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Ein Fall für Schutzgebiete: Seegras

Gras ist kein Thema für den Umweltschutz? Weit gefehlt! Das macht der erste Atlas für Seegrasgebiete deutlich, der am Mittwoch vom World Conservation Monitoring Centre im britischen Cambridge vorgestellt wurde. Im Auftrage des Umweltschutz-Programmes der Vereinten Nationen (UNEP) hatten die Forscher das Stiefkind des Meeresschuztes weltweit unter die Lupe genommen.

Zum Seegras werden 60 verschiedene Pflanzenarten gezählt, die Längen von wenigen Zentimetern bis zu einigen Metern erreichen können. Sie bilden in Küstengewässern richtige Unterwasserwiesen und sind von der Arktis bis zu den Tropen anzutreffen. Seegraswiesen bedecken weltweit eine Fläche, die zwei Drittel der Größe von Großbritannien entspricht. Allerdings sind allein in den vergangenen zehn Jahren bereits 15 Prozent der Seegrasgebiete verloren gegangen.

Den grünen Wiesen unter Wasser setzen Einleitungen von Abwasser aus Kanalisation und chemischer Industrie schwer zu. Dadurch ausgelöstes Algenwachstum, aber auch die Ausbreitung von Seetang verdrängen das Seegras. Zusätzlich werden durch die weltumspannende Seefahrt Lebewesen aus anderen Seegebieten eingeschleppt, die die Unterwasserwiesen vernichten. Weitere Gefahren entstehen durch Fischereinetze, Badegäste, Anker und Schiffsschrauben sowie Küsten verändernde Baumaßnahmen für Hotels oder Flughäfen.

Mit dem Rückgang der Seegrasflächen verschwinden auch die Lebewesen, denen die Flächen als Rückzugs-, Nahrungs- oder Aufzuchtsgebiet dienen. Das hat durchaus auch negative Folgen für die Menschen, die von den Fischen, Muscheln und Krebsen leben. Aber auch der Schutz der Küsten geht verloren, denn mit seinem Wurzelwerk verhindert das Seegras Erosionen.

Der neu veröffentlichte Seegras-Atlas zeigt, dass einige wenige Unterwasserwiesen bereits in Meeres-Schutzgebieten liegen. Die Autoren des Atlas fordern deshalb deutlich mehr Schutzgebiete. Dem schließt sich auch die Greenpeace-Meeresexpertin Iris Menn an: Meeres-Schutzgebiete sind ein entscheidender Teil der Lösung, um unsere Ozeane zu bewahren und zu regenerieren. Man kann sie als Werkzeug betrachten, mit dem die Vielfalt des Lebens und der Lebensräume bewahrt werden kann.

Weltweit sind bis heute lediglich 0,5 Prozent der Meeresoberfläche als Schutzgebiet ausgewiesen. Bei näherer Betrachtung wird jedoch deutlich, dass davon nicht mehr als zwei Prozent für das Hauptproblem der Ozeane - die Fischerei im Industriemaßstab - gesperrt sind. Nötig sind jedoch Schutzgebiete in jedem einzelnen Meeres-Ökosystem auf unserem Planeten. Dabei sind als unterschiedliche Ökosysteme beispielsweise die Nordsee, das Mittelmeer oder die Polargebiete zu verstehen, erklärt Menn.

Für Greenpeace ist ein Meeres-Schutzgebiet aufgeteilt in einen Kernbereich und eine umschließende Pufferzone. In der Kernzone sind keine industriellen und zerstörerischen Aktivitäten, wie Fischerei, Öl- und Gasförderung, Sand- und Kiesabbau erlaubt, während wissenschaftliche Forschung in begrenztem Maße möglich ist. In der Pufferzone wird über eine nicht-zerstörerische Nutzung, wie Ökotourismus, kleinskalige Fischerei oder Windparks, von Fall zu Fall entschieden, sagt Menn. Dabei ist die Einhaltung ökologischer Grenzen sowie die unbedingte Beteiligung aller betroffenen Interessensgruppen entscheidend.

Greenpeace fordert von der Bundesregierung, sich bei der nächsten UN-Konferenz zum Erhalt der Artenvielfalt (Convention on Biological Diversity, CBD) im Februar 2004, so wie auf den Folgekonferenzen, für Meeres-Schutzgebiete einzusetzen. (mir)

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