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Die Legende von der Fischerei-Wende

Viel Lärm um Nichts - als etwas anderes kann man das, was die EU-Agrarminister am Freitag entschieden haben, nicht bezeichnen. Das hält die Beteiligten allerdings nicht davon ab, hochtrabend von einer Wende in der EU-Fischereipolitik zu sprechen. Doch diese Wende ist nicht einmal in weiter Ferne in Sicht.

So wurde sogar die wissenschaftliche Empfehlung des Internationalen Rates für Meeresforschung (ICES) einfach in den Wind geschlagen. Der ICES hatte der EU geraten, den Fang des vom Aussterben bedrohten Kabeljaus in der Nordsee vollkommen einzustellen. Doch die Politiker meinen die biologischen Zusammenhänge besser zu kennen und beschließen: ein zeitweises Fangverbot von ein paar Tagen im Monat.

Außerdem wird in dem EU-Schutzprogramm die Zielvorgabe gemacht, dass sich die Kabeljaubestände um jährlich 30 Prozent erholen sollen. Allerdings blieben die Politiker die Erklärung schuldig, wie das gelingen kann, wenn sie gleichzeitig die erlaubte Höchstfangmenge (TAC) allein für 2004 auf 27.000 Tonnen Kabeljau festlegen. Völlig unberücksichtigt blieb dabei, dass riesige Mengen Kabeljau jedes Jahr als Beifang beim Fischen nach ganz anderen Arten in den Netzen landen.

Damit ist wohl auch die letzte Chance vertan, die Kabeljaubestände zu sichern, kritisiert Thilo Maack, Meeresexperte bei Greenpeace. Und dass die Politiker feiern, dass nun erstmals das Prinzip eines Schutzplanes in der EU-Fischereipolitik verankert worden sei, hält Maack für einen Witz. Richtig getan hat sich im Grunde nichts!

Ein weiterer Mangel der Brüsseler Fisch-Wende: Die Beschlüsse wurden durch zahlreiche Ausnahmeregelungen beim Schutzprogramm verwässert. Dafür sollen vor allem Frankreich und Belgien verantwortlich sein.

Bundeslandwirtschaftsministerin Renate Künast hatte sich in den vergangenen Tagen für ein Total-Stopp beim direkten Kabeljaufang ausgesprochen. Dafür fehlte aber in der Ministerrunde in Brüssel die Unterstützung. Lediglich Schweden wollte diese Forderung mittragen.

Die beschlossenen Maßnahmen sind bei weitem nicht konsequent genug, bemängelt Maack. Stattdessen hätte man sich auf langfristige und weiträumige Gebietsschließungen für die gesamte Nordsee-Fischerei einigen müssen. Sie sind die einzige Möglichkeit, den schwer angeschlagenen Beständen von Kabeljau, Seezunge und Co. wieder auf die Flossen zu helfen. (mir)

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