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Ölunfall der Exxon Valdez - längst nicht ausgestanden

Am 24. März 2009 jährt sich zum 20. Mal der Tag, an dem die Exxon Valdez im Prince William Sound von Alaska havarierte. Der 300 Meter lange Tanker lief auf ein Riff, 40.000 Tonnen Rohöl flossen in die arktischen Gewässer - mit verheerenden Folgen für Menschen und Umwelt. Hat die Region das Unglück überstanden? Greenpeace-Experte Jörg Feddern gibt Auskunft.

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Online-Redaktion: Jörg, am 24. März 1989 ist die Exxon Valdez im Prince William Sound havariert - die größte Ölkatastrophe der US-Geschichte. Wie sieht es heute dort aus?

Jörg Feddern: Was kaum einer erwartet hat und wirklich erschütternd ist: Auch heute, 20 Jahre nach der Katastrophe, hat der Sund sich nicht erholt, noch heute ist dort Öl zu finden. Zum Teil richtig frisches Öl, schätzungsweise 80.000 Liter in verschiedenen Regionen des Prince William Sound - so frisch, als sei der Unfall erst gestern passiert, und giftig wie eh und je.

Ein neuer Report sagt, dass sich von den untersuchten Tierarten zwei bis heute nicht erholt haben. Eine dieser Arten sind die Heringe. Heringe spielen in diesem Ökosystem eine zentrale Rolle, weil sie eine der Hauptnahrungsquellen zum Beispiel für Orcas sind, für Seeotter, für bestimmte Seevögel.

Erst durch intensive Forschungen - erstmals über diesen langen Zeitraum - sind wir zu der Erkenntnis gekommen, dass die Folgen noch vor zehn Jahren unterschätzt wurden. Die Erholung nach einem Ölunfall dauert viel viel länger als angenommen - gerade dort oben.

Online-Redaktion: Wegen der niedrigen Temperaturen?

Jörg Feddern: Ja, das ist einer der Hauptpunkte: dass das Öl durch die niedrigen Temperaturen sehr sehr schlecht abgebaut wird und nicht verwittert. Das zweite ist, dass das Öl mit grobem Kies und Sanden überdeckt wurde und nicht mehr an die Luft gekommen ist. Dadurch ist es praktisch konserviert worden. Viele Tiere, wie Seeotter oder bestimmte Seevögel, tauchen und buddeln auf dem Meeresboden nach Muscheln. Dadurch bringen sie das Öl immer wieder ins Ökosystem zurück, wo es dann seine giftige Wirkung entfaltet.

Die Population der Orcas zum Beispiel, die dort leben und gern beobachtet werden, erholt sich zwar langsam. Aber der Bestand ist immer noch deutlich kleiner als vor dem Ölunfall. Das sind typische Hinweise darauf, dass dieses Ökosystem noch viele viele Jahre, die Rede ist von Jahrzehnten, brauchen wird, um sich vollständig zu erholen.

Online-Redaktion: Das betrifft vor allem die Ölreste im Meer?

Jörg Feddern: Überwiegend die Ölreste auf dem Meeresboden, ja. Im Report wird von der Gezeitenzone gesprochen. Die Forscher haben in bestimmten Gebieten Löcher gegraben und waren ganz überrascht, reinzugreifen und das Gefühl zu haben, das Öl sei gerade aus dem Tanker ausgelaufen. Dann haben sie ungefähr 450 Meilen, umgerechnet etwa 700 Kilometer entfernt gesucht und auch dort noch Öl gefunden.

Online-Redaktion: Damals sind sehr aufwendige und teure Reinigungsarbeiten durchgeführt worden. Die waren demnach nur bedingt erfolgreich.

Jörg Feddern: Ja, für die Augen wurde das Öl beseitigt, aber die Spuren unter dem Meeresspiegel konnten durch die Arbeiten nicht beseitigt werden.

Noch etwas zu den Reinigungsarbeiten: Die eingesetzten Hochdruckreiniger haben der Umwelt wahrscheinlich mehr geschadet als damals angenommen wurde. Ganze Pflanzengemeinschaften wurden zerstört. Sie bauen sich erst heute ganz langsam wieder auf. Das kommt vom Öl, aber auch von diesen Hochdruckreinigern, die das ganze fragile System sehr geschädigt haben. Auch das ist eine Erkenntnis aus dem Unfall. Allerdings weiß bis heute niemand, wie man damit umgehen soll. Das ist ein großes und ungelöstes Problem.

Exxon - Verantwortungsbewusstsein unbekannt

Online-Redaktion: Der Fall Exxon Valdez kam vor Gericht, ist durch etliche Instanzen gegangen. Der verantwortliche Konzern Exxon Mobil (Esso) hat sich geweigert zu zahlen, hat immer wieder Revision eingelegt. Wie ist das Verfahren ausgegangen?

Jörg Feddern: Exxon ist 2008, nach 19 Jahren Auseinandersetzung, zu einer Geldstrafe von 500 Millionen US-Dollar verurteilt worden - zu zahlen an die Geschädigten, die dort oben leben und die vom Öl stark in Mitleidenschaft gezogen wurden. Diese 500 Millionen sind der Rest von fünf Milliarden US-Dollar, die ursprünglich als Strafzahlung angesetzt waren.

Für mich ist das Urteil ein Schlag ins Gesicht dieser Menschen. Es zeigt wieder einmal, dass die Konzerne mit ihrer großen Macht, ihrem großen Einfluss und vor allem ihrem großen Geld so lange prozessieren können, bis sie die Strafzahlung - mal ganz ehrlich - aus der Portokasse begleichen können.

Exxon hat alle rechtlichen Mittel ausgeschöpft, hat immer wieder Revision eingelegt. Das Verfahren ging zwischen Alaska und Washington hin und her. Abhängig von den Richtern wurde die Strafzahlung erst halbiert, dann neu festgelegt, dann wieder verworfen. Es war ein Verwirrspiel und, wie ich finde, keine schöne Geschichte für den Rechtsstaat USA und vor allem für die Betroffenen, die durch diesen Ölunfall massiv gelitten haben und überhaupt nichts dafür konnten.

Online-Redaktion: Wie viele Menschen waren oder sind noch heute betroffen?

Jörg Feddern: Es haben etwa 40.000 Menschen aus diesem Gebiet geklagt. Davon sind etliche schon nicht mehr am Leben. Sie sind gestorben, ohne Gerechtigkeit erfahren zu haben. Die anderen erhalten jeder ungefähr 15.000 US-Dollar. Wenn man sich vor Augen führt, dass Exxon 2007 einen Rekordgewinn von 40,6 Milliarden US-Dollar eingefahren hat, den bis dahin größten Gewinn ihrer gesamten Firmengeschichte, dann sind diese 500 Millionen ein schlechter Witz.

Online-Redaktion: Wie hat sich der Ölunfall damals auf die Menschen ausgewirkt und wie sieht ihre Situation heute aus?

Jörg Feddern: Der Unfall hat Menschen getroffen, die mit und von der Natur gelebt haben. Er hat Inuits getroffen, Fischer getroffen. Vor allem die Fischer haben von heute auf morgen ihre Existenz verloren, weil die Heringsbestände zusammenbrachen, die Lachse wegblieben. Und wie gesagt: Die Heringsbestände sind bis heute nicht so, dass eine gesunde Fischerei wieder aufgenommen werden könnte. Der Tourismus in dieser Region erholt sich langsam wieder. Auf den ersten Blick ist ja nicht zu sehen, dass dort etwas passiert ist. Auf den zweiten Blick sieht man es.

Dadurch, dass die Menschen ihre Existenz verloren haben, ist natürlich auch das soziale Gleichgewicht aus dem Ruder gelaufen. Exxon hat damals viele der Betroffenen schnell zum Beseitigen des Öls angestellt, hat viele viele Leute dorthin transportiert. Es gab einen vollkommenen Umbruch: von einer unberührten, relativ ruhigen Region zum Zentrum des Interesses und der Ölarbeiten. Das ganze alte Leben war mit einem Schlag vorbei.

Exxon - stur auf altem Kurs

Online-Redaktion: Die Exxon Valdez wurde repariert, umbenannt und wieder aufs Meer geschickt. Gibt es sie eigentlich immer noch?

Jörg Feddern: Die Geschichte dieses Schiffes zu verfolgen, ist wirklich interessant. Das Schiff wurde damals tatsächlich repariert und hätte vom Einhüllentanker zum Doppelhüllentanker umgebaut werden können. Darauf hat Exxon verzichtet. Es war ihnen zu teuer! Dann hat Exxon für seine gesamte Tankerflotte eine Tochterfirma gegründet, die Sea River Maritime. Die übernimmt seitdem die Verantwortung, wenn es zu Unfällen kommt - nicht Exxon direkt. Das ist legal, aber zeigt eben auch, wie die großen Konzerne mit solchen Unfällen umgehen.

Danach hat Exxon gerichtlich durchzusetzen versucht, dass die Exxon Valdez wieder auf ihrer alten Route zwischen Kalifornien und Alaska fahren kann. Das wurde aber gerichtlich untersagt - was Exxon sehr geärgert hat. Sie haben das Schiff umbenannt und in andere Regionen geschickt: Pazifik, Australien, Rotes Meer. Im September 2008 wurde es endgültig verkauft - nach China. Jetzt ist es zu einem Erzfrachter umgebaut und fährt immer noch.

Noch interessanter: Viele Ölfirmen haben durch diesen Unfall wirklich dazugelernt und ihre Tankerflotten modernisiert. Nicht so Exxon. Exxon setzt noch heute auf dieser Route das Schwesterschiff der Exxon Valdez ein, einen Einhüllentanker, der genau die gleiche Funktion hat wie damals die Exxon Valdez. Der Konzern zeigt keinerlei Verantwortungsbewusstsein. Ob die Meere verseucht, Ökosysteme zerstört, Menschen um ihre Existenz gebracht werden, interessiert ihn nicht.

Online-Redaktion: Welche Konsequenzen sind insgesamt aus der Katastrophe gezogen worden?

Jörg Feddern: Zum einen wurden sehr viele Mittel bereitgestellt, um die Folgen des Unfalls zu untersuchen und daraus zu lernen. Das ist sehr wichtig auch für zukünftige Ölunfälle, die ja immer wieder passieren.

Die zweite Konsequezenz war, dass der Oil Pollution Act verabschiedet wurde und die USA damals, was die Ausmusterung alter Tanker anging, sehr fortschrittlich waren. Heute gilt international, dass Einhüllentanker bis 2010 von den Weltmeeren verschwunden sein müssen. Aber auch da gibt es Ausnahmen. Unter bestimmten Umständen dürfen diese alten Einhüllentanker bis 2015 fahren.

Es hat sich also etwas getan. Man sollte diese Schiffe aber wesentlich schneller von den Weltmeeren holen. Die Exxon Valdez war ja nur ein Fall unter vielen. Es ist auch danach immer wieder zu schweren Ölunfällen gekommen. Und es gibt eben die Möglichkeit, solche Schiffe zu Chemietankern oder Erzfrachtern umzufunktionieren. Leider. Mit Tankern, die älter als 20 Jahre sind und keine Doppelhülle haben, muss aus unserer Sicht Schluss sein - konsequent.

Online-Redaktion: Vielen Dank für das Gespräch, Jörg.

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