Naturschutz auf Helgoland

Tierisch touristisch

Tiere, Einheimische und Touristen: Die Nordseeinsel Helgoland bemüht sich um ein gesundes Miteinander. Katharina Tilly hilft als Dünenrangerin beim Balancehalten.

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„Hier gibt es viel auf wenig Platz“, sagt Katharina Tilly über Helgoland. „Auch viele Meinungen.“ Die Diplom-Landschaftsökologin ist seit vergangenem Oktober Dünenrangerin auf der kleinen Nordseeinsel vor Helgoland und hat in dieser Funktion nicht bloß mit Seehunden und Kegelrobben zu tun – sondern auch sehr viel mit Menschen. „Ich mache vielleicht etwas mehr Öffentlichkeitsarbeit, als ich mir das vorgestellt habe.“

Das liegt unter anderem daran, dass Helgoland die Erfordernisse von Naturschutz und Gästen unter einen Hut bringen muss. „Die Insel lebt vom Tourismus – ohne Tourismus haben wir kein gutes Inselleben“, sagt Tilly. Jeden Morgen um acht nimmt sie die Fähre zur vorgelagerten Insel, der Helgoländer Düne, zählt Tiere, kümmert sich um Aufräumarbeiten, ist Ansprechpartnerin für Gäste – und ihre Mitbürger. Neben der Sorge um den Wildtierbestand ist es eben auch Teil ihrer Aufgabe, Ängste auszuräumen und für Transparenz zu sorgen. „Die Sorge ist natürlich da, dass der Naturschutz das alltägliche Leben beschneidet. Wir wollen die Düne aber weiter offenhalten für Besucher und das irgendwie in Einklang bringen: Menschen, Tiere und Tourismus.“

Eine sensible Situation

Dieses Gleichgewicht zu halten, ist nicht ganz einfach. Der neu geschaffene Beruf des Dünenrangers auf Helgoland ist Teil eines neuen Betreuungsvertrages für die Düne, der ursprünglich zwischen dem Land Schleswig-Holstein und dem Verein Jordsand geschlossen wurde – einer der ältesten Naturschutzorganisationen Deutschlands, die sich bereits seit den Achtzigerjahren um den Lummenfelsen der Insel und den Helgoländer Felssockel kümmert. Das sorgte für Verstimmung bei einigen Helgoländern, die sich bei der Entscheidung außen vor fühlten.

„Die Situation um die Düne ist sehr, sehr sensibel“, räumt auch Rebecca Störmer vom Verein Jordsand ein. Die promovierte Biologin kümmert sich unter anderem um Umweltbildung und organisiert in Eigenregie die „GreenAnna“-Wochen, in der viele Einzelhändler der Insel auf Einwegplastiktüten verzichten. Das Beach-Clean-up, an dem sich auch viele Greenpeace-Ehrenamtliche beteiligt haben, hat sie ebenfalls ins Leben gerufen. Für die Düne wurde schließlich eine neue Lösung gefunden, diesmal unter Beteiligung aller: „Der Vertrag wurde neu geschlossen und ist jetzt ein Betreuungsvertrag zwischen der Gemeinde, dem Verein Jordsand und der Naturschutzbehörde, was relativ einmalig ist.“

Wie Katharina Tillys Job überhaupt einzigartig in Deutschland ist. In die Streitigkeiten um ihre Stelle hat sie sich erst im Nachhinein eingelesen. Mit dem Ergebnis kann sie gut leben, genauso wie die Helgoländer: „Nicht alles, was blöd anfängt, ist dann letzten Endes auch eine schlechte Sache.“

Selfie mit Seehund?

Keinen Streit gab es immerhin darüber, dass der Schutz der Düne gewährleistet sein muss. Ihre Hauptattraktion für etliche Tagesgäste sind die vielen Seehunde und Kegelrobben, die sich in großen Gruppen am Strand fläzen. Wer keinen Abstand hält, wird von Katharina Tilly zurückgepfiffen. „Die meisten Leute freuen sich, die Tiere aus dreißig, vierzig Metern zu beobachten. Aber es gibt natürlich auch welche, die unbedingt ein Selfie machen müssen und auf drei Meter rangehen.“ Das ist nicht nur für die Tiere gefährlich, denen der Stress zusetzt, sondern auch für die Menschen. „Die Kegelrobbe ist Deutschlands größtes Raubtier, das darf man nicht vergessen.“ Und so ein Biss tut weh.

Ein weiteres Problem für die Robben ist Plastik im Meer, genau wie für Fische und Seevögel, die sich Nester daraus bauen. „Kegelrobben sind besonders verspielt, die tauchen gerne durch Schlingen und Öffnungen und überschätzen deren Größe.“ In Einzelfällen muss Katharina Tilly dann doch näher ran: „Wir haben Ende letzten Jahres einen erwachsenen Bullen von Netzen freigeschnitten. Das ist natürlich ein riesiger Stress für das Tier, aber war in dem Fall das Beste“, erinnert sie sich. „Der wäre irgendwo hängengeblieben und ertrunken.“

Kennt sie die Tiere denn mittlerweile? Das ginge gar nicht, sagt Katharina Tilly. „Es ist nicht so, als wären hier immer die gleichen 500 Tiere, die nie woandershin gingen. Die schwimmen von hier nach England und von da nach Dänemark. Ihre Heimat ist die gesamte Nordsee.“ Der Tourismus gehört offensichtlich zu Helgoland – das gilt sogar für seine tierischen Besucher.

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