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IWC und die Folgen

Die IWC ist zu Ende und die Teilnehmer und Teilnehmerinnen wieder zurückgekehrt in ihre Heimatländer. Was bleibt sind viele Fragen nach der Einordnung der diesjährigen Tagungsergebnisse. Greenpeace Online fragte Stefanie Werner, Greenpeace Walexpertin, danach. Sie war während der IWC in St. Kitts und Nevis. Dort wurde sie aufgrund eines friedlichen Protestes gegen den Walfang mit neun anderen Greenpeacern festgenommen.

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Greenpeace Online: Was bedeutet es für die Wale bzw. den Walschutz, dass die Japaner auf der IWC in St. Kitts eine Abstimmung gewonnen haben?

Stefanie Werner: Das Treffen der Internationalen Walfangkommission war schon im Vorfeld von Spekulationen überschattet. Viele fragten sich, ob die Walfänger die Oberhand gewinnen und damit beginnen würden, den Walschutz aufzuweichen.

Das ist in dieser Form nicht passiert. Die Walschutznationen haben vier von fünf Abstimmungen gewonnen. Die IWC behält die Kompetenz, sich mit Kleinwalbelangen zu beschäftigen, auch wenn sie nicht die Jagd auf sie regelt. Das Walschutzgebiet in der Antarktis konnte nicht in Frage gestellt werden. Im Nordwestpazifik, wo Japan schon eigenmächtig ein so genanntes wissenschaftliches Forschungsprogramm betreibt, darf es nicht noch zusätzlich Küstenwalfang betreiben. Geheime Abstimmungen bleiben in der IWC weiterhin untersagt.

Allerdings haben die Walschützer nicht eine einzige progressive Resolution initiiert, sondern lediglich auf die Übergriffe Japans reagiert. Es wurden keinerlei Anträge gestellt. Beispielsweise gegen das Morden von jährlich fast 1000 Walen im Schutzgebiet der Antarktis oder auf mehr Walschutzgebiete. Genauso wenig gab es Anträge, die den pseudowissenschaftlichen Walfang Japans in Frage stellten oder gegen die Ausweitung der Jagd auf stark die gefährdeten Buckel- und Finnwale.

Die gewonnene Abstimmung stellte den ersten Sieg für Japan seit über zwanzig Jahren dar. Nun ist es an den Walschutznationen und an Organisationen wie Greenpeace, dafür zu sorgen, dass es auch der letzte war.

Greenpeace Online: Was werden die Walschützer tun, um auf der nächsten IWC weitere Abstimmungserfolge der Japaner zu verhindern?

Stefanie Werner: Das Moratorium kann erst mit einer Dreiviertelmehrheit gekippt werden. Auf diesem Wissen haben sich die so genannten like-minded, die Walschutz befürwortenden Nationen, während der vergangenen Jahren ausgeruht.

Die Deklaration von St. Kitts und Nevis muss als Weckruf verstanden werden. Die Walfangfrage muss politisch hoch angesiedelt werden und die Walfanggegner müssen sich so gut organisieren, wie die Japaner es tun. Letzten Endes geht es Japan nicht mehr um den Genuss von Walfleisch. Der Absatz hinkt gewaltig. Das Aussenden der Flotte in die fernen Gefilde der Antarktis ist mit hohen Zuzahlungen verbunden.

Vielmehr sieht Japan nach Jahrzehnten im diplomatischen und militärischen Schatten der USA, in der Frage des Walschutzes, ein Gebiet, wo es Macht beweisen kann. Und es gibt weitere Überlegungen: Wenn Eingeständnisse bei den Walen gemacht würden, dann, so die Befürchtung, folgen weitere Restriktionen anderer mariner Ressourcen. Beispielsweise auf dem Sushi-Markt, bei dem in Japan sehr beliebten aber inzwischen weltweit gefährdeten Blauflossentunfisch.

Die Walschutzländer müssen Japan endlich vermitteln, wie wichtig ihnen der Walschutz ist. Sie müssen an die Länder herantreten, die von Japan mit Entwicklungshilfegeldern gekauft wurden. Sie müssen wertvolle Aufklärungsarbeit leisten. Die Wale dürfen nicht mehr für Korruption und Bestechung sterben.

Greenpeace und anderen NGOs ist es im Vorfeld der diesjährigen Tagung gelungen, Guatemalas und Belizes Regierung zu vermitteln, dass Walfang nicht im Sinne ihrer Bevölkerung ist. Während unseres Aufenthaltes auf Saint Kitts haben wir auch von der Bevölkerung dort viel Unterstützung für die Wale bekommen. Propaganda und Lügengespinste können entlarvt werden und genau das muss in den kommenden Jahren in den von Japan bestochenen Ländern geschehen - in karibischen, pazifischen und afrikanischen, aber auch anderen Ländern. Außerdem wird Greenpeace verstärkt wichtige Lobby- und Öffentlichkeitsarbeit innerhalb Japans leisten.

Greenpeace Online: Warum seid Ihr verhaftet worden und wie ist das abgelaufen?

Stefanie Werner: Wir brachten zu Beginn der Haupttagung der IWC unser Schiff, die Arctic Sunrise, in die Gewässer von St. Kitts und Nevis. Das Schiff ist eins der beiden, die im vergangenen Winter gegen den Walfang in der Antarktis eingesetzt wurde. Es sollte auf der IWC als Kommunikationsplattform und Treffpunkt dienen.

Leider kam es nicht dazu. Die örtlichen Behörden versagten uns das Einlaufen in den Hafen. Nachdem Japan mit der St. Kitts and Nevis Declaration durchgekommen war, ging eine Welle der Ratlosigkeit durch die Reihen der Walschützer. In der Deklaration hieß es, dass das Moratorium überflüssig sei, die IWC funktionsuntüchtig geworden und dass Wale die Meere leer fressen und damit indirekt für den Hunger der Welt verantwortlich wären. Ein Schock.

Es musste etwas passieren. Unsere Idee: Wir wollten 863 Walfluken mit der Aufschrift Rest in Peace (Ruhe in Frieden) an Land bringen und sie in den Sand des Strandes vor dem Tagungsgebäude der IWC stecken. Damit wollten wir der Wale gedenken, die vergangenen Winter im Walschutzgebiet des Südpolarmeers durch japanische Harpunen sterben mussten. Und wir wollten ein Mahnmal für die Tiere setzen, die es nächsten Winter treffen soll. Doch wir konnten das Bild nicht vollenden. Die Fluken wurden beschlagnahmt. Die Sicherheitskräfte gingen ruppig damit um und auch wir wurden auf recht aggressive Weise festgenommen.

Der Protest war durchweg friedlich. Wir wurden einzeln, weit weg von der Öffentlichkeit, auf ein entlegendes Feld abgeführt, dort mit Kabelbindern gefesselt und unter wüsten Beschimpfungen fuchtelten die Polizisten mit Gewehren vor unserer Nase herum. Die Delegation von St. Kitts und Nevis versuchte uns während der Tagung sogar das Image von Ökoterroristen aufzudrücken. Sie beschuldigte Greenpeace lautstark, die Nisshin Maru während der Walfangsaison gerammt zu haben.

Nach der Festnahme wurden wir auf einen LKW verladen und ins Gefängnis von Basseterre gebracht, der Hauptstadt von St. Kitts und Nevis. Da das Verhalten der Polizei oft völlig unlogisch war, gab es schon Momente der Furcht. Doch die Welt schaute zu. Delegierte aus Argentinien, Brasilien aber auch des deutschen Auswärtigen Amtes kamen und setzten sich für uns ein.

Obwohl uns einige gerne länger im Gefängnis gesehen hätten, blieb der Polizei nichts anderes übrig, als uns so lange wie möglich in U-Haft zu behalten. Und das taten sie auch. Erst nach 30 Stunden konnten wir das Gefängnis wieder verlassen. Es gab Bußgelder wegen illegaler Einreise und wir bekamen es sogar schriftlich, dass wir auf St. Kitts nicht mehr willkommen sind.

Greenpeace Online: Was kann jeder Einzelne für die Wale tun?

Stefanie Werner: In Deutschland haben wir die begrüßenswerte Situation, dass sich die Bevölkerung für den Walschutz ausspricht. Greenpeace wird in die Antarktis zurückkehren und den Jägern ihr blutiges Geschäft so schwer wie möglich machen. Dafür brauchen wir natürlich alle Hilfe, die wir bekommen können. Jeder kann seinen Unmut gegenüber den europäischen Walfang befürwortenden Nationen äußern. Unsere Leser sollen auf unser Mitmachaktionen achten. Damit helfen sie mit ihrer Stimme, auf die Länder Druck auszuüben. Also, kommen Sie an Bord. Werden Sie Meeresschützer!

Greenpeace Online:Stefanie, vielen Dank für das Gespräch. Und noch ein Wort an unsere Leser und Leserinnen: Wenn Sie sich als Meeresschützer registrieren, werden sie über die Mitmachaktionen durch unseren Newsletter informiert.

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