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Warum Seelachs, warum nicht Viktoriabarsch?

Guten Gewissens Fisch zu kaufen, ist nicht einfach. Mit dem Fischratgeber Fisch & Facts gibt Greenpeace schon seit Jahren Einkaufshilfe. Doch wie kommt es, dass der Ratgeber von manchen Fischarten dringend abrät, obwohl es große Bestände dieser Arten gibt? Warum soll zum Beispiel Viktoriabarsch keinesfalls gekauft werden, obwohl es ihn massenhaft im Viktoriasee gibt? Unsere Meeresbiologin Stefanie Werner gibt Antwort.

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Online-Redaktion: Die industrielle Fischerei ist eine der großen Plagen, die unsere Meere bedrohen. Manche Speisefischarten sind mittlerweile so überfischt, dass sie vom Aussterben bedroht sind. Beim Pazifischen Lachs ist das nicht der Fall. Trotzdem steht er im Ratgeber weit unten auf der Liste. Warum?

Stefanie Werner: Für die Beurteilung der Schäden, die durch die Fischerei entstehen, legen wir neben den Bestandsgrößen noch weitere Maßstäbe an. Wir fragen zum Beispiel nach der Fangmethode: Welche Schäden verursacht sie? Wie hoch ist der Beifang? Oder: Welche Umweltschäden verursachen Aquakulturen?

Die Bestände des Pazifischen Wildlachses beispielsweise sind gesund. MSC-zertifiziert ist er durchaus empfehlenswert. Doch an den Fischtheken wird hauptsächlich Atlantischer Lachs aus Aqua-Kulturen verkauft. Das bedeutet: Unmengen an Fisch werden gefangen, nur um zu Fischmehl für die Zuchtlachse verarbeitet zu werden. Weltweit werden ungefähr 1,5 Millionen Tonnen Fischmehl verfüttert. Ein Drittel der weltweiten Fangmengen landen in Aquakulturanlagen und im Tierfutter der Landwirtschaft. Darüber hinaus bricht ein entscheidender Prozentsatz der Zuchttiere aus den Anlagen, die in die Fjorde gebaut sind, aus und verdrängt die körperlich unterlegenen Wildlachse. Und zu unguter Letzt sind die Zuchtlachse zehnmal höher mit Dioxin belastet als ihre wilden Verwandten.

Die Verbraucher können oft nicht erkennen, woher ihr gerade gekaufter Lachs stammt. Beispielsweise marinierte Fischprodukte unterliegen bis heute in Deutschland keinerlei Rückverfolgbarkeitspflicht. Als ob die Soße die gesunde Herkunft eines Fisches unwichtig machen würde!

Ein anderes Beispiel sind die Nordseegarnelen - die beliebten Krabben. Es gibt sie reichlich, aber die Fangmethode mit Baumkurren ist katastrophal für den Meeresboden. Der Grund wird regelrecht umgepflügt. Alles, was in den Weg gerät, wird zerstört. Teile der Nordsee beispielsweise werden im Jahr achtmal komplett umgepflügt. Außerdem ist die Shrimps- und Krabbenfischerei die unselektivste Form der Fischerei überhaupt. Bis zu zehn Kilogramm Meerestiere müssen als ungenutzter Beifang sinnlos sterben, damit wir ein Kilo Krabben auf den Teller bekommen.

Online-Redaktion: Und der Viktoriabarsch? Es gibt ihn massenhaft. Im Ratgeber steht er an allerletzter Stelle.

Stefanie Werner: Beim Viktoriabarsch sieht die Lage wieder ganz anders aus. Er ist eigentlich im Nil beheimatet. Vor rund 30 Jahren kam jemand auf die Idee, ein paar Exemplare des schmackhaften Fischs im Viktoriasee auszusetzen. Das Ergebnis ist eine Katastrophe. Der See ist heute ein sterbendes Gewässer. Die großen Barsche haben sich unkontrolliert vermehrt, die heimischen Arten werden verdrängt oder als Köder genutzt.

Am Ufer ist eine ebenso unkontrollierte kommerzielle Fischindustrie entstanden, frische Barschfilets werden massenhaft in die Industriestaaten ausgeflogen. Nur wenige Menschen profitieren, die traditionelle Kleinfischerei ist zerstört. In der Bevölkerung haben sich materielles Elend und Prostitution ausgebreitet. Da ist nicht nur die Umwelt geschädigt. Und das alles fördern wir, wenn wir Viktoriabarsch kaufen.

Online-Redaktion: Seelachs dürfen wir auf den Tisch bringen. Die Bestände sind gesund. Aber er wird im Handel kaum noch angeboten. Worauf ist das zurückzuführen?

Stefanie Werner: Die Nachfrage ist zu gering, darum wird weniger gefangen als erlaubt. Dabei ist Seelachs vom Fleisch her eine gute Alternative zu Kabeljau, und der ist hochgradig gefährdet. Eine stärkere Nachfrage nach Seelachs könnte also die Kabeljaubestände entlasten. Der Seelachs ist sogar der derzeitige Trendfisch der Fischindustrie.

Das ist ein gutes Beispiel, wie Verbraucher durch umweltbewusstes Kaufverhalten schädliche Entwicklungen positiv beeinflussen können: Bei Appetit auf mageres Fischfleisch immer nach Seelachs fragen, niemals Kabeljau kaufen - außer er kommt mit Sicherheit aus noch gesunden Beständen wie beispielsweise der Barentssee.

Wissenschaftler des Internationalen Rates für Meeresforschung wie auch Greenpeace empfehlen seit Jahren Nullquoten für den Kabeljau. die Fischereiminister der EU ignorieren diese dringenden Alarmsignale mit stoischer Ignoranz und treiben die Bestände damit zur Ausrottung. In der Nordsee schwimmt nur noch ein Zehntel der ursprünglichen Anzahl dieser imponierenden Jäger.

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