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Bordtagebuch: Philippinen - 1. Teil

Auf der SOS Weltmeer Expedition besucht die Esperanza derzeit die Philippinen. Ein widersprüchliches Terrain. Vor den Philippinen wird die positive Wirkung von Meeresschutzgebieten genauso deutlich, wie die Konsequenzen der unkontrollierten Ausbeutung der Meere. Für uns dabei ist Heike Dierbach. Lesen Sie in ihrem Tagebuch: Sie berichtet von der Fahrt, über die Menschen an Bord, von deren Probleme und ihren vielfältigen Erfahrungen ...

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24. August 2006 Heute haben wir gleich zwei Mal die Lafayette Mine besucht. Vormittags ist die Greenpeace-Giftexpertin Janet Cottor unterhalb der Mine mit einem Team an Land gegangen. Sofort tauchte Sicherheitspersonal auf - obwohl wir uns noch auf einem öffentlichen Strand befanden. Nach einigen Diskussionen mit der Umweltbeauftragten der Mine (diesen Posten gibt es also...) durften wir dann einem kleinen Bach bergauf folgen.

Janet nahm Wasser- und Bodenproben. Bereits Anfang August hatte Greenpeace den Bach untersucht und eine hohe Belastung mit Kadmium, Kupfer und Zink festgestellt. Diese Metalle können vor allem Korallen schädigen, und natürlich den Walhai, der durch diese Gewässer zieht. Die Mine behauptet, dass sie das Problem gelöst hat und keine giftigen Abwässer mehr ins Meer gelangen. Wir werden ja sehen, ob das stimmt...

Wenn die Minenbetreiber gedacht haben, dass sie damit die Proteste hinter sich hätten, haben sie sich geirrt. Am Nachmittag wurde nämlich auf der Esperanza Klettergeschirr angelegt, Helme aufgesetzt, Banner eingepackt... dann fuhren plötzlich zwei Schlauchboote in Richtung Pier. Was weiter geschah, berichtet euch am besten Tom, einer der beteiligten Aktivisten:

10:30 Uhr: Auf der Brücke bereite ich gemeinsam mit dem zweiten Kletterer die Ausrüstung vor. Der Plan ist einfach: Zum Hafen der Lafayette Mine fahren, auf den Ausleger klettern und ein Banner hängen...

12:15 Uhr: Fotokopien von allen Pässen, nur für alle Fälle, man kann ja nie wissen.

13:00 Uhr: Wir steigen in unser Schlauchboot African Queen zusammen mit den anderen, die mithelfen, das Banner an den richtigen Platz zu bekommen. Die Zeit verschwindet etwas, ich schalte auf Aktionsmodus, wir lassen die Esperanza hinter uns und steuern geradewegs auf unser Ziel zu.

Der Ausleger steht auf zwei Betonfüßen im Wasser, wir nähern uns dem ersten. Die African Queen hält genau unter dem Pfeiler, wir legen die Leiter an und klettern hoch. Es stellt sich heraus, dass dort, wo wir das Banner hängen wollen, ein schöner breiter Steg ist.

Wir beginnen langsam, das Banner aufzurollen, während ein Mann kommt und sagt, dass wir verschwinden sollen. Wir packen weiter aus, arbeiten uns den Steg entlang. Die Arbeiter der Mine und vom Sicherheitsdienst kommen, der Ton wird schärfer, jetzt beginnen sie zu schreien, wir lassen uns nicht wirklich stören. Wir tun das, wozu wir gekommen sind, ein klares Statement abzugeben, dass wir diese Mine nicht wollen.

Als ich das Banner gerade festmache, taucht ein weiterer Mann auf. Ich sage ihm meinen Namen und erkläre, dass wir von Greenpeace sind und warum wir hier sind. Er hört nicht wirklich zu und wiederholt, dass wir verschwinden sollen. Ich rede weiter mit ihm, erzähle, dass wir bei der Ölpest in Guimaras geholfen haben. Der zweite Kletterer kommt hinzu und sagt, dass die lokalen Fischer uns unterstützen.

Währenddessen hat eine Aktivistin weiter hinten ziemliche Auseinandersetzungen, aber sie schafft es, die Leiter hinunter und sicher zurück in die African Queen zu kommen.

Die Atmosphäre trübt sich etwas, alle Männer auf dem Steg schreien uns jetzt an. Zeit, zurückzugehen, den Steg entlang. Ein Mann mit einem agressiven Gesichtsausdruck drückt mir eine Kamera ins Gesicht und gerade als ich weiter gehen will, spuckt er mich an. Jetzt sollten wir wirklich gehen... Wir klettern die Leiter hinunter und zurück ins Boot, und weg sind wir. Wenigstens haben wir unsere Botschaft rübergebracht. Zurück zum Schiff

14:10 Uhr: Ich sitze auf meinen Knien, schrubbe wieder das Deck. Ich liebe meinen Job :-)

23. August 2006 Dreimal haben wir gezählt: Es sind 67. - Hölzerne Auslegerboote in hellblau, pink, grün und gelb kreisen um die Esperanza, Banner am Heck: "Nein zu Lafayette! Nein zur Verschmutzung der Meere!" Frauen und Männer stehen auf den Dächern der Boote, tanzen, winken uns zu. Wir sind alle auf dem Achterdeck, und egal, wen man heute Morgen von der Esperanza-Crew trifft - jeder lächelt. Wir führen eine Demonstration von Booten gegen eine Gold- und Silbermine auf der Insel Rapu Rapu an. Und wir fühlen alle, dass wir auf der richtigen Seite sind.

Bei Tagesanbruch ereichten wir Rapu Rapu. Rund 30 Besucher der lokalen Initiativen gegen die Mine kommen an Bord. Jetzt ist es ganz schön voll auf der Esperanza. Da ist der grauhaarige Fischer, der über sein altes Hemd ein Ocean Defender T-Shirt gezogen hat, Flip Flops an den Füßen. Der Pfarrer im weißen Ornat, der begeistert SMS in sein Handy tippt. Junge Filipinos bauen auf dem Helikopterdeck riesige Lautsprecher auf. Journalisten wuseln umher, Mikrofone in der Hand. Music in the air.

Um zehn Uhr startet unsere Flotte in Richtung östliches Ende der Insel. Vom Wasser aus sieht man auf dem Hügel große Halden grauen Sands. Die australische Firma Lafayette sucht auf Rapu Rapu nach Gold, Silber, Kupfer und Zinn. Der Betrieb startete im April 2005 - und kaum ein halbes Jahr später schwemmte schon giftiges Zyanid ins Meer. Die Folgen waren ein massives Fischsterben und Hautreizungen bei den Fischern.

Die lokalen Proteste waren stark, aber jetzt haben wir das Ende der Fahnenstange erreicht, sagt Stadtrat David Duran, deshalb bin ich sehr froh, dass ihr hier seid. Gott ist gegen diese Mine, meint Reverend Felino Bugauisan, Pfarrer in Rapu-Rapu-Stadt. Er berichtet mir von dem toten Delfin, den sie nach dem Zyanidunfall gefunden haben. Niemand wagt es mehr, schwimmen zu gehen, die Strände sind leer.

Deshalb fahren Reverend Bugauisan, der grauhaarige Fischer, ein Vertreter der Gemeinde und der Chef von Greenpeace Südostasien, Von Hernandez, jetzt im Schlauchboot zur Mine rüber. Auf dem Pier stehen die Arbeiter und beobachten uns, aber nicht agressiv. Ein Vertreter der Mine erwartet uns. Er gibt den freundlichen Geschäftsmann, klopft Von immer wieder auf die Schulter, lädt uns ein, die Mine zu besuchen und Vorschläge zu machen, wie man die Sicherheit verbessern könnte. Der alte Fischer beobachtet stumm, steht einfach auf dem Pier in seiner Greenpeace-Rettungsweste.

Auf dem Rückweg winken mir zwei alte Frauen zu. Sie sitzen in ihrem Boot unter einem Schirm gegen die Sonne. Ich winke zurück und sie lachen. Und als wir im Schlauchboot zur Esperanza zurückbrausen, bin ich glücklich und stolz, auf diesem Schiff zu sein.

22. August 2006: Wärtsilädy Jetzt, wo es nach der Arbeit gegen die Ölpest etwas ruhiger wird, ist es Zeit für eine neue Folge unserer kleinen Serie Mysterien des Maschinenraums. Dieses Mal geschehen ganz außerordentliche Dinge dort unten. Die Ingenieure reden schon seit Wochen davon. Man hörte Sätze wie morgen packen wir es an oder wir haben es bald. Als der erste Teil des Werkes vollbracht war, wurde die ganze Crew - seltenes Privileg - in den Maschinenraum eingeladen. Das Codewort zum Einlass war: Wärtsilä ...

Als ich ES endlich sah, dachte ich: Naja, hoffentlich haben sie aufgeschrieben, welches Teil wo war. Sonst bekommen sie das nämlich nie wieder zusammen. Unsere Hauptgeneratormaschine Wärtsilä liegt in Stücken! Wo einst eine wunderschöne funktionierende Maschine war, sind nun nur noch tote Metallteile in Reihen auf dem Boden. Aber Chefingenieur Mannes sagt, es musste sein.

Wieder einnmal geht alles um die Sicherheit. Mit ihren fünf Jahren ist Wärtsilä zwar noch eine junge Maschinendame. Aber alle 16.000 Betriebsstunden muss sie generalüberholt werden, sagt die Klassifikationsgesellschaft der Esperanza - sonst verlieren wir unseren Versicherungsschutz. Normalerweise übernehmen Wärtsilä-Angestellte die Wartung. Aber unsere Ingenieure können sie selbst machen, weil Chefingenieur Bent früher für Wärtsilä gearbeitet hat.

Wärtsilady auseinander zu bauen dauerte nur einen Tag. Aber jetzt liegen rund 1.000 große und kleine Teile im Maschinenraum auf dem Boden. Es sieht aus wie eine Mischung aus Baukasten und Operationssaal, einige Teile sind mit sauberen weißen Tüchern bedeckt. Tatsächlich sehen sich die Ingenieure als Chirurgen des Schiffes, auch wenn der Rest der Crew das nicht immer erkennt, sagt Mannes. Jedes Teil wird sorgfältig geputzt, eingefettet, gemessen und ein bisschen gestreichelt, um es bei Laune zu halten.

Um die Maschine zusammenzubauen folgen die Ingenieure einem Plan. Der sieht ein bisschen aus wie Malen nach Zahlen, sagt Mannes und meint, damit könnte sogar ich die Wärtsilä montieren. Fraglich wäre nur, ob sie laufen würde - deshalb überlassen wir das lieber Bent. Die Wärtsilä muss nämlich definitiv funktionieren, wenn wir in den nächsten Hafen einlaufen: Sie liefert den Strom für die Seitenpropeller.

Aber ich habe volles Vertrauen in unsere Ingenieure, dass sie sie rechtzeitig fertig bekommen. Die Wärtsilä wird schöner als zuvor sein - und uns alle mit Energie für unsere nächsten Aufgaben versorgen.

21. August 2006 Seit zwei Tagen sind wir nun auf Guimaras. Die Situation in der am stärksten betroffenen Region im Süden der Insel scheint sich entspannt zu haben. Die Bewohner des Dorfes La Paz haben in beeindruckender Geschwindigkeit ihre Strände gesäubert.

Bei der Fahrt mit dem Schlauchboot durch die Bucht irritiert uns das vermeintlich saubere Wasser. Es sieht aber nur für Außenstehende sauber aus. Normalerweise ist das Wasser hier hellgrün und man kann bis zum Grund sehen, erklärt uns die Dorfrätin Norma Lariosa. Im Moment ist es olivgrün und sehen kann man gar nichts. Das Öl ist nicht weg. Es schwimmt in Millionen kleinen Tröpfchen im Wasser - und das könnte es umso gefährlicher machen, weil es schwerer zu beseitigen ist.

Auch die Mangroven sind noch immer ölverschmiert. Sie sind die Kinderstube für die Fische, von deren Fang die Menschen hier leben. Die klebrige Ölschicht, mit der sie im Moment bedeckt sind, macht den Menschen große Angst. 90 Prozent der Mangroven im Schutzgebiet sind verschmutzt. Mangrovenbäume atmen durch ihre Wurzeln. Wenn diese für Wochen vom Öl verstopft bleiben, werden die Bäume langsam ersticken.

Connie Gamuya ist eine Dorfrätin aus La Paz. Sie bringt zum Ausdruck, was viele denken: 90 Prozent aller Familien hier leben vom Fischfang. Jetzt haben sie keinen Fisch mehr zum Essen und zum Verkaufen. Selbst, wenn sie ganz weit raus fahren würden zum Fischen, wer soll diesen Fisch kaufen? Die Leute wollen keinen Fisch mehr aus Guimaras.

Verzweifeln wollen die Leute hier dennoch nicht. Rodolfo Galuna, ein Fischer, ist bereits auf die Produktion von Holzkohle umgestiegen. Das bringt nicht genug Geld zum Überleben, aber er ist zuversichtlich, dass er etwas finden wird: Ich bin Filipino. Ich bin widerstandsfähig und werde einen Weg finden.

Diese Haltung finden wir in jedem Dorf, das wir auf Guimaras besuchen. Die Menschen sind wütend auf die Ölgesellschaft, sie fordern Unterstützung - aber kein Mitleid. Sie wissen, wie man hier überlebt. Aber dafür brauchen sie das Meer. Ihr Meer.

18. August 2006 Wir sind auf dem Weg zur größten Ölpest in der Geschichte der Philippinen. Um acht Uhr heute Morgen hatten wir eine Crew-Versammlung in der Messe, wo wir erfuhren, dass wir um drei Uhr nachmittags aufbrechen zu der Insel Guimaras, 500 Kilometer südlich von Manila. Dort läuft aus einem gesunkenen Schiff Öl ins Meer und bedroht Strände, Korallenriffe, Mangrovenwälder, sogar ein Meeresschutzgebiet. Wir werden Material und Experten transportieren und die Schäden an Land und unter Wasser dokumentieren. Alle an Bord sind begeistert, dass wir dort hinfahren und helfen!

Weil wir Manila früher als ursprünglich geplant verließen, war jeder den ganzen Vormittag beschäftigt, damit das Schiff rechtzeitig abfahrbereit wird. Lebensmittel für die Bevölkerung in Guimaras wurden geliefert und per Kran aufs Schiff geladen: 250 Sack Reis, Nudeln, Sardinen, Dosenfleisch, Kekse und Kleidung. Wir transportieren diese Hilfsgüter für eine philippinische Organisation, die sie vor Ort verteilen wird.

Während ich Säcke unter dem Vorderdeck verstaute, wurde mir plötzlich bewusst, dass diese Säcke sichtbar machen, wie sehr die Bevölkerung in Guimaras für ihren Lebensunterhalt vom Meer abhängt. Als vor acht Jahren die Pallas eine ähnliche Ölpest in der Nordsee auslöste, mussten keine Lebensmittel geliefert werden - man konnte sie einfach im Supermarkt kaufen. Aber hier leben die Menschen buchstäblich von ihrer Umwelt. Jeder Schaden trifft nicht nur einzelne Wirtschaftszweige wie den Tourismus - er bedroht ihre ganze Lebensform.

Pünktlich um drei legten wir in Manila ab. Die Esperanza fährt jetzt mit der Hauptmaschine, damit wir so schnell wie möglich in Guimaras sind. Morgen Nachmittag sollen wir ankommen. Freiwillige von Greenpeace Philippinen sind schon vor Ort. Telefonate sind schwierig, aber einer von ihnen, Albert, hat mir eine SMS geschickt: Heute sind wir einen Strand entlang gegangen. Statt weißem Pudersand bedeckte dicker Schlick meine Füße.

17. August 2006 Ich hatte ja versprochen, heute zu verraten, was mit dem Müll passiert, den wir in der Bucht von Manila gesammelt haben: Fünf Künstler machen daraus Kunstwerke!

Das dauert natürlich noch etwas. Aber einer von ihnen, der Maler und Installationskünstler Ed Manaloh kann uns schon einen kleinen Einblick geben, was er mit dem Müll vorhat - und was die Kunst zum Schutz der Umwelt beitragen kann.

Ed, wie würdest du deine Kunst beschreiben?

Ich mache Installationen, die besonders von dem Ort abhängen, an dem sie stattfinden: Ich nehme das Material, was da ist, dadurch gibt es immer eine starke Interaktion zwischen Kunst und Standort. Und Recyclingmaterial ist etwas, was man relativ leicht bekommt.

Du gehörst zu der Gruppe 'Künstler für die Umwelt'. Wie seid ihr auf die Idee gekommen, diese Gruppe zu gründen?

Es ist eine lose Gruppe, die schon in den Neunzigern gegründet wurde. Als Künstler beziehen wir viel Inspiration aus der Natur, aus ihrer Schönheit. Deshalb müssen wir sie beschützen. Heute gehören berühmte philippinische Künstler zu der Gruppe.

Was kann die Kunst zum Schutz der Umwelt beitragen?

Als Künstler haben wir einen weiteren Blick darauf, was in der Gesellschaft passiert - und zugleich sind wir Teil davon. Wir können versuchen, Menschen diesen weiteren Blick zu vermitteln, als unseren Beitrag für die Gemeinschaft.

Hast du schon eine Idee, was du mit dem Müll aus der Bucht von Manila machen wirst?

Ich habe natürlich gerade erst angefangen. Aber es werden ein Vogel und ein Fisch dabei sein.

16. August 2006 Von Müll-Muscheln und Zombie-Mangroven: In einem Jachthafen auf einem Pier in der Sonne zu sitzen, ist eine feine Sache. Aber nicht im Jachthafen von Manila. Denn dort weht einem statt einer frischen Seebrise ein Gestank nach Chemie, Müll und Fäulnis entgegen. Als wir heute morgen am Hafen die lokalen Greenpeace-Aktivisten trafen, war das Problem offensichtlich, bevor wir es überhaupt gesehen hatten: Müll, Müll und noch mehr Müll, der einfach ins Meer geworfen wird. Um zu zeigen, dass das ein Ende haben muss, wollten wir zwei Stunden den Abfall einsammeln - und das Problem zurück an Land bringen.

Immerhin nimmt die Öffentlichkeit es ernst: Es waren so viele Journalisten vor Ort, dass sie vier traditionelle Auslegerboote füllten. Ich bin in einem Schlauchboot zusammen mit Ella, Denise und JP aus Manila gefahren. Wir brauchten nur fünf Minuten aus dem Hafen und in die nächste Bucht zu fahren - und fanden sie voll mit alten Plastikflaschen, Tüten, einzelnen Schuhen, Badelatschen, Bürsten... Sogar ein ganzer Rucksack schwamm im Wasser! Wir fischten ganze Ladungen heraus. Um eine Tonne zu füllen, brauchten wir nicht einmal zehn Minuten.

Mitten in dieser Müllhalde schwamm ein Mann auf einem Autoschlauch und tauchte nach Muscheln. Der Müll schien ihn nicht zu stören. Aber was hätte er auch für eine Wahl? Ein anderes Meer, wo er fischen könnte, gibt es ja nicht.

Voll beladen kehrten wir in den Hafen zurück. Aktivisten der "Eco Waste Coalition" sortierten den ganzen Müll danach, was noch recycelbar ist. Mit dem Rest haben wir noch etwas vor... aber das wird erst im morgigen Log verraten.

Komm, jetzt fahren wir noch zu den Mangroven, an denen Plastiktüten wachsen, sagte unsere Bootsfahrerin Ella. Wie bitte? Das werdet ihr gleich sehen, antwortete sie und sprang wieder ins Boot. Nach einer Stunde Fahrt die Küste entlang sahen wir, was sie meinte: Mangroven, über und über mit Müll bedeckt! Wo einst grüne Blätter waren, hingen jetzt nur noch Plastikfetzen von den toten Zweigen. Die Pflanzen sind eingegangen unter der Last an Ignoranz, die die Menschen ihnen mit jeder Flut aufladen. Es sah aus wie in einem Zombiefilm, und genau das war es ja auch: Zombie-Mangroven! Wie wir so über diesen Friedhof gingen, wurden wir alle ein bisschen deprimiert. Wenn man dann noch die überkandidelten Namen auf den kleinen Verpackungen liest: Lucky Me, Yummy Flakes or Clever Bits. Also wenn irgendetwas nicht clever ist, dann ja wohl das: Süßigkeiten in winzig kleinen Tüten zu kaufen und diese nach zehn Minuten einfach in die Umwelt zu schmeißen!

Und dann gibt es zur Zeit noch eine größere Bedrohung der wunderschönen philippinischen See: Die große Ölpest vor der Insel Guimaras. Freiwillige von Greenpeace sind bereits vor Ort, um zu helfen. Wir beraten, welche weitere Unterstützung wir anbieten können. Mehr darüber in Kürze.

15. August 2006: Esperanza mabuhay! Wie klingt ein Achterdeck? Das der Esperanza ist jedenfalls gut gestimmt für philippinische Gamelans: Als die Band Kontra Gapi ihre traditionellen Instrumente heute Morgen auf dem Stahldeck stampfte, schwang die ganze Esperanza - gerade erst am Kai festgemacht - im Rhythmus mit. Und genau dafür waren die jungen Musiker aus Manila gekommen: Uns willkommen zu heißen und die Leute in Bewegung zu bringen für den Schutz der Artenvielfalt auf den Philippinen!

Aber zuerst bekamen alle Crewmitglieder eine Blumenkette umgehängt. Dann startete die Band ihr Programm, das sie extra für die Esperanza ausgearbeitet hatte - um uns ein bisschen vom alten Geist der Philippinen nahe zu bringen, wie Bandleader Professor Edru Abraham sagte. Es dauerte natürlich nicht lange, bis alle mitsingen sollten. Zum Glück war der Text leicht zu lernen: Greenpeace defending our oceans, auf Philippinisch: Ipagtanggol ang karagatan. Wir mussten aber ein paar Mal üben, bis Ebru fand, dass wir mit genug Leidenschaft und Überzeugung sangen. Man muss euch in Mexiko hören, in Argentinien, in der Karibik, im Indischen Ozean. Fünf, sechs, sieben, acht, Esperanza mabuhay! (Lang lebe die Esperanza)

Kapitän Pete wurde eingeladen, dem nächsten Musikstück einen Titel zu geben. Das war kein leichter Job, denn in dem Stück war wirklich alles drin: Rufe, Trommeln, sogar Tanzen. Ich finde, Pete hat es mit seinem Titelvorschlag genau getroffen: Die Philippinen, wo Träume wahr werden.

Dann kam etwas, was mehrere Crewmitglieder veranlasste, sich ganz plötzlich an SEHR wichtige Aufgaben innerhalb des Schiffes zu erinnern: Wir sollten tanzen! Diese Herausforderung verlangte wirklich nach echten Helden. Zu versuchen, die Schritte der jungen Tänzerinnen nachzumachen, und nicht zu plump neben ihnen zu wirken... Unserer tapferer Zweiter Offizier Mathijs hielt am längsten durch!

Dann war es leider Zeit für die Pressekonferenz, so dass die Party zu Ende war. Bandleader Ebru sagte mir, er habe keine Sekunde gezögert, als er gefragt wurde, ob seine Band die Esperanza begrüßen will: Unser Name Kontra Gapi bedeutet gegen Unterdrückung. Und das heißt auch gegen die Unterdrückung der Natur, die unser Land bedroht.

14. August 2006: Esperanza Crew-Umfrage: Wie bist du bei Greenpeace gelandet?

Welche Wege führen Menschen zu Greenpeace und auf die Esperanza? So viele wie Männer und Frauen an Bord sind! Oft hat der Zufall nachgeholfen, oft waren diejenigen schon lange auf der Suche nach etwas, was sie bei Greenpeace gefunden haben. Ich konnte vier von ihnen bewegen, mir eine der wichtigsten Fragen ihres Lebens zu beantworten: Wie bist du bei Greenpeace gelandet?

Mannes, Chefingenieur (Niederlande): Im Jahr 2001 war ich kurz davor, auf einem Fabrik-Fischereischiff anzuheuern. Das Vorstellungsgespräch war am kommenden Dienstag. Am Donnerstag vorher war ich in einer Kneipe, und traf zufällig meinen Cousin Albert, der für Greenpeace gearbeitet hatte. Ich hatte ihn sieben Jahre nicht gesehen. Ich erzählte ihm von dem Vorstellungsgespräch. Er wollte auf keinen Fall, dass jemand aus seiner Familie dabei hilft, die Meere leer zu fischen, also sagte er: Nenn mir drei Gründe, warum du das tun willst. Und wenn ich dir drei bessere nennen kann, warum du stattdessen bei Greenpeace arbeiten solltest, kannst du es ja mal versuchen. Ok, ich sagte, der Job auf dem Fabrikschiff ist 1. eine Herausforderung als Ingenieur, 2. gut bezahlt und 3. gibt mir das die Möglichkeit, in meinem Urlaub zu reisen und mehr Outdoor-Techniken zu lernen (ich hatte damals geplant, später eine Firma zu gründen, die Abenteuer-Segel-Reisen organisiert). Mein Cousin lächelte und meinte: Wenn du das suchst, ist Greenpeace genau das Richtige für dich! Naja, der Abend war schon fortgeschritten, und am nächsten Morgen konnte ich mich an unsere Abmachung nicht mehr richtig erinnern. Aber mein Cousin rief gleich an und lud mich zu einem Kaffee ein. Während ich den trank, rief er bei Greenpeace International an - und das wars.

Pep, Erster Offizier (Spanien): Ich habe bei Greenpeace angefangen als Kapitän auf einem kleinen Schiff, einer 20-Meter-Segeljacht namens Zorba I. Greenpeace Spanien machte damit einwöchige Bildungsreisen mit Förderern rund um die Balearen. Im Juni haben wir im Golf von Lyon Wale beobachtet. Es war eines der besten Jahre meines Lebens!

Die meisten Förderer waren wirklich nett, haben prima mitgemacht beim Segel setzen und den anderen Arbeiten auf dem Schiff. Ich habe immer noch Freunde aus der Zeit. Als Kapitän war ich für alles verantwortlich, es war wirklich ziemlich viel Arbeit. Aber wir waren ein gutes Team, und wo immer wir hinkamen, haben die Leute uns geliebt, weil wir von Greenpeace waren. In den meisten Häfen mussten wir nicht einmal Liegegebühr bezahlen. Leider wurde das Projekt ein Jahr, nachdem ich angefangen hatte, beendet. Ich hatte Lust auf ein neues Abenteuer - und heuerte bei Greenpeace International an.

Remon, Mechaniker (Niederlande): Ich arbeitete als Schiffsbauer auf einer kleinen Werft in Hansweert im Südwesten der Niederlande. 2001 bekamen wir den Auftrag, die Esperanza umzubauen von einem russischen Feuerlösch-Schiff in ein Greenpeace-Schiff. Sie hieß damals noch nicht Esperanza, ihr Übergangsname war Ecofighter.

Greenpeace wollte das Schiff so schnell wie möglich fertig haben, deshalb arbeiteten wir 19 Stunden am Tag, in zwei Schichten. Wir bauten wirklich einmal alles aus und wieder neu ein. Ich lernte alle ihre Geheimnisse kennen, und im Laufe der Monate wuchs mir die Esperanza immer mehr ans Herz. Das lag auch an den Greenpeacern, mit denen ich zusammenarbeitete: Wir waren einfach auf einer Wellenlänge - das war es, was ich schon lange gesucht hatte! Trotzdem war es immer noch ein großer Schritt, ich hatte einen guten Posten bei der Werft und war gerade befördert worden. Aber dann kam der Tag, an dem der Regenbogen gemalt wurde.

Meine Esperanza wurde endgültig ein Greenpeace-Schiff, und ich wusste: Ich will dabei sein. Ich liebe dieses Schiff immer noch. Jedes Mal, wenn ein Einsatz zu Ende ist und ich von Bord gehe, bleibe ich kurz auf der Gangway stehen und sage zu ihr: Tschüß, Schiff. Pass gut auf dich auf.

Miguel, Bootsmann (Mexiko): Meine erste Begegnung mit Greenpeace war eine Aktion, wo die Aktivisten einer großen Statue eine Maske aufgesetzt hatten. Das fand ich eine gute Idee, um auf die Luftverschmutzung aufmerksam zu machen. Dann habe ich zufällig im Fernsehen ein Musikvideo gesehen: Das Lied hieß Regenbogenkämpfer, und im Video waren viele Aufnahmen von Greenpeace-Aktionen. Ich saß vor dem Fernseher und dachte: Das will ich auch machen! Es hat dann noch ein bisschen gedauert, bis ich Kontakt zum mexikanischen Büro bekommen habe. Jetzt bin ich auf einem Greenpeace-Schiff und tue endlich das, was ich tun möchte.

12. August 2006: Egal, wann und wo man sie auf der Esperanza trifft: Deckhand Mary Ann hat immer ein freundliches Wort. Auf einem Greenpeace-Schiff zu fahren, ist für mich ein Traum, der in Erfüllung gegangen ist, sagt sie. Die 28-Jährige aus Manila ist eine Aktivistin der ersten Stunde auf den Philippinen. Durch Greenpeace entdeckte sie die Schönheit ihres Landes wieder für sich. Ich habe sie gefragt, warum sie meint, dass die Philippinos im eigenen Interesse die Meere schützen sollten.

Mary Ann, gestern beim Abendessen hast du gesagt, die Philippinen sind ein wunderschönes Land. Warum?

Ehrlich gesagt habe ich das früher selbst gar nicht gesehen. Ich hatte eigentlich geplant, im Ausland zu leben, vielleicht in die USA zu gehen. Durch Greenpeace habe ich meine Meinung geändert. Ich habe viele Leute getroffen, die so begeistert von den Philippinen und von der Artenvielfalt waren. Sie kamen und forschten und versuchten, die Umwelt zu schützen. Ich habe angefangen, mein Land mit ihren Augen zu sehen - und fand es ein Geschenk der Natur. Jetzt bin ich stolz darauf! Leider sind die Probleme der Philippinen so groß wie die Schönheit des Landes.

Haben die Leute ein Bewusstsein dafür?

Das sollten sie, weil wir ein Inselstaat sind. Jeder Schaden, der dem Meer zugefügt wird, betrifft uns direkt, zum Beispiel der Klimawandel. Wir haben schon ein sehr heißes Klima. Wenn es noch extremer wird, wird es kaum noch auszuhalten sein. Ich denke, viele Philippinos sind einfach nicht daran gewöhnt, sich über die Umwelt Gedanken zu machen. Ein Beispiel: Ich nehme zum Einkaufen immer meine Tasche mit. Und jedesmal muss ich mit der Kassiererin diskutieren, warum ich keine Plastiktüte möchte. Sie schaut mich immer an, als ob ich nicht ganz richtig im Kopf wäre. Aber die jungen Leute fangen an, nachzudenken. Das sieht man zum Beispiel daran, dass Greenpeace auf den Philippinen immer mehr Aktivisten und Förderer bekommt.

Also wird die Ankunft der Esperanza ein großes Ereignis?

Oh ja! Ich bin sicher, dass es dafür viel Aufmerksamkeit geben wird. Und ich bin so froh, dass ich ein Teil davon bin! Mein Herz wird dick, wie wir auf den Philippinen sagen.

10. August 2006: Gestern konnte ich keine Silbe schreiben: Kaum hatten wir die Straße von Singapur verlassen, war ich seekrank und wollte nur noch in Ruhe sterben. Es war mir natürlich ziemlich unangenehm, am vierten Tag an Bord gleich zum nutzlosen Ballast zu werden... aber alle an Bord waren rührend bemüht, ich bekam die verschiedensten Sorten Tabletten angeboten und von den alten Hasen den heißen Tipp: Gegen Seekrankheit hilft am besten, sich unter den nächsten Baum zu legen! Eine Nacht in der Koje tat's zum Glück auch, und jetzt bin ich hoffentlich für den Rest der Reise durch damit.

Das Letzte, was ich gestern Nachmittag noch mitbekommen habe, war eine Sicherheitseinweisung mit Timo. Um kurz vor fünf riss uns eine schrille Glocke aus unserer Arbeit. Das ist für alle das Signal: Alles stehen und liegen lassen und zum Helikopterlandeplatz kommen! Dort wird mit einer Liste kontrolliert, ob alle da sind. Für die verschiedenen Notfälle hat dann jeder eine feste Aufgabe. Ich bin beispielsweise bei Feuer dafür zuständig, den Löschschlauch auszurollen. Beim Einsatz der Rettungsboote lasse ich die Leitern außenbords herunter.

Damit es aber gar nicht erst zu Feuer oder Schlimmerem kommt, machte Timo mit uns eine Runde durchs Schiff und erklärte, was man wo beachten muss. Das ging von den Treibstofftanks für den Helikopter, bei denen Rauchen streng verboten ist, bis zum Wäschetrockner, der nicht auf dem höchsten Programm laufen darf. Beeindruckt hat mich, wie viele Sicherheitsmaßnahmen inwischen automatisiert sind. So sind zum Beispiel die selbst aufblasenden Rettungsinseln an einer Leine befestigt. Wenn das Schiff sehr schnell

sinkt, könnte das zum Problem werden. Deshalb ist an der Leine eine Kapsel, die bei einem Wasserdruck von einem Meter Tiefe reagiert: Ein kleines Messer schneidet dann von allein die Leine durch, und die Rettungsinsel steigt an die Oberfläche.

Bei der Sicherheitseinweisung ist jeder voll bei der Sache. Herumalbern würde einem gleich einen Rüffel vom ersten Offizier Pep einbringen. Und mit dem resoluten Katalanen legt sich besser niemand an. Das Gute ist: Bei so viel Disziplin und Sorgfalt ist eigentlich Seekrankheit das Schlimmste, was einem an Bord der Esperanza passieren kann!

9. August 2006: Moin Moin! Hier schreibt Timo. Wider Erwarten schreib ich ein paar Zeilen für's Internet, denn Heike geht es nicht so toll. Ist aber nichts Ernstes, sie wird wohl morgen wieder auf den Beinen sein...

Heute morgen sind wir aus Singapur ausgelaufen mit Kurs Philippinen. Singapur ist ein wirklich riesengroßer Hafen, jeden Tag bewegen sich 400 (!!!) Schiffe in oder aus dem Hafen. Entsprechend viel Verkehr ist auf dem Wasser und es war schon sehr spannend wie sich die Esperanza zwischen all den langsamen Schleppern, den riesigen Containerschiffen und den im Vergleich dazu winzig kleinen Fischerbooten hindurch bewegte. Für die Ausfahrt aus dem Hafen hatten wir einen Lotsen an Bord, der das Revier wie seine Westentasche kennt. Er berät den Kapitän, so dass sich das Schiff immer auf sicherem Kurs befindet.

Am Abend um acht Uhr war es dann soweit: Meine erste Nachtwache auf dieser Reise. Und sie begann schon ganz besonders, denn als ich auf die Brücke kam, wurde ich von einem wunderschönen Vollmond

empfangen. Es war ein wirklich toller Anblick, obwohl er sich leicht hinter den Wolken versteckte. So konnte die Wache ja nur gut verlaufen...

Nach einem ersten Rundblick sowohl mit dem Fernglas als auch auf dem Radarbildschirm konnte ich feststellen, dass relativ viele Schiffe in unserer Nähe sind. Eigentlich kein Wunder, denn wir kommen aus der Singapur Strasse, die zwischen dem Hafen von Singapur und dem südchinesischen Meer liegt. Und entsprechend hoch ist das Verkehrsaufkommen auf See.

Alle die Schiffe in unserer Nähe wollen mit besonderer Aufmerksamkeit bedacht werden, so dass wir im Fall eines Falles rechtzeitig reagieren können und es nicht zu einer gefährlichen Annäherung kommt. Ganz nebenbei dürfen auf der Wache noch andere Pflichten, wie die Überprüfung des Schiffs-Standorts, die Wetterbeobachtungen und vieles mehr, auch nicht vergessen werden.

Um die anderen Schiffe besser im Auge behalten zu können, brennt nachts auf der Brücke kein Licht und alle Instrumentenanzeigen sind bis auf das Minimum abgedimmt - so sieht man besser. Lediglich am

Kartentisch, wo an der Sekarte navigiert wird, brennt Licht. Doch der steht im hinteren Bereich der Brücke und ist durch einen Vorhang abgetrennt.

Für mich ist es ein besonderes, ja ein einmaliges Gefühl, nachts auf der Brücke zu stehen und den umliegenden Seeraum im Auge zu haben. Auf dem Schiff ist es nachts ruhig, denn die Leute, die tagsüber gearbeitet haben liegen in der Koje. Doch die Brücke muss naturlich besetzt sein, 24 Stunden am Tag.

In solchen Momenten fühle ich mich der Natur sehr nahe. Ich fühle den Wind, spüre die salzige Luft auf meiner Haut... und unter meinen Füßen erspüre ich die sanften Bewegungen der Esperanza, die sachte von den Wellen hin und her gewiegt wird.

Als ich um Mitternacht abgelöst werde freue ich mich mich darauf, von diesen sanften Bewegungen des Schiffes in den Schlaf geschaukelt zu werden.

7. August 2006: Treibstoff bunkern - eine Wissenschaft für sich

Schon zwei Stunden vorher stand die Nachricht am Schwarzen Brett: Bunkern um 6 Uhr. Rauchen auf der ganzen Steuerbordseite verboten! Gestern Abend bekam die Esperanza Treibstoff für die nächsten drei Monate, 300.000 Liter Diesel. Ein Schiff zu bunkern ist nicht als ob man ein Auto betankt. Es ist eine Wissenschaft! Und jedesmal sind es hoch konzentrierte vier Stunden für den Chefingenieur der Esperanza, Mannes (35) aus den Niederlanden. Dass ein Tank überläuft oder Treibstoff ins Wasser gelangt, ist der Alptraum jedes Schiffsingenieurs. Erst recht für einen, der Umweltschützer ist! Mannes befolgt deshalb nicht nur ganz genau die vorgeschriebenen Sicherheitsmaßnahmen - er geht auf 300 Prozent sicher, dass nichts passieren kann.

Beim Bunkern wird jede Hand gebraucht. Der ganze Bug des Schiffes, wo der Treibstoffschlauch angeschlossen wird, wird abgesperrt, Treibstoff aufsaugender Sand und Schaufeln liegen bereit. Dicke Stoff-Würste werden vor die Abgänge zum Unterdeck gelegt. Mannes hält alle Maßnahmen schriftlich fest, das Formular muss ein Jahr aufbewahrt werden. Alle Abflusslöcher an Deck werden verstopft, damit kein Diesel ins Meer fließen kann. Auf der Esperanza gelangt aber ohnehin kein Treibstoff aufs Deck. Wir haben nämlich ein zusätzlich Sicherheitssystem - von Greenpeace erfunden!

Von der Treibstoffleitung zweigt ein zusätzliches Rohr ab. Wenn die Tanks zu voll werden läuft der Diesel in dieses Sicherheitsrohr. Das kann man dann sofort in einem Fenster im Rohr sehen, außerdem wird ein Alarm ausgelöst. Der Kraftstoff fließt weiter in einen Überlauftank, dieser schlägt ebenfalls Alarm. Das alles braucht die Esperanza natürlich nur für alle Fälle: Mannes und die Crew überwachen jedes Bunkern genau und stoppen rechtzeitig. Nur der Chefingenieur darf das Signal zum Start des Bunkern geben - aber jeder Beteiligte darf Stopp rufen, wenn etwas schief läuft.

Als um ein Uhr morgens alle 300.000 Liter sicher im Bauch der Esperanza waren, atmete Mannes einmal tief aus. Jedes Bunkern ist eine große Verantwortung für den Chefingenieur. Vor meinem ersten Bunkern habe ich kaum geschlafen, erzählt er. Auf anderen Schiffen läuft schonmal ein Tank über. Nicht, weil es den Ingenieuren egal wäre. Sondern, weil sie Druck von ihren Firmen bekommen, schneller zu bunkern, um Liegezeit - sprich: Geld - zu sparen.

Nicht auf einem Greenpeace-Schiff! Im Gegenteil: Wir bekommen jede Unterstützung, neue, zusätzliche Sicherungssysteme zu entwickeln und einzuführen, sagt Mannes. Auf einem so hohen technischen Niveau zu arbeiten, ist für einen Ingenieur sehr befriedigend. Und es macht auch ein bisschen stolz.

Heute haben wir sieben von zehn Tanks gefüllt. Ratet mal, wie weit die Esperanza fahren kann, wenn alle Tanks voll sind? Einmal um die Welt - und weiter!

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