Archiv: Artikel kann veraltete Informationen enthalten

Kadetrinne: Ölkatastrophe jederzeit möglich

Greenpeace und ein Vertreter der Kieler Überseelotsen haben am Montag in Hamburg das Ergebnis ihrer vierwöchigen Kadetrinnen-Beobachtung bekannt gegeben. Ihre Bilanz: Eine Ölpest in der viel befahrenen Ostsee-Passage ist jederzeit möglich. Sechs grundlegende Forderungen müssen nach Meinung der Beobachter erfüllt werden, um mehr Schiffssicherheit auf den Meeren zu gewährleisten.

100 bis 150 Schiffsbewegungen täglich haben die Umweltschützer und Lotsen in der Zeit vom 11. Dezember 2002 bis zum 12. Januar 2003 per Radar verfolgt. Sie dokumentierten rund 250 Verkehrssituationen und identifizierten per Schlauchboot 144 Schiffe namentlich. Darunter 112 Tanker, von denen sie 24, also fast ein Viertel, als schwimmende Zeitbomben bezeichnen: Uralt-Tanker, die nur über eine einzige Schiffshülle verfügen.

Die Kadetrinne zwischen der deutschen Halbinsel Darß und der dänischen Insel Falster ist eine der meistbefahrenen Schifffahrtsrouten der Welt. Gleichzeitig gilt sie wegen ihrer geringen Breite und Tiefe als gefährliches Fahrwasser. An ihrer schmalsten Stelle steht tief im Wasser liegenden Riesenpötten nur eine Breite von 500 Metern zur Verfügung. Links und rechts der schmalen Rinne steigt der Meeresboden hier von gewöhnlich 20 auf nur 10 bis 13 Meter Tiefe an. 22 Unfälle sind in den letzten zehn Jahren in der Kadetrinne registriert worden, trotzdem gibt es bisher keine Lotsenpflicht.

Bislang hat die deutsche Ostseeküste einfach Glück gehabt. Eine schwere Ölpest ist jederzeit möglich! kommentiert Greenpeace-Schifffahrtsexperte Christian Bussau das Ergebnis der Überwachung. Nachdem wir erleben mussten, wie gefährlich die Situation durch veraltete Tanker in der Kadetrinne ist, haben wir Forderungen an die Bundesregierung, die EU und die International Maritime Organisation (IMO).

Mit sechs Forderungen als Konsequenz aus ihren Beobachtungen sind Greenpeace und die Kieler Lotsen gemeinsam an die Öffentlichkeit gegangen:

  • Lotsenpflicht für die Kadetrinne
  • Meldepflicht für alle Schiffe, die das Gebiet passieren wollen
  • verbesserte Radarüberwachung
  • Notliegeplätze in ganz Europa für havarierte Schiffe
  • eine gemeinsame Küstenwache und vor allem
  • ein sofortiges weltweites Verbot für Tanker, die über 20 Jahre alt sind und keine Doppelhülle besitzen.

Die von der EU herausgegebene Schwarze Liste mit 66 Schiffen reicht den Umweltschützern nicht. Nach ihren Recherchen sind weltweit 3437 gefährliche Chemie- und Öltanker auf den Meeren unterwegs. 50 Prozent der Tankerflotte stellen ein Problem dar. Welche Gefahr von ihnen ausgeht, beweist die Havarie der Prestige im November 2002: Seit zwei Monaten verschmutzen immer neue Ölteppiche die spanische, portugiesische und französische Atlantikküste.

Hier können Sie die schwarze Liste schrottreifer Tanker und die Liste namentlich identifizierter Schiffe

downloaden.

Weiterführende Publikationen zum Thema

Bedrohte Tiefsee

Der Wettlauf um die Ressourcen auf dem Meeresboden hat begonnen. Grund ist der große Hunger der Hightech-Industrie nach Kobalt, das sich in den Manganknollen in tausenden Metern Tiefe befindet. So wird der Tiefseebergbau eine der schwerwiegendsten neuen Bedrohung für unsere Ozeane, noch bevor wir ihre sensiblen Ökosysteme und ihre Prozesse überhaupt verstanden haben.

Antarktis: Schutz fürs südliche Polarmeer

Gesunde Meere sind überlebenswichtig: Sie schenken uns Sauerstoff und binden klimaschädliches CO2. Das macht sie zu unseren besten Verbündeten im Kampf gegen den Klimawandel.

Mehr zum Thema

Für Jahrzehnte konserviert

Der Öltanker Exxon Valdez havarierte vor 30 Jahren vor der Küste Alaskas. Giftige Ölreste sind noch heute da. Über die Folgen spricht Greenpeace-Experte Jörg Feddern im Interview.

Auf der Anklagebank

Umweltschutz steht in Norwegen sogar in der Verfassung. Die Regierung erlaubt dennoch hochriskante Bohrungen in der Arktis. Aktivisten klagen dagegen – und protestieren vor Ort.

„Ein gewaltiges Unterfangen“

Vor 22 Jahren besetzten Greenpeace-Aktivisten die Ölplattform Brent Spar – Christian Bussau war dabei. Im Interview schildert er die Aktion – und die aktuelle Situation vor Ort.