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Streit um Desertec-Projekt - wie geht es weiter beim Wüstenstrom?

Die Idee von Desertec klingt revolutionär: Sauberer Sonnenstrom aus Wüstengebieten soll Atom- und Kohlekraftwerke ersetzen. Dieses Konzept der Desertec-Stiftung soll in Nordafrika Realität werden. Strom aus der Sahara soll nicht nur den Ländern des Südens zur Verfügung stehen, sondern auch nach Europa fließen. Umsetzen will dies das Desertec Industriekonsortium DII. Nun kam es nach einem Führungsstreit innerhalb der DII zum Bruch - die Stiftung erklärte ihren Ausstieg aus der Industrieinitiative. Ist die Vision des sauberen Stroms aus der Wüste damit gescheitert?

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Greenpeace-Energieexperte Andree Böhling im Gespräch über die Entwicklung bei Desertec und den Stand der Wüstenstromidee.

Redaktion: Steht die Wüstenstromidee mit den aktuellen Entwicklungen vor dem Aus?

Andree Böhling: Nein, überhaupt nicht. Hier muss die Kirche im Dorf gelassen werden. Man sollte sehr genau unterscheiden, zwischen einer konkreten Industrieinitiative und der Idee an sich. Wenn es um die Potenziale und Chancen solarthermischer Kraftwerke in Wüstenregionen wie in Nordafrika geht, gibt es auch positive Entwicklungen und keine Gründe zu zweifeln.

Geht es um das Ansehen eines Modellprojektes, wie der Desertec Industrie-Initiative zwischen Europa und Afrika, dann ist hier sicher Porzellan zerbrochen worden. Aber dies heißt nicht, dass die Initiative nicht erfolgreich sein kann.

Redaktion: Was bedeutet der Austritt der Desertec-Stiftung aus der Industrieinitiative DII?

Andree Böhling: Das kann ich ohne Interna und zum jetzigen Zeitpunkt nur schwer beantworten. Es scheint unterschiedliche Ziele und Vorstellungen zwischen Stiftung und Industrieinitiative zu geben. Das betrifft zum Beispiel Fragen nach sozialer und ökologischer Einbettung von Projekten oder die Kommunikation der Idee nach außen.

Allein innerhalb des Konsortiums gibt es viele unterschiedliche Interessen. Den einen geht es um eine saubere Analyse von Projektmöglichkeiten und um die Einbeziehung der Interessen der Bevölkerung in Wüstenstaaten. Anderen geht es um ein grünes Feigenblatt und Dritte wollen so schnell wie möglich Projekte oder neue Märkte erschließen.

Redaktion: Wie ist die Arbeit der DII zu bewerten?

Andree Böhling: Meines Erachtens nach sollte die Arbeit der DII größtenteils positiv bewertet werden. Wir sollten sie daran messen, was sie sich von Anfang an als Ziel gesetzt hat: Sie wollte die Machbarkeit der Idee und die verschiedenen Interessen genauer analysieren. Zudem sollten Vorschläge für die politische Rahmensetzung erarbeitet und erste Beispielprojekte entwickelt werden.

Es ist gerade bei den vielen unterschiedlichen Partnern, die hier eingebunden werden müssen, unrealistisch zu glauben, dass jetzt schon der erste Wüstenstrom aus Afrika nach Europa fließt. Dies wird noch Jahre dauern. Es ist richtig, wenn die Projekte zunächst einmal die Stromversorgung vor Ort verbessern und sauberer machen. Die Industrieinitiative hat enorme Verantwortung für die weitere Wahrnehmung des Themas, weil sie unter weltweiter Beobachtung steht.

Redaktion: Welche Rolle spielt das Wüstenstromprojekt für Greenpeace heute?

Andree Böhling: Für Greenpeace ist völlig klar, dass hier eine Wahnsinnstechnologie vor sich hin schlummert. Sie könnte eine weltweite Energierevolution weg von Atom- und Kohlestrom schneller vorantreiben. Dafür müssen die Kosten gesenkt werden, damit noch mehr Projekte entstehen können.

Ähnlich wie bei der Windenergie oder bei Solarstrom können durch Massenfertigung die Kosten erheblich gesenkt werden. Dann können diese Großkraftwerke sowohl in Nordafrika, als auch in China, Indien, Südafrika oder in anderen Wüstenregionen im großen Stil den Neubau von Kohlekraftwerken verhindern. Damit wir dahin kommen, müssen wir uns noch stärker mit den sozialen und ökologischen Herausforderungen vor Ort auseinandersetzen.

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