Tiefseefischerei – Einführung und Chronik der Greenpeace Arbeit

Noch bis Mitte des 19. Jahrhunderts waren die meisten Menschen davon überzeugt, dass der Tiefseegrund wegen fehlendem Licht, kalten Temperaturen und enormen Druck ohne Leben sei. Auch als wissenschaftliche Expeditionen und das Verlegen von Unterseekabeln die Vielfalt des Lebens in der Tiefe zum Vorschein brachten, dauerte es noch eine ganze Weile, um die ursprüngliche Vorstellung von der Wüste unter Wasser aus den Köpfen zu vertreiben. Heute wissen wir: Das Leben in der Tiefsee ist außergewöhnlich vielfältig ist – von Wüste keine Spur.
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Korallen, Seesterne, Seeigel, Würmer, Krebse, Fische und vieles mehr lebt in der Tiefsee. Mehr als 10 Millionen Arten werden mittlerweile dort vermutet. Dies ist durchaus vergleichbar mit dem einzigartigen Reichtum der tropischen Regenwälder. Nach und nach wird die Tiefsee erkundet und dabei viele neue, bizarre und oft endemische (nur an einem Ort vorkommend) Lebensformen entdeckt.

Das Profil der Tiefseelandschaft ist durch Ebenen, Schluchten, Böschungen und Seeberge (Seamounts) geprägt. Letztere heben sich bis zu 1000 Meter vom Meeresboden ab. Sie stellen einen völlig einzigartigen Lebensraum dar, der sich in seiner Artenvielfalt und Artenzusammensetzung deutlich von den flacheren, mit schlammigen Ablagerungen bedeckten Bereichen der Tiefsee unterscheidet. Seamounts bieten nicht nur wirbellosen Tieren einen Lebensraum, sondern sind auch ein Anziehungspunkt für Fischschwärme. Diese Fische sind zu einem wichtigen Ziel der Tiefseefischerei geworden.

Höhere Motorenleistung, größere Netze, detailliertere Seekarten und verbesserte Navigations- und Sonarelektronik ermöglicht es der Fischindustrie, auf der Hochsee und bis zu 2000 Meter tief zu fischen. Auch Steingründe und Canyons sind kein Hindernis mehr.

Doch die Fischerei mit Grundschleppnetzen hat verherrende Auswirkungen. Die riesigen Netze sind mit schweren Eisenplatten und Vorlaufketten bestückt. Für das Öffnen und Führen der Schleppnetze am Meeresboden werden zwei große Scherbretter verwendet, die bis zu fünf Tonnen schwer sind. Alles was sich diesen Netzen in den Weg stellt wird zermalmt. Fragile Hindernisse wie Korallenriffe haben gegen diese Bulldozer keine Chance. Innerhalb von einigen Wochen zerstören die Schleppnetze das was Jahrtausende zum Aufbau gebraucht hat. Übrig bleibt blanker Fels, Geröll und Korallenschutt.

Viele der Tiefseefanggründe unterliegen - zumindest offiziell - nationaler Kontrolle, d.h sie stehen unter Kontrolle einzelner Staaten. Hier sollte es verhältnismäßig einfach sein, den Fischfang so zu regulieren, dass er nachhaltig ist und kein Eingriff in den Lebensraum mit katastrophalen Folgen bedeutet. Tatsächlich sind aber die Tiefseefischbestände bislang mit erschreckender Gleichgültigkeit verwaltet worden. Und die ökologischen Auswirkungen der Grundschleppnetze auf den Meeresboden blieb völlig unbeachtet.

Eine prekäre Folge dieses Missmanagements und der weltweit steigenden Nachfrage nach Fisch ist die Suche nach neuen Fanggründen weiter draußen auf dem Meer. Auf der hohen See - außerhalb der nationalen Gerichtsbarkeit - gibt es derzeit jedoch entweder keinerlei Fischereimanagement oder das existierende ist völlig unzureichend, mit fehlenden Kontrollen und ohne rechtliche Konsequenzen. So macht es im Einzelfall keinerlei Unterschied. Das Ergebnis bleibt die Zerstörung der Lebensräume der Tiefsee.

Ein Sofortverbot (Moratorium) der Grundschleppnetzfischerei auf der hohen See würde einen enormen Fortschritt für den Schutz der seltenen Tiefseelebensräume und ihrer reichen Artenvielfalt bedeuten. Es würde Zeit für eine ausführliche Erforschung der Gebiete und die Entwicklung eines wirksamem Fischerei-Managements auf der hohen See geben.

Nur die Vereinten Nationen (UN) sind in der Lage, die Grundschleppnetzfischerei auf der hohen See zu verbieten und dadurch die Tiefseelebensräume zu schützen. Allerdings sind bislang die Maßnahmen der UN nicht ausreichend. Im 4. Report des United Nations Infomal Consultative Process on Oceans and the Law of the Sea (UNICPOLOS) vom Juni 2003 fordern sie lediglich, die globalen und regionalen Fischereiorganisationen auf, wissenschaftliche Fakten zusammentragen und die Risiken für sensible Ökosysteme außerhalb der nationalen Grenzen besser abzuschätzen. Auch die Generalversammlung der UN (United Nations General Assemblage, UNGA) wiederholte im November 2003 diese Forderung. Seitdem hat der internationale Druck auf die UN stetig zugenommen.

Im Februar 2004 sprachen sich mehr als 1100 Wissenschaftler aus aller Welt in einer Erklärung (Statement of concern) für ein sofortiges Verbot (Moratorium) der Grundschleppnetzfischerei in der Tiefsee aus. Im selben Monat forderten die Teilnehmer des Übereinkommens über die biologische Vielfalt (Convention on Biological Diversity, CBD) die UN auf, zügig zu handeln und Meeresgebiete außerhalb der nationalen Hoheitsgewässer vor zerstörerischen Fischereipraktiken zu schützen. Zudem haben sich mehr als 40 internationale Organisationen - darunter auch Greenpeace – in der Deep Sea Conservation Coalition (DSCC) zusammen geschlossen, um ein Moratorium der Grundschleppnetzfischerei auf der hohen See durch die UN zu bewirken. Greenpeace dokumentierte im Jahr 2004 mit der seinen Schiffen Rainbow Warrior und Esperanza im Südpazifik um Neuseeland und auf der Hatton Bank im Nord-Ost-Atlantik die Grundschleppnetzfischerei und ihre zerstörerischen Auswirkungen für die Tiefsee.

Weitere UN-Verhandlungen bei denen die Frage der bedrohten Tiefseelebensräume behandelt wurde gab es auch im Jahr 2004 und im Mai 2005. Jedoch konnte bei den Mitgliedsstaaten keine Mehrheit für ein Moratorium gefunden werden. Stattdessen einigte sich die Kommission für Meere und nachhaltige Fischerei der UN darauf, dass die Mitgliedsstaaten einzeln oder durch regionale Fischereiorganisationen (Regional Fishery Management Organisation, RFMO) aktiv werden sollten. Zudem wurde eine informelle Arbeitsgruppe gebildet, die sich den Themen Meeresschutz und der nachhaltigen Nutzung der marinen Biodiversität für Gebiete außerhalb nationaler Rechtssprechung genauer annehmen soll.

Wir aber wissen: RFMOs sind nicht flächendeckend und in ihrer Befugnis sehr lückenhaft. Ihre rechtliche Stärkung und/oder Neu-Einrichtung bedarf langer Zeiträume. Ein Zwischenbericht über den Fortschritt ist für das Jahr 2006 anvisiert. Zwei Jahre, in denen die Zerstörung der Tiefseeschätze unvermindert fortgesetzt wird!

Deshalb ist Greenpeace weiter aktiv um für den Schutz der Tiefsee zu kämpfen. Neben der politischen Arbeit sind wir vor Ort unterwegs, dokumentieren und protestieren. Nach den Schiffstouren im Jahr 2004 wurde im Mai 2005 eine Expedition westlich vor Schottland durchgeführt. Dort wurde zusammen mit dem wissenschaftlichen Institut Scottish Association of Marine Science (SAMS) das Mingulay Kaltwasserkorallenriff erforscht. Eine bisher verborgene Welt wurde entdeckt! Im Juni 2005 wurde erneut die katastrophale Zerstörung der Tiefsee durch die Grundschleppnetzfischerei in der Tasmanischen See dokumentiert.

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