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Pro Teller Scholle neun Teller Abfall

Der Tisch ist gedeckt, aber das Essen nicht einladend. Vor dem Brandenburger Tor haben Greenpeace-Aktivisten am Mittwoch aufgetischt, was Fischer als Beifang wieder ins Meer werfen: Massen sinnlos getöteter Tiere. Schuld ist die Grundschleppnetzfischerei. Greenpeace fordert Politiker und Wissenschaftler auf, diesen Ausverkauf der Meere zu stoppen.

Die 15 Greenpeacerinnen und Greenpeacer sind mit einem Original-Grundschleppnetz nach Berlin gekommen - einem Schlauch von 20 Meter Länge und sieben Meter Breite. In diesem Netz haben sie den Tisch aufgestellt und mit Beifang gedeckt.

Grundschleppnetze besitzen einen Netzsack, an dessen Ende sich der eigentliche Fangsack mit engeren Maschen befindet. Sie sind vorn an der riesigen Öffnung mit Stahlgewichten beschwert und graben sich so zentimetertief in den Meeresboden ein. Außerdem ziehen sie so genannte Scheuchketten mit. Diese Ketten schrecken die Fische auf und treiben sie ins Netz.

Mehr als 1.000 solcher Netze durchpflügen mit ihren schweren Eisenketten regelmäßig den Meeresboden der Nordsee.

Zurück bleiben zerstörter Meeresgrund und Unmengen toter Meeresbewohner. Krebse, Muscheln, Seesterne, Fische, die nicht auf der Speisekarte des Menschen stehen. Ein Fischer hatte Greenpeace im August seinen Beifang nach zweistündiger Fangzeit überlassen - es waren rund 11.000 tote Tiere.

Meeresexperte Thomas Henningsen von Greenpeace: Der mit Beifang gedeckte Tisch im Netz ist ein Beispiel dafür, wie es in den Restaurants eigentlich aussehen müsste. Zu jeder servierten Seezunge oder Scholle müssten neun weitere Teller mit Meerestieren serviert werden, die vollkommen sinnlos als Beifang gestorben sind.

Mit der Protestaktion in Berlin wendet sich Greenpeace an europäische Wissenschaftler und Politiker, die seit Mittwoch beim Umweltrat der Bundesregierung im Wissenschaftszentrum tagen. Sie wollen auf EU-Ebene eine politische Strategie zum ganzheitlichen Meeresschutz erarbeiten.

Henningsen zufolge müssen dringend großflächige Schutzgebiete ausgewiesen werden, wenn wir die einzigartigen Lebensräume der Nord- und Ostsee erhalten und die Fischer auch morgen noch gefüllte Netze haben wollen. In den Schutzgebieten sollen Fischerei, Öl- und Gasförderung ausgeschlossen sein, damit die zerstörten Lebensräume sich wieder erholen können.

Er fordert auch die EU-Umweltminister und die EU-Fischereiminister auf, sich mit der Plünderung der Meere zu befassen. Sie treffen sich am 14. beziehungsweise 18. Oktober in Luxemburg.

Henningsen: Die EU blockiert sich mit dem Kompetenzgerangel der verschiedenen Ministerien selbst. Die Politiker sind offensichtlich nicht in der Lage, Nord- und Ostsee zu schützen. Ein einziges Meeresschutzgremium auf europäischer Ebene, das die nötigen Kompetenzen besitzt, die Meere umfassend zu schützen und strikte Schutzgebiete zu etablieren, ist dringend notwendig.

 

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