellung davon hatten, was die Anziehungskraft von Greenpeace zum damaligen Zeitpunkt ausmachte oder warum wir mit unseren Aktionen Erfolg hatten, wenn sie ernsthaft dachten, sie könnten dem mit solchen Unternehmungen ein Ende setzen.

Bunny glaubt, dass die Rainbow Warrior weit mehr als ein Teil von Greenpeace ist. Die Warrior ist Bestandteil von Neuseelands Geschichte geworden. Das Schiff gehört jetzt auch den Neuseeländern und nicht mehr ausschließlich Greenpeace. In vielen der Auseinandersetzungen im pazifischen Raum um Atomwaffen wurde die Warrior als Symbol angesehen und das wird auch weiter so sein. Wann immer sie in diesem Teil der Welt Thema ist, erinnern sich die Leute an sie als Teil der Kampagne gegen Atomwaffentests.

Der Bombenanschlag bestätigte mich darin, dass das, was ich tat, tatsächlich eine Bedeutung hatte, erinnert sich Kapitän Peter Willcox. Dieses Jahr am 10. Juli wird er wieder Kapitän der Rainbow Warrior sein, wenn diese der ersten Rainbow Warrior, die in Neuseelands Matauri-Bucht zur letzten Ruhe versenkt wurde, einen Ehrenbesuch abstattet. Willcox und Matrose Grace O'Sullivan, ebenfalls ehemaliges Crewmitglied der versenkten Rainbow Warrior, waren einige Monate nach dem Bombenattentat an Bord des Greenpeace-Schiffs Vega nach Moruroa zurückgekehrt, um dort gegen die französischen Atomtests zu protestieren. Sie wurden festgenommen und ausgewiesen.

Sawyer bleibt gelassen, wenn es um die Auswirkungen in Frankreich geht. Wie mich meine französischen Kollegen von Zeit zu Zeit erinnern, war das Bombenattentat auf die Rainbow Warrior innenpolitisch betrachtet durchaus ein Erfolg für die französische Regierung - abgesehen von dem Skandal und selbst bei Einbeziehung des Skandals. In Frankreich wurde Greenpeace ausgelöscht. Ungefähr ein Jahr nach dem Bombenanschlag mussten wir unser Büro schließen. Die zwei Geheimdienstagenten wurden bei ihrer Heimkehr als Helden gefeiert.

Sicher, auf internationaler Ebene hatte Frankreich einen Preis zu zahlen. Für den Rest der Welt war es in einer Hinsicht eine sehr positive Entwicklung, denn nun konnte die Frage der Atomtests wesentlich weiter oben auf die politische Tagesordnung gesetzt werden. Das war auch für Greenpeace das Wesentliche, woraus wir Kapital schlagen wollten, aber wir machten uns in Frankreich keine Freunde und konnten dort auch keinen Einfluss gewinnen. Weltweit wurde Greenpeace immer stärker. Heute unterstützen fast 3 Millionen Menschen die Arbeit von Greenpeace, in 27 Ländern gibt es Sektionen und in weiteren 12 Ländern eine Vertretung. Die französische Sektion von Greenpeace ist aktiv und wohlauf, mit ungefähr 90.000 Unterstützerinnen und Unterstützern.

Die Versenkung der Rainbow Warrior verschaffte uns einen Platz in der öffentlichen Wahrnehmung und Beachtung, der wesentlich zur Entwicklung der Art von Kraft beitrug, zu der Greenpeace werden sollte und schließlich auch werden musste, sagt Peter Willcox. Greenpeace hat sich zweifellos verändert, stimmt Sawyer zu. Obwohl ich zugeben muss, dass 1978 bei meiner ersten Greenpeace-Aktion Leute aus Vancouver dabei waren, die über die gute alte Zeit sprachen, als Schiffe noch aus Holz waren und Männer aus Eisen, und als Greenpeace noch richtig was losgemacht hat. Mittlerweile höre ich dieses Gerede über die "gute alte Zeit" schon seit 25 Jahren. Für mich sind die interessanten und lebendigen Teile der Organisation zurzeit die Büros in Dehli, Peking, Istanbul, Sao Paolo und Manaus am Amazonas. Da passieren die besten Sachen und da ist der aufregendste Teil der Organisation zu finden.

Das nachhaltigste Vermächtnis von Greenpeace dürfte wohl sein, dass es heute in allen Gesellschaften selbstverständlich ist, Umweltfragen gegenüber den Verantwortlichen zu thematisieren. Aber die Welt, in der Greenpeace heute operiert, ist weitaus komplexer. Die Organisation sucht ständig nach neuen Wegen, um die atemberaubenden Dinge zu machen, die sie in den Siebzigern, Achtzigern und Neunzigern gemacht hat. Neue Wege, um die wachsenden ökologischen Bedrohungen zum Thema zu machen, neue Wege, um Veränderungen zu erreichen.

Ich glaube wir müssen uns der Entwicklung anpassen, uns verändern, wachsen und mutig sein, fordert Bunny. Es gibt nicht viel, wo wir etwas abschauen können; es gibt kaum Modelle, die wir kopieren könnten. Eigentlich denke ich, dass ein Greenpeace-Beitrag für diesen Planeten nur von uns selbst entwickelt werden kann. Der Kernpunkt ist, über all diese verschiedenen Schranken hinweg - seien sie politisch, kulturell oder religiös - einen Weg zur Zusammenarbeit zu finden. Und gute Arbeit zu leisten. Ich glaube nicht, dass ich im Laufe der 20 Jahre zynisch geworden bin. Vielleicht bin ich heute realistischer. Manchmal weiß ich, dass Greenpeace zu einem Thema zunächst zwei Schritte nach vorne und dann wieder einen Schritt zurückkommen wird. Aber es ist immer noch absolut ermutigend zu erleben, wie viel eine kleine Gruppe engagierter Leute für die Veränderung zum Besseren erreichen kann.

Ich wünschte ich könnte sagen, es gäbe nie wieder Atomtests und wir müssten uns nie wieder mit diesem Thema beschäftigen. Und ich wünschte ich könnte sagen, ich wäre von den US-Bestrebungen zur Wiederaufnahme atomarer Testprogramme überrascht gewesen, aber so ist es leider nicht, sagt Sawyer. Anlässe wie der 20. Jahrestag geben uns eine Gelegenheit darüber zu sprechen, warum das nie wieder geschehen sollte, fügt Bunny hinzu. Warum Frankreich für Moruroa und Tahiti Rechenschaft schuldig ist, warum die Bewohner der Marshall-Inseln von den Amerikanern angemessen entschädigt werden müssen und warum letztere niemals ihrer Verantwortung gegenüber diesen Inseln den Rücken kehren können. Und warum die USA heute keine weiteren Nuklearwaffen entwickeln sollten.

Nach rund 23 Jahren ist Pete Willcox noch immer Kapitän an Bord von Greenpeace-Schiffen und arbeitet mit neuen Crews, neuen Aktivistinnen und Aktivisten - neuen Warriors of the Rainbow. Ich versuche nicht, die Leute zu motivieren. Ich kann nichts daran ändern, wenn die Ziele jemanden morgens nicht aus dem Bett bringen, um Wale zu retten, Giftmülltransporte zu verhindern, Indien oder die Philippinen zu erreichen oder zu versuchen ein neues nukleares Wettrüsten zu verhindern. Wenn die Ziele jemanden nicht begeistern, dann kann ich das auch nicht. Meine Aufgabe ist, die grundlegenden Kenntnisse weiterzugeben: Wie man sicher auf einem Schiff arbeitet, wie man sicher mit einem Schlauchboot umgeht. Wenn die Kampagne jemanden nicht motiviert, dann ist er hier am falschen Platz.

Abschließend sagt Willcox: In Auckland hielten wir nach dem Bombenanschlag eine Trauerfeier für Fernando und gestalteten sie ein bisschen locker und alle versuchten, eine lustige Geschichte über ihn zu erzählen. Aber ich werde niemals das Gewicht vergessen, das sich auf meine Schultern legte, als wir schließlich den Sarg aufnahmen und damit aus der Kirche gingen. Das werde ich niemals vergessen und ich denke, das sollten wir auch nicht.

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