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Interview: Ausblick auf die kommende IWC

Vom 23. bis 27. Juni findet in Santiago de Chile die 60. Jahrestagung der Internationalen Walfangkommission (IWC) statt. Unser Experte Thilo Maack wird die Diskussionen als Beobachter begleiten. Wir haben mit dem Meeresbiologen über seine Erwartungen an die diesjährige IWC gesprochen.

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Online-Redaktion: Thilo, was steht in diesem Jahr auf der Agenda der IWC?

Thilo Maack: Ein besonders wichtiger Punkt ist die Diskussion zur Zukunft der Internationalen Walfangkommission. Im letzten Jahr hat sich da ein Prozess entwickelt, der endlich einen Ausweg aus der jetzigen Blockadesituation öffnen soll.

Online-Redaktion: Was macht die Situation in der IWC so schwierig?

Thilo Maack: Es gibt zwei Lager, die sich in der Vergangenheit neutralisiert haben. Deshalb waren keine wirklichen Änderungen in der IWC möglich. Da ist auf der einen Seite die ganz starke Walschutzgemeinschaft. Dazu gehören Deutschland und andere europäische Nationen, aber auch Australien, die USA und fast der gesamte lateinamerikanische Kontinent.

Auf der anderen Seite gibt es die Walfänger, die den Walfang wieder kommerzialisieren und das Walfangmoratorium kippen wollen. Das sind in erster Linie Japan, Norwegen und Island. Auch China und Korea haben ein tatsächliches Interesse am Walfang. Daneben gibt es eine ganze Reihe von Entwicklungsländern, die schlicht von Japan bestochen sind. Die sind im Gegenzug zur Zahlung von Entwicklungshilfe in die IWC eingetreten, um die japanische Sache zu unterstützen.

Online-Redaktion: Erwartest du für dieses Jahr schon Fortschritte in der Diskussion?

Thilo Maack: Eher nicht. Wahrscheinlich wird es so sein wie in den vergangenen Jahren. Maßgebliche Änderungen würden eine Änderung des Konventionstextes bedingen und zur Änderung des Konventionstextes braucht man eine Dreiviertelmehrheit. Diese Dreiviertelmehrheit kommt aus den genannten Gründen faktisch nicht zustande. Weder für die eine noch für die andere Seite. Es sei denn für das Schutzgebiet im Südatlantik.

Online-Redaktion: Dieses Schutzgebiet wurde bislang von Dänemark blockiert. Jetzt sind gute Nachrichten gekommen ...

Thilo Maack: Ja! Dänemark hat einen Positionswechsel vollzogen und wird auf der kommenden IWC das Schutzgebiet Südatlantik unterstützen. Ein Riesenschritt für den Walschutz! Wir hoffen, dass dadurch ein Dominoeffekt entsteht, also auch andere Walfangnationen für das Schutzgebiet stimmen.

Online-Redaktion: Möglicherweise unterstützen die Dänen sogar einen Antrag gegen die sogenannte wissenschaftliche Waljagd der Japaner. Die ist durch den Walfleischskandal endgültig entlarvt. Glaubst du, dass sich dieser Skandal auf Japans Position in der IWC auswirken wird?

Thilo Maack: Davon ist leider nicht auszugehen. Sicherlich wird die Untersuchung durch die Staatsanwaltschaft in Japan in der näheren Zukunft zu größeren Erfolgen führen. Aber das wird die Verhandlungsposition der Japaner beim Jahrestreffen der IWC wohl kaum berühren. Die werden den Walfängerblock anführen, mit polemischen und wissenschaftlich haltlosen Argumenten für ihre Sache kämpfen und sich auch durch den Walfleischskandal nicht beeinflussen lassen.

Online-Redaktion: Japan droht immer wieder damit, aus der IWC auszutreten. Wie real ist diese Gefahr und welche Folgen hätte das?

Thilo Maack: Das würde mich sehr sehr wundern. Wale sind überall auf der Welt durch die Internationale Walfangkommission geschützt bzw. der Fang reguliert. Das gilt auch für die Hohe See, den Bereich außerhalb der nationalen Gerichtsbarkeit. Wer nicht Mitglied der IWC ist, darf auch keinen Walfang auf der Hohen See betreiben. Dort findet aber der gesamte antarktische Wissenschaftswalfang der Japaner statt. Würde Japan aus der IWC austreten, hätte es dafür keine politische Legitimation mehr.

Formaljuristisch wäre ein Austritt Japans für den Walschutz also gar nicht schlecht. Sicherlich würden die Entwicklungsländer, die Japan zurzeit unterstützen, dann auch aus der IWC austreten. Ohne die finanzielle Unterstützung der japanischen Regierung können sie ja faktisch ihre Mitgliedsbeiträge nicht aufbringen. Dann wäre es vorbei mit der gekauften Schieflage in der IWC. Stattdessen würde die Zusammensetzung der Internationalen Walfangkommission die Realität widerspiegeln, nämlich den internationalen Walschutz. Das wäre sehr sehr positiv.

Online-Redaktion: Das bleibt aber demnach wohl ein Traum. Welchen Stellenwert werden die anderen Gefahren für die Wale auf der Tagung haben, also Meeresverschmutzung, Beifang, Klimawandelfolgen? Haben sie inzwischen einen Stellenwert?

Thilo Maack: Die IWC wurde 1948 unterzeichnet. Da ging es um die Ausbeutung der Walressource als Protein-, Fett- und Ölquelle usw. Heutzutage sind andere Umwelfaktoren für Wale viel schädlicher als der Walfang. Dazu gehört die Verschmutzung der Meere, dazu gehört der hunderttausendfache Tod in den Netzen der Weltfischerei und vor allen Dingen die Verlärmung der Meere. Denn die Welt der Wale besteht aus Tönen, nicht wie für uns Menschen aus Bildern. Das hat eine große Relevanz. Die Walfangkommission widmet sich nur einem Teilaspekt, dem Walfang.

Es hat sich 2003 ein Subkomitee in der Kommission gegründet, das sogenannte Schutzkomitee. Und das will sich als Mandat in den Text schreiben, sich auch anderen Gefahren widmen zu wollen. Da das aber nur im Konsens beschlossen werden kann, gelingt es den Japanern immer wieder, dieses Mandat zu verhindern. Das ist sehr traurig. Wir hoffen, dass das irgendwann anders sein wird.

Online-Redaktion: Das klingt nicht euphorisch. Was muss deiner Meinung nach passieren, damit die IWC in Schwung kommt?

Thilo Maack: Wenn man das auf der politischen Ebene der IWC belässt, dann dauert eine maßgebliche Änderung vermutlich noch Jahre. Man müsste die Walefrage auf ein anderes politisches Niveau heben.

Ein Beispiel: Das G8-Treffen findet in diesem Jahr in Japan statt. Wenn Frau Dr. Merkel oder George W. Bush, der noch für die USA dort teilnehmen wird, zu ihren japanischen Gastgebern sagen würden, hört auf mit dem Walfang in der Antarktis, unterstützt die Walfangkommission, eine Walschutzkommission zu werden, dann hätte das sicherlich ein anderes politisches Gewicht als die Diskussionen bei der IWC.

Online-Redaktion: Ist das eine konkrete Forderung an Bundeskanzlerin Angela Merkel?

Thilo Maack: Das ist eine ganz konkrete Forderung von Greenpeace an Frau Merkel: ihr politisches Gewicht in die Waagschale zu werfen für den Schutz der Wale. Das ist auch im Sinne der deutschen Bevölkerung - darauf können wir uns sicher verlassen. Nicht zuletzt gibt es die vielen hunderttausend Greenpeace-Förderer in Deutschland, die das auch fordern und uns darin unterstützen. Bundeskanzlerin Merkel muss ihren japanischen Amtskollegen auf den Walfang ansprechen und auf eine schnelle Lösung drängen.

Online-Redaktion: Vielen Dank für das Gespräch, Thilo.

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