Tiefseebergbau: Rohstoffgier bedroht die Meere

Schatzkammer Tiefsee

Der Hunger der Hightech-Industrie treibt den Wettlauf um die Rohstoffe auf dem Meeresboden voran. So wird der Tiefseebergbau zu einer massiven Bedrohung für unsere Ozeane.

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Update vom 02. September 2019:

Greenpeace-Aktivistinnen und Aktivisten protestieren mit einem fünf Meter hohen und sechs Meter langem Modell eines Tiefseebaggers unter anderem vor dem Brandenburger Tor gegen zerstörerischen Abbau von Rohstoffen im Meeresboden. Die geplante wirtschaftliche Ausbeutung von Manganknollen und -krusten droht einzigartige marine Ökosysteme zu zerstören und ganze Arten auszulöschen. Deutschland hat sich bereits zwei Explorationslizenzen im pazifischen und indischen Ozean gesichert. 

Auf dem Meeresgrund befinden sich große Vorkommen an Kobalt, Kupfer, Nickel und seltenen Erden, die für die Produktion von digitalen Geräten wie Smartphones und Computer verwendet werden. Mehr Recycling und eine längere Nutzungsdauer der Geräte könnten den weltweit steigenden Rohstoffbedarf allerdings bremsen. Dass sie zu einem Verzicht auf das jeweils neueste Handy- oder Computermodell bereit wären, geben in einer von Greenpeace beauftragten Umfrage 89 Prozent der Befragten an. 77 Prozent der Deutschen würden höhere Preise für ein umweltfreundlicher produziertes Gerät in Kauf nehmen.

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Wissenschaftler nehmen an, dass das Leben auf der Erde gerade hier in der schwärzesten Dunkelheit der Tiefsee entstanden sein könnte und vermuten dort eine Vielzahl bislang unentdeckter Lebewesen. Die einzigartige Unterwasserwelt in der Tiefsee ist über Jahrmillionen entstanden und hat bis heute überdauert. Obwohl wir dieses Ökosystem und seine Artenvielfalt noch kaum verstanden haben, hat der Wettlauf um die Ressourcen der tiefsten Meeresregionen längst begonnen.

Schlacht um Ressourcen

Denn auf dem Meeresboden liegen wahre Schätze: kartoffelähnliche Manganknollen in 3000 bis 5000 Meter Tiefe enthalten Mangan, Eisen, aber auch andere wertvolle Metalle wie Kupfer, Nickel und Kobalt. Rohstoffe, die eine zentrale Rolle für die Hightech-Industrie spielen.

Nachfrage nach Kobalt steigt

Das Freiburger Öko-Institut warnt, dass Kobalt vorübergehend knapp werden könnte. Das Metall steckt zum Beispiel in Smartphones und Solarpanels. Derzeit wird die Hälfte des gehandelten Kobalts in Batterien verbaut – um die Energiedichte kleiner Akkus zu erhöhen. Die Kobalt-Nachfrage stieg von 2010 bis 2015 von 65.000 auf über 90.000 Tonnen pro Jahr. Bis 2025 soll sich die Nachfrage laut Prognosen der deutschen Rohstoffagentur auf 155.000 Tonnen erhöhen. Ein Grund dafür ist der Trend zur Elektromobilität. Die Autokonzerne fragen derzeit mehr Kobalt nach, als Minenbetreiber abbauen können. Weltweit wichtigster Kobalt-Lieferant ist die Demokratische Republik Kongo mit über 50 Prozent der Kobaltvorkommen an der Erdoberfläche. Weiteres Problem des wertvollen Metalls: der Abbau geht oft mit Kinderarbeit und Menschenrechtsverletzungen einher. 

Tiefseebergbau: Lizenz zum Zerstören

Große Kobaltvorkommen liegen bislang ungehoben auf dem Meeresgrund: In über 10 Millionen Jahren haben sich hier rund 300 Milliarden Tonnen Mangan in Knollen angesammelt. Was vor diesem Hintergrund auf die ökologisch sensiblen Tiefseegebiete zukommt, zeigt ein neuer Greenpeace-Report über den Tiefseebergbau. Einige Regierungen, auch Deutschland, haben bereits Lizenzen zur Erschließung (Explorationslizenzen) für den Tiefseebergbau erhalten. Tiefseebergbaulizenzen werden derzeit von der Internationalen Meeresbodenbehörde (ISA, ein UN-Gremium) reguliert. Das Vorgehen der ISA, Lizenzen zu verteilen, bevor ein umfassender Schutzrahmen und ein Netzwerk von Schutzgebieten in internationalen Gewässern eingerichtet wurden, ist höchst bedenklich. Zwar findet noch kein Abbau statt, doch Industrie und Staaten stecken bereits riesige Claims ab und sichern sich Tiefseeregionen mit hohen Rohstoffvorkommen.

Wer zuerst kommt, mahlt zuerst – große Maschinen sollen zukünftig Manganknollen auf dem Meeresgrund abbauen. Ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis sich der Meeresboden in eine gigantische Ödnis verwandelt? Wir riskieren eine großflächige Zerstörung in einem Lebensraum, über den wir weniger wissen als über die Oberfläche des Mondes.

Jahrmillionen alte Tiefseewelt – bald platt?

Die Artenvielfalt und das Ökosystem Tiefsee sind bisher kaum erforscht. Lebewesen verschwinden, bevor sie der Mensch entdeckt und wissenschaftlich beschrieben hat. Sobald die Tiefseebagger in der Größe eines Panzers den schlammig-sandigen Boden umpflügen und bei der Knollenernte Gestein zerschmettern, bilden sich lange Zeit gewaltige Wolken aus Bodenpartikeln, in denen Kleinstlebewesen ersticken könnten. Tiefseebewohner wie Muscheln oder Anemonen brauchen aber festen Untergrund wie Manganknollen als Lebensraum. An Manganknollen finden wiederum Schwämme Halt, an deren Stängel z.B. der kleine „Casper“ seine Eier hängt – ein knopfäugiger, milchig-weißer Tiefsee-Oktopus, der in extremen Tiefen von mehr als 4000 Metern lebt. Erst 2016 von Forschern des Alfred-Wegener-Instituts entdeckt, wäre die nur rund zehn Zentimeter große Krake durch den Tiefseebergbau tödlich bedroht, weil sie ihr Gelege an die wertvollen Mineralienknollen heftet.
Zusätzlich würden Lärm, Vibrationen, Licht und Schiffe andere Tiefseearten verscheuchen. Giftige Stoffe wie Öle könnten aus den Geräten oder bei Unfällen in die Umwelt gelangen und sie verpesten.

Auch wissen wir noch nicht genau, wie Manganknollen entstehen. Es dauert Millionen von Jahren, bis sich um einen kleinen Kern Metalle Schicht für Schicht ablagern. Bakterien und Algen dienen als Auslöser für die sogenannte „Biomineralisation“. Ungeklärt ist bisher die Tatsache, dass die meisten Manganknollen an der Meeresbodenoberfläche liegen und nur wenige im Sediment verborgen sind, obwohl ihre Wachstumsrate (1-16 mm pro 1 Million Jahre) wesentlich unterhalb der Sedimentationsrate von 1-3 mm pro Jahrtausend liegt.

Katastrophale Folgen

Das Ökosystem Tiefsee erholt sich von solchen Eingriffen kaum oder sehr langsam. Dies zeigen auch Tests im Pazifik: Deutsche Forscher waren 2015 mit einem Forschungsschiff an eine Stelle zurückgekehrt, wo 1989 testweise der Meeresboden aufgerissen wurde. 26 Jahre später waren die Pflugspuren der Aktion noch immer zu sehen, etliche Arten waren nicht zurückgekehrt. Beobachtungen an anderen Testflächen geben noch weniger Hoffnung – hier sieht der Meeresgrund selbst nach 40 Jahren noch wie frisch umgegraben aus. Als Langzeitfolge würde der Meeresboden für viele Arten unbewohnbar werden.

Wollen wir wirklich diese kostbare, Jahrmillionen alte Unterwasserwelt – vielleicht der Schlüssel für innovative Wissenschaft – für Akkubatterien in unseren Autos und Smartphones opfern? Statt endlos die Erde für seltene Metalle aufzureissen, sollten wir die bereits vorhandenen Rohstoffe zurückgewinnen und recyceln.

Tiefsee-Unterwassergräben bieten Lebensraum für erstaunliche Lebewesen und Mikroorganismen. Angesichts des dramatischen Artensterbens und der Klimakrise setzt sich Greenpeace daher für die Ausweisung eines weltweiten Netzes an Meeresschutzgebieten ein, die vollständig vor direkten menschlichen Eingriffen geschützt sind. Wir brauchen dringend einen starken globalen Ozeanvertrag, der die Tiefsee vor der Rohstoffgier der Unternehmen schützt.

<<< Helfen Sie mit, die kostbaren, uralten Ökosysteme zu schützen!

(Erstveröffentlichung des Artikels: 03. Juli 2019).

Publikationen

Bedrohte Tiefsee

Der Wettlauf um die Ressourcen auf dem Meeresboden hat begonnen. Grund ist der große Hunger der Hightech-Industrie nach Kobalt, das sich in den Manganknollen in tausenden Metern Tiefe befindet. So wird der Tiefseebergbau eine der schwerwiegendsten neuen Bedrohung für unsere Ozeane, noch bevor wir ihre sensiblen Ökosysteme und ihre Prozesse überhaupt verstanden haben.

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Haie unter Attacke

Obwohl sie sich „Schwertfischfischerei“ nennt, wird dabei im Nordatlantik hauptsächlich eins gefangen: Haie. Entweder absichtlich, oder als Beifang, zeigt dieser Greenpeace-Report.2017 zum Beispiel kam auf 1 Kilo Schwertfisch 4 Kilo Hai.

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