Archiv: Artikel kann veraltete Informationen enthalten

Expeditionstour zur Ölpest im Golf

In wenigen Stunden startet das Greenpeace-Schiff Arctic Sunrise in den Golf von Mexiko. Greenpeace sammelt bis Oktober direkt vor Ort Daten und Informationen über die Auswirkungen einer der größten Ölkatastrophen weltweit. Die deutsche Forschungstaucherin Regine Frerichs ist als langjährige Greenpeace-Mitarbeiterin mit an Bord. Im Interview berichtet sie von ihren Beweggründen und Erwartungen an die Tour.

  • /

Online-Redaktion: Regine, die Arctic Sunrise startet in Florida mit dir an Bord in den Golf von Mexico. Was ist das Ziel eurer Reise?

Regine Frerichs: Unser Ziel ist es, die Auswirkungen der Ölkatastrophe, die BP im Golf von Mexiko verursacht hat, zu untersuchen. Wir wollen Wissenschaftler mit unabhängigen Informationen versorgen. Das, was da passiert ist, ist einmalig in der Geschichte der Umwelt-Katastrophen. Ich rechne damit, dass vieles nicht bekannt ist.

Zuerst werden wir eine Bestandsaufnahme von den Gebieten mit vergleichbarer Fauna und Flora machen, die noch nicht betroffen sind. Dort werden Proben genommen, die man im Anschluss mit Proben aus den kontaminierten Gebieten vergleichen kann. Ich weiß, dass einige Wissenschaftler Schwämme untersuchen werden. Das sind Filtrierer, die sehr viele Schadstoffe sammeln und Hinweise auf die Verschmutzung geben.

Online-Redaktion: Was ist deine Funktion auf der Arctic Sunrise?

Regine Frerichs: Ich gehe als Taucher-Einsatzleiterin an Bord. Ich habe viele Jahre als Forschungstaucherin gearbeitet. Auch bei Greenpeace haben wir Vorschriften, die sich an regulären Sicherheitsstandards orientieren. Ich bin dafür zuständig, dass alles sicher abläuft und koordiniert wird. Ich werde auch tauchen und Proben nehmen, aber es werden auch Wissenschaftler und Medienvertreter tauchen, um sich selbst ein Bild machen zu können.

Online-Redaktion: Du hast in deinem Blog schon ein wenig von dem typischen Alltagsbetrieb auf dem Schiff berichtet. Wie hast du dich auf deine Aufgaben als Taucherin vorbereitet?

Regine Frerichs: Ich habe mich speziell für diese Tour mit entsprechenden Tauchgängen vorbereitet. Ich habe einen neuen Tauchanzug, an den ich mich gewöhnen muss, damit er mir vertraut wird. Um fit und auf dem neuesten Stand zu sein, habe ich mit spezieller Ausrüstung getaucht und gemeinsam mit einem Sicherheitstaucher Leinentauchen trainiert.

Online-Redaktion: Das Tauchteam auf der Arctic Sunrise wird auch in kontaminiertem Wasser tauchen, das ist sicherlich eine große Herausforderung.

Regine Frerichs: Die Herausforderung ist, dass man ohne Schaden wieder herauskommt. Wir wissen nicht, was uns erwartet. In ölverseuchtem Wasser zu Tauchen ist sehr unangenehm und die Ausrüstung wird sehr in Mitleidenschaft gezogen. Man sollte aufpassen, dass nichts an die Haut gelangt.

Aber nicht nur das Öl ist problematisch, sondern auch das Corexit ist sehr giftig, das BP ins Meer geschüttet hat. Diese Chemikalie soll das Öl binden und in kleinste Teilchen zersetzen, sodass es von den Bakterien besser gefressen werden kann. Es sinkt dann ab. Es ist nichts darüber bekannt, in welcher Konzentration Corexit im Wasser vorherrscht und ob es einen Überschuss dieser Chemikalie gibt, die sich noch nicht mit dem Öl verbunden hat. Ich vermute, dass die Sicht eingeschränkt sein wird, dass es Schlieren gibt, wie wenn sich Süßwasser mit Salzwasser vermischt. Wenn das der Fall ist, sollten wir das Wasser schnell wieder verlassen.

Online-Redaktion: Bist du bereits früher in kontaminiertem Wasser getaucht?

Regine Frerichs: Ich bin vor vier Jahren im Libanon gewesen. Vierzehn Tage nach Ende des Krieges. Die Israelis hatten ein Kraftwerk südlich von Beirut zerbombt und dort ist viel Öl ins Meer gelaufen. Wir haben die Auswirkungen des über 150 Kilometer langen Ölteppichs untersucht. Dort sind wir in ölverschmiertem Wasser getaucht. Ich habe schon eine Vorstellung von dem, was mich im Golf erwartet.

Online-Redaktion: Vor mehr als drei Monaten ist die Deepwater Horizon havariert; das Thema begegnet uns täglich in den Medien. Wie hast du diese Ereignisse persönlich erlebt?

Regine Frerichs: Mein Entsetzen ist von Tag zu Tag genauso gewachsen wie von vielen anderen Menschen auch. Meere sind meine Passion. Meere, Wasser, Wale - dem fühle ich mich besonders verbunden. Deswegen ist gerade das Ölthema ein Herzensthema für mich!

Ich hoffe, dass die Schuldigen zur Verantwortung gezogen werden. Wobei ich nicht sehe, dass man so eine Katastrophe wieder gut machen kann. Diese Schäden sind mit Geld nicht aufzuwiegen. Wie will man ein Leben mit Geld bezahlen? Wie will man eine zerstörte Natur mit Geld aufwiegen? Das geht nicht. Man kann Fischer entschädigen, man kann die Tourismusbranche mit Geld entschädigen. Aber was ist mit den Menschen und Tieren, die ums Leben gekommen sind? Für mich erscheint es als reinste Augenwischerei, dass BP sagt, sie kommen für alle Schäden auf. Mein Ansporn ist es deshalb, dass diese Katastrophe wirklich untersucht wird.

Online-Redaktion: Wirst du uns über deine Erlebnisse im Golf von Mexiko weiter auf dem Laufenden halten?

Regine Frerichs: Ja, sicher. Das fing in der Antarktis an, da habe ich auf den Schiffstouren immer Tagebuch geschrieben. Daraus ist dann auch ein Buch entstanden. Jetzt im Golf bietet es sich auch an. So kann ich jeden Tag festhalten, was ich gesehen und erlebt habe. Ich bin sehr gespannt, was da auf mich zukommt.

Was hat Regine bisher erlebt? Hier geht es zum Blog von Regine Frerichs.

Publikationen

Ein Jahr nach Deepwater Horizon

Greenpeace - Ölexperte Jörg Feddern machte sich ein Jahr nach dem "Deepwater Horizon" - Unglück auf den Weg in die USA um dort die Folgen zu dokumentieren.

Weiterführende Publikationen zum Thema

Antarktis: Schutz fürs südliche Polarmeer

Gesunde Meere sind überlebenswichtig: Sie schenken uns Sauerstoff und binden klimaschädliches CO2. Das macht sie zu unseren besten Verbündeten im Kampf gegen den Klimawandel.

Mehr zum Thema

„Ein gewaltiges Unterfangen“

Vor 22 Jahren besetzten Greenpeace-Aktivisten die Ölplattform Brent Spar – Christian Bussau war dabei. Im Interview schildert er die Aktion – und die aktuelle Situation vor Ort.

Doppelt hält besser

Erfolg fürs Wattenmeer! Auch ein von Schleswig-Holsteins Umweltminister Robert Habeck in Auftrag gegebenes Gutachten besagt: Ölbohrungen im Wattenmeer sind nicht rechtens.

Ein klarer Fall

Der schleswig-holsteinische Umweltminister kann Ölbohrungen im Wattenmeer umgehend untersagen. Das Recht ist auf seiner Seite, so ein Gutachten im Auftrag von Greenpeace.