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Ein Expertengespräch

Beifänge von Delfinen bleiben ein Problem

In zwei Fernsehbeiträgen des NDR kritisierte Dr. Karl-Hermann Kock, Meeresbiologe und Experte für Meeressäuger an der Bundesforschungsanstalt für Fischerei, den Inhalt einer Greenpeace-Anzeige zur Spendenwerbung. Darin ging es auch um den massenweisen Tod von Delfinen in Fischernetzen. Die Online-Redaktion besuchte Dr. Kock gemeinsam mit dem Greenpeace-Meeresbiologen Thilo Maack zum Expertengespräch.

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Online-Redaktion: Herr Dr. Kock, was war der Auslöser für Ihre öffentliche Kritik an der Spenden-Anzeige von Greenpeace?

Kock: Ich habe mir den Text der Anzeige genau angeschaut. Der ist nicht mehr auf der Höhe der Zeit . Mir geht es darum, dass man mit sauberen Fakten arbeitet, und um nichts anderes. Und wenn etwas nicht stimmt, dann sollte man das ruhig aufgreifen.

Maack: Dass der in der Anzeige erwähnte Prozess schon 2005 abgeschlossen wurde, ist offensichtlich. Das ist ein Fehler, den wir einräumen. Wir beziehen uns aber bei den Beifängen auf korrekte Zahlen aus einem Report von 2004/2005.

Kock: Der ist aber im Jahr 2009 nicht mehr up to date. Ich bin selbst Greenpeace-Förderer. Die Leute erwarten, dass ihr auf der Höhe der Zeit seid. Das muss man rüberbringen und das war auch der Sinn dieses Fernseh-Beitrages.

Maack: Im Hinterkopf behalten sollte man aber auch, warum wir diese Studie gemacht haben. Wir wollten ein Schlaglicht werfen auf die aktuelle Bedrohungssituation durch die Gespannfischerei. Ich denke, das ist uns hervorragend gelungen.

Kock: Ja, im Jahr 2005. Man kann 2009 aber nicht mehr mit denselben Zahlen arbeiten, da sich die ganzen Randbedingungen inzwischen geändert haben.

Online-Redaktion: Inwieweit haben sich die Randbedingungen denn geändert?

Kock: 2004/05 tat noch niemand etwas gegen die hohen Beifänge. In den folgenden Jahren versuchten aber die Engländer, die Iren und auch die Franzosen, das Problem zu beheben. Sie versuchten mit Hilfe technischer Maßnahmen den Beifang zu reduzieren indem sie den Fischereiaufwand reduzierten und indem sie die Fischerei zu bestimmten Zeiten reduzierten.

Diese Maßnahmen führten zum Erfolg. Es ist tatsächlich so, dass die Iren und Engländer zurzeit nichts beifangen in dieser Fischerei - die Franzosen haben deutlich geringere Beifänge als früher.

Das heißt, man hat zwar nicht alles, aber man hat eine ganze Menge erreicht. Und diesen Prozess sollte man anerkennen und es auch als Ermutigung sehen.

Maack: Dass die britische Regierung reagiert hat, ist sicherlich auch auf die Kampagne zurückzuführen, die wir in 2004/2005 gemacht haben. Sonst wäre es zu diesen Maßnahmen nicht gekommen.

Kock: Das ist durchaus möglich. Es ist häufig so, wenn sich öffentlicher Druck aufbaut, dann passiert eher was.

Maack: Wir haben aber auch im letzten Jahr noch viele Totfunde von Schweinswalen, von anderen Kleinwalen an den europäischen Küsten gehabt, die nach wie vor Zeichen von Netzbeifängen haben, entweder sie haben Netzmarken oder sie sind grässlich verstümmelt durch die Fischer. Das ist ja auch nach wie vor ein Fakt.

Kock: Ja, das haben wir ja auch bei uns, die westliche Ostsee in den letzten Jahren ist ein gutes Beispiel dafür.

Maack: Das ist letztendlich auch Teil der Greenpeace-Arbeit, dass wir das kommunizieren und versuchen dagegen vorzugehen.

Kock: Ja, dagegen habe ich auch überhaupt gar nichts. Mir geht es darum, dass man mit sauberen Fakten arbeitet, und um nichts anderes.

Online-Redaktion: Über die Berechnungsgrundlage für die Zahlen in der Anzeige haben Sie ja unterschiedliche Ansichten.

Maack: Wir haben in den Jahren 2004/2005 die 2000 beigefangenen Delfine auch basierend auf den Anlandemengen von Wolfsbarsch hochgerechnet. Das heißt, wir haben im englischen Kanal 9700 Tiere gezählt. Dann haben wir die Totfunde, die wir in diesem Gebiet bei unserer Untersuchung gesehen haben, hochgerechnet auf die britische Fischerei. Das machten wir, weil wir ausschließlich britische Trawler beobachtet haben und Totfunde dort gesehen haben. Und basierend auf dem Ergebnis haben wir uns die gesamten Wolfsbarschanlandungen der Briten und der Franzosen angeschaut. Dann haben wir das, was wir in der britischen Fischerei gezählt haben, auf die Gesamtanlandemengen hochgerechnet - und so sind wir auf die Zahl 2000 gekommen.

Kock: Ich hege starke Zweifel an dieser Art von Hochrechnung.

Maack: Das ist natürlich statistisch interpretierbar und lässt Spielraum für Interpretation.

Kock: Das würde ich aber auch sagen.

Maack: Die Untersuchung ist damals von Wissenschaftlern gemacht worden, die in anderen NGOs gearbeitet haben und die heute auch für die britische Regierung arbeiten oder sie beraten. Und es war damals tatsächlich Fakt, dass es eine akute Bedrohung für diese von uns ermittelte Gruppe von Delfinen gab...

Kock: Nein, das stelle ich in Abrede. Diese Gruppe von Delfinen ist eine Momentaufnahme gewesen. Wenn man so eine Zählung 14 Tage später in dem gleichen Gebiet gemacht hätte, dann zählt man vielleicht nur 7000 Delfine. Das können aber auch schon wieder ganz andere Delfine sein, als die, die man vorher gezählt hat. Die Tiere sind ja sehr mobil. Wäre es eine Population, die sich nur in diesem Gebiet aufhält, wäre das eine extreme Bedrohung durch diese Fischerei. Aber dadurch, dass die Delfine aus diesem Gebiet rein und raus gehen, kann man keine akute Bedrohung daraus ableiten.

Maack: Das sagen wir aber auch in der Studie.

Online-Redaktion: Das heißt aber auch, dass Wale und Delfine in europäischen Gewässern weiter durch Beifang gefährdet sind?

Maack: Nach wie vor gibt es beispielsweise hohe Schweinswal-Beifänge in der Stellnetz-Fischerei, nach wie vor gibt es Beifänge in der Gespannfischerei im englischen Kanal, nach wie vor gibt es sehr viele Beifänge in der illegalen Treibnetzfischerei im Mittelmeer. Es ist dringend an der Zeit, dass die Vorgaben der EU auch tatsächlich umgesetzt werden. Aber so lange das nicht passiert, ist es vollkommen legitim zu sagen, es wird nicht genug getan.

Kock: Ich bin auch der Meinung, dass man dieses kritisieren sollte. Da habe ich überhaupt keine Probleme mit. Ich denke, die EU sollte alle Länder, Deutschland eingeschlossen, dazu zwingen die entsprechende Verordnung 812/2004 EU ganz schnell umzusetzen. Deutschland bemüht sich gerade darum.

Online-Redaktion: Das Problem muss also auf EU-Ebene geklärt werden?

Kock: Das ist ein klassisches Problem für die EU, weil es länderübergreifend ist.

Online-Redaktion: Sie zwei ziehen also im Grunde genommen am selben Strang?

Kock: Das war mir von Anfang an klar.

Das Interview führte Jan Haase

 

Zum Weiterlesen:

Stellungnahme zum Panorama-Beitrag am 10.12.2009

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