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50-Stunden-Protest in eiskaltem Wasser

Die Nachricht kam per Funk: Der Ölkonzern Chevron hat eine neue gerichtliche Verfügung erwirkt. Die Greenpeace-Aktivisten, die auf hoher See das Ölbohrschiff Stena Carron schwimmend umkreisen, müssen ihren Protest nach knapp drei Tagen abbrechen. Die britische Regierung hat derweil Chevron grünes Licht gegeben und die gefährlichen Ölbohrungen in der Tiefsee genehmigt.

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Wir sind alle recht müde - jeder von uns war ungefähr fünfzehn Stunden lang im Wasser. Wie man sehen kann, haben wir starken Seegang. Gar nicht so einfach, hier im Atlantik die Stellung zu halten, berichtet Leila Deen von Greenpeace Großbritannien. Aber niemand tut irgendwas, um Chevron davon abzuhalten, in der Tiefsee zu bohren.

Über 50 Stunden lang sind die Greenpeace-Aktivisten abwechselnd vor dem 228 Meter langen Bohrriesen hin- und hergeschwommen. Sie haben ihr Ziel erreicht: Das Schiff musste seine Fahrt ins Lagavulin-Ölfeld unterbrechen. Etwa 200 Kilometer nördlich der Shetlands plant der Ölkonzern Chevron neue Probebohrungen in der Tiefsee.

Greenpeace sorgt bereits seit einigen Tagen dafür, dass die Stena Carron ihre gefährlichen Bohrungen in 500 Metern Tiefe nicht nach Zeitplan aufnehmen kann. Am 22. September konnten Aktivisten nahe der Hafenstadt Lerwick die Ankerkette des gigantischen Schiffes erklettern. Mithilfe einer Überlebenskapsel hielten sie den eisigen Temperaturen stand - und auch den Versuchen des Kapitäns, der das Schiff immer wieder in den Wind drehte, um die Kapsel kräftig schaukeln zu lassen. Erst ein Gerichtsbeschluss zwang die Aktivisten, den Protest nach vier Tagen zu beenden.

Britische Regierung erlaubt Chevron riskante Bohrungen

In der Nacht zum 1. Oktober folgte die nächste Hiobsbotschaft: Chevron erhält die ersten Bohrgenehmigungen in der britischen Tiefsee seit der Ölkatastrophe im Golf. John Sauven von Greenpeace Großbritannien: Diese Entscheidung öffnet die Tür für die Ölindustrie und lädt sie praktisch ein, mehr denn je in gefährlichen und schwer zu erreichenden Feldern zu bohren. Auf Inititative von Greenpeace Großbritannien beteiligten sich 16.233 Menschen an einer Protestaktion: Sie forderten per Email Energy Secretary Chris Huhne auf, Chevron die Genehmigung zu verweigern.

Gefahr Tiefsee-Öl

Das Greenpeace-Schiff Esperanza ist unterwegs, um auf die gefährlichen Tiefseebohrungen der Ölindustrie aufmerksam zu machen. Die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko hat gezeigt, dass die Branche im Falle eines Ölunfalls nicht gerüstet ist. Über 87 Tage sprudelten geschätzte 700 Millionen Liter ins Meer. Abhalten lässt man sich bei Shell, BP, Chevron und Co. davon kaum: Mit dem Versiegen der Ölquellen in Küstennähe rüstet die Ölindustrie zunehmend auf, um unter hohem Risiko die Ölreservate der Tiefsee zu erschließen. Geschätzte 600 Millionen Barrel Öl sind Chevron das Risiko wert: Der Ölkonzern plant im Lagavulin-Ölfeld achtzehn neue Probebohrungen und riskiert damit einen Ölunfall ähnlich dem Desaster der Deepwater Horizon.

Die Greenpeace-Aktion vor den Shetland-Inseln ist Teil der internationalen Go Beyond Oil-Kampagne. Anfang September 2010 konnten vier Aktivisten vor der Westküste Grönlands die riskanten Bohrversuche der britischen Ölfirma Cairn Energy für mehr als vierzig Stunden stoppen. Greenpeace fordert, die Vergabe neuer Tiefsee-Bohrlizenzen sofort zu stoppen und bestehende Förderanlagen auf Sicherheitsstandards zu überprüfen.

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