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Ölpest in China

Bis zu 60 Mal größer als offiziell angegeben

Fast drei Wochen sind seit der Explosion zweier Öl-Pipelines in der chinesischen Hafenstadt Dalian vergangen. Gemeinsam mit Greenpeace hat Richard Steiner (University of Alaska) die ökologischen Folgen für die Region eingeschätzt und das Ausmaß der Ölpest hochgerechnet: Entgegen der offiziellen Daten scheinen bisher 60.000 bis 90.000 Tonnen Rohöl ausgeflossen zu sein - mehr als beim Ölunglück der Exxon Valdez 1989 in Alaska.

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Obwohl die offizielle Schätzung der Regierung das ausgelaufene Öl auf gerade einmal 1.500 Tonnen beziffert, gehen wir von einer sehr viel größeren Menge aus, betont Richard Steiner, Ölexperte aus Alaska. Die chinesische Regierung und der betroffene Ölkonzern PetroChina stellen zu wenige Daten zur Verfügung, um auf dieser Basis eine Schätzung zu erstellen.

Doch einige Anhaltspunkte weisen auf eine weitaus größere Ölmenge hin. Allein der explodierte Tank umfasste ein Volumen von etwa 90.000 Tonnen Rohöl. Zusätzlich scheinen im PetroChina Terminal Erdöl- und Dimethylbenzol-Tanks zu eng aneinander gereiht worden zu sein. Um das Feuer aufzuhalten und die gefährliche Chemikalie zu schützen, wurden zusätzliche Erdöltanks vorsätzlich ausgeleert.

Aufräumarbeiten dauern an

Nach Angaben der chinesischen Regierung konnte das austretende Öl sechs Tage nach der Explosion gestoppt werden. Zwischen 1.200 und 4.000 Fischerboote haben in Kleinarbeit das Öl von der Wasseroberfläche geschöpft und zu einer der 16 Sammelstationen gebracht. Wir schätzen, dass rund 60.000 Tonnen Öl eingesammelt wurden, sagt Wissenschaftler Steiner.

Das wäre mehr, als bei der weitaus größeren Ölpest im Golf von Mexiko mit einem Aufwand von über zwei Milliarden US-Dollar eingesammelt werden konnte. Es ist ein Wunder, wie das die 20.000 Fischer mit ihren bloßen Händen geschafft haben. Dennoch lagern bereits beträchtliche Ölmengen auf hoher See, in Küstennähe und an den Stränden.

Giftige Lösungsmittel

Wie bereits im Golf von Mexiko setzen die Verantwortlichen auch bei der chinesischen Ölpest unkontrolliert chemische Lösungsmittel ein. Sogar rund um die Farmen mit Meeresfrüchten ist die chemische Keule unbekannter Herkunft im Einsatz. Berichten zufolge wurden zusätzlich 23 Tonnen Bakterien auf den Ölschlamm verteilt, um die biologische Zersetzung des Öls voranzutreiben. Das ist ebenfalls kein Standardverfahren für die Anwendung auf See, denn weder die Wirkung noch die Folgen sind erforscht.

Keiner der Fischer, die Greenpeace beobachtet hat, war bei den Aufräumarbeiten mit Sicherheitskleidung wie speziellen Handschuhen, Anzügen oder Masken ausgerüstet. Greenpeace-Aktivisten vor Ort verteilen Gesichtsmasken an die Arbeiter und Fischer. Frisches Rohöl enthält eine große Menge toxischer Bestandteile und es entweichen krebserregende Dämpfe. Mit Zeichen akuter chemischer Belastung - Übelkeit, Atembeschwerden und Hautprobleme - unterziehen sich einige Arbeiter bereits einer ärztlicher Behandlung. Ein Feuerwehrmann kam bei dem Versuch, eine Unterwasserpumpe zu befestigen, im zentimeterdicken Ölfilm auf dem Meer ums Leben.

Auswirkungen auf Fischerei und Umwelt

Als zweitgrößte Hafenstadt Chinas ist Dalian eins der wichtigsten Zentren für die Fischerei. Das Züchten von Fischen, Seegurken, Schnecken und anderen Meeresfrüchten ist ein wesentlicher Pfeiler der örtlichen Wirtschaft. Der Ölunfall hat die Ernte dieses Jahres zerstört. Die wasserlöslichen Bestandteile des Öls haben auch den flachen Meeresboden in Küstennähe befallen. Die langfristigen Konsequenzen sind bisher nicht abzusehen. Die Fischerei wird noch länger mit den Ängsten der Verbraucher gegenüber den Produkten aus der Bucht von Dalian zu kämpfen haben.

Ein Erdöl-Unfall dieses Ausmaßes kann das empfindliche Ökosystem erheblich stören. Die Küstengewässer Dalians sind schwerwiegend verschmutzt. Die meisten Organismen sind von dem toxischen Öl bereits betroffen. Steiner warnt, dass sich - ähnlich wie bei vergangenen Ölkatastrophen - unerwartete Umweltschäden erst noch entwickeln können.

Vermutlich sind über 1.000 Quadratkilometer auf See bereits betroffen; die Küste ist kilometerlang mit Öl behaftet. Das Öl wird vermutlich noch jahrelang an den Küsten zu finden sein. Greenpeace hat gemeinsam mit Rick Steiner 15 Jahre nach dem Tankerunfall der Exxon Valdez giftige Ölreste an den Stränden Alaskas dokumentiert.

Empfehlungen an die chinesische Regierung

Die chinesischen Behörden und Ölfirmen verfügen aktuell über keine Vorsichtsmaßnahmen für den Fall einer weiteren Ölpest. Greenpeace setzt sich deshalb bei der chinesischen Regierung für eine sofortige Gefahrenanalyse der Ölindustrie ein und fordert nationale wie regionale Notfallpläne. Zusammen mit Greenpeace spricht Rick Steiner sechs Empfehlungen aus, die China zukünftig einhalten soll:

  • Unabhängige und komplette Detailanalyse der Explosion
  • Transparente und vollständige Veröffentlichung der Resultate
  • Komplette Gefahrenanalyse von Chinas Ölinfrastruktur
  • Entwicklung eines funktionierenden Reaktionsplans bei Ölkatastrophen
  • Zusammenfassende Analyse der Umweltzerstörung

Länderübergreifend fordern Greenpeace-Büros eine Abkehr von den fossilen Energien und internationale Sicherheitsstandards für die Ölindustrie.

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