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Bordtagebuch: Philippinen - 2. Teil

Auf der SOS Weltmeer Expedition besucht die Esperanza derzeit die Philippinen. Ein widersprüchliches Terrain. Vor den Philippinen wird die positive Wirkung von Meeresschutzgebieten genauso deutlich, wie die Konsequenzen der unkontrollierten Ausbeutung der Meere. Für uns dabei ist Heike Dierbach. Lesen Sie in ihrem Tagebuch: Sie berichtet von der Fahrt, über die Menschen an Bord, von deren Probleme und ihren vielfältigen Erfahrungen ...

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4. September 2006: Bis bald, Esperanza!

Zum Abschied von der Esperanza habe ich von den Bord-Ingenieuren ein kleines Geschenk bekommen: Ich durfte unsere Hauptgeneratormaschine Wärtsilä anschalten, die dafür sorgt, dass die Esperanza weiterfahren kann auf ihrer Weltreise zur Rettung der Meere. Um zehn Uhr abends sollte die Esperanza in Cebu ablegen, um zwanzig vor zehn habe ich im Maschinenraum auf den grünen Knopf gedrückt. Es ist schon beeindruckend, wenn eine so große Maschine anspringt, und das ganze Schiff vibriert.

Dann wird es aber auch Zeit, Tschüß zu sagen und meine Sachen die Gangway hinunter zu bringen. Während ich zusehe, wie die Deckhands alles zum Ablegen bereit machen, ziehen nochmal die letzten vier Wochen an mir vorbei. Kaum zu glauben, was wir in so kurzer Zeit alles erlebt haben. Es war ganz schön stressig oft - aber auch unglaublich beeindruckend. Vor allem der Kontakt mit der Bevölkerung vor Ort hat mich sehr bewegt, wie überschwänglich wir begrüßt wurden.

Und natürlich die Leute an Bord, die mir ganz schön ans Herz gewachsen sind. Manchmal ist man zwar auch genervt von so vielen Leuten auf engem Raum - aber alles in allem war es ein super Team, auch mit den Kollegen vom philippinischen Greenpeace-Büro. Wer weiß, wann man sich wieder sieht?

Es ist soweit: Die Ganzway wird eingeholt, die Esperanza legt ab und startet zu ihrer nächsten Etappe. Die Ingenieure stehen an den Reling und winken: Bis bald, Heike! Bis bald, Esperanza!

31. August 2006: Zeit für ein Fazit...

Drei intensive Wochen quer durch die Philippinen liegen hinter uns. Viele, viele Endrücke, die erstmal geordnet werden wollen. Ich habe verschiedene Crewmitglieder gefragt, welches Erlebnis sie auf den Philippinen am meisten beeindruckt hat.

Mary Ann, Deckhand: Mich hat das Meeresschutzgebiet Apo Island am meisten beeindruckt. Zu sehen, wie gut die Leute dort auf das Meer aufpassen, wie gut sie davon leben können. Außerdem fand ich es überwältigend, wie begeistert Greenpeace überall begrüßt wurde. Ich denke, wir haben auf den Philippinen wirklich etwas bewegt.

Remon, Mechaniker: Der Unterschied zwischen arm und reich gehört zu dem, was ich nicht vergessen werde. In Legazpi fingen direkt am Hafen die Slums an - und dann sieht man am Strand die schönen Häuser. Das hat mir sehr zu denken gegeben.

Peter, Kapitän: Der Ölteppich in Guimaras, der plötzlich auf der Meeresoberfläche auftauchte - das Bild habe ich noch vor Augen. Schiffsunfälle sind etwas, was man vermeiden kann. Aber wenn es passiert ist, kann man nicht mehr viel tun. Wir konnten nur zusehen, wie das Öl dort aus der Tiefe an die Oberfläche stieg.

The, Deckhand: Der Empfang in Donsol war überwältigend, wie viel Mühe sich die Leute dort gegeben haben. Mich hat beeindruckt, wie leidenschaftlich sie über ihre Meeresschutzgebiete gesprochen haben. Sie haben da so viel Arbeit reingesteckt - und jetzt können sie die Früchte ernten.

Janet, Wissenschaftlerin: Die Verschmutzung der Meere wirklich mit eigenen Augen zu sehen, hat mich sehr berührt. Es hat mir klargemacht, warum ich diesen Job machen - und hat meine Begeisterung für Greenpeace erneuert.

Mans, Ingenieur: Bei der Demonstration in Legazpi hatte ich wirklich das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun, das habe ich wirklich gern gemacht. Zu sehen, wie viele Leute da gegen die Lafayette-Mine auf der Straße waren. Ich denke, darauf muss die Mine irgendwie reagieren.

Miguel, Deckhand: Die Schönheit der Insel Rapu Rapu ist mir noch sehr im Gedächtnis. Die Farben des Wassers, die Felsen - das war mit einer der schönste Orte, die ich je gesehen habe.

Bent, Chefingenieur: Die Demonstration von Schiffen in Rapu Rapu, so etwas habe ich in meiner ganzen Zeit bei Greenpeace noch nicht gesehen. Dass wir so viele Leute mobilisieren können, eine richtige Flotte, das war schon toll.

Mich selbst hat der Walhai am meisten beeindruckt. Mit eigenen Augen zu sehen, dass da Leben unter der Wasseroberfläche ist, ein Wesen, so viel größer als ich selbst - das hat mich sehr motiviert, weiter die Meere zu schützen. Ich habe jetzt jemanden ganz Besonderen, für den es sich lohnt.

30. August 2006 Im Paradies Stellt euch eine kleine tropische Insel vor, grüne Hügel, Palmen am Strand, ein paar kleine Hütten, eine Schule, zwei Restaurants, Auslegerboote fahren Touristen zum Tauchen ins Unterwasserparadies... Das ist Apo Island, wo wir heute angekommen sind.

Es ist nicht selbstverständlich, dass Apo Island heute so aussieht. Es ist die Leistung seiner Bewohner. 1982 haben sie ihre Insel zum Meeresschutzgebiet erklärt. Offiziell wurde das erst 1995, so lange haben sie das Gebiet in eigener Regie überwacht.

Ich hatte die Gelegenheit mit einem Fischer zu sprechen, der in seiner Jugend noch zerstörerische Methoden angewendet hat. Jerry Mendez (39) ist heute ein Sea Ranger und schützt den Ozean.

Welche Methoden habt ihr benutzt, als du angefangen hast zu fischen?

Ich habe fischen gelernt, als ich 12 war. Mein Vater und meine Onkel haben noch mit Dynamit gefischt, einige meiner Onkel haben dabei eine Hand verloren. Ich habe nicht mehr Dynamitfischen gelernt, aber Muruamifischen, was auch sehr schädlich war.

Wir hatten Netze mit sehr kleinen Maschen. Am Ende vom Netz war eine Leine mit einem Stein daran, der auf den Korallen lag. Oben schwammen Kinder als menschliche Bojen. Der Stein wurde über die Korallen gezogen, um den Fisch aufzuscheuchen. Die Korallen wurden dadurch sehr beschädigt. Wir haben auch viele Fische gefangen, die viel zu klein waren, um sie zu essen.

Warum habt ihr mit dem Muruamifischen aufgehört?

Wissenschaftler von der Universität kamen und haben uns erklärt, wie Muruamifischen die Korallen beschädigt. Wir konnten das auch sehen, der Fischfang ging zurück. Manchmal mussten wir schon zu anderen Inseln fahren. Also haben wir beschlossen, das Meeresschutzgebiet einzurichten. Heute fangen wir doppelt so viel Fisch wie früher.

Wie fischt ihr heute?

Ich fische mit einer Leine und mit Fischfallen, aber nur auf Sand. Das Gute daran ist, dass die Fische in diesen Fallen am Leben bleiben. Wenn ich die Falle hochziehe und ich sehe einen Fisch, den man nicht essen kann, werfe ich ihn wieder ins Wasser, und er kann weiterleben.

Fängst du genug, um davon leben zu können?

Ich arbeite nebenbei auch noch als Sea Ranger, dafür bekomme ich 15 Dollar im Monat. Zusammen mit dem Fischfang reicht es für ein gutes Leben für mich, meine Frau und meine drei Kinder. Meine Frau verkauft auch T-Shirts an die Touristen.

Meinst du, es ist notwendig, dass Apo Island ein offizielles Meeresschutzgebiet ist?

Das ist sehr wichtig. Wenn es nicht offiziell wäre, würden einige Fischer wieder die alten Methoden benutzen, denke ich. Wir tun viel, um die Leute weiterzubilden, vor allem die Kinder. Aber es muss offiziell sein, damit auch wirklich alle das Meer schützen.

29. August 2006 Heute haben wir im Meeresschutzgebiet Dauin ein Unterwasserbanner aufgestellt. Das heißt, Mike und Remon haben es aufgestellt, ich bin nur daneben geschwommen. So ein Unterwasserbanner sieht ja ganz einfach aus - es ist aber ganz schön kompliziert. Mike und Remon haben mal aufgeschrieben, was man alles beachten muss:

Mike: Ein Banner halten. Das haben sie Remon und mir gestern auf dem Vorbereitungstreffen erzählt. Wir sind beide begeisterte Taucher, aber ein Banner haben wir im Wasser noch nie gehalten. Ohne zu wissen was uns erwartet, haben wir natürlich gleich zugesagt. An Land ist es ja keine große Sache, ein Banner zu halten, was kann dann unter Wasser so schwierig sein? Aber es zeigte sich, dass es nicht so einfach war wie wir dachten!

Nachdem wir auf dieser wunderschönen Insel angekommen waren, wurden wir von der Bevölkerung zu einem köstlichen Mittagessen eingeladen. Ein perfekter Start für die Vorbereitungen zum Tauchen. Das ganze Tauchteam, insgesamt zehn Leute, traf sich zu einer letzten Besprechung, bevor wir ins Blaue eintauchten.

Die Kameraleute wollten natürlich das perfekte Bild, mit einem schönen Vordergrund und Hintergrund (wir in der Mitte) plus das perfekte Licht von hinten...

Remon: Nach ein paar Minuten schwammen wir auf unsere Position, nach den Anweisungen von Gavin, unserem Fotografen. Wenn du ein Banner an ein Gebäude hängst, kannst du Seile benutzen, und du musst mit dem Wind zurechtkommen. Aber unter Wasser gibt es viele andere Dinge zu beachten, wie die Strömung, dass du nicht auf Korallen tritts, dass du aufrecht schwimmst - ohne etwas zum Festhalten.

Hmmm, gar nicht so einfach, stellten wir fest! Ich landete zwischen zwei Korallen auf einem kleinen freien Stück, Mike neben mir. Jetzt war es Zeit, das Banner aufzustellen. Jeder hatte ein Ende in der Hand, dann schwammen wir voneinander weg. Wenn ich zu stark zog, zog ich Mike zu mir herüber und umgekehrt. Nach einer Weile hatten wir es heraus und Gavin fing mit dem Fotoshooting an...

Mike: Gavin gab uns alle Anweisungen: Mehr nach unten, nach oben, nach rechts... Während wir das alles versuchten, musste das Banner natürlich auch noch gerade stehen und im richtigen Winkel... Am Ende muss ich sagen, wir haben einiges darüber gelernt, wie man unter Wasser ein Banner hält. Aber das Wichtgste ist natürlich die Botschaft auf dem Banner! Die Unterwasserwelt ist so faszinierend, sie muss geschützt werden!!!

Bist du schon Meeresschützer? Klick hier!

Tschüß, Remon & Mike

28. August 2006 Herz im Helihanger verloren So lange auf See zu sein, kann ganz schön hart sein. Mit so vielen Leuten auf engem Raum, jeden Tag dieselben Gesichter... Aber manchmal ist es auch romantisch: Dies ist die wahre Geschichte von Deckhand Miguel aus Mexiko und der zweiten Offizierin Nadia aus Kanada, die sich im vergangenen Sommer auf der Esperanza getroffen haben und jetzt wieder zusammen in den Sonnenuntergang segeln...

Es war für beide die erste Reise mit der Esperanza. Sie starteten Mitte August in Halifax, Kanada. Nadia kann sich an ihre erste Begegnung nicht mehr erinnern, aber Miguel weiß es noch genau: Es war im Helikopterhangar. Sie suchte irgendetwas. Er recherchierte dann an Bord, wer die nette Frau mit den schwarzen Haaren ist und erfuhr, dass sie als Zweite Offizierin fährt. Hat ihn das beeindruckt? Ja, irgendwie schon.

Aber seine ersten Avancen waren nicht besonders erfolgreich, und leider waren sie auch nicht zusammen zur Nachtwache eingeteilt. Die Esperanza hatte bereits Island passiert, bis Miguel ausreichend gute Ausreden einfielen, um immer mal wieder mit einer professionellen Frage bei Nadia an der Kabine zu klopfen (zum Glück haben die Offiziere eigene Kabinen!). Die beiden waren nun öfter zusammen, aber ich musste ihn noch besser kennen lernen, erzählt Nadia.

Die Esperanza erreichte den Hafen von Tromsö, wo die beiden den Rest der Crew abschüttelten und alleine ausgingen. Und schließlich, auf der Fahrt nach Norwegen, irgendwo in der Nordsee, gab es den ersten Kuss. Am Heck im Mondschein? Beide lachen. Nein, in meiner Kabine. Wir haben einen Film gesehen.

Zum Glück dauerte ihre gemeinsame Fahrt dann noch zwei Monate bis Kapstadt. Seitdem pendeln sie zwischen Mexiko und Kanada. Dieses ist ihre erste gemeinsame Fahrt wieder mit der Esperanza. Und es ist nicht nur romantisch: Durch die unterschiedlichen Arbeitszeiten und Nachtwachen sehen wir uns gar nicht so oft, sagt Miguel. Und wenn Nadia um vier Uhr morgens von der Wache nach Hause kommt, kann er manchmal nicht wirklich zuhören, wie es denn war. Manchmal ist es schon komisch - aber es ist nett! Und natürlich wird die Esperanza für die beiden immer ein besonderes Schiff bleiben...

26. August 2006 Ein majestätisches Treffen Als ich heute Morgen gerade meinen Computer angeschaltet hatte, kam Danny ins Büro: Hai-Alarm! Kommst du mit? Ein Walhai ist in der Bucht von Legazpi gesehen worden, nur zwei Kilometer von uns entfernt.

Normalerweise kommen die Walhaie nicht so weit rein, deshalb nutzten wir die Gelegenheit, packten schnell unsere Schnorchelausrüstung und sprangen ins Auto. Die Stelle, wo der Hai gesehen worden war, war zufällig genau neben dem Wohnhaus des Bürgermeisters von Legazpi. Wir stiegen in zwei Boote, fuhren raus und - warteten.

Und warteten und warteten und warteten. Kein Hai. Keine Flosse, für mehr als eine halbe Stunde. Aber dann, gerade als ich anfangen wollte, enttäuscht zu sein, tauchte eine Rückenflosse auf, keine zehn Meter von uns entfernt. Alle sprangen sofort ins Wasser. Die Leute auf der anderen Seite vom Boot riefen: Er kommt unter dem Boot durch! Und dann sah ich ihn.

Ein RIESIGER Walhai (obwohl der Fotograf Gavin mir hinterher sagte, er sei ziemlich klein gewesen), sechs Meter lang, grau mit weißen Punkten, bewegte sich gemächlich durchs Wasser. Ich brauchte eine ganze Minute, um zu realisieren, dass ich dies wirklich mit eigenen Augen sehe - dass es nicht ein Pop-Up-Foto ist, das ich gerade hochgeladen habe. Sondern ein lebendes Wesen, so schön, dass ich trotz Schnorchel im Mund lächeln musste.

Er kam direkt auf mich zu, das breite Maul geöffnet. Hhhmmm, da wurde mir doch ein bisschen mulmig und ich schwamm lieber ein Stück zur Seite. Keine Angst, er tut nichts, meinte einer der Einheimischen. Nur anfassen solltest du ihn nicht. Also blieb ich beim nächsten Mal einfach am Platz und ließ ihn vorbei schwimmen. Er kam so nahe, dass ich ihn hätte berühren können!

Währenddessen hatte sich am Strand schon ein ganzer Pulk Einheimischer zusammengefunden. Viele machten sich ebenfalls mit Booten auf den Weg, Kinder kamen lachend auf Luftmatratzen angepadddelt. Schließlich waren 15 Boote auf dem Wasser.

Ehrlich gesagt war es eindeutig zu voll, aber mich hat es nicht gestört, weil es so schön war, die Freude der Leute zu sehen. Ich dachte, wenn das die Besitzer der Lafayette-Mine sehen könnten, sie müssten doch ihre Meinung ändern und aufhören, das Wohnzimmer des Walhais zu vergiften. Niemand kann ein so majestätisches Tier sehen und nicht tiefen Respekt empfinden, nicht begreifen, dass wir den Ozean für den Walhai schützen müssen.

Auf dem Wasser war nun ein richtige Walhai-Party im Gange. Dem Hai wurde es aber wohl doch ein bisschen zu viel, glaube ich, denn nach einer Weile sahen wir ihn nicht mehr. Wir fuhren zurück an den Strand, wo der Bürgermeister gleich die Gelegenheit nutzte, uns zum Essen einzuladen.

Er sprach darüber, wie die Walhaie den Tourismus in Legazpi ankurbeln könnten. Und zum Abschied meinte er: Deshalb müssen wir diese Mine loswerden. Ich denke, unser Walhai hat das gehört.

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