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Die Mär vom Lieblingsfleisch der Japaner

Walfleisch als Walburger, Walfleisch als Delikatesse, Walfleisch als Hundefutter. Japan und Walfang - man könnte meinen, das gehöre einfach zusammen. Von alter Tradition ist die Rede, von Walfleisch als Nationalgericht. Aber stimmt das? Was bedeutet Walfleisch den Japanern heute wirklich? Die Online-Redaktion hat Greenpeace-Meeresexpertin Stefanie Werner gefragt.

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Online-Redaktion: Steffi, die Informationen zum Verzehr von Walfleisch in Japan sind sehr widersprüchlich. Mal heißt es, das Fleisch sei dort unentbehrlich, gar eine Delikatesse. Dann wiederum, die Japaner würden heute kaum noch Walfleisch essen, der Bedarf werde künstlich angeheizt. Was stimmt denn nun?

Stefanie Werner: Das Bild vom regelmäßig Walfleisch konsumierenden Japaner, welches das japanische Fischereiministerium der internationalen Öffentlichkeit vermittelt, ist schlichte Propaganda. Inzwischen geben nur noch vier Prozent der japanischen Bevölkerung an, regelmäßig Walfleisch zu konsumieren. Die Lobbyarbeit der vergangenen Jahre, von Greenpeace und anderen Umweltschutzorganisationen, hat schon viele Supermärkte veranlasst, Walfleisch aus ihren Regalen zu nehmen.

Die Firma Nissui, ein weltweit mit Fisch und Meeresfrüchten handelnder Konzern und einer der drei Haupteigner der Walfangflotte Kyodo Senpaku, hat gegenüber dem japanischen Greenpeace-Büro dieser Tage zugegeben, dass auf Seiten des Marktes nur noch eine sehr geringe Nachfrage besteht.

Online-Redaktion: Welche Namen stehen hinter der Walindustrie? Welche Rolle spielt sie innerhalb der japanischen Wirtschaft?

Stefanie Werner: Sie spielt eine zu vernachlässigende Rolle. Nur das Fleisch der Wale wird heute noch genutzt und bedient nur einen kleinen Markt. Die Aktien an der Walfangflotte werden von drei großen ehemaligen Walfangfirmen gehalten: Nissui, Maruha´s und Kyokuyo. Diese Konzerne sind inzwischen Großhändler für eine breite Variation an marinen Produkten, also Fisch und Meeresfrüchten. Nissui hat Tochterfirmen in aller Welt und setzt stark auf internationale Expansion. Greenpeace fordert die Firma Nissui auf, sich aus dem blutigen Geschäft des Walfangs zurückzuziehen und ihren Einfluss geltend zu machen, damit die Jagd für immer zum Erliegen kommt.

Online-Redaktion: Das japanische Walforschungsinstitut gibt sich auf seiner Website als gemeinnützige Organisation. Wie eng ist die Verbindung des Instituts zur japanischen Fischereibehörde?

Stefanie Werner: Das japanische Walforschungsinstitut wird von der Fischereibehörde jährlich mit circa einer Milliarde Yen subventioniert. Das entspricht 7,4 Millionen Euro. Mit diesen Bezuschussungen können die saisonalen Arbeiter der Firma Kyodo Senpaku, die die Fangflotte für das Walforschungsinstitut betreibt, bezahlt werden. Und die Miete der Schiffe. Um es ganz klar auszudrücken: Der Walfang ist inzwischen ein Verlustgeschäft und kann nur durch die politischen Zuschüsse weiter bestehen.

Online-Redaktion: Wenn weder große Lust auf Walfleisch existiert noch großer Gewinn für die japanische Wirtschaft: Worin besteht dann das Interesse?

Stefanie Werner: Japan beharrt auf dem Recht, alle natürlichen Ressourcen uneingeschränkt nutzen zu können. Die Waljagd in der Antarktis findet erst seit 1934 statt, man kann in diesem Fall wirklich nicht von alter Tradition sprechen.

In einem internationalen Walschutzgebiet zu fangen, weil Walfleisch aus der Antarktis viel geringer mit Unweltgiften belastet ist, ist besonders unverfroren. Dass es dabei nicht um Forschung sondern um Kommerz geht, liegt völlig auf der Hand. Warum sollten die getöteten Tiere sonst gleich verarbeitet und filetiert werden?

Online-Redaktion: Zur Rechtfertigung des brutalen Schlachtens wird auch behauptet, Wale fräßen den Menschen den Fisch weg. Was ist dran an dieser Behauptung?

Stefanie Werner: Das ist eine Lüge. Die Übernutzung der Ressource Fisch durch den Menschen ist viel zu offensichtlich, um ihn in diesem Zusammenhang außer Acht lassen zu können. Der bevorstehende oder schon geschehene Kollaps vieler Fischbestände lässt sich einzig und allein auf die riesigen Fangflotten und den ungebremsten menschlichen Bedarf an Fisch zurückführen.

Das ist auch die Meinung der Welternährungsorganisation (FAO) der Vereinten Nationen. Die Antwort auf die gravierenden Probleme der Fischerei liegt zum Einen in einer besseren Regulierung der Fischerei und zum Anderen in der Einrichtung von großen marinen Schutzgebieten, wo sich die Fischbestände erholen können.

Genau genommen ist es genau andersherum: Das Fehlen der Wale und anderer großer mariner Säugetiere durch menschliche Eingriffe gefährdet die Balance der Weltmeere nachhaltig. Wale stehen ganz oben in der Nahrungskette des Meeres. Fehlen sie, geraten auch die vorgeschalteten Stufen aus dem Gleichgewicht. Das konnte man im Sommer dieses Jahres sogar im Wissenschaftsmagazin Nature nachlesen.

Online-Redaktion: Vielen Dank für das Gespräch, Steffi!

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