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Zurück ins Südpolarmeer

Zum zweiten Mal ist das größte Greenpeace-Schiff, die Esperanza, in das Südpolarmeer aufgebrochen. Im antarktischen Walschutzgebiet treibt derzeit die japanische Walfangflotte ihr Unwesen. Diesem illegalen Treiben in den kommenden Wochen ein Ende zu setzen, hat sich die internationale Crew der Esperanza auf die Fahnen geschrieben. Mit dabei: die deutsche Aktivistin und Schlauchbootfahrerin Regine Frerichs. Lesen Sie hier ihr Tagebuch.

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01.03.2007

Wind 7 bis 8, See 7 Meter, 5 Grad, bedeckt

Die japanische Fangflotte hat gestern das Fanggebiet verlassen und in Japan wurde bekanntgegeben, dass die Fangsaison offiziell beendet ist. Es hat den Anschein, als wolle die Antarktis die Schiffe loswerden. Der Wind hat aufgefrischt und schickt die Fangflotte und uns einmal schneller gen Norden! Die Wellen wälzen von achtern unter unserem Schiff hindurch und lassen es unangenehm schlingern.

Aber es wird auch wieder wärmer. Der Wind ist noch frisch und kalt, aber er beißt nicht mehr so. Die Sonne kämpft sich gerade wieder leicht durch die Wolkenschicht und hier an Bord sind alle froh, dass wir auf dem Rückweg sind.

Fast zwei Monate auf See, ohne einmal Land zu sehen. Aber wir sind auch froh, dass wir dieses Jahr haben keine Wale sterben sehen müssen! So bleibt jetzt die verstärkte Arbeit auf politischer Ebene, dem Walfang im Südpolarmeer ein für alle Mal ein Ende zu bereiten!

Die Internationale Walfangkommission tagt im Mai, dort werden die Weichen für oder gegen den Walfang weiter gestellt! Wir bereiten uns darauf vor und vielleicht könnt ihr uns ja helfen.

Danke an alle, die mich auch auf dieser Reise begleitet haben!

Liebe Grüße, Regine

25.02.2007

Wind 6 bis 7, See 3 bis 4 Meter, 0 Grad, regnerisch

Das Warten ist zu Ende! Am Samstag um 17:30 Uhr erhielten wir einen Funkruf des Expeditionsleiters der Fangflotte, der uns davon unterrichtete, dass sie gegen 21 Uhr nach Japan aufbrechen wollten. Sie fragten uns, ob wir zusammen mit dem Beobachtungsschiff voraus fahren könnten um, die Eissituation zu sichten. Aber wir haben gesagt, dass wir bei der Nisshin Maru bleiben würden und weiterhin unsere Hilfe anbieten, falls doch noch etwas passieren sollte. Wenn wir nach dem Eis sehen müssen, dann könnten wir ja Tweety nehmen.

So folgen wir seit zwölf Stunden der Fangflotte, das Eis ist bereits hinter uns und dafür hat uns das schlechte Wetter erreicht. Ich persönlich bin davon überzeugt, wenn die Hauptmaschine der Nisshin Maru wieder läuft, ist es sehr gut möglich, dass der beschädigte Fabrikteil auch wieder hergestellt wurde.

Aus Tokyo wurde immer wieder vermeldet, dass das Programm fortgesetzt würde, sobald das Schiff wieder fährt. Die Besatzung hat uns allerdings mitgeteilt, dass die Fangsaison für dieses Jahr beendet sei und sie nach Hause führen. Hier an Bord wird darüber heiß spekuliert!

Dieses Jahr war alles anders! Was hatte ich eigentlich erwartet? Ich habe ein deutlich angenehmeres Schiff als im letzten Jahr erwartet. Ja, und das ist auch eingetreten! Ich habe die blutigen Fangszenen des vergangenen Jahres erwartet. Die mussten wir zum Glück bislang nicht mit ansehen! Wir durften aber einmal mehr die kalte Schönheit einer entfernten Welt erleben. Tiere, die sich dort pudelwohl fühlen, wo wir ungeschützt innerhalb kurzer Zeit umkommen würden. Wir durften noch einmal südlich vom Südpolarkreis sein, wo die Sonne im Sommer nicht untergeht. Sonnenuntergänge sehen, deren Farbenspiel zwischen Wolken und hinter Eisbergen normalerweise den Augen von Betrachtern verborgen bleiben.

Obwohl wir keine einzige Aktion gefahren sind, ist die Kampagne sehr erfolgreich! Der Druck auf die japanische Regierung wächst. Durch das Feuer auf der Nisshin Maru ist deutlich geworden, dass nicht nur die Wale durch den Walfang bedroht werden, sondern die gesamte Antarktis durch Schiffe, wie die der Fangflotte! Ein Einhüllentanker, der in der Ross-See Schiffe betankt und sich in diesen Gewässern aufhält! Ein Schiffsunglück hier am Ende der Welt, könnte das Ende für einen großen Teil des Ökosystems sein.

Hier, wo sich Fußabdrücke in Flechten und Moosen über 100 Jahre halten, kann die Natur Öl und Chemikalien nicht abbauen. Regierungen, die sich für den Antarktis-Schutzvertrag einsetzen, müssen spätestens jetzt klarmachen, dass die Fangflotte in diese Gewässer nicht mehr zurückkehren darf!

Außerdem hat ein Großteil der japanischen Bevölkerung erfahren, dass ihre Regierung Walfang betreibt und ein großer Teil von ihnen ist darüber nicht gerade erfreut! Unsere Hoffnung wächst, dass der Walfang im Südpolarmeer dem Ende zugeht. Vielleicht auch der gesamte Walfang. Vielleicht noch nicht dieses Jahr, aber es kann und darf nicht mehr lange dauern! Ich halte euch auf dem Laufenden!

Liebe Grüße, Regine

22./23.02.2007

Wind 1, See bis 1 Meter, - 2 Grad, meist freundlich

Es gibt Gutes aus Japan zu berichten! Greenpeace Japan hat sich dieses Jahr sehr gut darauf vorbereitet, das Thema Walfang in Japan flächendeckend bekannt zu machen. Bisher wusste der größte Teil der Japaner gar nicht, dass die eigene Regierung Walfang betreibt. Und nur vier Prozent der Gesamtbevölkerung hat bisher Walfleisch gegessen.

Durch Hochrechnungen von Umfragen wissen wir, dass 68 Prozent der Bevölkerung den Walfang ablehnen würden.Nun ist es gelungen, dass über das Thema Walfang, Greenpeace vor Ort und die Havarie der Nisshin Maru in den Hauptnachrichten berichtet wurde. Damit werden immerhin 15 Prozent der Bevölkerung erreicht. Aber es haben auch Pressekonferenzen stattgefunden, die recht gut besucht waren. Das Thema wird also in Japan jetzt deutlich weiter verbreitet.

Für uns vor Ort ist es auch immer wieder spannend zu erleben, wie sich die Aussagen der Flottenbetreiber als Lügen herausstellen. Und wie versucht wird, der Öffentlichkeit anderes zu suggerieren.

Da heißt es zum Beispiel, dass die Reparaturarbeiten auf der Nisshin Maru in 12 Stunden fertig sein sollen und dann werde die Jagd fortgesetzt. Die 12 Stunden sind bereits seit 12 Stunden abgelaufen. Auch hat uns die Crew hier vor Ort ganz etwas anderes erzählt. Sie seien sich gar nicht sicher, ob sie das Schiff überhaupt wieder zum Fahren bringen. Wer spricht nun die Wahrheit?

Das japanische Walforschungszentrum hat eine Presseerklärung herausgegeben, dass das Feuer auf der Nisshin Maru bereits am Freitag gelöscht worden sei. Wahrscheinlich wollen sie die Schäden und die Problematik herunterspielen. Fakt ist aber, dass das Feuer erst am Montag ganz gelöscht war.

Weiterhin wurde behauptet, dass der Hochseeschlepper Pacific Chieftain aus Neuseeland sich auf den weg zur Unglücksstelle aufgemacht habe. Wir wissen aber, dass das Schiff zurzeit andere aufgaben hat und bisher nicht angefordert wurde. Die neuseeländische Regierung könnte eingreifen und den Schlepper schicken, aber eben nur, wenn die japanischen Betreiber ihr Schiff abschleppen lassen wollen.

Heute wurden die Hauptmaschienen der Nisshin Maru einmal kurz gestartet. Wir wissen aber nicht, wo jetzt die Probleme liegen.

Zurzeit liegen fast alle schiffe der Fangflotte dicht beieinander. Da ist das Fabrik- und Verarbeitungsschiff, die Nisshin Maru, das Versorgungsschiff, die Oriental Bluebird, die drei Fangschiffe und eines der beiden Beobachtungsschiffe. Das zweite Beobachtungsschiff ist auf dem Rückweg nach Japan, um den Leichnam des verunglückten Seemannes zurückzubringen.

So viel für heute, liebe Grüße, Regine

20./21.02.2007

Wind 1 bis 2, See 0,5 Meter, 0 Grad, freundlich

Das Wetter hat sich zurzeit wieder gefangen - was sich aber auch schnell wieder ändern kann! Ich hoffe, es bleibt noch so, denn die Vorbereitungen auf der Nisshin Maru laufen, wie wir von den Überflügen mit Tweety sehen können. Kabel und Taue liegen an Deck und es scheint, das alles zum Abschleppen vorbereitet wird. Wer das Schiff abschleppen soll, ist für uns noch im Bereich der Spekulation.

Die Eissituation ändert sich ständig. Während sich Vorgestern noch Eis aus dem Süden näherte und bis auf drei Meilen heran war, so ist die Nisshin Maru, der Rest der Fangflotte und wir inzwischen 30 Meilen weiter nach Norden verdriftet. Das ist einerseits ganz gut, andererseits hat sich jetzt ein Eisfeld aus dem Osten genähert, welches 90 Prozent Abdeckung hat. Es ist bis auf vier Meilen heran und hat kleinere Eisberge von einer Größe bis zwölf mal zwölf Meter eingeschlossen. Zudem scheinen die Eiszwischenräume langsam zuzufrieren. Der kurze Sommer geht hier schnell zu Ende. Die Hauptmaschine des Havaristen steht offenbar noch immer nicht zur Verfügung.

Was mich momentan besonders beunruhigt, ist die Tatsache, dass das Versorgungsschiff, die Oriental Bluebird ein Einhüllentanker ist. Keines der Schiffe der japanischen Fangflotte hat eine Eisklasse! Nicht nur, dass diese Flotte Jahr für Jahr im Walschutzgebiet knapp tausend Wale abschlachtet - nein, es sind gleichzeitig tickende Zeitbomben!

Diese Schiffe gehören nicht hierher: Wir stecken tief in der Ross-See, die im Winter vom Eis geschlossen ist. Ich war heute mit einem der Schlauchboote draußen und die Eisfront kann man mittlerweile gut sehen. Wollen hoffen, dass sich das Eis noch nicht so schnell schließt!

Liebe Grüße, Regine

{video_r}18.02.2007

Wind 3 bis 4, See 1 Meter, minus 2 Grad, starkt bewölkt, Schneegriesel, Nebel

Auf dem Fabrikschiff hat sich nichts für uns offensichtliches getan. Es liegt weiter längsseits mit dem Versorger und einem Fangschiff. Es sind noch immer sehr viele Kabel von den Schiffen auf den Havaristen verlegt. Letzte Nacht sah das Schiff beleuchtet wie ein Weihnachtsbaum aus, aber die Versorgung kommt von den beiden anderen.

Unsere Sorge gilt dem Wetter. Das Packeis ist innerhalb der letzten 24 Stunden drei Meilen weiter auf uns zu gekommen und ist nun noch 10 Meilen entfernt. Der Wind hat aufgefrischt und es wird Zeit, dass das Schiff von hier verschwindet. Viele Länder arbeiten mit Hochdruck daran, den Betreiber zu einer Entscheidung zu bringen, wie das Schiff hier weggebracht werden soll.

Derweil hatten wir heute einen freien Tag. Ist ja auch Sonntag! Und da nichts spannendes passiert ist, konnte ich erst einmal ausschlafen. Nach einem ruhigen Frühstück und der Bearbeitung meiner Mails habe ich Isha nachmittags in der Küche geholfen! Heute gab es Pizza!

Also lungerte ich erst einmal um die Ecke, sah, dass Isha schon in der Galley war, schlenderte hinein und fragte, ob sie nicht zwei linke Hände gebrauchen könnte. Celeste, unsere zweite Köchin war bereits zum shoppen. Sprich, sie trieb sich mit Taschen und Tüten bewaffnet in den Speisekammern herum. und dann hatte ich viel zu zerschneiden! Macht mal Pizza für 38 Leute! Da ist Betrieb, wie in der besten Pizzabäckerei.

Also Teig angesetzt, zum Glück gibt es eine Knetmaschine, Knoblauch und Zwiebeln geschält - natürlich unter Tränen - gewürfelt und dann eine Ananas in Stücke zerlegt - eine frische! Der Teig wollte dann aber nicht recht aufgehen. Also wurde er in den Ofen verbannt, dann zehn Pizzableche eingeölt.

In der Zwischenzeit brachte uns Logi, Deckhand aus Neuseeland ein paar Erfrischungsgetränke. Celeste kämpfte inzwischen mit der Tomatensauce und ich hatte die Artischockenherzen unterm Messer. Alles wirbelte durch die Küche. Serkan, Deckhand und Bootfahrer aus der Türkei war plötzlich auch noch da und Isha rollte jetzt den Teig aus. In Teamwork und Fließbandarbeit wurde der Teig in die Bleche verfrachtet.

Und jetzt wurde es hektisch: Die Kreativität aus fünf Nationen überfüllte die Bleche mit Belägen! Wo kamen denn auf einmal die Oliven her? Ich wollte doch eine Pizza Hawaii machen! Also wieder runter mit den Dingern. Ich kann Oliven nicht ausstehen! Statt dessen brachte ich sie schnell bei der vegetarischen Pizza unter, bevor der nächste den Käse darüber streute! Und flugs wanderten die fertig belegten Bleche in den Ofen. Die Küche war ruckzuck aufgeräumt und Isha und Celeste hatten nach dem Essen nicht mehr viel zu tun! Unsere fleißigen und fröhlichen Köchinnen sollten ja auch ein bisschen Sonntag haben!

Liebe Grüße, Regine

17.02.2007

Wind 0 bis 1, See ruhig, 1 Grad, teilweise freundlich

Der Krimi im Südpolarmeer hat sich zumindest für einen Menschen zur Tragödie entwickelt: Der 27-jährige Seemann, der seit dem Brand auf der Nisshin Maru vermisst war, ist heute nach dem öffnen der verschlossenen Kompartments tot geborgen worden.

In den Morgenstunden haben wir den Havaristen erreicht. Kurz nach uns, traf ein Schiff der US-Küstenwache, die Polar Sea ein. Die Oriental Bluebird, das Versorgungsschiff der Fangflotte, liegt längsseits des Fabrikschiffes, ebenso eines der Fangschiffe. Vom Hubschrauber aus waren keine Schäden an Deck oder außen am Schiff zu erkennen. Es liegt mit ganz leichter Schlagseite, die wohl vom Feuerlöschwasser herrührt.

Das Feuer ist gelöscht. Von dem Fangschiff aus gehen viele Kabel an Deck der Nisshin Maru, um dort eine notdürftige Stromversorgung zu gewährleisten. Mit Ventilatoren wurden die betroffenen Räume des Schiffes belüftet. Normalerweise wird der Maschinenraum im Falle eines Brandes mit CO2 geflutet. Gegen die Hitze, die die Stahlwände, Decken und Böden eines Schiffes im Falle eines Brandes erleiden, wird Wasser zur Kühlung eingesetzt. Aber auch zum Löschen wird teilweise Wasser genommen, je nachdem, was zu löschen ist.

Gegen Mittag wurden die geschlossenen Räume nach zwei Tagen geöffnet und der vermisste Seemann gefunden. Wie groß die Schäden an der Maschine sind, ist noch nicht klar und ich bin auch nicht sicher, ob wir das jemals erfahren werden. Der japanische Kapitän und das Fischereiministerium sind mit Sicherheit nicht darauf erpicht, dass die Ausmaße publik werden. Aber wir werden sehen. Das US-Küstenwache ist nach kurzer Zeit wieder zurück gefahren.

Es werden Fragen laut, warum wir überhaupt vor Ort sind und warum wir helfen wollen. Es gibt sehr gute Gründe hier zu sein: 1. Die Nisshin Maru ist manövrierunfähig und stellt eine Gefahr für das hier so sensible Ökosystem dar. In 100 Meilen Entfernung befindet sich die größte Adelie-Pinguinkolonie der Welt. Und der Havarist hat noch 1000 Tonnen Schweröl an Bord. 2. Ein Notruf auf See verpflichtet alle erreichbaren Schiffe zur Hilfeleistung. Und das gilt auch für uns. 3. Sollte der Schaden an dem Fabrikschiff wieder erwarten doch nicht so groß sein, dann könnten wir entsprechend unseren ursprünglichen Vorhaben, unsere Pläne wieder aufnehmen und Aktionen gegen den Walfang fahren.

Einige Menschen verstehen nicht, wie wir jemandem helfen können, der uns als Terroristen bezeichnet. Dann müsste ich auch jedem, der einen Unfall hat, vor meiner Hilfe fragen, ob er meine Hilfe überhaupt verdient hat. Ich vergelte nicht Gleiches mit Gleichem und ich wage nicht, über so etwas zu richten.

Wir hatten Funkkontakt zur Yushin Maru, offensichtlich funktioniert der Funk auf der Nisshin Maru noch nicht. Die japanischen Walfänger wollen selber versuchen, ihr Schiff abzuschleppen, wären aber dankbar, wenn wir die Eissituation mit managen könnten. Es ist in den nächsten Tagen Schlechtwetter angekündigt. Das bedeutet auch immer Wind und der kann die Eisberge und Eisschollen schnell zu einer echten Gefahr machen!

Es sind zurzeit einige Eisberge in Sicht, große und kleinere sowie Eischollen. So hoffen wir, dass das Schiff möglichst schnell aus dieser Region verschwindet. Und ich persönlich wäre auch nicht böse, wenn das Schiff verschrottet werden müsste! Ich halte euch auf dem Laufenden!

Liebe Grüße, Regine

15./16/02.2007

Wind 2 bis 4, See 0,5 bis 1,5 Meter, minus 1 Grad, gestern Sonne, heute sehr diesig

Dieses Jahr spielt sich in den Southern Oceans ein Krimi ab, der hoffentlich nicht zur Tragödie wird! Es ist Tragödie genug, dass jedes Jahr hier über 900 Wale getötet werden! Nun kommt zur Waljagd die Havarie der Nisshin Maru dazu. Gestern in den frühen Morgenstunden erreichte uns der dritte Notruf! Diesmal kam er von der Nisshin Maru, dem Fabrikschiff der japanischen Fangflotte. Der Notruf wurde wegen eines Feuers oder einer Explosion gesendet. Wir haben unsere Hilfe angeboten.

Die neusseländische Rettungsstelle koordiniert in solchen Fällen die Einsätze. Nach einigen Stunden wurde uns mitgeteilt, wir würden zurzeit nicht benötigt. Dennoch haben wir uns sofort auf den Weg gemacht. Leider mussten wir auch erfahren, dass ein junger Seemann seit der Havarie vermisst wird. Und er wird bis jetzt immer noch vermisst.

Noch sind wir nicht vor Ort und können daher keine weiteren Angaben über die Situation vor Ort machen. Das japanische Fischereiministerium lehnt unsere Hilfe kategorisch ab, da wir nach ihrer Meinung Terroristen seien...

Der Havarist soll mittlerweile aufgrund der Löschwassermengen Schlagseite haben (ob es stimmt und wieviel ist uns nicht bekannt). Der größte Teil der Crew ist evakuiert, ein Teil ist auf dem Schiff verblieben um das Feuer weiter zu bekämpfen. Inwieweit es gelöscht ist, ist auch nicht bekannt. Ob bislang irgendwelche Umweltschäden entstanden sind, ist noch absolut unklar.

Wir haben angeboten, die Nisshin Maru in Schlepp zu nehmen, um einer eventuellen Umweltkatastrophe entgegen zu wirken. Der Havarist befindet sich etwa 100 Meilen von der größten Adelie-Pinguinkolonie der Welt. Ein Austreten von dem verbliebenen Öl hätte unabsehbare Folgen für das empfindliche Ökosystem der Antarktis.

Seit gestern morgen laufen unsere Hauptmaschinen auf voller Kraft, die Esperanza prescht geradezu durch das eisige Wasser. Zum Glück sind zurzeit keine Eisschollen im weg, die unsere Fahrt behindern könnten.

Heute haben wir den ganzen Tag Vorbereitungen getroffen, für eine eventuelle Hilfe. Die große Winsch wurde überprüft, Schleppleinen und Trossen bereitgelegt, Schakel hervorgeholt, geölt und griffbereit abgelegt. Nun gilt es abzuwarten, was uns in kürze in der Ross-See erwartet. Ich halte euch auf dem laufenden!

Liebe Grüße, Regine

14.02.2007

Wind 1, See 0,5 Meter, minus 1 Grad, bewölkt

Die Stille nimmt dem Blick mit bis zum Horizont, der sich scharf gegen den eisengrauen Himmel abzeichnet. Eisschollen lassen das Wasser heller leuchten, hin und wieder entdeckt das Auge die Bewegung eines Vogels, der zwischen Eisschollen und Eisbergen seine fast versteckte Flugbahn zieht.

Obwohl die Sonne nicht scheint ist das Licht von blendender Helligkeit und ich habe meine Sonnenbrille geholt. Nach Feierabend stehe ich auf dem Achterdeck, irgendwo auf die Rehling gestützt und wandere mit meinem Blick durch das Packeis. Zwischen den Eisschollen und Brucheis bildet sich neues Eis. Es friert. Noch ist die Fläche um uns herum beweglich, der ausgehende Sommer wird durch erste zaghafte Neueisbildung angezeigt.

Ab und an liegen Robben auf einzelnen Eisschollen. Schläfrig achten sie meist nicht auf unser Schiff, dass sich durch die weiße Fläche schiebt. Sie leben hier draußen, fern vom Land, haben alles, was sie brauchen. Wasser mit ihrer Nahrung darin, Eisschollen zum Ausruhen, Gesellschaft von Seevögeln und manchmal von ihres Gleichen.

Das kristallklare Wasser lässt uns einen Teil der Unterwasserwelt sehen. Bizarre Formen, die das Wasser in das Eis geschmolzen hat: Canyons, Höhlen, Kathedralen. Gerade brennt sich die fahle Sonne durch den milchigen Hochnebel, zu schwach, um das Blau des Himmels freizugeben, stark genug, um das Eis um uns herum in gleißendem Licht erleuchten zu lassen.

Eine Märchenwelt, gezaubert aus ferner Kälte, Verlassenheit und Einsamkeit. Ungestörte, nicht gesehene Schönheit, die die Natur zu verschenken hat. Neben dem Schiff driftet ein Eisberg mit Höhle und Pool vorbei, in dem die Wellen versuchen, sich an den Wänden empor zu heben. Das typische Türkisblau ragt weit unter die Wasseroberfläche und nimmt den Blick mit in die Tiefe, wo wieder das klirrend kalte, gläserne Polarblau alles beherrscht.

Die Kälte kriecht mir unaufhaltsam unter meine Jacke. Die Handschuhe fühlen sich allmählich von Innen klamm an. Der bissige Wind traktiert meine Wangen und gewinnt die Überhand über die Sehnsucht, das Schöne um mich herum noch länger in mich aufzunehmen. Ich wende mich ab von der Rehling und verschwinde im warmen Inneren unserer schwimmenden Behausung.

Liebe Grüße, Regine

13.02.2007

Wind 1, See 0,5 Meter, minus 1 Grad, teilweise bewölkt

Was machen nun Aktivisten im Südpolarmeer, wenn sie gerade keine Wale schützen? Wenn die Arbeit an Bord getan ist, dann verteilt sich die Crew und beginnt so etwas wie Privatleben. Das ist natürlich ganz anders als zu Hause, wo man mal eben weg gehen kann, sich mit Freunden treffen oder ins Kino gehen kann. Hier geht jeder seinen Interessen nach, einige treffen sich im Gemeinschaftsraum, unterhalten sich, spielen Dart oder es beschäftigt sich jemand mit einer der Gitarren.

Es bleibt Zeit zum Fotografieren, Filmen oder Freunden und der Familie Mails zu schreiben. Oder aber man geht in den kleinen Fitnessraum und sieht zu, dass die Kondition bei zwei Monaten auf See nicht auf der Strecke bleibt. Immerhin kann man hier maximal 25 Meter geradeaus gehen...

Das Schiff ist 72 Meter lang und eine Runde nach der anderen ums Hauptdeck laufen macht auch nicht gerade glücklich - vor allem nicht, wenn der Wind weht! Auch wenn die Temperaturen hier noch winterlich zivil sind, so ist der Wind doch tückisch! Er ist scharf und kommt überall hin! Er dreht und windet sich um jede Ecke und erwischt dich hinter jedem vermeintlichen Windschutz!

Nach dem Fitnessraum bietet sich ein Gang in die Sauna an! Die ist zwar weder schön noch neu, dafür hat sie ein Bullauge zum Hinaussehen! So es nicht gerade beschlagen ist. Und wer kann schon von sich behaupten, er habe beim Saunagang Eisberge gesehen?

Oft werden abends in der Messe Filme angesehen. Besonders beliebt sind Filme von unseren Kameraleuten. Aber es laufen auch ganz normale Actionfilme: Herr der Ringe, Ice Age, Lost in Translation, Madagskar oder irgendein Liebesfilm! Unserer DVD-thek sind da fast keine Grenzen gesetzt...

Wer allerdings ganz für sich sein möchte, dem bleibt meist nur seine Koje. Dort kann man sich mit einem Buch hin verziehen oder einen Film auf dem Laptop schauen.

Eigentlich ist man nie allein. Für mich immer wieder eine Herausforderung, da ich gerne alleine bin und auch gut alleine sein kann. Daher genieße ich auch die Zeit hier am PC, wenn ich meine Gedanken formulieren kann und dem Erlebten noch einmal nachhänge.

Liebe Grüße, Regine

12.02.2007

Wind 1, See max. 1 Meter, 0 Grad, bedeckt, Sicht meist gut<

Mit etwas Verspätung kommt nun mein nächster Tagebucheintrag. Ihr mögt es mir bitte nachsehen, aber die letzten Tage hatten mit Wochenende und Privatleben, worüber ich ja eigentlich etwas berichten wollte, wenig zu tun! Dafür hat sich in den weiten des antarktischen Ozeans fast schon ein Krimi abgespielt, der sehr zu meinem Bedauern den Fokus vom Walfang ablenkt.

Doch eins nach dem anderen: Nachdem die Sea Shepherd Conservation Society unter der Leitung von Paul Watson ein Schlauchboot verloren hat, wurde eine Suche zusammen mit dem japanischen Fabrikschiff Nishin Maru gestartet. Paul Watson hatte einen offiziellen Notruf abgesetzt, wonach jedes erreichbare Schiff nach internationalem Seerecht zur Hilfe verpflichtet ist.

Nach rund auch Stunden ist das Schlauchboot etwas demoliert, aber die Crew unversehrt, wieder gefunden worden. Offenbar hat Paul Watson während der Suche aber den Kontakt zur Nishin Maru verloren. Sprich, er hat die Fangflotte verloren. Am folgenden Tag gab es keine News, kein Wort von Sea Shepherd. Wir waren zu weit weg, um uns an der Suche zu beteiligen, sind aber mit voller Kraft in Richtung genannter Position gefahren.

Heute gab Paul Watson bekannt, dass er ein Walfangschiff daran gehindert hat, in eine Gruppe von Walen zu fahren. Das Schiff ist allerdings das Beobachtungsschiff, welches keine Wale jagd und meist etwa 24 Stunden von der Flotte entfernt Ausschau nach Eis und Walen hält.

Sein Schiff die Robert Hunter und das Beobachtungsschiff hatten eine Kollision, wobei sich sein Schiff ein Loch von 50 mal 50 Zentimetern oberhalb der Wasserlinie zuzog. Das Spottervessel hat einen offiziellen Notruf abgesetzt. Wir sind mit voller Fahrt in Richtung des Zwischenfalls, um im Notfall Hilfe leisten zu können. Bevor wir zur Position des Notfalles kommen konnten, hat uns die Seenotrettungsstelle aus Neuseeland mitgeteilt, dass der Notruf aufgehoben wurde.

Wir wissen zur Zeit nicht, wo sich die Fangflotte aufhält, denn die Spottervessel agieren recht unabhängig und weit entfernt von der Flotte. Es kann gut sein, dass die Flotte unbehelligt von Paul Watsons kleinem Showdown in Ruhe die Jagd wieder aufgenommen hat. Da der Notruf aufgehoben wurde, konzentrieren wir uns wieder auf die Fangschiffe und das Fabrikschiff und hoffen, in Kürze den tatsächlichen Walfang aufhalten zu können. Dafür sind wir schließlich hierher gefahren!

Tweety hat heute schon die Luft ganz dünn geflogen. Ich denke, es ist nur noch kurze Zeit, bis wir die Fangflotte gefunden haben! Drückt uns mal die Daumen!

Liebe Grüße, Regine

10.02.2007

Wind 2, See 1 Meter, 1 Grad, Nebel, zeitweise Schnee- und Regenschauer

Nur 100 Meter neben uns driftet ein Eisberg mit einem riesigen Torbogen! Mein erster Gedanke ist, da müsste man mal mit einem Boot unterdurch fahren! Natürlich wäre das viel zu gefährlich, Eisberge können jederzeit zusammenbrechen, sich drehen oder große Stücke abbrechen.

Plötzlich sichten wir neben dem Berg ein, zwei, drei Buckelwale! Ihre Rückenfinnen tauchen in kurzen Abständen an fast immer derselben Stelle auf. Und auch eine Seitenflosse und eine Fluke! Sie scheinen durch den Torbogen schwimmen zu wollen. Als wir weiter um den Eisberg herum sehen können, eröffnet sich neben der Rückseite des Torbogens eine gigantische Höhlenöffnung, vor der sich nun die Wale aufhalten! Ein Schauspiel, das wir einige Minuten genießen können.

Der nächste Eisberg scheint aus zwei Hälften zu bestehen. Der Unterwasseranteil ist in strahlendem blau, welches einen deutlich geringeren Luftanteil innerhalb des Eises anzeigt. Das Wasser läuft an ihm hoch und runter, wie an Felsen. Es scheint ihn nicht bewegen zu können. So blitzt der blaue Anteil immer mal wieder auf, ein klarer Kontrast zum Weiß des Berges über Wasser. In Reichweite der Eisberge sind oft Seevögel, die sich auf den schwimmenden Inseln ausruhen. Hier finden sie Schutz vor dem Wind und die Gesellschaft anderer.

Der Nebel umfängt unser Schiff wie Watte. Die Fahrt wirkt zäh, wie festgehalten, gedämpft. Die Welt schrumpft zusammen und wir können nur noch 200 Meter weit sehen. Die Luft bleibt feucht, der leichte Wind ist immer noch bissig. Wenn es nicht sein muss, bleibt niemand lange an Deck.

Es ist Wochenende und da alles vorbereitet ist, bleibt uns jetzt Zeit für private Dinge. Darüber will ich dann Morgen berichten! Sofern nichts dazwischen kommt!

Liebe Grüße, Regine

09.02.2007

Wind 2, See 0,5 Meter, 1 Grad, Nebel

Die Aufregung war groß, als uns früh morgens die Nachricht ereilte, dass Paul Watson mit einem seiner Schiffe, der Robert Hunter auf die Fangflotte gestoßen ist. Es dauerte nur wenige Stunden, als wir eine weitere Nachricht erhielten. Eines seiner Schlauchboote sei vermisst.

Als wir um Hilfe angerufen wurden, waren wir bereits unterwegs zu der Stelle, an der das Boot zuletzt gesichtet wurde. Dennoch waren und sind wir weiter entfernt, als andere Schiffe. So hat sich das japanische Fabrikschiff an der Suche der Vermissten beteiligt, denn es wurde ein offizieller Notruf ausgesandt.

Zum Glück gab es nach einigen weiteren Stunden Entwarnung. Das Boot ist gefunden worden und die Crew ist wohlauf! Eine Welle der Erleichterung ging durch unsere Reihen. Sind wir doch selber Bootfahrer und wissen, was es bedeuten kann in diesen Gewässern vermisst zu werden.

Wir wissen jetzt zwar wo die Fangflotte das erste Mal gesichtet wurde, aber nicht, in welcher Richtung die Schiffe unterwegs sind. Die Fangflotte war allerdings in genau dem Gebiet, in dem wir sie vermutet haben. Jetzt müssen wir neue Überlegungen anstellen, wann wir sie wo finden können. Gegen Abend kehrte langsam wieder Ruhe im Schiff ein.

Die Luft ist feucht und die Kälte kriecht unter die Klamotten, sobald wir an Deck kommen oder auch nur in die Nähe der offenen Türen. An Backbordseite passierten wir einen Eisberg, dessen Ausmaße wir bei weitem nicht erkennen konnten. 27 Meilen lang, hat die Messung mit dem Radar ergeben! Ein riesiges Stück Schelfeis, dessen Größe eher unnatürlich ist. Offenbar eine weitere Auswirkung des Klimawandels - wie es viele in vergangenen Jahren und auch schon Anfang dieses Jahres zu sehen und zu erleben gab.

Das Stück Schelfeis erschien vor dem Schiff im Nebel, und verschwand hinter uns wieder in ihm. Wir fuhren in nur 500 Meter Entfernung an dieser gigantischen Eiswand vorbei, die fast so gerade war, wie mit einem Messer geschnitten.

Die Zeit des Suchens und des Wartens fängt an, seine Spuren zu hinterlassen. Wir werden ungeduldiger, die Anspannung lässt uns schlechter schlafen, die entspannte Ruhe, mit der wir unsere Arbeit in Auckland begonnen haben, zeigt einige Lücken. Wir warten auf Nachrichten, egal was für welche. Es eröffnet sich ein Raum für Spekulationen und Diskussionen. Ich bin gespannt, wie wir das Wochenende verbringen werden!

Liebe Grüße, Regine

Nachtrag 07.02.2007

Wind 0, Wellen 0, Dünung 0,5 Meter, 0 Grad, trocken, teilweise Sonne

Es ist einer der Abende, die man nie vergessen wird. Friedlich und schön, außergewöhnlich und Kraft gebend. Und den möchte ich nicht vorenthalten: Die Maschinen sind seit Stunden aus. Wir treiben in der eisgrauen See des Südpolarmeeres. Albatrosse und Eisturmvögel segeln ruhig um und über das Schiff. Die Dünung hebt das glatte Wasser wie bewegtes Quecksilber leicht empor. Eisbrocken sind auf dem Wasser verteilt, als ob ein kleines Kind eine Styroporverpackung zerspielt hätte und dann achtlos alle Schnipsel hat liegen lassen. Kleine perfekte Minischneeblumen bleiben auf der Rehling liegen. Sie sind so klein, dass wir sie nicht einmal fotografieren können.

Irgendwo in der Tiefe des Schiffes brummt leise der Generator, der unsere Zivilisation mit Energie versorgt. 72 meter stählerne Zivilisation, nur einen Schritt weiter und wir könnten nicht Überleben! Friedlich und ruhig treibt unser die Esperanza in einer friedlichen Welt.

Nach einem Saunagang steh ich nur mit dem Handtuch an Deck, lasse meinem Blick und meinen Gedanken freien Lauf. Die Stille breitet sich um uns aus, es ist die richtige Zeit, der richtige Moment mit sich alleine zu sein. Vereinzelt wandern wir über Deck, nur ein kurzes Kopfnicken und jeder genießt die Momente für sich. Vor allem, diejenigen von uns, die bereits im letzten Jahr hier waren, sammeln Kraft und Energie, genießen die einzigartigen Momente, bevor sich alles ändert und wir auf die Fangflotte stoßen.

Ein Sturmvogel über uns senkt sich bis auf wenige Meter herunter, er hat so etwas wie uns wohl noch nie gesehen. Neugierig fliegt er vor und zurück, um bald festzustellen, dass bei uns nichts zu holen ist. Penny hat vorhin noch von jedem die persönliche Einschätzung aufgeschrieben, wann der erste Kontakt mit der Fangflotte sein wird! Die Angaben schwanken zwischen mehreren Tagen. Aber es sind nur subjektive Einschätzungen, eine Wette, ein Spiel, eine Möglichkeit unsere aufkeimende Spannung zu kanalisieren.

Es wird kaum mehr dunkel und dennoch, wir können spüren, dass der antarktische Sommer seinem Ende zugeht.

Liebe Grüße, Regine

07.02.2007

Wind 2 bis 3, See 1 Meter, Dünung 2 Meter, 0 Grad, trocken, teilweise Sonne

die Ruhe der letzten Nacht konnte ich genießen! Die Maschinen waren ausgestellt, wir sind mit tausenden von kleinen Eisschollen und -klumpen, mit growlern (kleine Eisklumpen) und bergibits (ganz kleine Eisberge) zusammen durch die Nacht getrieben. Kurz nach dem Frühstück ist mit Sicherheit jeder aufgewacht, als sich unser Schiff seinen Weg durch ein geschlossenes Eisfeld verschafft hat. Das Schrammen des Eises entlang des Rumpfes ist durch das ganze Schiff zu hören, ein Kratzen und Scharren, Rumpeln und Stoßen.

Tweety unser Helicopter wurde aus seinem Hangar geholt und die Rotorblätter angebaut, die im Hangar keinen Platz haben. Ein erster kleiner Testflug und dann nahm Hugie unser Pilot Kurs auf den nächsten Eisberg, die intensive Suche nach der Fangflotte kann nun beginnen. Die Stimmung an Bord hat sich verändert, alles bewegt sich schneller, jeder überlegt fieberhaft, was noch dringend vor der ersten Aktion erledigt werden muss, keiner will, dass an ihm scheitern könnte...! Und ich beeile mich mit den Anzügen, deren geklebte Teile teilweise 24 Stunden trocknen müssen! Der erste Einsatzplan ist fertig und hängt am Whiteboard, unserer Mitteilungszentrale für kampagnerelevante Informationen, für den Säuberungsdienst, Bootfahrer und Crewlisten etc.

Tagsüber passierten wir einige sehenswerte Eisberge! Einer halbrund geformt, aus dessen Mitte sich ein schmaler Eisturm weit über seine Ränder erhebt, lässt mich an eine Kirche denken. Auf einer der umgebenden Flächen sitzt eine Gruppe von Pinguinen, kleine schwarze Striche auf einem glatten, weißen Abhang. Seevögel schwärmen vorbei und ich halte Ausschau nach Walen, die normalerweise von etwas hektisch fliegenden Sturmvögeln angezeigt werden. Diesmal aber kann ich keinen entdecken.

Da ich fest in der Crew für unser Rettungsboot eingeteilt bin, muss ich jetzt bei allen Helicopterstarts und -landungen anwesend sein, im Notfall müssen wir sofort eingreifen können. Eigentlich wollten wir noch einige weitere Bootstrainings machen, ich bin mir aber nicht sicher, ob wir die Zeit noch haben werden. Die nächsten Tage werden es zeigen!

Es wird kalt. An Deck beißt ein kleiner, fieser Wind in jedes Stückchen Haut, dass er bekommen kann. Rr kriecht unter jeden Pullover, der nicht dicht am Körper liegt und pustet seinen kurzen eisigen Atem durch alles Gewebe, welches nur locker gewebt ist. Das Deck wird teilweise glatt, heute morgen lag etwas Schnee. die Kälte ergreift Besitz von offenen Arbeitsräumen und treibt uns schnell in Windschatten oder wieder nach drinnen.

In meiner Kabine funktioniert seit Dienstag die Heizung wieder. Keinen Tag zu früh! Die Schiffshaut transportiert die Kälte des Wassers nach innen und kühlt genauso, wie sie in warmen Regionen das Schiffsinnere aufheizen kann. Mittlerweile sind Stirnband und Handschuhe ein muss bei jedem Gang an Deck. Dieses Jahr ist es kälter, als im vergangenen. Da waren wir deutlich früher im Jahr hier. Jetzt ist hier Spätsommer eingekehrt, der sich leicht mit unserem norddeutschen Winter messen kann!

Liebe Grüße, Regine

06.02.2007

Wind 9, in Böen 11, See 7 Meter, 2 Grad, Schnee-Regenschauer, Sicht schlecht

Letzte Nacht hat sich der Sturm hat nach 24 Stunden endlich angefangen zu beruhigen! Teilweise tauchte der Bug so tief in die Wellen ein, dass das Vordeck komplett mit Wasser überspült wurde. Die lahmen Scheibenwischer an den Fenstern der Brücke konnten teilweise die Wassermassen nicht bewältigen und es dauerte einige Zeit, bis sich die Sicht wieder klärte, aber nur bis zum nächsten Brecher.

Mittlerweile haben wir die Regionen der Eisberge erreicht. Heute Morgen passierten wir einen sehr schönen Eisberg, unregelmäßig geformt, eine Seite flach ins Meer gestreckt, auf der die See auflief wie auf einen Strand! Teilweise so stark komprimiert, dass er türkis leuchtete.

Um den Eisberg herum sahen wir die ersten Wale! Buckelwale beim Fressen! Unser Schiff nahmen sie nicht zur Kenntnis, sie tauchten auf und wieder ab, die typische Fluke zeigend. Es waren mindestens drei Tiere, vielleicht mehr.

Eine große Schar kleiner, dunkler Seevögel zeigte die Walaktivitäten schon von Weitem an. Sie flogen nicht wie sonst mit dem Wind spielend, sondern aufgeregt im Schwarm und stießen immer wieder auf die Wasseroberfläche.

Die Wale bringen bei ihrer Jagd auf Krill Unmengen dieser kleinen Tiere an die Wasseroberfläche, so dass es ein Festmahl für Seevögel aller Art ist. Es können bis 30.000 Kleinstlebewesen in einem Kubikmeter Wasser sein. Meistens handelt es sich um eine kleine Krebsart, die sogar mit den Hummern verwandt ist.

Leider ist der Wind noch etwas stark und die See zu unruhig, so dass weitere Bootstrainings heute nicht stattfinden können. Dafür habe ich in den letzten Tagen an den Trockenanzügen für die Bootfahrer gearbeitet. Einige hatten kleine Löcher, die repariert werden mussten und bei einem habe ich die Stiefel gewechselt. Die Ausgabe der Anzüge ist immer ein einziges ducheinander. Jeder möchte den besten Anzug haben! Aber wir müssen mit den Anzügen auskommen, die an Bord sind. Und am Ende klappt das auch immer.

Letzte Nacht hatte ich vorerst meine letzte Wache. Allmählich kommen wir in das Gebiet, in dem wir auf die Fangflotte stoßen könnten und so müssen die Bootfahrer und Bootscrews tagsüber fit für weitere Trainings sein, beziehungsweise für die kommenden Aktionen!

Gestern hatten wir noch eine Erste Hilfe-Übung, heute Abend soll ein Aktionsbriefing sein! Wie es aussieht, werde ich einer der Fahrer auf Orange sein. Orange wurde als Rettungsboot genutzt, bevor es seinen Weg zu Greenpeace fand. Es ist etwas schwierig zu fahren, hat aber sehr viel Kraft und ist schnell!

Es ist auch das einzige Schlauchboot, dass mit Radar ausgerüstet ist. Das wird aber nur im Notfall benutzt, denn die Radarwellen sind recht dicht über unseren Köpfen. Außerdem sind Radargeräte auf so kleinen Booten entsprechend klein und durch die niedrige Konstruktion in ihrer Reichweite eingeschränkt. Dennoch, für Schlechtwetter kann es hilfreich sein, unser Schiff wiederzufinden!

Drückt bitte Alle die Daumen, dass das Wetter möglichst schnell gut wird und wir natürlich auch die Fangflotte schnell finden!

Liebe Grüße, Regine

04.02.2007

Wind 9, in Böen 10 bis 11, See 6 bis 7 Meter, 5 Grad, bedeckt

Die Wache begann um Mitternacht noch ganz ruhig. Die See war leicht bewegt und es wird nicht mehr ganz dunkel. Doch bei jedem Blick auf die Windanzeige, wurden die rotbeleuchteten Zahlen immer höher.

Das Schiff begann zuerst kaum vernehmbar zu rollen, sich ab und an ein Stück höher aus den Wellen zu heben, um danach ein Stück tiefer einzutauchen. Am Ende der Wache war Maike und mir klar, der Rest der Nacht wird uns nicht sonderlich ruhig werden. Mittlerweile schlugen Wellen seitlich gegen den Rumpf, ließen das ganze Schiff dumpf erzittern und fast in seiner Fahrt innehalten, bis es sich beruhigt und seinen Weg in Richtung Antarktis wieder aufnimmt.

Während der Nacht wuchs der Wind zum Sturm, der an den Wellen zerrt. Jede kleine Wellen- und Wasserspitze, die er zu fassen bekommt wird mit unbändiger Kraft in die Luft gerissen und fliegt als Gischt weiter.

Ich stehe mittlerweile wieder auf der Brücke und blicke in die entgegenlaufende See. Ans Fenster gelehnt und mit den Füßen irgendwo festgekeilt, bin ich von den Kräften der Natur nur durch die Fensterscheibe getrennt.

Plötzlich flattert die Plane eines Suchscheinwerfers, der direkt neben der Brücke auf der Rehling angebracht ist. Ich hole schnell ein Seil und gehe nach draußen, um die Plane besser zu verschnüren. Nach nur zwei Minuten hat der scharfe Wind mir die Körperwärme vom Leib gerissen. Er zerrt an der Jacke und beißt in die bereits taub werdenden Finger. Wütend heult der Sturm um die Brückenaufbauten, rüttelt daran, dass die Schiffsaufbauten vibrieren.

Nur ein Meter trennt mich von der Tür der wärmenden Brücke, die Sturmböen nehmen einem den Atem, verschließen die Lunge und reißen die Luft weg, bevor ich sie inhalieren kann. So wende ich mich vom Wind ab, um kurz Luft holen zu können. Nachdem der letzte Knoten mit klammen Fingern festgezurrt ist, verschwinde ich schnell wieder in den Schutz von Radar, GPS und Funkgeräten.

An Tagen wie diesen ist nicht daran zu denken, in die Sauna zu gehen. Sie liegt viel zu weit vorne im Bug. Da würden wir uns mehr über den Sitzbänken, als auf ihnen wiederfinden. Einige haben sich auf den Bänken in der Lounge festgeklemmt. Sara, hat ausgerechnet den heutigen Tag dafür ausgewählt, eine Perlenkette zu reparieren!

Ich werde mich gleich in mein Bett zurückziehen, ein wenig lesen und auf das Abendessen warten! Mit Isha und Celeste, unseren Köchinnen, möchte ich heute wahrlich nicht tauschen! Alle anderen Crewmitglieder fänden das wahrscheinlich auch unpassend, denn ich bin eher eine lausige Köchin...

Liebe Grüße, Regine

03.02.2007

Wind 2 bis 3, zunehmend, See 1 Meter zunehmend, 5 Grad, Nebel

Samstagsnachmittags haben wir normalerweise frei. Es sei denn, es liegt etwas an. Heute lag etwas an: Bootstraining! Da verzichte ich ja gerne auf einen freien Nachmittag!

Wir haben drei große Schlauchboote an Bord. Zwei verfügen über einen Jetantrieb. Das eine ist Billy G., das andere ist The Orange Thing. Der Jetantrieb ist eine kleine Turbine, die einen Wasserstrahl erzeugt, wodurch das Boot angetrieben wird. Dadurch wird es ausgesprochen manövrierfähig. Die Motoren sind ganz normale Dieselinnenborder. Beide Boote haben 400 PS und sind die Aktionsboote.

Das Dritte ist die African Queen, die letztes Jahr auf der Arctic Sunrise stationiert war und mir daher sehr vertraut ist. Sie hat 350 PS, ebenfalls einen Dieselinnenborder, aber einen Z-Antrieb und wird unsere Fotografen und Kameraleute mitnehmen.

Ich werde wohl überwiegend auf The Orange Thing eingesetzt. Und seit heute habe ich mir vorgenommen, dem Boot doch einen anderen Namen zu geben: ich denke, Orange Lady passt besser. Letztes Jahr hatte sie einige technische Probleme, daher ist dann der etwas unpersönliche Name entstanden.

Wir haben uns heute mit den Booten vertraut gemacht, haben das An- und Ablegen am fahrenden Schiff geübt und einige Manöver ausprobiert. Auf Billy G. ist bereits eine Feuerlöschpumpe installiert und wurde auch entsprechend getestet.

Den Abend konnte ich noch sehr genießen: Das Schiff verfügt über einen kleinen Fitnessraum, der durch die Crewmitglieder aufgebaut wurde, sprich, jeder, der ihn nutzt entrichtet einen kleinen Obulus. So werden die Geräte in Schuss gehalten und neue dazu gekauft.

Ich finde diese Einrichtung sehr praktisch und sinnvoll, denn auf einem Schiff fehlt einem die Bewegung. Und nach dem Fitness war die Sauna noch eingeschaltet und somit konnte ich mir einen kleinen Saunagang nicht verkneifen! Vor allem heute, wo der Seegang recht ruhig ist, sind derartige Freizeitvergnügen gut möglich.

Sollte die See weiter ruhig sein, werden wir wohl morgen wieder in die Boote steigen. Zum Glück sind dieses Jahr viele dabei, die auch letztes Jahr bereits Aktionen hier unten gefahren haben. Den Neuen können wir somit schnell einiges vermitteln!

Liebe Grüße, Regine

1.02.2007

Wind 7 bis 8, See 5 Meter, bedeckt, Regenschauer

Der Ozean um uns hat sich geleert. Kein Schiff weit und breit und der eisgraue Himmel verschmilzt übergangslos mit dem Horizont. Die Wellen wüten von Achtern, der Wind heult um die Brücke und an allen Ecken und Enden zieht ein kleiner, scharfer Lufthauch durchs Schiff und sucht sich seinen Weg um alle Ecken herum. längst haben wir die Klimaanlagen ausgeschaltet und die Heizungen an.

Das unfreundliche Wetter haben wir genutzt, um ausführlich die Sicherheits- und Kommunikationstechnik für die Schlauchboote kennenzulernen bzw. noch einmal aufzufrischen. Alle Schlauchboote sind mit fest eingebauten Funk versehen, wobei der Fahrer einen Helm mit integriertem Höhrer und Mikrofon trägt.

Das ist ausgesprochen praktisch, denn so ist die Technik gleich geschützt und der Fahrer kann auch bei Lärm den Funk gut verstehen. Aus Sicherheitsgründen haben wir ungefähr alle halbe Stunde Funkkontakt zum Schiff, falls nicht sowieso gefunkt wird. Sollten wir keinen Kontakt bekommen, gibt es einen Ersatzkanal, auf den wir umschalten können.

Bekommen wir auch dann keinen Kontakt, haben wir noch Ersatzfunkgeräte dabei. Sollten auch diese nicht helfen, so gibt es jeweils ein Satellitentelefon. Aber auch das kann ausfallen. Sollten wir nach zwei Stunden noch keinen Kontakt haben, so verfügt jedes Schlauchboot über einen besonderen Schalter. Wird der gedrückt, erhält das Schiff etwa 15 Minuten später eine E-Mail, die die Position des vermissten Bootes angibt.

Und für den Fall, dass auch das nicht hilft, hat jedes Boot noch eine sogenannte EPIRB. Wird die aktiviert, wird über Satellit eine Küstenwachstation in den Niederlanden benachrichtigt, die dann Kontakt mit dem Schiff aufnehmen. Sie können dann die genaue Position des Bootes mitteilen. Ich denke, das sind sehr viele Sicherheitsstufen, die aber durchaus den Gewässern im südlichsten Süden entsprechen!

Gestern Nacht auf meiner Wache stürmte es, wie auch heute schon den ganzen Tag. Trotzdem tobten noch Albatrosse und Sturmvögel ums Schiff! Manchmal blitzt ihr weißes Gefieder vor einem Fenster auf, wenn sie senkrecht in den Himmel sausen! Ich habe den Eindruck, dass sie tagsüber viel "gesitteter" fliegen und nachts so richtig einen los machen! Sie fliegen auch nicht im Windschatten des Schiffes, nein, sie gehen dahin, wo der Wind am stärksten tobt! Sie fliegen Tag und Nacht, egal bei welchem Wetter. Es scheint ihnen egal, Hauptsache sie können fliegen...

Liebe Grüße, Regine

31.01.2007

Wind 5 bis 6, See 3 bis 4 Meter, 8 Grad, Sonne

Plötzlich schießen glatte schwarze Rücken aus dem Wasser. Keine Finne, weiße Nasen, weiße Flossen und weiße Bäuche leuchten durch das stahlblaue, glasklare Wasser. Einer der Körper erhebt sich aus dem Wasser, ist kurz fast ganz zu sehen, und verschwindet unter der Gischt einer überschlagenden Welle, entschwindet dem Blick und lässt unsere Augen suchend zurück. Nicht lange, da fliegen vier dieser charakteristisch gefärbten Delfine in einer Welle an Steuerbord und arbeiten sich zur Bugwelle vor.

Blitzschnell tauchen sie zu den Seiten, um nach wenigen Sekunden eine neue Welle gefunden zu haben, die ihrem Geschmack entspricht. Das schnelle Spiel in den Wellen geht lange genug, dass unsere Fotografen ihre Kameras holen können. Auf der Brücke wird nachgeschlagen, was für Delfine es sind: Southern Rightwhale Dolphins! In ihrer klaren schwarz-weißen Zeichnung sehr gut zu erkennen und gerne verfolgt das Auge das Treiben der schnellen Schwimmer! Über ihnen Albatrosse, Capepetrells und andere Sturmvögel, das Leben auf der offenen See bietet uns einen kleinen Einblick in seine Möglichkeiten und ringt uns schon jetzt große Faszination ab!

Vielleicht folgen die Delfine so lange der Esperanza, weil sie ein leises Schiff ist. Sie hat zwei Maschinenantriebe, wobei wir zurzeit mit dem sogenannten Diesel-Elektroantrieb fahren. Hierbei werden mit einen Dieselmotor zwei Elektomotoren angetrieben. Der eine treibt wiederum zwei Generatoren an, die die beiden Antriebswellen in Gang halten (unser Schiff hat zwei Schrauben), der andere ist für die gesamte elektrische Versorgung an Bord zuständig. Weiterhin wird die Abwärme zur Vorwärmung der Hauptmaschinen und des Warmwassers genutzt.

Dieser Antrieb ist sehr sparsam. Durch die ständige Erwärmung, können die Hauptmaschinen jederzeit gestartet werden. Mit den Hauptmaschinen kann das Schiff zwar schneller laufen, benötigt aber mehr Diesel. Durch den Diesel/Elektroantrieb wird mehr als 50 Prozent Diesel gespart!

Da die See doch mittlerweile recht hoch ist und das Schiff für viele Menschen unangenehme Eigenbewegungen zu den Seiten entwickelt..., dürfen wir nicht mehr alleine an Deck und nachts gar nicht. Außer im Notfall natürlich, aber bei Notfällen ist ja alles anders.

Ich habe heute überwiegend an den Überlebensanzügen gearbeitet, sie auf Vollständigkeit geprüft, einige kleine Löcher geflickt und gewaschene Innenanzüge wieder eingebaut. So vergehen die Tage des Transfers mit tausend kleinen Arbeiten und zum Glück mit solchen freundlichen Augenblicken, die Delfine bescheren!

Liebe Grüße, Regine

30.01.2007

Wind 5, See 2 Meter, 12 Grad, Sonne

Wir verlassen die Höhe Neuseelands und beginnen den Transfer ins Eismeer. Bei sternenklarem Himmel sind die Nachtwachen geradezu romantisch - wenn einen an Deck nicht mittlerweile der Wind so entgegenpusten würde. In der letzten Nacht konnten wir stundenlang einen Kometen am Himmel beobachten, der mit seinem langen Schweiff eine weite Bahn zog!

Mittlerweile begleiten uns mehrere Albatrosse und verschiedene Arten von Eissturmvögeln. Das Leben an Bord hat sich schnell zur Routiene entwickelt. Es sind viele erfahrene Crewmitglieder an Bord, so dass es kaum typische Aufregung gibt. Dafür hat sich schnell angenehme Teamarbeit entwickelt, die uns bei vielen Übungen zu Gute kommt: Heute wurde das praktische Boote zu Wasser lassen geübt. Dass ist auf diesem schiff nicht ganz leicht, trotzdem hat es sofort gut geklappt.

Seit heute bin ich für das Mann über Bord-Manöver auf dem Rettungsboot eingeteilt. Das heißt, dass ich bei den Übungen und im Ernstfall mit ins Rettungsboot steige, um die verunfallte Person zu bergen. Während unserer Trainings ist das eine Übung, die wir sehr häufig machen, im Falle eines Falles muss es ja klappen!

Ich bin gespannt, was uns das Wetter in den nächsten Tagen zu bieten hat und wie sich die Suche nach der Fangflotte entwickelt. Ob wir noch tips von anderen Schiffen bekommen?

Liebe Grüße, Regine

29.01.2007

Wind 4, See 1,5 Meter, 14 Grad, vormittags Nebel, nachmittags Sonne

Wie in der Schule! Den ganzen Tag lauschten wir Einweisungen und Anweisungen. Es fing bereits am Vormittag damit an, wie die Boote mit dem Kran zu Wasser gelassen werden. Auf diesem Schiff ist das etwas tricki, denn wir haben zwei große Kräne und müssen die Bewegungen der dann frei schwebenden Boote mit Tauen bändigen. Da müssen natürlich alle gut zusammenarbeiten, damit das Boot nicht plötzlich in Bewegung gerät oder quer hängt.

Dann ging es nach dem Mittag mit der technischen Einweisung weiter. Jedes Boot hat seine kleinen Abweichungen, wird etwas anders gestartet, hat eine Batterie mehr oder weniger, eines kann bei Ausfall des Gashebels oder der Steuerung noch weiter gefahren, aber: gewusst wie!

Unser Außenbordmechaniker Marc ist ein verschlossener, ruhiger Mann, der normalerweise nicht viele Worte macht. Bei seinen Booten taut er allerdings auf und findet schnell ein Lächeln und freundliche Worte für uns interessiert lauschenden Bootfahrer!

Am Nachmittag hatte Mannes, unser Chefingenieur seinen Auftritt! Und es war auch einer! Zuerst saßen wir in der Messe und bekamen anhand eines Videos und großen Zeichenskizzen die Maschine und die verschiedenen technischen Systeme an Bord erklärt. Mannes hat offenbar ein Talent dafür, seine Materie anderen nahe zu bringen! Für die Deckshand, Bootfahrer und anderen Crewmitglieder ist ein Grundverständnis für die Maschiene wichtig. Gehen wir doch Wache und sollten ein wenig verstehen, worauf wir bei unseren Rundgängen achten müssen. Jedenfalls fühlten wir uns ein wenig in die Schule zurückversetzt.

War der Vormittag noch von dichtem Nebel geprägt, so hat sich am Nachmittag die Sonne durchgesetzt. Es ist schon deutlich kühler geworden und im T-Shirt hält es niemand mehr lange an Deck aus. Der Nebel war die erste Ankündigung, was uns in den kommenden Wochen noch erwarten mag. Doch heute scheint es, als ob wir noch eine Gnadenfrist bekommen hätten. Noch fahren wir parallel zu Neuseeland, aber sobald wir den Südzipfel verlassen, wird die See wohl einen rauheren Ton anschlagen.

Liebe Grüße, Regine

27./28.01.2007

Wind 3 bis 4, See knapp 1 Meter, Sonne

Unser erstes Wochenende auf See können wir gut genießen! Uns wird es die restliche Fahrt kaum so vergönnt sein, wie in diesen Tagen! Angenehme Temperaturen und Sonnenschein laden die Crew ein, sich an Deck aufzuhalten. Am Samstag wurde das Abendessen auf das überdachte Achterdeck verlegt und gegrillt.

Die ersten Seevögel folgen über dem Kielwasser, lassen sich vom Wind leiten und segeln ohne Flügelschlag mit einer Leichtigkeit hinter uns her, dass man den Blick kaum abwenden mag. Die kohlefarbenen Eissturmvögel fliegen gerne zu zweit oder in Gruppen, spielen mit dem Wind und scheinen eine reine Freude daran zu haben. Die ersten Albatrosse haben sich auch schon eingestellt!

Unser japanischer Kollege an Bord hat uns in einem Briefing erzählt, was Greenpeace Japan dieses Jahr während unserer Zeit im Eismeer machen will. Es gibt in Japan eine sehr populäre Sendung, in der ein junger Mann und eine junge Frau zusammen durchs Land fahren und man hofft, dass sie bei unterschiedlichsten Unternehmungen zu einem Liebespaar werden. Alles natürlich sehr öffentlich und auch im Internet zu verfolgen.

Im Zuge dieser TV-Show hat das japanische Büro eine ähnliche Geschichte gestartet, in der zwei Greenpeacer durchs Land fahren und die Menschen fragen, was sie vom japanischen Walfang wissen. Das ganze ist auf der Homepage zu verfolgen und im ganzen Design sehr deutlich an diese Sendung angelehnt.

Ich war überrascht als ich erfuhr, dass die meisten Japaner gar nicht wissen, dass ihre Regierung auf Walfang geht. Es besteht also sehr großer Aufklärungsbedarf hinsichtlich dieses Themas. Ich bin gespannt, wie sich das in Japan entwickeln wird!

Die nächsten zwei Tage werden wir wohl noch parallel zur neuseländischen Küste laufen, allerdings sind wir außer Sichtweite. Das gute Wetter bietet sich für erste Trainings an, die unser erster Steuermann auch schon angekündigt hat.

Bis Morgen, liebe Grüsse, Regine

26.01.2007

Wind 1, See unter 0,5 meter, 26 Grad, Sonne

Um zwölf Uhr neuseeländischer Zeit hieß es Leinen los! Der Weg in die Antarktis hat begonnen. Ein Jahr, nachdem wir unsere SOS Weltmeertour in der Antarktis gestartet haben, geht die Reise der Esperanza - einmal durch alle sieben Weltmeere - zu Ende. Aber bevor es soweit ist, haben wir uns das Ziel gesetzt, dem japanischen Walfang in der Antarktis Einhalt zu gebieten. Auch im letzten Jahr war ich dabei, wie über die Hälfte der diesjährigen Crew! Wir haben also sehr viel Erfahrung an Bord.

Die Esperanza lag seit dem 9. Januar im Hafen von Auckland und wurde neu ausgerüstet. Ich bin seit dem 19. Januar an Bord. Ich hatte keine Ahnung, wie die Crew dieses Jahr zusammengesetzt sein würde und es gab herzliche Wiedersehensfreude! Meine Kabinennachbarin von der Arctic Sunrise, Isha aus Indien, führt dieses Jahr als Chefköchin den Löffel. Wir sind uns in die Arme gefallen und konnten gar nicht so schnell erzählen, wie wir die Andere mit Fragen löcherten! Der erste Tag an Bord bestand aus viel Wiedersehensfreude.

Bis zum Auslaufen haben wir das Schiff aufgeklart: gemalt, repariert, Essen und anderes Equipment verstaut und eine Pressekonferenz abgehalten. Nach Feierabend und am Wochenende hatte ich sogar Zeit, mich ein wenig in Auckland umzusehen. Und ich konnte es mir nicht verkneifen, sowohl im Südpazifik als auch in der tasmanischen See zu schwimmen! Die nächsten Wochen wird das nicht mehr möglich sein...

Seit heute bin ich auf Wache eingeteilt. Das freut mich besonders, da ich gerne Wache gehe. Dort habe ich oft Zeit, meinen Gedanken nachzuhängen und bin zu Zeiten wach, wenn das Schiff wie ausgestorben erscheint. Meine Wache ist von null bis vier Uhr und von zwölf bis 16:00 Uhr. Wenn das Wetter tagsüber nicht zu schlecht ist, arbeite ich ganz normal an Deck mit.

Als unser Schiff heute in Auckland ablegte, waren viele Menschen gekommen, um uns zu verabschieden. Mit lautem Schiffshorn verließ die Esperanza den Hafen. Der süße Schmerz des Abschieds hat wohl fast jeden an Bord erfasst.

Wir sind gut ausgerüstet, gut gelaunt und gut vorbereitet auf Kurs Süd. Wir hoffen, die Fangflotte auch dieses Jahr finden zu können!

Liebe Grüsse, Regine

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