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Ein Interview mit Dima Litvinov

Piratenfischer auf Las Palmas

Dima ist Fischerei-Experte bei Greenpeace Nordic und arbeitet in Stockholm. Der gebürtige Russe lebt und arbeitet seit einigen Jahren in Skanidinavien. Dima ist Experte für die so genannte IUU-Fischerei, der illegalen, unregulierten und undokumentierten Fischerei und deren globale Machenschaften.

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Greenpeace Online: Dima, was hast du auf Las Palmas gemacht?

Dima: Ich war im März für einige Zeit auf Las Palmas und habe vor Ort zur Piratenfischerei recherchiert. Ich habe dort versucht herauszubekommen, wie der illegal gefangene Fisch auf Fabrikschiffe gelangt, die auch legalen Fisch in Las Palmas anlanden. Auf diesem Weg kommt der illegal gefangene Fisch in die Lagerhallen von Gran Canaria und von dort wird der Fisch über ganz Europa verteilt.

Meine Aufmerksamkeit lag dabei besonders auf den Schiffen, die unter einer Billigflagge fahren. Bei diesen Schiffen können wir davon ausgehen, dass es sich um Piratenfischer handelt. Zusätzlich hatte ich eine Liste von Schiffen dabei, die schon seit Jahren als Piratenfischer bekannt sind bzw. auf der schwarzen Liste der EU gelistet sind.

Bei den Fabrikschiffen habe ich mir die Ladung genauer angeschaut und dokumentiert. Auf jeder Fischbox ist vermerkt von welchem Schiff der Fisch ist. Eine lückenlose Überprüfung der Ladung wäre also theoretisch möglich.

Greenpeace Online: Was bedeutet Billigflagge?

Dima: Billigflaggen werden von Ländern vergeben, die keinem internationalen Abkommen beigetreten sind oder diese Abkommen nicht durchsetzen. Das bedeutet, dass sie ihre Schiffe nie kontrollieren.

Um sich bei einem Billigflaggenland zu registrieren, reichen ein Zugang zum Internet und knapp 500 US-Dollar. 24 Stunden später hat man seine Billigflagge. Billigflaggenländer sind beispielsweise Malta, Panama, Belize oder Georgien. Seit neuestem gehört auch die Mongolei dazu. Das ist besonders absurd, weil die Mongolei gar keine Häfenstädte hat und damit auch keine Möglichkeit, die unter ihrer Flagge fahrenden Schiffe zu kontrollieren.

Greenpeace Online: Was für Leute arbeiten auf den Piratenschiffen?

Dima: Das habe ich mich natürlich auch gefragt und habe mich als neugierigen Touristen ausgegeben, um mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Anfangs wollten die Jungs nicht reden, aber was ich dann erfahren habe, hat mich schon erschüttert.

Viele dieser Schiffe haben eine russische Crew. Da ich selber Russe bin, war der Zugang über die gemeinsame Sprache etwas einfacher. Die Männer arbeiten unter wirklich harten Bedingungen. Und oft sind sie in wenig zugänglichen Gebieten unterwegs.

Sie erzählten mir, dass sie bei 50 Zentimeter dicken Eisschichten auf den Schiffen, bei stürmischer See und entsprechend hohem Seegang Fisch auf die Fabrikschiffe umladen mussten. Eine Crew hatte über zwei Wochen nichts zu Essen an Bord - außer dem Fisch, den sie selbst gefangen hatten.

Eine der Crews, mit denen ich sprach, ist mit dem Schiff über sechs Monate in Marokko festgesetzt worden. Sie litten Hunger, hatten keine Klamotten und durften die ganze Zeit das Schiff nicht verlassen. Hintergrund dafür waren nicht bezahlte Gebühren des Besitzers des Schiffs in einem marokkanischen Hafen.

Viele dieser Männer sind seit sechs, acht oder 24 Monaten nicht bezahlt worden. Es ist einfach unglaublich, was da passiert.

Greenpeace Online: Warum arbeiten die Männer dann weiter auf den Schiffen?

Dima: Das hängt mit den Arbeitsverträgen zusammen. Verträge werden meist über mehrere Monate abgeschlossen und dabei vereinbart, dass erst am Ende der Tour bezahlt wird. Viele der Männer werden dann vor Ende eines Fischzugs auf einem anderen Schiff eingesetzt. Erhalten aber ihr Geld noch nicht, weil die Tour ja noch nicht zu Ende ist.

Kurz vor Ende der zweiten Tour werden sie wieder auf ein anderens Schiff verfrachtet, weil dort dringend Männer gebraucht werden. Auch dieses Geld erhalten sie nicht, weil die Tour ja noch nicht zu Ende ist. So kann es über Jahre weitergehen. Und weil der Arbeiter nicht nach Hause kommt, kann er sein Geld auch nicht einfordern. Auf diesem Wege sparen die Firmen eine Menge Geld ein, was sie dann einfach woanders einsetzen.

Greenpeace Online: Was sind das für Firmen? Wie werden sie geführt?

Dima: Einige der Schiffsbesitzer haben weder von der Fischerei noch von Schiffen eine leise Ahnung. Dabei denke ich beispielsweise an eine russiche TV-Berühmtheit, Herrn Vimogradov, dem außer guten Medienkontakten auch gute Verbindungen zum ehemaligen KGB und zur Mafia nachgesagt werden. Kontakte zur Mafia sind in diesem Metier übrigens keine Seltenheit.

Außerdem kann von einem Management in diesen Firmen nicht gesprochen werden. Es herrscht ein absolutes Missmanagement. Und bevor die Mannschaft auch nur einen Cent sieht, werden beispielweise Material, Treibstoff Ausrüstung bezahlt. Für die Männer bleibt dann oft nichts mehr über. Sie dienen als Verschiebemasse.

Die Bösen in diesem ganzen Drama sind sicher nicht die Männer, die auf den Schiffen arbeiten, sondern die Besitzer der Schiffe! Sie beuten nicht nur die Meere gewissenlos aus, sondern auch die Menschen, die sie für sich arbeiten lassen. Das muss unbedingt aufhören und dafür setzte ich mich ein.

Greenpeace Online: Dima, vielen Dank für dieses Gespräch.

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