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Gegen alle Regeln: Jeder dritte Dorsch kommt aus illegalem Fang

Um 15 Prozent will die EU-Kommission die Fangquoten für Dorsch im Jahr 2007 für die Ostsee senken, verlautete es am Dienstag aus Brüssel. Grund für die Entscheidung ist der Zustand der Fischbestände, der Dorsch ist - insbesondere in der östlichen Ostsee - nahezu ausgerottet. Ob 13.000 Tonnen weniger Fisch für die gesamte Ostsee zur Erholung der Art beitragen, kann angezweifelt werden. Zahlen belegen: Die Ursache der negativen Entwicklung der Dorschbestände liegt vor allem im illegalen Fischfang.

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Mindestens ein Drittel des in der Ostsee gefangenen Dorsches ist illegaler Herkunft und wird damit weder erfasst, noch kontrolliert. Die Fangzahlen der Länder stimmen selten: Allein Polen wies im vergangenen Jahr zwischen Import, Export und Verbrauch eine Differenz von 18.000 Tonnen Dorsch aus - möglicherweise illegal importiert oder illegal gefangen. 2005 wurde die Dunkelziffer der illegalen Fänge auf 38 Prozent geschätzt.

Ein seriöses Unternehmen würde nicht daran denken, ein Produkt zu kaufen oder zu verkaufen, von dem es weiß, dass es zu einem Drittel gestohlen ist. Noch immer ignorieren die großen Vertreiber und Hersteller von Fischprodukten, dass ihre Rohstoffe vollständig illegal gefangen sein könnten, kritisiert Ida Udovic, Meeresexpertin von Greenpeace an Bord der Arctic Sunrise im Hafen von Malmö.

Legale und illegale Fänge werden in den Häfen miteinander vermischt. So ist es unmöglich festzustellen, wo genau der illegale Dorschfang endet. Als Zentrum der Region gilt Polen, dort wird der meiste Dorsch filetiert - im letzten Jahr waren es mehr als 41.000 Tonnen. Der Großteil - 44 Prozent - ging dabei an Großbritannien. Deutschland importierte 13 Prozent, Dänemark 12 und Belgien neun Prozent. In Deutschland gehört vor allem Frosta zu den Unternehmen, die ihren Dorsch aus der Ostsee beziehen. Meist wird der Fisch im Ganzen oder als Filet an Händler und Restaurants geliefert.

Kein Unternehmen, das seinen Fisch aus der östlichen Region der Ostsee erhält, kann garantieren, dass in seinen Produkten kein illegal gefangener Fisch verarbeitet wird, sagt Udovic.

Trotz des Ausmaßes fehlt es in den Anrainerstaaten an geeigneten Maßnahmen: Die ausgesetzten Bußgelder bei Verstößen liegen durchschnittlich bei 538 Euro, Fanglizenzen werden kaum entzogen. Nur Dänemark und Deutschland bedienten sich 2004 in wenigen Fällen dieser Möglichkeit. Polen und Schweden hatten nach eigenen Angaben keinen einzigen Fall, der dies erforderlich machte.

Auch auf europäischer Ebene bleibt eine Lösung für die Erholung der Dorschbestände bislang aus. Zwar präsentierte die Europäische Kommission im Juli 2006 einen Plan, nach dem sich die Bestände des Fisches durch eine jährliche zehn prozentige Senkung der Quoten erholen sollte - doch auch das Quotensystem birgt Risiken. Eine Senkung der Quoten führt aller Wahrscheinlichkeit nach nur zu höheren illegalen Fangzahlen.

Laut ICES (International Council for the Exploration of the Sea) ist es für 2007 erforderlich, den Dorschfang in der östlichen Region der Ostsee völlig zu verbieten. Doch die jährlichen Empfehlungen des Rates werden seit nahezu 20 Jahren von den Mitgliedsstaaten der EU ignoriert. 2006 wurde die empfohlene Fangquote von der Kommission beispielsweise mehr als dreimal so hoch angesetzt.

Im Rahmen der Expedition SOS Weltmeer startete das Greenpeace-Schiff Arctic Sunrise am Mittwoch seine Fahrt durch die Ostsee. Damit soll auf den illegalen Fischfang aufmerksam gemacht werden. Greenpeace fordert ein Netzwerk von Meeresschutzgebieten. Damit soll eine Kontrolle der Fischbestände gewährleistet werden, wie sie derzeit nicht möglich ist. Zusätzlich sollten die Fangflotten in der Ostsee technisch so ausgerüstet werden, dass eine Überwachung per Radar möglich ist. Kontrollen an Land und im Wasser könnten zudem bei der Erstellung einer schwarzen Liste von Flotten helfen, die gegen die Fangquoten verstoßen.

(Autorin: Cindy Roitsch)

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