Greenpeace vor den Lofoten unterwegs

Das Greenpeace-Flaggschiff, die Esperanza, kreuzt im September im hohen Norden vor der Küste Norwegens. Die Einsätze in der Barentssee und vor der Inselgruppe der Lofoten nordwestlich von Norwegen sind gegen die drohende Zerstörung eines der letzten Naturparadiese gerichtet. Meeresexpertin Stefanie Werner berichtet von Bord der Esperanza.
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Wieder ist die Esperanza unterwegs, um Dinge, die andere gerne unerwähnt lassen, in den Blick der Öffentlichkeit zu rücken.

Die Barentssee inklusive der Lofoten steht für unberührte Natur von wilder Schönheit. Seit 2001 erarbeitet Norwegen einen Integralen Mangementplan, der im Frühjahr 2006 verabschiedet werden soll. Damit ist es das erste Land, das eine kohärente Herangehensweise für alle seine marinen Gebiete von der sechsfachen Größe der Nordsee entwickelt.

Dieses Vorgehen birgt die Chance, dass der Nordstaat Vorreiter und positives Beispiel für gelungenes Ozeanmanagement werden könnte. Die hehren Ziele auf dem Papier: Die natürlichen Ressourcen für kommende Generationen zu bewahren und das Gebiet langfristig nachhaltig zu verwalten.

Doch die Realität sieht anders aus und stellt viel eher eine Gefährdung für diesen ökologisch hochsensiblen Raum dar.

Ein Paradies wird dem Öl-Profit geopfert

Bis zu diesem Jahr war die Barentssee aufgrund ihrer Umweltbrisanz für jegliche Ölförderung geschlossen. Doch neu entdeckte Vorkommen und stetig steigende Preise verlocken und eine mögliche Ausbeutung rückt näher. Das Managementschema wird von Wissenschaftlern unterschiedlicher Fachrichtungen, der (bis dato konservativen) Regierung und anderen Interessengruppen inklusive der Ölindustrie erarbeitet. Das Pikante daran: Ein Viertel aller Beteiligten kommt aus der Ölbranche.

Sie sind mit eigenen Vorstellungen an die Planerstellung herangegangen. Nicht mehr die Frage, ob überhaupt, sondern nur noch wo und wie schnell sie mit der Förderung beginnen können, interessierte.

Das geplante Goliath-Feld liegt nur 80 Kilometer nordwestlich vor Hammerfest. Zwei Probebohrungen sind bereits absolviert, die dritte läuft gerade. Sollte das Feld tatsächlich freigegeben werden, wäre es weltweit das einer Küste am nächsten gelegene. Genau in einem der verletzlichsten Teilräume der gesamten Barentssee, der einen wichtigen Fischlaichgrund, einen zentralen Korridor für Walwanderungen und die Heimat für eine der vier größten Vogelbrutkolonien der Welt darstellt.

2004 passierten zwei bis drei Tanker die norwegische Küstenlinie, um Öl aus Murmansk nach Amsterdam oder in die USA zu transportieren. Experten gehen davon aus, dass 2015 drei vollbeladene Supertanker täglich diese Route nehmen werden, um 100-150 Millionen Tonnen Rohöl jährlich zu transportierten. Die tickenden Bomben dürfen sich immer noch bis auf 12 Seemeilen der Küste nähern. Um im Falle eines Unglücks die Chance zum Schutz der Küsten zu haben, muss der Mindestabstand auf 50 Kilometer festgelegt werden. Die Internationale Maritime Organisation (IMO) muss zudem ein generelles Verbot für Einhüllentanker ausrufen. Außerdem müssen mehr Abschleppdampfer flexibel einsetzbar sein. Nur zwei liegen derzeit bereit, welche nicht die Maschinenkraft aufweisen, um die größeren Tanker abzuschleppen.

Letzte Zufluchtstätte des Kabeljaus in Gefahr

Experimente haben bewiesen, dass ausgelaufendes Öl zwischen schwimmendem Eis kaum entfernt werden kann. In derart kalten Gewässern dauert jegliche Art von Regeneration sehr viel länger als in wirtlicheren Lebensräumen.

In der Barentssee lebt der letzte gesunde Kabeljau-Bestand weltweit. Über Jahrhunderte entnahmen die lokalen Fischer dem Meer nur so viel Fisch, wie auch nachwachsen konnte. Jetzt drängen große Flotten nach, um dem begehrten Speisefisch, dessen Bestände andernorts schon zusammengebrochen sind, nachzustellen.

Bis zu 800 lokale Fischer verlieren deshalb jährlich ihre Arbeit. Die großen Schiffe sind in der Lage, in Bereiche und Tiefen vorzudringen, die zuvor nicht berührt wurden. Damit ist es möglich geworden, den Kabeljau nicht nur auf der Rückkehr zu seinen Laichplätzen abzufangen, sondern auch auf seinen Wanderungsrouten durch die Barents-See-Region. Das hat den Fangdruck auf jungen Kabeljau, der sich oft noch nicht einmal vermehrt hat, erhöht. Es gibt für ihn praktisch keine Rückzugsgebiete mehr.

Schon die offizielle Quote von 400.000 Tonnen erlaubtem Fang liegt über den Empfehlungen des internationalen Rates für Meeresforschung (ICES). Darauf kommen aber nochmal 100.000 Tonnen, die illegal zusätzlich weggefischt werden. Dieser Fisch landet auch auf dem europäischen Markt.

Das Gros der Fischerei in der Barentssee wird darüber hinaus mit besonders zerstörerischem Fanggerät betrieben, den so genannten Grundschleppnetzen. Dabei zerstören die bis zu acht Tonnen schweren Scherbretter an der Öffnung des Netzes den gesamten Meeresboden, indem sie ihn durchpflügen und alles abrasieren, was sich ihnen in den Weg stellt.

Betroffen sind davon auch Kaltwasserkorallenriffe. Lebensräume, die gerade erst richtig erforscht werden und von denen man seit kurzem weiß, dass sie einen vergleichbar üppigen Artenschatz beherbergen wie die weit besser bekannten und dokumentierten tropischen Riffe.

Während 12 Prozent der Landmasse Norwegens mittlerweile unter Schutz gestellt sind, ist es weniger als ein Prozent des Meeresraums. Dieses Verhältnis gilt im Übrigen für die gesamte Welt. Das Gros der Ozeane gehört zum Bereich der hohen See und ist damit nach wie vor nahezu naturschutzrechtsfreie Zone außerhalb nationaler Gerichtsbarkeit. Das bedeutet, dass an Land zerstörerische Aktivitäten praktisch überall reglementiert werden können, für den allergrößten Bereich der Meere gilt das nicht. Norwegische Küstengemeinden werden von der Regierung immer mehr vernachlässigt, um statt dessen den Interessen großer Öl- und Fischkooperationen nachzugeben. Greenpeace macht sich stark, um diesen Gemeinden eine Stimme zu geben. Als einer der führenden Staaten in Sachen positives Umweltmanagement sollte Norwegen seinen internationalen Verpflichtungen gerecht werden. Die Biodiversitätskonvention (CBD), die Oslo-Paris-Konvention (OSPAR) wie auch die sich in der Entwicklung befindliche Europäische Marine Strategie (EMS) fordern von allen Staaten explizit die Etablierung eines Netzwerkes mariner Schutzgebiete.

75.000 Unterschriften in Deutschland gesammelt

Im Frühjahr 2005 war das Greenpeace-Flagschiff Esperanza schon einmal vor Ort, um Kontakte zu knüpfen. Allein in Deutschland wurden über 75.000 Unterschriften von Menschen gesammelt, die nicht wollen, dass das Inselparadies der Lofoten durch schwarzschlammiges Öl gefährdet wird. Immerhin bestätigte die norwegische Regierung nach der Übergabe der Unterschriften die Notwendigkeit von Schutzgebieten. Die Anzahl und Größen müssen jetzt genau definiert und alle anderen Nutzungen unter die Lupe genommen und reglementiert oder auch verboten werden.

Wir wollen nicht, dass das Paradies der Barentssee zu einem Industrieraum wie die Nordsee mutiert. Ölförderung hat hier nichts zu suchen.

Verfolgen Sie während der nächsten Wochen die Esperanza auf ihrem Weg durch den hohen arktischen Norden und bleiben Sie an unserer Seite, damit die Barentssee weiter ein gesunder Lebensraum bleibt.

Mittwoch, der 14. September 2005

Mit aller ihr eigenen Gemächlichkeit durchpflügt die Esperanza das glitzernde Meer. Wir befinden uns auf Augenhöhe mit dem Nordkap, weit und breit ist kein anderes Schiff zu sehen. Die drei Hügel, die dem nördlichsten Punkt Europas vorgelagert sind, sind auch Heimat für 800.000 Papageientaucher. Die bergigen Inseln, die wir seit unserem Start in Tromsø passierten, sind schneebedeckt und trotzen den rauhen Winden hier oben schon seit Menschengedenken. Es ist einsam hier und doch fühlt man sich nicht allein. Wir sind auf dem Weg in die nordöstliche Barents-See, selbst Steve, unser Kapitän, der schon seit 1978 für Greenpeace segelt, ist noch nie so weit nach Norden vorgedrungen.

In Zukunft zwei bis drei Tanker pro Tag

Im Durchschnitt kommt hier täglich ein russischer Öltanker auf seinem Weg von Murmansk nach Rotterdam oder in die USA vorbei. Er ist lediglich verpflichtet, den Abstand von 12 Seemeilen einzuhalten, den die Hoheitsgewässser Norwegens vorgeben. Eine einzige Ölkatastrophe würde genügen, um dieses ursprüngliche Gebiet nahezu irreversibel zu zerstören. In kalten arktischen Gewässern findet jede Art der Regeneration nur sehr langsam statt. Der Verkehr von Öltankern hat in den letzten Jahren rasant zugenommen. 2015 werden bereits zwei bis drei Tanker täglich erwartet. Zwei Hüllen sind derzeit nur innerhalb der EU vorgeschrieben. Dieses Gebot ist aber noch immer nicht von der Internationalen Maritimen Organisation (IMO) generell etabliert, russische Schiffe müssen sich also nicht daran halten.

Eine der größten vier Vogelbrutkolonien weltweit befindet sich auf den Lofoten und ein wichtiger Wanderungskorridor für viele Walarten zieht sich durch die Barents-See. 17 Arten sind dokumentiert, der Wellensittich der Meere, der Weißwal oder auch Beluga genannt, das Einhorn der Meere, der Narwal und auch der Grönlandwal sind hier sogar heimisch. Die Barents-See bildet ein in sich abgeschlossenes Ökosystem, das heisst, dass sich der gesamte Lebenszyklus vor allem der zahlreichen Fischarten vom Ablaichen hin zum Aufwachsen und Vermehren hier abspielt. Da bis heute die territorialen Zugehörigkeiten einiger Inseln und Gewässer zwischen Russland und Norwegen nicht geklärt sind, scheut sich Norwegen davor, einen PSSA (Particular Sensitive Area)-Antrag für das Meer vor seiner Küste zu stellen. Damit will es Konfrontationen mit der russischen Regierung vermeiden. Doch der PSSA-Status würde bedeuten, dass das ausgewiesene Gebiet in internationale Seekarten eingetragen werden müsste. Norwegen hätte damit das Recht auf jegliche Kontrollen inne: über den Routenverlauf der passierenden Schiffe, über den Ausbildungsstand der sie lenkenden Kapitäne oder auch über den Einsatz von Pilot- und Kontrollbooten. Der nordische Staat könnte dann sogar Zweihüllentanker für seine Gewässer vorschreiben.

Zu wenig Vorkehrungen für den Ernstfall

Im Moment steht nicht mal ausreichend Ausrüstung für einen Krisenfall bereit. Seit dem ersten April 2005 hat die norwegische Regierung die Zahl ihrer Abschleppboote von drei auf zwei reduziert. Sie sind für das gesamte Küstengebiet von den Lofoten bis zur russichen Grenze zuständig, haben aber nur gemeinsam die Maschienenkraft, einen großen Tanker abzuschleppen. Da sie in unterschiedlichen Häfen liegen, kann immer nur eines der Boote innerhalb der sechs bis zwölf Stunden eintreffen, die ein außer Kontrolle geratener Tanker braucht, bis die Strömungen ihn mit dem Ufer kollidieren lassen. Die Küste müsste mit mindestens fünf Schiffen abgedeckt werden.

Seit drei Wochen fährt die Esperanza die norwegische Küste ab, um auf die mannigfaltigen Gefahren aufmerksam zu machen, denen das Meer hier bereits ausgesetzt ist oder Gefahr läuft, bald ausgesetzt zu werden. Reglements dahingehend müssen Bestandteil des Integralen Managementplans werden, der gerade für das Gesamtgebiet der Barents-See und Lofoten bis zum Frühjahr 2006 ausgearbeitet wird. Der Ölverkehr muss reguliert werden. Da sich die komplette Küstenfischerei innerhalb von 25 Seemeilen vor der Küste abspielt, ist hier die Gefahr von Zusammenstössen viel größer. 50 Seemeilen Sicherheitsabstand zur Küste sind notwendig. Die geplante Ölförderung darf in einem derart sensiblen Gebiet nicht stattfinden. Und die illegale Fischerei muss unbedingt ein Ende finden. Durch die unklaren Verhältnisse befinden sich nordöstlich vor Norwegen zum Einen die Grauzone, von der sowohl Russland als auch Norwegen behaupten, dass sie zu ihnen gehört und daran weiter nördlich anschließend das loophole. Außerhalb der 200-Seemeilen beider Länder befindlich gehört es zu den internationalen Gewässern. In beiden Bereichen wird die Fischerei nicht kontrolliert. 100.000 Tonnen arktischer Kabeljau wird hier im Jahr illegal aus dem Wasser geholt. Das gefährdet diesen Bestand, der einer der letzten gesunden weltweit ist. Schon zeigen die Bestände erste Anzeichen von Überfischungsdruck, was bedeutet, dass sie in einem jüngeren Alter ablaichen. Doch mehr davon in meinem nächsten Bericht noch weiter nördlich.

Dienstag, der 20. September 2005

(Barentssee, außerhalb der 200-Seemeilenzone Norwegens, internationales Gewässer)

Die Esperanza ist inzwischen auf hoher See unterwegs. Seit Tagen nichts als Wasser ringsumher. Im Winter dringt das Packeis bis in diese Bereiche der kalten arktischen Gewässer vor. Die jetzige Farbe der See macht die Vorstellung realistisch: silbergrau und träge präsentiert sie sich. Die Wolken wirken wie mit dem Pinsel gemalt, alles wirkt leicht verschwommen.

Drei kleine, ein wenig plump wirkende Papageientaucher fliegen Richtung Festland. Nachts flitzen Nordlichter über den Himmel, kommen und verschwinden wie unstetige Geister. Der Mond beleuchtet die Szenerie und es scheint, als wache er darüber.

Es gibt eine enorme Fülle von Leben hier in den Tiefen des Meeres, aber auch Menschen, die es auf das marine Leben abgesehen haben. Piratenfischer treiben hier draußen außerhalb der 200-Seemeilenzonen Rußlands und Norwegens ihr Unwesen.

Weit entfernt von jeglicher Zivilisation, entziehen sich diese so genannten IUU-Schiffe jeglicher Kontrolle. Sie verbergen sich in der Weite der Barentssee und bringen mit ihrer Fischerei nicht nur den letzten gesunden Kabeljaubestand der Erde in Gefahr.

IUU, das bedeutet illegal, unregistriert und undokumentiert. Illegal: weil sie ohne Erlaubnis allein bis zu 150.000 Tonnen Kabeljau pro Jahr aus dem Meer holen. Das ist nochmal ein Drittel der erlaubten Quote und gefährdet den Kabeljaubestand der Barentssee, der erstmals Zeichen von Überfischung - wie zu frühes Ablaichen - aufweist.

Unregistriert: Das Loophole, außerhalb der ausschließlichen Wirtschaftszonen Norwegens und Rußlands gelegen, ist internationales Gewässer und obliegt der Kontrolle der North-East-Atlantic-Fishery-Commission (NEAFC). Sie vergibt Fischereiquoten, um auch diese Bereiche der Barentssee vor Überfischung zu bewahren.

Undokumentiert: Doch IUU-Schiffe hintergehen das Abkommen, indem sie Flaggen von Ländern nutzen, die nicht Mitglied der NEAFC sind. Sie erwerben billig das Recht auf die Nutzung der Flagge von Ländern wie Kambodscha oder auch Togo, die sich nicht um etwaigen Missbrauch kümmern - so genannte Billigflaggen. Sie werden auch flag of convenience, zu deutsch: Flagge der Bequemlichkeit genannt. Der Fisch wird auf hoher See auf ebenso ausgeflaggte Frostfracher verladen, die dann die norwegische ausschließliche Wirtschaftszone passieren, ohne dass ihnen Strafe droht.

Da Norwegen keine Vereinbarung mit den Ländern der Billigflaggen hat, besitzt es auch nicht das Recht auf Inspektion dieser Schiffe. Sie können also undokumentiert passieren. Und obwohl Norwegens Küstenwache die Informationen an die europäischen Häfen weiterreicht, wo der Fisch anlandet, sind deren Behörden die Hände gebunden. Das ist alles eine ziemlich komplizierte Angelegenheit.

Ein Piratenfischer wird gestoppt

Sonntagabend entdeckten wir den Fabriktrawler Murtosa. Ausgeflaggt mit der Flagge von Togo fischt er in internationalen Gewässern. Bereitwillig gibt der Kapitän per Funk zu, ohne Quote zu fischen.

Montagmorgen statteten wir ihm einen Besuch ab, brachten Kekse zum Kaffee und überreichten ihm Unterlagen über IUU-Fischerei und einen Brief. Darin forderten wir ihn auf, seine illegalen Aktivitäten einzustellen und das Gebiet zu verlassen. Die 31-köpfige Mannschaft war sehr zuvorkommend. Doch leider folgten sie auch unserem zweiten und dritten Aufruf nicht. Deshalb wurden wir am Nachmittag aktiv und brachten unsere Schlauchboote ins Wasser und besuchten sie erneut.

Wir kletterten an Bord der Murtosa und befestigten den Jolly Roger, die Piratenflagge mit dem Totenkopf. Später, nachdem das Netz eingeholt war, sorgten wir dafür, dass sie ihr Netz nicht mehr nutzen konnten. Nach sechs Stunden konnten wir die Fischer nicht weiter abhalten, sie nahmen keine Rücksicht mehr und nahmen Verletzungen auf unserer Seite in Kauf.

Die Murtosa fischt nicht nur unkontrolliert, sie benutzt zudem ein Grundschleppnetz, dass 2.000 Jahre alte Kaltwasserkorallenriffe zerstört. Am Morgen hatte uns der Kapitän selbst in besorgtem Tonfall erklärt, dass er seit zwei Wochen hier ist und bislang kaum Kabeljau gefangen hat. Tatsächlich waren die eingeholten Netze nahezu leer.

Ja, der Kabeljau wird weniger. Ein Grund dafür ist die illegale, unregistrierte und undokumentierte Fischerei, die viel zu viel und viel zu oft vor dem Ablaichen fischt. Auch für die norwegischen Küstenfischer hat das Folgen: ihre Quoten werden von Jahr zu Jahr geringer und teurer. 800 Fischer haben letztes Jahr ihren Job verloren.

Ein weiteres schwarzes Schaf taucht am Horizont auf

Jetzt sind wir einem anderen, 80 Meter großen Trawler auf den Fersen. Er ist ein so genannter Flag Hopper, zu deutsch: Flaggenwechsler - er wechselt also ständig seine Flagge - Genua, Togo, Mauritius. Auf der EU-Liste ist er als IUU-Schiff schwarz gelistet. Das heißt, wenn er das nächste Mal im Gebiet der NEAFC dokumentiert wird, kann er festgesetzt werden. Diese Dokumentation werden wir jetzt sicherstellen!

Donnerstag, 22. September 2005

Insel Hopen Richtung Spitzbergen, Barentsee

Langsam beruhigt sich die tobende See wieder. Die letzten 24 Stunden sind wir durch schweren Sturm gefahren. Die Wellen türmten sich meterhoch auf und der Anker schlug dunkel und metallen von unten ans Schiff. Mitternacht waren alle wach, weil die komplette Kücheneinrichtung zu Boden ging. In diesen Tagen ist die ganze Crew der Esperanza müde, das ständige Ausbalancieren macht den Körper träge und den Magen flau.

Nachdem wir den zweiten illegalen Trawler, die Kirgueles mit der Piratenflagge gebrandmarkt haben, sind wir dem Rat der norwegischen Küstenwache gefolgt und fahren nun weiter hoch in die Arktis als ursprünglich geplant. Bei einem Überflug wurden bis zu zwölf russische Trawler über den Hopen Banks vor der Insel Hopen entdeckt. Und wahrscheinlich ist ein Frostschiff dabei.

Auf diesem Weg erfüllt sich vielleicht mein Wunsch einen oder mehrere Wale zu sehen. Einen Minkewal hat Sari, die finnischen Kampaignerin an Bord, bereits gesichtet. Doch wie eine Fata Morgana entzog er sich den Augen aller anderen. Die flachen und relativ geschützten Hopen Banks sind hochproduktiv, viele Fische finden hier Nahrung, aber auch Vögel und marine Säugetiere.

Die Entdeckung der beiden, eindeutig illegalen, undokumentierten und unregistrierten Trawler hat für großen Wirbel in Norwegen gesorgt. Der Fischereiminister wurde noch am selben Abend ins öffentliche Fernsehen geladen. Dort musste er sich rechtfertigen, warum er dem Überfischen des Kabeljaus nicht schon früher Einhalt geboten hat. Es wurde deutlich, dass Spanien und Portugal sich weigern, auf weiteres Fischen in der Barentsee zu verzichten. Die Besatzungen beider Schiffe waren fast ausschließlich portugiesisch.

Während die Murtosa seit langem unter der Flagge von Togo fährt, ist die Kirgueles ein so genannter flag hopper. Das bedeutet sie wechselt ständig zwischen Togo, Mauritius und Genua. Dadurch verwischt sie ihre Spuren besser.

Der norwegische Fischereiminister bestätigte die Einschätzung von Greenpeace, dass das Problem der IUU-Fischerei auf höchstem internationalen Level schnellstmöglich diskutiert werden muss. Piratenfischerei ist inzwischen der größten Gefahr für den Erhalt der Fischbestände weltweit. Die Nutzung der Flaggen von Drittländern, die sich nicht um deren Missbrauch kümmern, muss verboten werden.

Der nächste Sturm ist nah. Wir hatten inzwischen zu mehreren russischen Trawlern Kontakt, sie fischen alle mit legaler Quote. Nach deren Aussage sollen sich jedoch noch mehr Schiffe in dem Gebiet der Hopen Banks aufhalten, auch englische und spanische. Deshalb bleiben wir dran.

Ich glaube, ich habe mich noch nie soweit weg gefühlt von jeglicher Zivilisation, nicht in der Wüste und auch nicht auf dem Overland Track in Tasmanien. Ich war schon viel unterwegs auf dem Meer, doch diese Unermesslichkeit begreife ich erst hier richtig.

Gerade taucht die Insel Hopen am Horizont auf. Stimmt nicht wirklich hoffnungsvoll. Ich sehe zwei riesige schneebedeckte Berge, die aus dem Grau des schäumenden Ozeans ragen.

Dienstag, 27. September

Zurück in Hamburg, sogar regenfrei - aber vorbei die Tage mit dem leise rieselnden Schnee. Vorbei die flackernden Polarlichter und die arktischen Nächte. Unsere Tour ist beendet und die Esperanza auf ihrem Weg zu den Meeren am anderen Ende der Welt.

Eine tiefe Stille herrschte im Grøtsundjord mit seinen schneebedeckten Felsmassiven auf dem Weg zurück nach Tromsø. Die letzten Tage befanden wir uns völlig in der Gewalt eines Sturms - eine weitere Trawlersuche undenkbar.

Aber vorher waren wir dafür schon entschädigt worden. Nachdem wir die Insel Hopen hinter uns gelassen hatten, konnten wir einer der Tage auf See erleben, der wohl für immer in der Erinnnerung bleibt.

Bevor ich bei Greenpeace begann, habe ich in verschiedenen Delfinprojekten mitarbeitet. Doch nie konnte ich mich einfach nur ihrem wunderschönen Anblick hingeben. Anders dieses Mal: als die Sonne höher stieg, segelten wir mitten hinein in Cetaceans paradise. Weißschnauzendelfine wo immer das Auge hinschaute - springend, spielend, auf uns zu schwimmend und wieder weg.

Fast kein Geräusch war zu hören, kaum eine Bewegung ließ auf der spiegelglatten See sehen - nur das Ausatmen der Delphine und ihre typisch rollenden Bewegungen. Dazu gesellten sich mehrerer Zwergwale, die sich auch gerade den Bauch voll schlugen.

Weißschnauzendelfine sind ziemlich gedrungen und robust. Das muss auch so sein, da man sie nur in den kalten Gewässern des Atlantik findet. Lagenorhynchus albirostris - so ihr lateinischer Name - haben eine kurze, meist weisse Schnauze und eine scharf geschnittene schwarze Rüchenfinne.

Ihr Verhalten ist der Umgebung angepasst. Sie sind ein wenig langsamer und nicht ganz so neugierig wie beispielsweise die Gemeinen Delfine im Englischen Kanal. Aber sie sind längst nicht so scheu wie die kleinen Schweinswale der Nordsee. Sie agieren eher gemütlich und freundlich, bilden Gruppen von fünf bid 50 Individuen. Manchmal sogar bis zu mehreren hundert Tieren.

Oft teilen sie sich in altersabhängige Gruppen auf. Das bedeutet, dass sich die Jungtiere von den erwachsenen Müttern mit Kälbern trennen. In der Tat hat es den Anschein, dass diese Jungspunde eine Menge mehr Spaß als die Alten zu haben scheinen. Sie jagen zusammen mit Sturmtauchern und anderen Seevögeln.

Die Vögel sichten Fischschwärme von weit oben und stoßen dann hinunter ins Wasser. Die Delfine spüren diese Vibrationen, eilen herbei, treiben den Fisch zusammen und dann beginnt das große Schmausen. Manchmal beißen die Delfine den Möwen dabei sogar spielerisch in die Zehen, worauf diese empört aufkreischen. Alles in allem ein großes Spektakel. Bei Sonnenuntergang sahen wir dann nochmal das Blas eines Finnwals, bevor sich die Dunkelheit über das Meer senkte.

Nachts passierten wir Bear Island, so genannt, weil hier im Winter die Packeisgrenze verläuft und die Polarbären über das Eis kommen, um junge Robben zu jagen. Doch wie uns jetzt auch wieder New Orleans lehrte, wir sind schon mitten drin im Klimawandel. Die Folgen sind nicht abzusehen. Und die Bären wissen natürliche nichts davon und kennen auch nicht den Grund, warum das Eis inzwischen viel früher im Jahr wieder abgetaut. Letzte Jahr sind dort deshalb 22 Polarbären verendet. Ihnen war auf einmal der Rückweg verwehrt.

Dennoch gibt es kleine Lichtblicke und es ist ein gutes Gefühl zu wissen, dass unsere Bemühungen nicht im Nichts verhallen: Norwegen will den Dialog mit Spanien und Portugal wieder aufnehmen und sie auffordern, die illegale Fischerei in der Barents-See zu beenden.

Illegale Fischerei, die inzwischen größte Bedrohung für die Fischbestände unserer Erde, ist wieder in der Diskussion. Die Debatte um eine der zerstörerischsten Fangmethoden weltweit, die Grundschleppnetzfischerei, hat wieder begonnen.

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