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Katastrophales Öl

Landschaften, die im Öl versinken, Menschen, die gezwungen sind, öliges Wasser zu trinken und ölverseuchten Fisch zu essen. Nur einige Auswirkungen des russischen Schwarzen Goldes, das nach Europa und Deutschland exportiert wird. Der Greenpeace-Ölexperte Karsten Smid hat kürzlich die ökologische Katastrophenzone in Westsibirien besucht. Lesen Sie seinen Augenzeugenbericht:

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Von Nischnewartowsk ins Samotlor-Ölfeld, dem sechstgrößten Ölfeld der Welt, sind es nur wenige Kilometer. Eines fällt uns sofort auf: Die jahrzehntelange rücksichtslose Ausbeutung des Öls hat schwere Umweltschäden hinterlassen. Unbeseitigte Öllecks, marode Pipelines und krächzende Ölpumpen prägen das Bild.

Total verrostete, nicht mehr benutzte Pipelines ziehen sich kreuz und quer durch die Landschaft. Doch um die Entfernung der Altlasten kümmert sich keiner: Neue Ölpumpen werden direkt neben den alten Ölleckagen installiert.

Die aktuelle Fördersituation ist nicht viel besser. Wir sehen frische Öllecks, und durch die Gasabfackelung gelangen dicke Rußschwaden in die Atmosphäre.

Menschen leiden - Ölkonzerne schauen weg

Vor allem die armen Menschen in den Vororten von Nischnewartowsk versorgen sich mit Brunnenwasser. Als wir einen Brunnen inspizieren, klagt eine Anwohnerin: Ihr im Westen bekommt unser Öl, wir müssen mit dem ganzen Dreck leben. Vor die Kamera traut sie sich nicht. Kein Wunder, denn die Region ist abhängig von den Ölkonzernen und die spielen ihre Macht aus.

Der Krebsarzt Prof. Dr. Rykov, Leiter der Krebsklinik in Tjumen, äußerte sich sehr besorgt über die hohe Krebsrate innerhalb der Bevölkerung. Prof. Rykov erklärt, es sei wissenschaftlich bewiesen, dass es eine erhöhte Krebsrate in den Regionen um die Ölfelder gibt und dass diese unmittelbar mit den Ölleckagen zusammenhängt.

Er warnt davor, dass in den kommenden 15 Jahren eine neue Krebswelle auf uns zurollt. In seinem Krankenhaus beobachtet er, dass seine Patienten immer jünger werden. Doch bisher haben sich Vertreter der Ölindustrie nicht blicken lassen, die interessieren sich für seine Forschungsergebnisse nicht.

Seit sechs Jahren wissen deutsche Ölkonzerne bescheid

Das erschreckende Ausmaß der Ignoranz können wir selbst in Augenschein nehmen. Uns gelingt es, den mit Maschinenpistole und schusssicherer Weste ausgestatteten Wachposten zu passieren. Unser Taxi wird durchsucht, aber der Posten schöpft keinen Verdacht. Vor Ort zeigt sich ein Bild des Grauens.

Wir sehen zahlreiche kleine und große Ölleckagen. 20 Minuten lang schlagen wir uns durch einen dichten Birkenwald und gelangen auf ein großes Feld. Vor uns erstreckt sich auf fünf Kilometer Länge ölgetränkter Boden. Alles Leben ist abgestorben und der Ölgestank beißt in der Nase.

Das alles ist den deutschen Ölkonzernen bekannt. Greenpeace hatte mit einer Ölkampagne im Jahr 2000 bereits darauf aufmerksam gemacht. Im August 2001 luden Greenpeace-Aktivisten ölverseuchte russische Erde in der Berliner Konzernzentrale von TOTAL ab. Greenpeace forderte von TOTAL endlich Verantwortung für die Herkunft seines Öls zu übernehmen und umgehend Geld für Sanierungsprojekte in den russischen Fördergebieten bereitzustellen.

Zuerst versuchte der Konzern abzuwiegeln. Startete dann aber ein Pilotprojekt zur Sanierung ölverseuchter Flächen. Auf Nachfrage stellte sich heraus, dass das Pilotprojekt eine Größe von 1.000 Quadratmeter (0,1 Hektar) hatte. Lächerlich klein im Verhältnis zu den ölverseuchten Regionen.

Auch der Dachverband der Mineralölwirtschaft (MWV) kündigte gegenüber Greenpeace an, sich um die Frage zu kümmern und schrieb einen Brief an den damaligen Staatssekretär Dr. Frank-Walter Steinmeier, den Chef des Bundeskanzleramts. Die Initiative der Mineralölwirtschaft verlief im Sand, so wie das russische Öl in die sibirische Taiga sickert, erklärt Smid.

An unserem Ende der Pipeline muss sich was ändern

In einer Welt, die durch die Globalisierung zusammenwächst, kann uns das Schicksal in den russischen Ölfördergebieten nicht egal sein. Denn zweifelsohne sind es die westlichen Ölkonzerne, die Milliarden an dem Ölgeschäft verdienen. Erst die hohe Nachfrage aus Deutschland und Europa nach russischem Öl führt dazu, dass die Ölhähne in Russland aufgedreht werden. Es existiert eine Mitverantwortung der deutschen Ölimporteure für die russischen Öllecks.

So wie IKEA keine Teppiche mehr verkauft, die in Kinderarbeit hergestellt wurden, sollten die Ölkonzerne sich darauf verständigen, nur noch Öl, das unter Einhaltung internationaler Standards gefördert wird, auf den deutschen Markt zu bringen. Smid: Wir werden nicht locker lassen, bis sich am anderen Ende der Pipeline etwas ändert.

Deshalb fordert Greenpeace von den russischen Ölkonzernen und ihren westlichen Partnern, gemeinsam zu beginnen die Pipelinelecks zu schließen. Die maroden Pipelines müssen ersetzt und die ölverseuchten Böden abgetragen werden.

Weitere Informationen und einen Filmbeitrag zum herunterladen finden Sie auf den Seiten der ARD-Sendung Report Mainz. Nutzen Sie einfach den Link am Ende dieses Artikels.

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