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Umgepflügte Meeresböden

Die Ozeane sind leergefischt. Obwohl zahlreiche Fischbestände bereits vor dem Zusammenbruch stehen, durchkämmen hochtechnisierte Industriefangflotten weiterhin die Weltmeere. Mit immer effektiveren Fangmethoden werden die letzten Speisefische eingesammelt.
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Doch die angewandten Techniken fordern einen hohen Tribut: Mehr als 30 Millionen Tonnen unerwünschter Beifang, darunter Jungfische, Vögel, Wale und Haie, sterben jährlich in den Netzen.

Die Welternährungsorganisation (FAO) schätzt, dass mittlerweile 18 Prozent der kommerziell genutzten Fischarten überfischt sind und 57 Prozent am Rande der Überfischung stehen. So ist der Kabeljaubestand in der Nordsee zusammengebrochen und auch Scholle und Seezunge sind weitestgehend ausgebeutet.

Zusätzlich zu den jährlich etwa 85 Millionen Tonnen vermarktbarem Fisch landen etwa 30 Millionen Tonnen Beifang in den Netzen. Zu diesen ungewünschten Meerestieren zählen Fische, Seesterne, Muscheln und Krebse, aber auch Wale, Seevögel und Haie. Diese werden tot oder sterbend über Bord gekippt.

Etwa 17 verschiedene Fangtechniken werden in europäischen Gewässern eingesetzt. Unterschieden wird zwischen aktiven und passiven Methoden: Erstere sind zum Beispiel Schleppnetze und Baumkurren, die hinter den Schiffen hergezogen werden. Zu den passiven Methoden gehören Treibnetze, Stellnetze, Reusen und Langleinen, in denen sich die Fische verfangen.

Fangmethoden

Pelagiales Schleppnetz

Zielarten: Schwarmfische wie Makrele, Sprotte/Sardine und Hering.

Die intensive Befischung des Meeresbereiches zwischen Boden und Oberfläche (Pelagial) wurde erst in den 60er Jahren durch die Einführung der so genannten pelagischen Schleppnetze möglich.

Die Netze haben eine tütenähnliche Form und werden am Ende durch eine Tasche, in der sich die Fische sammeln, geschlossen. Sie werden von einem oder mehreren Schiffen geschleppt. Zur Ortung der Fischschwärme wird ein Echolot eingesetzt.

Das pelagische Netz ist heute neben dem Grundschleppnetz das wichtigste Fanggerät in der Hochseefischerei. Die Netzöffnung kann mit bis zu 23.000 Quadratmetern so groß sein wie etwa fünf Fußballfelder, so dass bis zu 12 Jumbojets in die Öffnung passen. Eine Netzfüllung kann bis zu 600 Tonnen Fisch umfassen - ebenso wie riesige Mengen an Beifang.

Ringwade

Zielarten: Schwarmfische wie Hering, Sardine, Makrele oder Thunfisch.

Die Ringwade, ein Netz mit einer Größe von bis zu 2.000 Meter Länge und 200 Meter Höhe, wird ringförmig um einen Fischschwarm ausgelegt. Die Fischschwärme werden vorher mit Hilfe eines

Echolots aufgespürt. Das Netz wird durch Bojen an der Oberfläche gehalten und an der unteren Leine zu gezogen. So wird der Fischschwarm völlig eingeschlossen. Anschließend wird z.B. bei Sardinen der Netzinhalt mit Saugpumpen an Bord geholt.

Das größte Problem der Ringwaden-Fischerei sind hohe Beifänge von Delfinen, Haien, Schildkröten und jungen Thunfischen. Delfine, aber auch Haie, begleiten häufig Thunfischschwärme und werden so ebenfalls gefangen. Im tropischen Ostpazifik sind durch den Thunfischfang seit 1959 über sechs Millionen Delfine in solchen Netzen umgekommen. Seit der Einführung eines internationalen Abkommens zum Schutz der Delfine ist die Zahl der getöteten Kleinwale in diesem Meeresgebiet von 100.000 Delfinen im Jahr 1989 auf 1.500 Delfine im Jahr 2002 zurückgegangen (Jedoch werden weltweit Wale immer noch durch die Fischerei bedroht: Laut dem Wissenschaftlichen Komitee der Internationalen Walfang-Komission (IWC) sterben jährlich weltweit über 300.000 Wale und Delfine als Beifang in der Fischerei!).

Baumkurre

Zielarten: z.B. Krabben, Seezunge und Scholle.

Die Netzöffnung der Baumkurre wird von einer Querstange, dem Kurrbaum, offen gehalten und gleitet auf Kufen über den Meeresboden. Zwischen den Kufen hängen bis zu zehn Eisenketten, durch die am Boden lebendende Fische aufgescheucht und ins Fangnetz getrieben werden.

Der schädliche Einfluss der Baumkurrenfischerei auf das Ökosystem ist enorm. Durch die Kufen der Baumkurren sowie durch die Scheuchketten wird der Boden umgepflügt. Dort lebende Organismen werden abgetötet oder eingesammelt. Auch bei dieser Methode ist der Beifang sehr hoch: Besonders zerstörerisch ist die Seezungenfischerei. Pro Kilo Seezunge werden zehn Kilo Beifang mitgefischt.

Grundschleppnetz / Scherbrett-Netz

Zielarten: Kabeljau, Seehecht, Garnelen, Tiefsee-Hummer und Plattfische

Die Grundschleppnetze besitzen einen Netzsack mit zwei Flügeln, einem Kopftau mit Schwimmern und ein Grundtau mit Gewichten. Am Ende des Netzsackes befindet sich der eigentliche Fangsack mit engeren Maschen, der Steert.

Das Scherbrettnetz ist auch ein Grundschleppnetz, jedoch erheblich größer (bis ca. 200 Meter Länge) und kann in tieferen Gewässern (80 bis 1.500 Meter) eingesetzt werden. Von den Scherbrettern führen zwei Kurrleinen zum Schiff. Über Doppelwinden wird das Netz an Deck gehievt. Die Scherbretter bestehen aus schwerem Holz oder Stahl und sind mit langen Ketten an den Netzflügeln befestigt. Sie schieben sich über den Boden und hinterlassen tiefe Furchen, je nach Bodenbeschaffenheit bis zu 30 cm tief. Dabei können ganze Ökosysteme, zum Beispiel Korallenriffe, zerstört werden.

Treibnetz

Zielarten: Schwert- und Thunfisch, Lachs in der Ostsee

Treibnetze bestehen aus feinen, durchsichtigen und sehr reißfesten Kunststofffasern. Sie sind an der Wasseroberfläche an Bojen befestigt und an der Unterkante mit Gewichten versehen. Treibnetze sind preiswert und können von relativ kleinen Schiffen ausgesetzt werden. Oft werden sie erst nach mehreren Tagen wieder eingeholt. In der Zwischenzeit treiben sie mit den Meeresströmungen umher. Auch Haie, Schildkröten und Meeressäugetiere verfangen sich in den Treibnetzen. Unzählige verloren gegangene Netze treiben unkontrolliert als Todesfallen im Meer.

Treibnetze wurden durch eine Resolution der Vereinten Nationen (UN) im Jahre 1992 für die Hochseefischerei verboten. Erst 2002 setzte die Europäische Union (EU) diese Maßnahme in ihren Gewässern durch. Eine Ausnahme ist die Ostsee - dort gilt die Konvention immer noch nicht. Die EU Kommission hat im März 2004 die Entscheidung getroffen, die Treibnetzfischerei erst ab 2008 zu verbieten. Dies könnte für den Bestand von Schweinswalen in der Ostsee, von denen es nur noch ca. 600 Tiere gibt, zu spät kommen. Beobachter auf Fischereischiffen werden nur für einen kleinen Teil der Fangflotte vorgeschrieben.

Stellnetz

Zielarten: Kabeljau, Grundfische, Plattfische (zum Beispiel Scholle).

Stellnetze werden mit Gewichten fest im Boden verankert. An der oberen Netzkante sind sie mit Bojen versehen. Beide Enden des Netzes werden mit Ankern gesichert. Die Netze sind bis zu 15 Kilometer lang.

Das Problem der Stellnetzfischerei ist der hohe Beifang an Meeressäugern, die sich in den Netzen verfangen und ertrinken. Allein in der dänischen Stellnetzfischerei in der Nordsee sterben jährlich mehr als 7.000 Schweinswale. Im März 2004 wurden akustische Scheuchvorrichtungen, so genannte Pinger, die die Kleinwale von den Netzen fern halten sollen, nur auf Stellnetzfischerbooten ab 12 Metern Länge zur Pflicht. Dies gilt zudem in einigen Gebieten erst ab 2005 beziehungsweise 2007.

Grund-Langleine

Zielarten: Pelagische Haie, Thunfisch, Schwert-fisch, Makrele, Heilbutt und Schwarzer Seehecht.

Die Langleine verläuft meist waagerecht von der Meeresoberfläche bis zum Grund. Sie wird mit Bojen und verschiedenen Gewichten im Wasser gehalten. Seit Jahrzehnten fischen baskische Fischer Thunfisch im Atlantik mit Langleinen, die mit 4 bis 8 Haken versehen sind.

Im krassen Gegensatz dazu steht die großindustrielle Fischerei mit Langleinen von über 100 Kilometern Länge und mit bis zu 30.000 Haken. So wurden in nur wenigen Jahren Thunfisch und Schwarzer Seehecht überfischt. Außerdem verfangen sich an den Langleinen viele andere Tiere, wie jährlich etwa 100.000 Seevögel, darunter einige vom Aussterben bedrohte Albatros-Arten.

Greenpeace-Forderungen:

  • Einrichtung von Meeresschutzgebieten, in denen sich Fischbestände ungestört entwickeln können und die Ökosysteme sich wieder erholen können. 40 Prozent der Nord- und Ostsee müssen dauerhaft geschützt werden.
  • Ein einstweiliges Verbot (Moratorium) für zerstörerische Aktivitäten wie Fischerei – insbesondere Grundschleppnetzfischerei, neue Öl- und Gasförderung, Sand- und Kiesabbau, militärische Übungen, Aquakultur, künstliche Riffe oder Inseln und die Verklappung von giftigem Substanzen/Materialien in den vorgeschlagenen Schutzgebieten.
  • Bewirtschaftung stets nach dem Vorsorgeprinzip: Die Fangquoten Empfehlungen vom ICES müssten vom Ministerrat angenommen werden. Daher ist ein Fangverbot für Kabeljau in der Nordsee (und die Fischereien mit einem Beifang an Kabeljau) sowie für den östlichen Bestand des Ostsee Dorsches unerlässlich.

Was können Sie tun?

Die Unterschriftenlisten und den Ratgeber können Sie telefonisch bestellen unter 040-30618-0 oder unter info@greenpeace.de

  • Beteiligen Sie sich an der Greenpeace-Unterschriftenaktion und fordern Sie von Bundeskanzler Gerhard Schröder und den Präsidenten der EU-Kommission die konsequente Umsetzung des Greenpeace-Schutzgebietsvorschlages
  • Bestellen Sie den Greenpeace Einkaufsratgeber Fish & Facts, der Ihnen zeigt, welche Fischarten für den Verzehr empfohlen werden können und welche Arten bereits überfischt sind oder mit zerstörerischen Methoden gefangen werden.

 

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