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Fischereiquoten: Subventionierter Ruin für Menschen und Meere

Vor dem Brüsseler EU-Ratsgebäude verschrotten Greenpeace-Aktivisten heute eine 25 Meter lange Schiffsattrappe. Derzeit tagt dort der EU-Fischereirat, um die neuen Fangquoten festzulegen. Greenpeace fordert, die maßlose Überfischung der Meere zu stoppen. Meeresbiologe Thilo Maack erklärt, worum es geht und worauf es ankommt.

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Online Redaktion: Um welche Fischarten geht es bei den Quotenverhandlungen in Brüssel und was bedeuten die Verhandlungen für die Fischarten in Nord- und Ostsee?

Thilo Maack: Die Fischereiminister entscheiden über sämtliche kommerziell wichtigen Fischbestände in den EU-Meeren. Dazu gehören Hering und Kabeljau genauso wie Scholle, Seelachs und Schellfisch. Die EU-Kommission schätzt, dass schon jetzt fast 90 Prozent der Speisefischbestände überfischt sind.Gerade die bei uns in Deutschland so beliebten Kutter-Schollen oder der Nordseekabeljau gehören zu den stark überfischten Beständen.

Die Regierungsvertreter sprechen gerne von nachhaltiger Nutzung und einem schonenden Umgang mit der Natur sprechen. Trotzdem kann man wieder von Fangquotenentscheidungen ausgehen, die weit über dem liegen, was die Wissenschaftler für vertretbar halten. Das ist vor allen Dingen jetzt, wo die Fischereipolitik radikal geändert werden soll, ein falsches Signal.

Online Redaktion: Welche Lösungen für die Fischereikrise schlägt Greenpeace vor?

Thilo Maack: Die europäische Fangflotte ist viel zu groß und muss um mindestens die Hälfte verkleinert werden. Die Reform der gemeinsamen Fischereipolitik bietet für einen solch drastischen Schritt eine Möglichkeit. Es klingt absurd, aber Länder wie Spanien oder Frankreich, deren Fischereiflotten zu den größten Europas gehören, bekommen immer noch EU-Gelder für den Neubau von Fangschiffen.

Die spanische Fischereiindustrie bekam in den Jahren 2000 bis 2006 mehr als die Hälfte der gesamten EU-Fischereisubventionen, insgesamt waren das 1,6 Milliarden Euro. Rechnet man die 630 Millionen Euro dazu, die noch aus nationalen Fördertöpfen dazu kamen, waren das 27.000 Euro für jeden einzelnen spanischen Fischer pro Jahr. Das kann nicht richtig sein. Vor allen Dingen weil im gleichen Zeitraum die deutsche Flotte gesundgeschrumpft wurde.

Online Redaktion: Die meisten deutschen Nordseefischer verdienen ihr Geld mit dem Fang von Speisekrabben. Sind sie auch von den Quotenverhandlungen betroffen?

Thilo Maack: Nur indirekt über die Quoten für Kabeljau, Scholle und Co, für die Nordseekrabben gibt es keine EU-Fangquoten, die setzen sich die Krabbenfischer selbst. Dabei regelt vor allen Dingen der Kilopreis die Fangmenge. Ein Problem der Krabbenfischerei sind die Beifänge, also der Fang von Nichtzielarten, die aussortiert werden und dann wieder über Bord gehen. Auf diese Art und Weise werden für ein Kilogramm Krabben bis zu acht Kilogramm andere Meerestiere mitgefangen.

Online Redaktion: Wie reagieren die Fischer auf die Greenpeace-Forderungen?

Thilo Maack: Teilweise sehen sie das Problem, teilweise verdrängen sie es. Letztendlich müssen sie uns aber recht geben. Die Fischer werden ja auch dann arbeitslos, wenn es bei der momentanen Situation bleibt. Irgendwann sind die Fischbestände so klein, dass sich die Fischerei wirtschaftlich nicht mehr rechnet. Die Zahlen der in der EU verantwortlichen Fischereikommission sprechen eine deutliche Sprache. Die haben sich die Zahlen ja nicht ausgedacht, sondern sie basieren auf den Ergebnissen wissenschaftlicher Erhebungen.

Es muss eine radikale Reform her. In der Folge könnten die Fischereisubventionen umgewidmet werden in Umschulungsprogramme oder Überbrückungsgelder. Gleichzeitig müsste man Jobs schaffen, zum Beispiel im Meeresnaturschutz.

Online Redaktion: Bis Januar 2013 soll die Fischereipolitik der EU reformiert werden. Gibt es schon Hinweise darauf, wie diese Reform aussehen wird?

Thilo Maack: Die spanische Regierung beispielsweise wird alles tun, damit die Situation so bleibt wie sie ist. Allerdings gibt es positive Signale anderer einflussreicher Nationen, unter anderem aus Deutschland. Die Bundesregierung will sich für die Lösung des Beifangproblems - derzeit allein in der Nordsee über eine Million Tonnen jährlich! - einsetzen und für den Abbau der Fangflotten. Wenn außerdem noch großflächige Meeresschutzgebiete hinzukommen und die Einhaltung der Fischereigesetze wesentlich schärfer als derzeit üblich kontrolliert wird, sind wir auf dem richtigen Weg. Nur so hat die europäische Fischerei eine Zukunft.

Online Redaktion: Wie können wir als Konsumenten Einfluss auf die Fischereipolitik nehmen?

Thilo Maack: Mit Politik an der Ladentheke. Den besten Weg dafür bietet der Greenpeace-Einkaufsratgeber "Fisch - beliebt aber bedroht". Dort wird eine Verkaufsempfehlung für die beliebtesten Speisefischarten gegeben, indem die Bestandssituation und die Fangmethode bewertet wird.

Zum Weiterlesen:

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Kurzinfo: Überfischung

Lange Zeit galten die Fischbestände in den unendlichen Weiten der Meere als unerschöpfliche Reichtümer. Doch seit industrielle, hochmodern ausgestattete Fangflotten die Ozeane plündern, schrumpfen die Bestände dramatisch.

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