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Kaltwasserkorallen – bedrohte Riffe in der Tiefsee

Ingenieure des Ökosystems

Kaltwasserkorallen-Riffe in den dunklen Tiefen der Ozeane sind wahre Hotspots der Artenvielfalt. Doch dieser oft unbekannte Lebensraum im Meer ist bedroht – durch den Menschen.

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„Wir sinken mit dem Tauchboot in die absolute Dunkelheit hinunter. Der Tiefenmesser zeigt 380 Meter unter dem Meeresspiegel. Dann gehen die Scheinwerfer an – und plötzlich ist um uns herum das pralle Leben.“ Die Tauchfahrt ist Sandra Schöttner, Meeresbiologin bei Greenpeace, aus ihrer Forschungszeit lebhaft in Erinnerung. Das pralle Leben, das sind hier unzählige Meerestiere in verschiedensten Formen und Farben – Fische, Krebse, Schwämme, Schlangensterne, Muscheln, Schnecken – und Kaltwasserkorallen.

Kaltwasserkorallenriffe gibt es in allen Ozeanen der Erde – dort, wo oft kein Sonnenstrahl mehr hinreicht, in bis zu 3000 Metern Tiefe. Streift jedoch das Scheinwerferlicht eines Tauchbootes die Korallen, leuchten sie auf. Rot, Gelb, Weiß.

Doch wie können diese Blumentiere abseits von Wärme und Licht überleben und sich ausbreiten? „Anders als tropische Korallen leben Kaltwasserkorallen nicht in Symbiose mit Algen, die Photosynthese betreiben“, weiß Henning May, Taucheinsatzleiter im Ozeaneum Stralsund. „Sie filtern Zooplankton und organisches Material aus dem Wasser, reichlich zu finden in Meeresgebieten mit starken Strömungen, die viele Nährstoffe transportieren.“ Mit Hilfe der aufgenommenen Nahrung bilden Kaltwasserkorallen wie die Steinkoralle Lophelia pertusa Kalkskelette, aus denen schließlich ganze Riffe entstehen. Sie wachsen oft über tausende von Jahren. Eine einzelne Kolonie kann mehrere Meter Durchmesser erreichen, die gesamte Riffstruktur sogar bis zu 200 Meter Höhe. Als Ökosystem-Ingenieure schaffen die Korallen so neuen Lebensraum für unzählige Tierarten wie kleine Krebse – und die Kinderstube für Rotbarsch, Dorsch und Wittling.

Gefährdete Schönheiten

Nur wenige Kaltwasserkorallenriffe sind so gut erforscht wie die am Kontinentalrand bei Norwegen. Dort hat das Ozeaneum die Exponate für seine Ausstellung geborgen. Viele Riffe kennen die Forscher jedoch gar nicht. Und obwohl der Mensch doch so wenig über die fragilen Gebilde und ihre Verbreitung im Verborgenen der Meerestiefen weiß, gefährdet er doch ihre Ökosysteme: Zerstörerische  Fischereimethoden und der Klimawandel beeinträchtigen das Leben an den Riffen und richten zum Teil verheerende Schäden an.

„Ein Grundschleppnetz mit einer um die 100 Meter breiten Öffnung, das mit tonnenschwerem Geschirr aus Eisenketten den Meeresboden umpflügt, hinterlässt nichts als ein Trümmerfeld – und vernichtet so in Minuten, was über tausende von Jahren gewachsen ist“, sagt Sandra Schöttner.

Schleichender, aber nicht weniger bedrohlich sind die Veränderungen, denen die Korallen durch den Klimawandel ausgesetzt sind: Durch steigende Kohlendioxid-Emissionen müssen die Meere immer mehr Kohlenstoffdioxid aus der Erdatmosphäre aufnehmen. Im Wasser reagiert es dann zu Kohlensäure; die macht es kalkbildenden Korallen schwer, ihre Skelette aufzubauen. Diese lösen sich sogar umso leichter auf, je mehr das Wasser versauert. Das Problem dabei: Mit dem Auflösen der Korallenskelette fällt irgendwann das gesamte Kalkfundament des Riffs buchstäblich in sich zusammen. Zudem kann es durch den Klimawandel bedingten Säure- und Temperaturanstieg zu Verschiebungen in der Nahrungskette kommen, die über Leben oder Tod im Riff entscheidend sind.

Schützt die Meere!

„Nur was wir kennen, können wir schützen“, sagt Henning May, der mit seinem Team einige Kaltwasserkorallen aus den Meerestiefen vor Norwegen gehoben und nach Stralsund gebracht hat. Sie sollen die Besucher des Ozeaneums auf die Sensibilität des Ökosystems in der Tiefsee aufmerksam machen – als „lebendige Exponate“. Auch Greenpeace ist schon lange für den Schutz der Tiefsee aktiv. Die Umweltschutzorganisation verhandelt immer wieder mit Vertretern aus Politik und Wirtschaft, plädiert für ein Verbot der Grundschleppnetzfischerei und fordert die Ausweisung von Meeresschutzgebieten. Und sie hilft Verbrauchern ganz praktisch: Für jeden, der nicht möchte, dass die Kaltwasserkorallenriffe zerstört und Bestände überfischt werden, lohnt sich ein Blick in den Greenpeace-Fischratgeber. Der zeigt beispielsweise an, dass auf  Rotbarsch besser verzichtet und Kabeljau aus Langleinen-Fischerei gewählt werden sollte – damit die Hotspots der Artenvielfalt in der Tiefsee noch lange erhalten bleiben.

Ein Experten-Talk mit Henning May und Sandra Schöttner zum Thema Kaltwasserkorallen fand in der Hamburger Greenpeace-Zentrale statt. Aktuelle Hinweise zu Greenpeace-Veranstaltungen finden Sie hier.

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