Archiv: Artikel kann veraltete Informationen enthalten

Berichte direkt von der Tour

Esperanza-Tour im Nordwest-Atlantik

Ende Juli bis August ist Greenpeace fast drei Wochen im Nordwest-Atlantik unterwegs, um die Zerstörung der Tiefsee durch die Grundschleppnetz-Fischerei zu dokumentieren. Nachdem die Rainbow Warrior II im Mai rund um Neuseeland in der Tasmanischen See aktiv war, ist die Esperanza von Halifax in Nova Scotia/Kanada in Richtung Osten unterwegs.
  • /

Die Zerstörung der wundervollen und einzigartigen Tiefsee durch die Grundschleppnetz-Fischerei ist nach wie vor akut. Regionale Fischereiabkommen (Regional Fisheries Management Organisations, RFMOs) reichen nicht aus, die Fischerei wirksam zu regulieren und die Ökosysteme tatsächlich zu schützen.

60 Prozent der Grundschleppnetz-Fischerei auf Hoher See findet im Nordwest-Atlantik statt. Sie wird von nur wenigen Ländern, wie beispielsweise Portugal, Spanien, Russland, Kanada und Deutschland betrieben. Die Grundschleppnetz-Fischerei auf der Hohen See - d.h. in internationalen Gewässern, außerhalb nationaler Gerichtsbarkeit - ist mit besonderer Sorge zu betrachten. Hier herrschen oftmals keinerlei Regelungen bezüglich der Fischerei, teilweise gelten RFMOs. Letztere sind jedoch in ihrer derzeitigen Gestaltung mit massiven Lücken versehen und daher völlig ineffektiv.

Die Fischerei in den Gewässern östlich der kanadischen Küste wird durch das regionale Abkommen der NAFO (Northwest Atlantic Fisheries Organisation) geregelt. Der Greenpeace Report The Northwest Atlantic Fisheries Organization: A Case Study zeigt die Verfehlungen im Fischereimanagement und die Ineffizienz der NAFO deutlich auf. So stehen 2005 vier der sechs Grundfischbestände, die die NAFO betreut unter einem Moratorium - sie sind überfischt. Seit 25 Jahren schaffen NAFO-Abkommen es nicht, ein wirksames Management umzusetzen und die Meeresumwelt zu schützen. Sogar eine der produktivsten Fischereien liegt am Boden - die nordwestliche Kabeljau-Fischerei im Atlantik.

Radikale Veränderungen der regionalen Fischereiabkommen wie NAFO sind nötig, um die Artenvielfalt der Tiefsee zu erhalten und eine langfristige Fischerei zu gewährleisten. Diese Veränderungen brauchen Zeit, die der Tiefsee aber nicht bleibt, wenn die Zerstörungen in dem bisherigen Umfang weitergehen. Daher ist ein Sofortverbot (Moratorium) für die Grundschleppnetz-Fischerei auf Hoher See - eingerichtet durch die Vereinten Nationen (United Nations, UN) – notwendig.

Greenpeace wird auf der Tour im Nordwest-Atlantik, ebenso wie vorher in der Tasmanischen See, Beweise für die zerstörerische Kraft der Grundschleppnetz-Fischerei sammeln und die Unfähigkeit des regionalen Fischereiabkommens NAFO dokumentieren. Die Frage bleibt: Wie viele Beweise brauchen die Politiker noch bis sie endlich aktiv werden?

28.07.2005:Grand Banks, 43°45.12 Nord, 52°23.91 West

Vor unser Abfahrt am 25. Juli in Richtung Grand Banks stellten wir auf einer Pressekonferenz in Halifax nochmals unsere Forderung nach einem Moratorium für die Grundschleppnetz-Fischerei auf Hoher See vor. Dabei hatten wir den aktuellen Greenpeace Report The Northwest Atlantic Fisheries Organization: A Case Study. Wir forderten die kanadische Regierung auf sich für ein Moratorium einzusetzen. Derzeit blockieren die Kanadier noch ein Verbot.

Die Antwort des Fischereiministers Geoff Regan ließ nicht lange auf sich warten - auch er gab umgehend eine Pressekonferenz: Wir möchten die Tiefsee schützen, aber dafür müssen wir erst die ökologisch sensiblen Bereiche identifizieren. Keine Fischereimethode ist ausschließlich schlecht, alle haben ihre guten und schlechten Seiten. Wir müssen herausfinden, welche der Methoden tatsächlich zerstörerisch ist, dann können wir weitersehen.

Dies waren seine Argumente gegen ein Moratorium. Aber die Frage bleibt: Wie wollen wir herausfinden, wo sich solche sensiblen Gebiete befinden, wenn wir sie gleichzeitig zerstören? Scheint es nicht glasklar, dass wir erst eine Auszeit der Fischerei benötigen, um die Gebiete zu finden? Und reichen die bisherigen Beweise nicht aus, um zu erkennen, dass die Grundschleppnetz-Fischerei eine Wüste am Boden hinterlässt?

Nach unser erfolgreichen Pressekonferenz lichtete die Esperanza am Dienstag gegen halb neun den Anker. Wir machten uns auf den Weg Richtung Osten. Ganze zweieinhalb Tage fuhren wir durch dichten Nebel, bis wir die südliche Spitze der Grand Banks erreichten. Wir befanden uns außerhalb der 200-Seemeilen-Zone und damit in internationalen Gewässern. Es ist weit von der Küste entfernt - weit draußen auf dem Atlantik.

Schnell waren die ersten Fischerboote auf dem Radar zu sehen und wir nahmen Kontakt zu ihnen auf. Vier kanadische Fischerboote, sie wollten mit Grundschleppnetzen Rotbarsch fangen - aber noch innerhalb der nationalen Gewässer.

Unsere Arbeit konzentriert sich derzeit auf die internationalen Gewässer. Trotzdem baten wir, an Bord kommen zu dürfen. Die Fischer verneinten unsere Bitte, waren aber bereit Info-Material vom Schlauchboot entgegenzunehmen. Als wir dann bei ihnen ankamen, durften wir doch an Bord und konnten das Einholen der Netze filmen. Etwa zwei Tonnen Rotbarsch ergossen sich auf das Schiff und Plattfische als Beifang.

Anschließend setzten wir unseren Weg Richtung Osten fort. Die nächsten Boote hatten wir schon wieder auf unserem Radar. (Autorin: Iris Menn)

29.07.2005: Südliche Spitze der Grand Banks, 43°06,8'Nord 51°20,7'West

Den nächsten Fischtrawler trafen wir in internationalen Gewässern - also außerhalb der 200-Seemeilen-Zone und damit außerhalb jeglicher nationalen Gerichtsbarkeit. Santa Cristina, ein echter Koloss von etwa 80 Metern Länge. Er fährt unter portugiesischer Flagge und fischt Rotbarsch - hier auf einer Wassertiefe von rund 500 Metern.

Rotbarsche leben bis zu 1000 Meter tief, werden sehr alt und spät geschlechtsreif. Genau deshalb ist er - wie alle Tiefseefische - anfällig für Überfischung. Eine einfache Logik: Werden zu viele Fische gefangen, die noch nicht gelaicht haben, ist der Bestand schnell leer gefischt.

Die Rotbarsch-Fischerei ist mittlerweile hoch industrialisiert. Es werden Schleppnetze eingesetzt in deren Öffnung mehrere Fußballfelder Platz haben. In den Gewässern der Arktis, um Grönland und den Faröer-Inseln, sind die Rotbarsch-Bestände bereits überfischt, und Experten empfehlen einen Fangstopp.

Auch die Rotbarsch-Fischerei im Nordwest-Atlantik, die unter NAFO-Kontrolle steht, scheint in diese Richtung zu gehen. Ihre Historie lässt nichts Gutes vermuten: 79.000 Millionen Tonnen Rotbarsch wurden östlich von Neufundland (NAFO-Kontrollgebiet: 3L) 1987 auf dem Höhepunkt der Rotbarsch-Fischerei gefangen. Seit 1998 gibt es in diesem Gebiet ein Fangverbot für Rotbarsch.

2004/2005 hat die NAFO endlich begonnen die Rotbarsch-Fischerei auf der Hohen See tatsächlich zu regulieren, d.h. es sind Quoten vergeben worden. Doch das Wissenschaftkomitee der NAFO beschreibt die Bestände als nicht gesichert und auf einem historischen Tief angelangt.

Dies ist ein weiteres Beispiel für die Unfähigkeit von NAFO die Fischerei unter ihrer Kontrolle nachhaltig zu regulieren. Neben dem eigentlichen Missmanagement stehen die Rotbarsch-Bestände weiter unter Druck: Bei der Shrimp- und Heilbutt-Fischerei wird Rotbarsch in erheblichen Maß als Beifang mitgefangen. Statistiken belegen, dass Russland 2001 die höchste Fangmenge an Rotbarsch in den internationalen Gewässern des Nordwest-Atlantik hatte. Deutschland ist für Rotbarsch der Hauptmarkt in Europa und importiert einen Großteil dieses Fisches aus Russland. Will man nicht zur Überfischung der Meere beitragen, kann man beim Fischeinkauf den Greenpeace-Ratgeber Fisch & Facts zur Hand nehmen. Dort ist Rotbarsch als katastrophal eingeordnet, während Hering oder Makrele als akzeptabel verzeichnet sind.

Besitzer des portugiesischen Fischtrawler Santa Cristina ist die Firma Aveiro Pesca. Auch die Grundschleppnetzfischer Calvao und Santa Mafalda gehören dieser Firma. Für beide wurden bereits Regelbrüche des NAFO-Abkommens registriert: Calvao gab im Dezember 2002 und März 2005 falsche Fangzahlen an, während Santa Mafalda 2003 Arten, die unter einem Fangverbot liegen im NAFO-Gebiet fischte. Von der Santa Cristina ist Vergleichbares bisher nicht bekannt.

Greenpeace ist im Nordwest-Atlantik, um genau diese oben beschriebene Unfähigkeit der NAFO - die Fischbestände und Meeresgebiete unter ihrer Verantwortung nachhaltig zu regulieren und zu schützen - aufzuzeigen. Sehen wir, was weiter kommt. Sehen im wahrsten Sinne des Wortes ist im Augenblick jedoch nicht möglich - seit vier Tagen dampfen wir durch dichten Nebel. Die Temperaturen liegen bei 30 Grad Celsius und die salzige, feuchte Luft dringt in jede Ritze.

30.07.2005: Zwischen Grand Banks und Flemish Cap, 44°34' Nord, 48°40' West

Der Wind hat zugenommen - und damit auch unsere Sicht und die Wellen. Die Esperanza beginnt zu tanzen - zum ersten Mal auf dieser Reise. Mit den Wellen tauchen die ersten Delfine an der Backbordseite des Schiffs auf: Gewöhnliche und Weißseiten-Delphine.

Sie spielen mit den Wellen und mit uns. Tauchen ab, springen in die Luft und überholen die Esperanza, nur um sich dann wieder zurückfallen zu lassen und erneut an uns vorbeizuziehen. Am liebsten aber scheinen sie sich am Bug des Schiffs aufzuhalten. Sie kreuzen vor uns hin und her und sind die richtigen Begleiter für unserer Fahrt.

Die Esperanza rollt mehr und mehr - von Steuerbord nach Backbord und zurück. Auf den Tischen werden rutschfeste Gummidecken aufgelegt, trotzdem ist es bereits für einige Tassen zu spät. Alles was bisher außen- und innenbords nicht festgezurrt ist, wird nun gelascht. Die Windstärke beträgt sieben bis acht Knoten und die Wellen sind drei bis vier Meter hoch. Die Temperatur ist auf nur noch zehn Grad Celsius gefallen. Unsere momentane Sicht liegt bei unter 30 Metern. Bedingungen, die uns einen Besuch des uns entgegenkommenden spanischen Fischtrawlers nicht erlauben.

01.08.2005: Zwischen Grand Banks und Flemish Cap, 46°44'Nord 48°32'West

Sonne – weite, klare Sicht und flache See. Pilotwale kreuzen den Weg der Esperanza. Seit einer Woche ist Greenpeace im Nordwest-Atlantik unterwegs. Und nun die zweite Fischerei, die deutlich macht wie unfähig die NAFO (Northwest Atlantic Fischeries Organization) ist, ihre Aufgaben wahrzunehmen. Die NAFO sollte die Fisch-Bestände unter ihrer Kontrolle regulieren und das Meeresgebiet schützen. Erst letztes Jahr haben die Vereinten Nationen (UN) die NAFO explizit aufgefordert sofortige Maßnahmen zu ergreifen, um wertvolle Ökosysteme in ihrem Kontrollgebiet vor der Zerstörung und Grundschleppnetz-Fischerei zu schützen.

Sechs Grundschleppnetz-Fischer befinden sich auf unserem Radar – alle auf der Jagd nach Shrimps. Die Trawler kommen aus Estland, Lettland und Island. Sie benutzen Fanggeschirr mit einem Gewicht von rund 25 Tonnen. Zwei Netze von jeweils 200 bis 300 Metern Länge werden ins Wasser gelassen und durch zwei riesige, eiserne Scherrbretter offen gehalten. Zusätzlich sind vorne an den Netzen schwere Eisenketten und Stahlkugeln angebracht. So werden die Shrimps aus dem Boden aufgescheucht und das Netz bleibt nicht im Boden hängen. Tag und Nacht sind die Schiffe im Einsatz; alle vier bis sieben Stunden holen sie ihren Fang ein. In rund 30 Tagen fängt und verarbeitet ein Trawler rund 300 Tonnen Shrimps.

Die NAFO hat für die Shrimp-Fischerei in diesem Gebiet (NAFO-Kontrollgebiet 3M) keine Fangquoten festgesetzt. Es gibt lediglich die Regulierung der Fangtage auf See. Die Folge davon: die Boote werden größer, um mehr Fang pro Tag zu erreichen. Die Fangmenge wird darüber nicht beschränkt.

Wissenschaftler und die letzten Berichte der Fischerei-Beobachter beschreiben das Flemish Cap als Hotspot für Weichkorallen. Bisher ist wenig über deren Lebensweise, Verbreitung und Häufigkeit bekannt. Trotzdem ist die Grundschleppnetz-Fischerei in diesem Gebiet erlaubt. Dies macht deutlich, dass die NAFO sich lediglich um die Fisch-Bestände unter ihrer Regulation kümmert. Und das mangelhaft, wie die Rotbarsch-Fischerei zeigt. Der Schutz der Lebensräume, in denen die Fischbestände leben, scheint nicht in ihrem Interesse zu sein.

Derzeit gibt es keinen Schutz für die wertvollen Weichkorallen-Gebiete des Flemish Cap, noch für irgendwelche anderen Bereiche im NAFO-Kontrollgebiet. Die Aufforderung der UN, wertvolle Lebensräume vor der Zerstörung durch die Grundschleppnetz-Fischerei zu schützen, kommt die NAFO in keiner Weise nach.

Nach dem Zusammenbruch der Grundfisch-Fischerei im Nordwest-Atlantik in den 90er Jahren erlangte die Shrimp-Fischerei einen Aufschwung. Mittlerweile ist es die größte Grundschleppnetz-Fischerei in internationalen Gewässern. Im Jahr 2001 betrugen ihre Fänge und Gewinne circa ein Viertel bis ein Drittel der Gesamtfänge und des Gesamtgewinns der Grundschleppnetz-Fischerei auf Hoher See weltweit.

Greenpeace besuchte drei der Shrimp-Trawler an Bord. Die Fischer selbst erzählten, dass die Shrimpmengen über die letzten Jahre hinweg kleiner geworden sind. Die Regelung über die Fangtage bewirke lediglich das die Fischerboote größer werden. Eine wirksamere Regulierung der Fischerei würden auch sie befürworten. Ebenso sehen sie die Notwendigkeit von Schutzgebieten, d.h. Gebieten in denen keine Fischerei erlaubt ist und in denen sich die Fischbestände und der gesamte Lebensraum erholen kann.

Greenpeace fordert ein Moratorium für die Grundschleppnetz-Fischerei auf der Hohen See, um der Wissenschaft Zeit zu geben, wertvolle Lebensräume in der Tiefsee zu identifizieren und zu erforschen. Erst dann ist es möglich, Schutzgebiete auszuweisen und ein wirksames Fischereimanagement umzusetzen. Nur so kann die Tiefsee geschützt werden, bevor es zu spät ist.

04.08.2005: Nördliche Spitze des Flemish Cap, 48°27,7'Nord 45°30,2'West

Jeden Abend die gleiche Prozedur: Die im NAFO-Kontrollgebiet operierenden EU-Fischtrawler werden angefunkt, um Bericht zu erstatten. Auch die Namen Lootus II und Madrus werden aufgerufen. Beide Boote fahren unter der Flagge Estlands und gehören der Firma >em>MFV Lootus OU. Lootus II wurde seit 2000 mehrfach beim Fischen wider die NAFO-Regularien auffällig.

Auch ihr Besitzer MFV Lootus OU hat keine reine Weste: Seit 2004 ist ihr Teilhaber die spanische Firma Grupo Oya Perez. Dieser wiederum gehört der Piratenfischer Ross. Ein Trawler auf der illegalen Jagd nach Schwarzem Seehecht - und auf der Liste der illegalen, unregulierten und undokumentierten (IUU – illegal, unregulated, undocumented) Boote.

Wie ist es möglich, dass solche Trawler im NAFO-Kontrollgebiet fischen dürfen? Die Zusammensetzung der EU-Delegation 2003 und 2004 für das jährlichen NAFO-Treffen liefert einen Hinweis: Drei Mitglieder der Firma Grupo Oya Perez waren Teil davon! EU und NAFO sollten sich eigentlich bewusst sein, dass die Trawler dieser Firma in illegale Seehecht-Fischerei involviert sind. So entscheiden am Tisch der NAFO Leute über Maßnahmen zur Regulierung der Fischerei, zum Schutz der Meere und Verfolgung von IUU-Booten, die im selben Augenblick Boote auf den Meeren unterwegs haben, die genau diese Regeln brechen.

Unter diesen Umständen ist keine wirksame Regulierung der Fischerei möglich. Die NAFO muss dringend für geordnete Zustände in ihrer Organisation sorgen. Deshalb fordert Greenpeace ein Moratorium für die Grundschleppnetz-Fischerei auf der Hohen See – nur so ist der Schutz der Tiefsee möglich.

Bisher ist die Esperanza weder Lootus II noch Madrus begegnet. Mittlerweile sind wir an der nördlichen Spitze des Flemish Cap und treffen auf zahlreiche spanische Heilbutt-Fischer. Auch Schwarzer Heilbutt (auch Grönländischer Heilbutt) wird mit Grundschleppnetzen gefangen, und zwar auf einer Tiefe um die 1000 Meter. Hohe Beifangraten an Jungfischen wie Heilbutt selber oder Rotbarsch, anderen Fischarten und Meereorganismen sind das Hauptproblem dieser Fischerei.

Seit Anfang des 19. Jahrhunderts wird Heilbutt kommerziell genutzt. Aber erst als Anfang der 90er Jahre die Grundfisch-Fischerei auf Kabeljau, Rotbarsch und Plattfische im Nordwest-Atlantik zusammenbrach, nahm - neben der Shrimps-Fischerei - die Heilbutt-Fischerei fern von der Küste – in internationalen Gewässern, auf der Hohen See - deutlich zu. Mittlerweile ist der Heilbutt-Bestand gefährdet und die derzeit stattfindende Fischerei nicht nachhaltig.

Der Hauptteil der Schwarzen Heilbutt-Fischerei im Nordwest-Atlantik wird von spanischen Trawlern durchgeführt. 2001 tauchten hier massive Diskrepanzen in den Statistiken der NAFO (neun Tonnen) und der FAO (Food & Agricultural Organization, FAO; 11.000 Tonnen) der Vereinten Nationen bezüglich der Gesamt-Fangmenge Spaniens an Heilbutt auf. Wie ist das möglich?

Auf die Gesprächsanfrage der Esperanza über Funk gaben die spanischen Trawler bisher keine Antwort. Mit Musik blockierten sie den Kanal. Auch die Gespräche der Fischer untereinander auf anderen Funk-Kanälen machten deutlich, dass sie nicht an einer Diskussion mit Greenpeace über Tiefseefischerei interessiert sind. Ihren Beifang werfen sie derzeit nicht über Bord, wenn sich eines der Greenpeace Schlauchboote in ihrer Nähe befindet. Gibt es hier was zu verbergen?

06.08.2005: Flemish Cap, 47°22'Nord, 46°04'West

Rauhe See - bedeckter Himmel - 15 Knoten Windstärke. Zurück auf der Westseite des Flemish Cap in dem Gebiet der Shrimp-Fischerei. Hier hatte Greenpeace Anfang der Woche das Fischen einiger Trawler und die Verarbeitung der Shrimps an Bord dokumentiert.

Heute demonstrierten wir mit einem großen Banner mit dem Schriftzug Legal? gegen den Trawler Petur Jonsson. Es ist ein 64 Meter langer Shrimp-Fischer unter isländischer Flagge, der noch Anfang der Woche einen Besuch von uns an Bord oder nur ein Gespräch mit uns ablehnte.

Das Greenpeace-Schlauchboot am Bug des Trawlers hebt und senkt sich und wird immer wieder von der Sogwelle der Petur Jonsson weggedrückt. Ab und zu ergießt sich eine Welle über die Aktivisten. Da macht es auch nichts mehr aus von den Fischern aus Schläuchen mit Wasser bespritzt zu werden.

NAFO reguliert die Shrimp-Fischerei hier in den internationalen Gewässern des Nordwest-Atlantik lediglich über die Anzahl der Fangtage der Trawler und nicht über eine Vergabe der Quoten. Dies endet jedoch darin, dass die Boote größer werden und versuchen so viel Shrimps wie möglich an einem Tag zu erbeuten. So stieg z.B. die Fangmenge von Norwegen trotz NAFO-Abkommens von 49.000 Tonnen im Jahr 2002 auf 62.000 Tonnen in 2003 an. Dies ist kein Management für eine nachhaltige Fischerei!

Zudem hat Island von seinem Vetorecht in der NAFO Gebrauch gemacht und die Fangtage-Regulierung nicht akzeptiert. Nun bestimmt es seine eigenen Quoten unabhängig von wissenschaftlichen Empfehlungen.

Aber wie kann es legal sein, dass einzelne Mitgliedsländer Entscheidungen, die gemeinsam in der NAFO getroffen wurden, nicht akzeptieren, einfach ihre eigenen Quoten setzen und die wissenschaftlichen Empfehlungen ignorieren? Die Bestände der Shrimps sind alles andere als gesichert. Die Fischer selbst registrieren eine Abnahme der Größe der Shrimps in den letzten Jahren. Dies zeigt deutlich, dass der Bestand nicht genug Zeit hat sich zu erholen.

Und wie kann es legal sein, Grundschleppnetz-Fischerei durchzuführen in Gebieten in denen Weichkorallen und andere wertvolle Tiefseebwohner leben? Regionale Fischereiabkommen, wie das der NAFO, sind in ihrer derzeitigen Gestaltung und Ausführung absurd. Deswegen fordert Greenpeace die Vereinten Nationen auf, die Grundschleppnetz-Fischerei auf der Hohen See sofort zu verbieten. Ein beherztes Eingreifen der UN ist für den Schutz der Tiefsee nötig.

08.08.2005: Flemish Cap, 46°38'Nord, 46°33'West

Sonntagabend demonstrierte Greenpeace erneut gegen einen Fischtrawler im Nordwest-Atlantik. Von Schlauchbooten aus hängten Greenpeacer ein Banner mit der Aufschrift Deep Sea Destroyer (Tiefsee-Zerstörer) an die Schiffswand des Trawlers Playa de Tambo.

Die Playa de Tambo gehört zur spanischen Flotte, die mit Grundschleppnetzen auf der Jagd nach Schwarzem Heilbutt ist. Spanien, Kanada, Portugal, Russland und Japan sind an der Heilbutt-Fischerei beteiligt - Spanien fängt jedoch den Hauptteil.

Mit Beginn der 90er Jahre hat die Heilbutt-Fischerei einen starken Aufschwung erhalten. Mittlerweile ist auch dieser Bestand gefährdet. In dem für die Fischerei im Nordwest-Atlantk zuständige Regionale Fischereiabkommen der NAFO, wurde 2003 ein 15 Jahre dauernder Wiederaufbauplan beschlossen.

Doch die Wissenschaftler berichten, dass die Fangquoten nicht eingehalten werden. Allein im Jahre 2004 wurden die Quoten um 27 Prozent überschritten und so sehen die Wissenschaftler den Wiederaufbauplan gefährdert.

Sieben spanische Heilbutt-Fischer konnte Greenpeace in den letzten 13 Tagen dokumentieren. Keiner von ihnen war bereit, mit uns zu sprechen oder uns an Bord kommen zu lassen. Und keiner gab seinen Beifang über Bord, wenn ein Greenpeace-Schlauchboot in der Nähe war. Warum, fragen wir uns, wenn nichts zu verbergen ist? Die Grundschleppnetz-Fischerei auf Heilbutt ist bekannt für den hohen Anteil an Beifang, vor allem an jungen Fischen wie Heilbutt selbst oder Rotbarsch.

Die Playa de Tambo gehört zu einer Anzahl von Trawlern, die immer wieder durch Regelbrüche des NAFO-Fischereiabkommens auffällig geworden sind. So dokumentierte die Crew beispielweise ihren Fang nicht ausreichend oder verweigerte die Zusammenarbeit mit NAFO-Inspektoren. Bislang ist sie dafür aber noch nicht zur Rechenschaft gezogen worden.

Gestern die Shrimp-Fischerei und Island - heute die Heilbutt-Fischerei und Spanien! Die 13 Tage der Greenpeace-Expedition zeigen, wie sehr die Fischerei auf der Hohen See außer Kontrolle ist.

Wir brauchen ein Moratorium für die Grundschleppnetz-Fischerei auf der Hohen See, um die Zerstörung aufzuhalten. Wissenschaftlern muss Zeit gegeben werden, die ökologisch sensiblen Gebiete zu identifizieren, um sie unter Schutz stellen zu können.

10.08.02005: Flemish Cap, 46°30'Nord, 46°52'West

Die letzten Tage haben gezeigt: Bei der Shrimp- und Heilbutt-Fischerei im Nordwest-Atlantik versagt das NAFO-Fischereiabkommen auf ganzer Linie! Zudem sind seine Strukturen mafiös. Vor einer Woche hatten wir die Namen bei dem abendlichen Bericht der NAFO-Beobachter per Funk schon gehört: Lootus II und Madrus. Nun am Samstag haben wir bei dichtem Nebel einen Trawler auf dem Radar. Keine Chance ihn mit den Ferngläsern zu identifizieren.

So lassen wir ein Schlauchboot ins Wasser, um genauer zu schauen. Es ist der estnische Trawler Lootus II. Seit 2000 ist er bereits sieben Mal beim Fischen wider die NAFO-Bestimmungen auffällig geworden: Zu kleine Maschenweiten des Netzes, fischen von Arten die unter einem Fangverbot stehen, keine Kooperation mit den Inspektoren etc. etc. etc. steht auf der Liste der Vergehen. Eine Strafverfolgung solcher Dauertäter gibt es bei der NAFO nicht.

Aber auch der Besitzer der Lootus II hat keine reine Weste. Ihr Eigner MFV Lootus OU, mit der spanischen Firma Grupo Oya Perez als Teilhaber, besitzt Trawler die auf der Liste der IUU Boote stehen (illegal – unreguliert – undokumentiert, IUU). Also Boote die illegal – unreguliert – undokumentiert in den Weltmeeren fischen, wie z.B. der Piratenfischer Ross. Ein Trawler auf illegaler Jagd nach Schwarzem Seehecht im Südpolarmeer.

Trotzdem nahmen Manager dieser Firma als Teil einer EU-Delegation an den jährlichen NAFO-Treffen 2003 und 2004 teil. So entscheiden am Tisch der NAFO Leute über die Regulierung der Fischerei und den Schutz der Ozeane, die im selben Augenblick Trawler auf die Meere schicken, die illegal fischen.

Diese kriminelle Strukturen in der NAFO sind der Grund für unsere Aktion. Wie kann es sein, dass Trawler mit solcher Vergangenheit und einem solchen Eigner im Hintergrund immer noch im Nordwest-Atlantik unterwegs sein dürfen?

Greenpeace-Aktivisten klammern sich mit einer Boje mit der Aufschrift Stop Deep Sea Destruction (Stoppt die Tiefsee-Zerstörung) und Leuchtfackeln an den Bug des Trawlers. Sie wollen die Maschinen zum Stoppen bringen. Aber die Lootus II dampft ungerührt weiter. 30 Stunden verfolgte die Esperanza-Crew die Lootus II. Elf Stunden davon fuhr sie mit hoher Geschwindigkeit in ein anderes Fanggebiet. Dort setzte sie ihr Netz, und 19 Stunden später war es noch immer nicht wieder eingeholt. Dies ist mehr als ungewöhnlich. Wir vermuten, dass die Lootus II auch diesmal etwas zu verbergen hat und ihr Netz nicht einholen möchte - während wir dabei sind und dokumentieren.

Greenpeaace fordert von den Vereinten Nationen (UN) ein Moratorium der Grundschleppnetz-Fischerei auf der Hohen See. Nur dies gibt genügend Zeit, die kriminellen Strukturen in der NAFO aufzulösen und ökologisch sensible Gebiete der Tiefsee zu identifizieren, um sie vor der Zerstörung zu bewahren.

12.08.2005, Halifax/Kanada

Fester Boden unter den Füßen! Nach über zwei Wochen Expedition auf dem Nordwest-Atlantik erreichte die Esperanza am frühen Morgen den Hafen von Halifax. Ein Beispiel nach dem anderen an schlechtem Fischerei-Management, Überfischung und Zerstörung der Tiefsee durch die Grundschleppnetz-Fischerei hat diese Ausfahrt zu Tage gebracht. Eingeschlossen auch Verstrickungen von Trawlern und Eignern in illegale Aktivitäten.

Weltweit werden nur 25 Prozent der Hohen See durch regionale Fischerei-Organisation wie die NAFO (Northwest Atlantic Fishery Management Organisation) reguliert. Die NAFO gilt dabei als eine der am besten funktionierenden Organisationen. Wenn dies tatsächlich der Fall sein sollte, zeigt die Greenpeace-Expedition umso mehr wie ernsthaft die Ozeane in Gefahr sind!

Die Esperanza verbrachte rund zwei Wochen in den internationalen Gewässern um die Grand Banks und des Flemish Cap - in den NAFO-Kontrollgebieten 3LMNO. 20 Grundschleppnetz-Fischer auf der Jagd nach Rotbarsch, Shrimps und Schwarzen Heilbutt wurden in dieser Zeit dokumentiert, fünf Trawler konnten an Bord besucht werden.

Greenpeace demonstrierte gegen einen isländischen Shrimp-, spanischen- und estnischen Heilbutt-Fischer, um die Unfähigkeit der NAFO und die Verantwortungslosigkeit ihrer Mitgliedstaaten hervorzuheben.

25 Tonnen Fanggeschirr, über 200 Meter lange Netze, die dreimal am Tag für sieben bis acht Stunden über den Meeresboden gezogen werden, lassen keinen Zweifel aufkommen, dass diese Fangmethode den Fisch und seinen Lebensraum in kürzester Zeit in Schwierigkeiten bringt. Selbst wenn durch Sortiergitter der Beifang reduziert wird, bleibt die Tatsache bestehen, dass Grundschleppnetze zum Fischfang über den Boden gezogen werden und diesen Lebensraum zerstören.

Kanada und Norwegen kündigten in der letzten Woche an, die NAFO reformieren zu wollen. Ohne ein Moratorium für die Grundschleppnetz-Fischerei ist jedoch diese Ankündigung bedeutungslos. Reformen dauern ihre Zeit - eine Zeit, die der Tiefsee nicht mehr bleibt.

Von Seiten der Europäischen Union (EU) gibt es Anzeichen, die Fischerei auf Schwarzen Heilbutt wegen seines Besorgnis erregenden Zustandes in diesem Jahr früher zu schließen als geplant. Ein Zusammenhang mit der Greenpeace-Kampagne wird zurückgewiesen ...

Die nächsten anstehenden politischen Termine zum Thema Grundschleppnetz-Fischerei sind das Treffen der NAFO in Estland im September und die UN-Generalversammlung (UNGA) im November.

Mehr zum Thema

Ozeane im Stress

Die Menschheit setzt durch Überfischung und Ausbeutung von Ressourcen nicht nur die Zukunft der Ozeane aufs Spiel, sondern auch die eigene.