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Antarktisschutz-Konferenz in heißer Phase

In Bremerhaven tagen die 25 Mitglieder der antarktischen Schutzkommission CCAMLR. Nachdem das Wissenschaftskomitee den politischen Entscheidern Empfehlungen zur Einrichtung der zwei weltweit größten Meeresschutzgebiete vorgelegt hat, berät nun die politische Ebene. Die Politiker sind gefragt, sich endlich wirksam für den Erhalt der Artenvielfalt einzusetzen und die Ross-See sowie die Ostantarktis zu Meeresschutzgebieten zu erklären. Doch die Zeichen stehen auf Konfrontation statt auf Einigung. Für uns vor Ort: Greenpeace-Meeresexpertin Iris Menn.

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Redaktion: Bei der CCAMLR-Konferenz (Commission for the Conservation of Antarctic Marine Living Ressources) könnte die Einrichtung der zwei weltweit größten Meeresschutzgebiete beschlossen werden. Was genau steht auf dem Spiel und warum sind die Meeresschutzgebiete so wichtig?

Iris Menn: Meeresschutzgebiete sind Gebiete, in denen keine menschliche Nutzung stattfindet, die Natur also in Ruhe gelassen wird und sich unberührt entwickeln kann. Wir brauchen solche Bereiche, wenn wir die Meere und ihre Artenvielfalt erhalten wollen. In nahezu alle Gebiete der Weltmeere haben wir bereits eingegriffen, sodass die Meere verschmutzt, vemüllt und überfischt sind. Nur die Polregionen - Arktis und Antarktis - sind noch nahezu unberührt. Das müssen wir erhalten!

Redaktion: Bereits im vergangenen Jahr hätte die Einrichtung der Meeresschutzgebiete auf den Weg gebracht werden sollen. Woran ist das Vorhaben damals gescheitert?

Iris Menn: Bei der CCAMLR-Konferenz im November konnten sich die Mitgliedsstaaten nicht einigen. Ein solcher Beschluss muss im Konsens entschieden werden, das heißt alle 25 Mitgliedsstaaten von CCAMLR - wobei die EU als ein "Staat" zählt - müssen dafür stimmen. Leider waren Russland, China, Norwegen und die Ukraine im letzten Jahr starke Blockierer und haben die Einrichtung der Schutzgebiete verhindert.

Redaktion: Was tut Greenpeace denn vor Ort, um die CCAMLR-Mitglieder von den Meeresschutzgebieten zu überzeugen?

Iris Menn: Wir arbeiten in einem Zusammenschluss von mehreren Umweltschutzorganisationen, der "Antarctic Ocean Alliance". Wir sitzen in den Verhandlungen und verfolgen den Diskussionsverlauf der Ländervertreter. In den Pausen und abends sprechen wir mit den Delegierten, um immer wieder zu sehen ob es Veränderungen von Positionen und eine Verhandlungsoption gibt. Wir liefern fachliche Unterstützung und wir versuchen den Delegierten zu zeigen, dass die Öffentlichkeit draußen das Geschehen beobachtet. Manchmal geht es einen Schritt vor und zwei zurück.

Redaktion: In der vergangenen Woche hat das Wissenschaftskomitee getagt. Wie sind die Verhandlungen gelaufen? Zeichnet sich vielleicht bereits jetzt eine Wende im Vergleich zu 2012 ab?

Iris Menn: Die bisherigen Verhandlungen waren recht angespannt. Am letzten Meeting-Tag saß das Komitee bis 5.30 Uhr morgens zusammen. Das ist sehr ungewöhnlich, schließlich beschäftigt sich das Wissenschaftskomitee mit den wissenschaftlichen Aspekten der Anträge und nicht mit dem Ergebnis der Tagung.

In der heutigen Pressekonferenz zeigte sich außerdem, dass die Blockierer aus 2012 auch in diesem Jahr wieder versuchen, das Vorhaben zu kippen. Wie Walter Dübner, Leiter der deutschen Delegation berichtete, haben die Ukraine und Russland heute Morgen das Recht der CCAMLR, Schutzgebiete auszuweisen, grundlegend angezweifelt. Ein Einwand, der umso konstruierter wirkt, als dass die CCAMLR bereits einen rechtlichen Präzedenzfall geschaffen hat - mit den geschützten Bereichen der Südlichen Orkneyinseln. Laut Dübner wollte man den Delegierten beim Mittagessen im kleinen Kreis genau dies noch einmal klarmachen.

Doch selbst, wenn die ukrainischen und russischen Äußerungen haltlos sind, beide Staaten können am Ende frei entscheiden. Heute Nachmittag und morgen gilt also mehr denn je: Überzeugungskraft ist gefragt.

Wir, die Meeresschutzorganisationen, werden weiter dafür eintreten, dass sich die CCAMLR zur Einrichtung der Schutzgebiete verpflichtet. Denn das ist der Auftrag, den sie zu erfüllen hat. Ob es aber dazu kommen wird, ist und bleibt unklar.

Und auch trotz der bisherigen Entwicklungen haben wir die Hoffnung, dass die Befürworter CCAMLR-Mitgliedsstaaten, die lange und hart an den Anträgen gearbeitet haben - die restlichen Delegierten davon überzeugen können, wie wertvoll die Einrichtung der Meeresschutzgebiete für diese einzigartigen Ökosysteme im Südpolargewässer ist.

Redaktion: Heute Morgen hat Peter Bleser, der Parlamentarische Staatssekretär der Bundeslandwirtschaftsministerin gesprochen. Wie positioniert sich Deutschland zu den Meeresschutzgebieten?

Iris Menn: Peter Bleser hat noch einmal an alle Mitgliedsstaaten appelliert, die natürlichen Meeresressourcen zu schützen. Diese Worte dürfen keine hohlen Phrasen bleiben. Wir fordern gerade von Deutschland als Gastgeber der Konferenz, sich mit aller Kraft für die Einrichtung der Meeresschutzgebiete in der Ostantarktis und im Ross-Meer einzusetzen. Ein Minimalkompromiss wäre nicht akzeptabel.

(Autorin: Linda Sass)

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