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Nike, Puma, Adidas und H&M - und was jetzt?

Zuerst namhafte Sportartikelhersteller und jetzt die Modekette H&M: Nach nur zwei Monaten Kampagne sind diese Textilhersteller auf die Forderungen von Greenpeace eingegangen und wollen bis 2020 gefährliche Chemikalien aus der Produktion verbannen. Das ist gut, denn Chemikalien vergiften in Produktionsländern wie China die Flüsse und gefährden die Gesundheit der Arbeiter und Anwohner. Doch wer ist der Nächste? Wir haben unseren Kollegen Manfred Santen, Chemieexperte bei Greenpeace, gefragt, was er nun vorhat.

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Online-Redaktion: Soll die Erfolgsserie fortgesetzt werden? Verrätst du uns, ob noch weitere Hersteller aufgefordert werden, ihre Produktion zu entgiften?

Manfred Santen: Klar werden noch weitere Hersteller aufgefordert. Wir versuchen erst einmal, größere Firmen dazu zu bringen, dass sie sich verpflichten, ihre Chemikalien aus dem Prozess rauszunehmen. Denn durch ihre Marktmacht können sie mehr bewegen, haben eine Vorreiterrolle und wir erreichen in der Menge mehr.

Wir haben noch ein paar ganz Große im Visier - können aber jetzt noch nicht verraten, wer das ist.

Online-Redaktion: Wie kontrolliert ihr, dass die Forderungen auch umgesetzt werden?

Manfred Santen: Wir haben zunächst einmal jede Firma aufgefordert, uns nach acht Wochen einen Aktionsplan vorzulegen, der detailliert beschreibt, wie die gefährlichen Chemikalien aus dem Produktionsprozess rausgenommen werden sollen - auch mit einem konkreten Zeitplan. Das werden wir dann von Zeit zu Zeit überprüfen. Und wir werden sicherlich im nächsten und übernächsten Jahr schauen, wie groß die Fortschritte sind.

Online-Redaktion: Werdet ihr das auch vor Ort überprüfen?

Manfred Santen: Die chinesischen Kollegen werden das sicherlich vor Ort prüfen - einige Kollegen von Greenpeace International sind ab und zu in China und werden durch Besichtigungen den Prozess überprüfen.

Wir lassen uns aber auch Messprotokolle zukommen und schauen uns die Werte von den Firmen, die für die deutschen Sportartikelhersteller Adidas und Puma produzieren, ganz genau an.

Online-Redaktion: Wieso sind die Hersteller so schnell auf die Greenpeace-Forderungen eingegangen?

Manfred Santen: Man hatte fast den Eindruck, als hätte die Branche auf einen Anstoß wie die Greenpeace-Kampagne gewartet. Auch ihr ist klar, dass es so nicht weitergehen kann.

Zum anderen üben die Greenpaece-Aktivitäten in Deutschland - aber auch in anderen Ländern - zum Beispiel vor den H&M-Läden wirklich großen Druck aus. Das mögen die Firmen nicht. Die wollen nicht, dass wir die Konsumenten vor den Läden ansprechen.

Online-Redaktion: Was bedeutet das eigentlich für die Textilindustrie und für die Umwelt? Ist das wirklich ein Meilenstein, oder gelangen immer noch zu viele Gifte in die Umwelt?

Manfred Santen: Für China wäre es ein Meilenstein: Erstens werden die gefährlichen Chemikalien rauskommen, die zum großen Teil bei uns schon längst verboten sind.

Und zweitens - was unseren chinesischen Kollegen ganz, ganz wichtig ist - wird das Right to know-Prinzip eingeführt: Dass die Bevölkerung überhaupt erst einmal Informationen darüber kriegt, welche Chemikalien in ihrer Nachbarschaft eingesetzt werden. Millionen Menschen wohnen in der Nähre der Fabriken und sie wissen nicht, was da in die Umwelt gelangt. In Deutschland und Europa ist die Information gang und gäbe: Jeder kann im Internet nachschauen, welche Chemikalien in der Nachbarschaft eingesetzt werden.

Online-Redaktion: Kann die Produktion in Ländern wie China denn so leicht umgestellt werden? Ist es einfach, die neuen Standards einzuführen?

Manfred Santen: Wir haben in der vergangenen Woche eine Firma besucht und haben festgestellt, dass diese nach dem neuesten Stand der Technik produziert - da können sich viele Firmen in Deutschland eine Scheibe abschneiden.

So einer Firma wäre es sicherlich möglich, diese Chemikalien aus dem Produktionsprozess herauszunehmen und die Abwässer so zu klären, dass sie unbelastet in die Flüsse eingeleitet werden. Aber man muss auch ganz klar sagen, dass es Stoffe gibt, die nicht so einfach zu ersetzen sind - das betrifft vor allem perfluorierte Kohlenwasserstoffe, die Kleidung mit wasserabweisenden Eigenschaften ausstatten.

Online-Redaktion: Und was heißt das? Würdest du dann sagen, dass solche Produkte nicht mehr hergestellt werden dürfen?

Manfred Santen: Diese Chemikalen sind besonders langlebig, reichern sich im Körper und in der Umwelt an - man findet sie sogar in der Arktis. Deshalb dürfen sie nicht in die Umwelt gelangen. Es gibt bereits Öko-Hersteller wie Hess-Natur, die wasserabweisende Kleidung anders herstellen - vielleicht müssen wir wieder zur Wachsjacke zurückkehren. In fünf Jahren kann es ganz anders aussehen - dann gibt es vielleicht Möglichkeiten diese Eigenschaften so zu produzieren, dass sie für Mensch und Umwelt nicht giftig sind.

Online-Redaktion: Und was unterscheidet jetzt noch die Öko-Klamotte von einem H&M-Shirt?

Manfred Santen: H&M hat ja noch nicht umgestellt. Im Moment ist die Öko-Klamotte weit vorn. Dann hängt es davon ab, welches Öko-Label auf dem Kleidungsstück draufklebt, denn hier gibt es große Unterschiede. Ob es nur darum geht, dass die Baumwolle ökologisch angebaut wird oder ob der weitere Produktionsprozess wie das Färben nach ökologischen Kriterien durchgeführt wird.

Online-Redaktion: Wenn H&M, Adidas und Co. diese ganzen Standards eingeführt haben, ist dann trotzdem Öko-Kleidung noch beser?

Manfred Santen: Also wenn Öko gute Arbeitsbedingungen sowie gute Umweltbedingungen in der Produktion beinhaltet, dann wird es besser bleiben. H&M wird weiterhin billig produzieren und wird es immer auf Kosten von irgendwelchen Randbedingungen machen und das müssen die Öko-Hersteller nicht.

Online-Redaktion: Du warst ja letzte Woche in China, um dir selbst ein Bild zu machen. Was hat dich am meisten beeindruckt?

Manfred Santen: Am meisten beeindruckt hat mich, wie groß dieses Land ist, wie groß diese Industrieansiedlungen sind und wie wahnsinnig viele Klamotten dort produziert werden. Wir wussten ja, dass die Textilproduktion eigentlich komplett von Europa dorthin umgesiedelt ist. Und das ist einfach irre, was dort an Fabriken rumsteht. Und dann kann man sich vorstellen, was das für die Umwelt bedeutet, wenn dort so viel Industrie mit hohem Chemikalieneinsatz wie die Textilproduktion an den Flüssen angesiedelt wird.

Online-Redaktion: Vielen Dank für das Gespräch

Publikationen

Report: Schmutzige Wäsche (Teil 1)

Der Greenpeace-Report gibt einen Einblick, wie die Textilindustrie chinesische Flüsse mit gefährlichen Chemikalien verschmutzt. Die belasteten Gewässer bedrohen wiederum wertvolle Ökosysteme und die Gesundheit der Bewohner.

Zur Kampagne

Zeit zu entgiften!

Mehr als 90 Prozent unserer Kleidung kommen aus Asien. Dort vergiftet die Textilindustrie die Gewässer. Doch immer mehr Verbraucher protestieren – und konsumieren anders.

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