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Korakorea-Girls und Fischerei

Fischerei und Prostitution zählen zu den ältesten Gewerben der Menschheitsgeschichte. Doch seitdem die großen Fischereiflotten im Pazifik auf Jagd gehen, nimmt die sexuelle Ausbeutung von Kindern und Frauen dort dramatische Ausmaße an. Kinderprostitution auf Kiribati wurde mittlerweile auch durch die Vereinten Nationen als schwerwiegendes Problem anerkannt.

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Nur wenige Kilometer von Tarawa in Kiribati werden Tonnen von Tunfisch aus der Kühlkammer eines Fischtrawlers auf das glühende Oberdeck gehievt. Sie sollen auf das vertäute Mutterschiff verladen werden, das die Ladung zu Konservenfabriken in Papua-Neuguinea und Taiwan bringen wird.

Zur gleichen Zeit tänzelt ein junges Mädchen über ein dickes Tau vom Mutterschiff auf das Fischerboot. Nach dem Balanceakt, 20 Meter über dem Meer, verschwindet die kleine Seiltänzerin in einer nahegelegenen Kabine. Das Mädchen ist ein Korakorea-Girl.

Korakorea-Girls wurden ursprünglich Mädchen genannt, die an Bord koreanischer Schiffe Sexdienste anboten. Heute bezieht sich diese Umschreibung auf alle ausländischen Fischereischiffe. Auch billiger Fisch trägt mittlerweile den Beinamen - Korakorea-Fish.

Fisch ist die Lebensgrundlage der Einheimischen. Für viele der kleineren pazifischen Inselstaaten und ihre Bewohner ist der Fischfang die einzige Einkommensquelle. Kiribati hat nur 719 Quadratkilometer Landmasse, aber 3,5 Millionen Quadratkilometer Gewässerfläche in seiner ausschließlichen Wirtschaftzone. Doch vor Ausbeutung schützen können sie ihre Gewässer nicht. Dazu fehlt einfach das Geld.

Weltweit sind mehr als drei Viertel aller Fischbestände erschöpft. Und nachdem die europäischen Flotten ihre Bestände ausgebeutet haben, orientieren sie sich Richtung Pazifik. Der Großteil des Tunfisches, der auf unseren Tellern landet, kommt aus dem Pazifik - die Hälfte des Tunfisches auf dem deutschen Markt aus Kiribati.

Es gibt immer weniger Fische, sagt Atera, ein alter Fischer, der seit seiner Jugend fast jeden Morgen zum Fischen geht. Seine Köder stellt er noch von Hand her. Als ich ein Kind war, konnten wir unseren Fisch in der Lagune fangen. Jetzt muss ich kilometerweit auf das Meer hinausfahren.

Wie viele andere Fischer kritisiert Atera auch die Mengen an Beifang, mit denen die großen ausländischen Schiffe den Fischmarkt überschwemmen. Der billige Fisch, Korakorea-Fisch, kostet gerade 90 Cent pro Kilogramm und schadet der einheimischen Wirtschaft. Den Fischern und deren Familien entzieht er die Lebensgrundlage.

Die Korakorea-Girls sind arm. Mit Hilfe ihres Jobs wollen sie Geld, Kleidung und Fisch nach Hause bringen - um das Überleben der Familien zu sichern. Viele der Mädchen sind erst 14 oder 15 Jahre alt, manche gar 12, AIDS für sie eine andauernde Gefahr. Eine Krankenschwester berichtet, dass der Großteil der AIDS-Fälle von der Fischerei-Industrie ausgeht. Die Krankheit kommt von fremden Fischern.

Durch den großen globalen Bedarf an Tunfisch durchqueren mehr und mehr Schiffe den Pazifik, sagt Lagi Toribau, Meeresexperte von Greenpeace Australien/Pazifik. Soziale Probleme, wie etwa die Prostitution junger Mädchen auf Kiribati, werden sich ausweiten. Es liegt an den Regierungen, die Probleme zu lösen.

Institutionen wie UNICEF wollen die Prostitution Minderjähriger in Pazifikstaaten wie Kiribati verbieten lassen. Doch das Problem der Überfischung bleibt bestehen. Wie ein Greenpeace-Bericht zeigt, werden Tunfischarten die Liste der bedrohten Arten anführen - wenn die Fischerei im Pazifik nicht ab sofort kontrolliert wird. Ein verantwortliches Handeln von Politik, Fischerei, Industrie und Handel ist dringend notwendig.

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