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Bordtagebuch Pazifik

Die Esperanza hat die Philippinen verlassen und ist nun auf dem Weg durch den Pazifik. Im Fokus hat sie Thunfischfänger, insbesondere die illegalen Piratenflotten, die dort ihr Unwesen treiben. Timo Liebe, 3. Steuermann an Bord der Esperanza, berichtet für uns ...

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21. September 2006: Nun ist es tatsächlich soweit und nach knapp zwei Monaten an Bord der Esperanza schreibe ich zum letzten Mal ein paar Zeilen fürs Web. Nach zweieinhalb Wochen auf See sind wir nun auf der Insel Pohnpei angekommen. Diese kleine vulkanische Insel liegt mitten im Pazifik und gehört zu den Federal States of Micronesia.

Es ist schön, nach zweieinhalb Wochen wieder pflanzliches Grün zu sehen! An Bord gibt es zwar auch Grün: Das Deck ist grün gestrichen, und im Aufenthaltsraum (der Lounge) gibt es sogar drei Grünpflanzen. Doch ein Schiff ist wohl nicht die optimale Umgebung für Pflanzen - trotz intensiver Pflege gedeihen sie nur spärlich. Wenn dieses Grün für zweieinhalb Wochen das einzige war, dann ist der Anblick eines Baumes wirklich ein Erlebnis!

Es ist ein eigenartiges Gefühl nun hier im Hafen angekommen zu sein - in dem Hafen, in dem ich das Schiff verlassen werde. Die Esperanza war für die letzten zwei Monate mein Zuhause - da hängen natürlich überall Erinnerungen... große und kleine Erinnerungen, Erinnerungen an schöne und an weniger schöne Erlebnisse, an harte Arbeit und an wunderbare Sonnenuntergänge - und natürlich an all die netten und interessanten Menschen, die ich hier an Bord kennen gelernt habe.

Wir sind zu einer richtig guten Mannschaft zusammengewachsen, und es fällt mir nicht leicht, diese Mannschaft nun zu verlassen. Aber andererseits freue ich mich natürlich auch auf die Heimat, darauf, meine Freunde und Verwandten wiederzusehen. Es ist für mich ein klassischer Abschied mit einem lächelnden und einem weinenden Auge. Die Esperanza wird weiterhin in pazifischen Gewässern nach illegalen Thunfischfängern suchen. Auch wenn wir in den ersten zweieinhalb Wochen keine gefunden haben, so heißt das (leider) nicht, dass es sie nicht gibt - sondern nur, dass wir sie in dem riesigen Gebiet (noch) nicht gefunden haben.

Die Esperanza lauft Mitte nächster Woche aus - ich aber reise schon morgen Mittag ab. Daher bleibt mir in all dem Abschiedsklüngel eines erspart, und dafür bin ich sehr dankbar: Ich muss nicht die Leinen losschmeißen und die Esperanza ablegen sehen. Ein Schiff einlaufen zu sehen ist für mich ein tolles Erlebnis - aber das Auslaufen...

Normalerweise bin ich beim Auslaufen an Bord - dann beginnt für mich die Reise. Wenn ich aber beim Auslaufen an Land bleibe und dem Schiff nur hinterhersehen kann, das für die letzten zwei Monate mein Zuhause war - dann ist das kein gutes Gefühl.. Daher bin ich wirklich froh, dass mir das erspart bleibt!!!

So, jetzt gilt es noch meine Sachen zu packen, meine Kammer zu putzen und langsam aber sicher geht es dann ans Abschied nehmen... Mit dem Packen meines Seesacks habe ich schon angefangen. Dabei kam mir ein kleines Gedicht von Bern Hardy in den Sinn - und mit diesem Gedicht möchte ich mein Weblog abschließen:

Wonach mein Seesack roch

Er roch nach Ölzeug und nach Träumen,
nach Küsten, wo die Sonne brennt,
nach Kabelgatt und Laderäumen
und Nächten unter Mangobäumen,
wo man noch Abenteuer kennt.

Bern Hardy

19. September 2006: Die letzten Tage (inklusive Wochenende) war es sehr ruhig an Bord - der Bordalltag geht seinen Gang. Mich freut es immer wieder ansehen zu dürfen, wie eine Crew, die aus so unterschiedlichen Menschen aus so unterschiedlichen Teilen der Welt besteht - wir haben Menschen aus Großbritannien, Mexiko, Neuseeland, den Philippinen, Canada, den Niederlanden, Mikronesien, Australien, den USA, von den Fidschi-Inseln, dem Libanon, Deutschland und last but not least Schweden an Bord -, als eingeschworenes Team zusammenarbeitet...

Ohne großes Aufsehen macht jeder seinen Job, alle notwendigen Aufgaben werden gewissenhaft erledigt, das Schiff sicher durch das Weltmeer gesteuert... Tja, viel Neues gibt es ansonsten von hier nicht zu berichten: Illegale Thunfischfänger haben wir noch keine gefunden, aber wir sind und bleiben wachsam...

Ich muss mir immer wieder selber klar machen, dass man bei so etwas die Geduld nicht verlieren darf: Das Weltmeer ist so riesengroß und selbst mit den Möglichkeiten, die die Esperanza bietet, z.B. die Radaranlagen und unser Helikopter, können wir doch nur einen verschwindend kleinen Teil des riesigen Gebietes, in dem wir unterwegs sind, im Auge behalten. Den behalten wir dafür aber umso genauer im Auge...

Viele Grüße erstmal, Timo

15. September 2006: Der heutige Tag begann für mich mit einer ziemlichen Überraschung: Colin, unser Radio Officer, kam auf die Brücke und fragte mich, ob ich ihm ein paar Minuten zur Hand gehen könne - als zusätzlicher Ausguck bei einem Rundflug im Helikopter! So bin ich heute zum ersten Mal in meinem Leben mit einem Helikopter geflogen!

Ich war schon bei vielen Starts und Landungen des Helis dabei - an Bord nennen wir ihn liebevoll Tweety. Beispielsweise als Bereitschaftsbesatzung für das Mann-über-Bord-Manöver im Schlauchboot, um eine über Bord gegangene Person möglichst schnell wieder aufzunehmen. Oder als Stand-by am fahrbaren Feuerlöscher, für den Fall dass dieser bei Start oder Landung schnell gebraucht wird. Aber ich bin eben immer an Deck geblieben...

Daher war es heute für mich nichts Besonderes, zum Start von Tweety auf das Heli-Deck zu gehen. Aber diesmal bin ich eingestiegen in unsere knallrote Blechkiste - und das war schon etwas ganz besonderes!

Wie in jedem Luftfahrzeug ist es in Tweety eng. Das war das erste, was mir auffiel. Die Tatsache, dass ich 1,90 Meter groß bin, lässt den Platz auch nicht größer erscheinen. Aber was soll's - irgendwie passte ich da rein.

Die Gurte zum Anschnallen sind die gleichen Beckengurte wie im normalen Flugzeug. Nur dass neben mir auf der hinteren Sitzbank kein Fenster und keine Tür war, sondern schlicht gar nichts! Wegen der hohen Temperaturen sind die Türen ausgehängt. Sicherheitstechnisch ist das kein Problem. Aber die Vorstellung zwischen mir und der Meeresoberfläche mehrere hundert Meter Gar Nichts zu haben, war sehr gewöhnungsbedürftig.

Nachdem die sogenannte Intercom-Anlage zur Kommunikation zwischen den Menschen im Helikopter getestet war und der Pilot Hughie alle Checks und Tests durchgeführt hatte, war alles klar für den Start. Der Rotor begann sich zu drehen, das typische Pfeiffen wurde höher und lauter. Auf Deck ist der Start des Helikopters mit einem Höllenlärm verbunden. Erstaunlicherweise war es drin lange nicht so laut, wie ich erwartet habe.

Ganz langsam erhob sich Tweety vom Helideck, um dann von Hughie sanft nach oben gezogen zu werden. Ich hätte mir das irgendwie etwas dramatischer vorgestellt. Etwa 30 Meter über dem Schiff stoppte diese langsame Aufwärtsbewegung und Tweety neigte sich nach vorne und verlor an Höhe - gewann dafür aber sehr schnell an Geschwindigkeit.

Ich merkte, wie sich meine Finger ganz fest um die Griffe zum Festhalten klammerten. Vielleicht zehn Meter über der Wasseroberfläche - gefühlt höchstens ein (!) Meter - beschleunigte Tweety, um in einem eleganten Schwung in den Himmel zu steigen. Ja, so hatte ich mir das vorgestellt. Ich fühlte mich fast wie in einer Achterbahn, nur dass es hier keine Schienen unter dem Fahrzeug gab und auch die Richtung, in die es als nächstes ging, nicht vorauszusehen war.

Als wir mehrere hundert Fuß gestiegen waren (in der Luftfahrt wird die Höhe immer in Fuß angegeben, wobei drei Fuß grob einem Meter entsprechen) hörte die Steigbewegung auf. Meine Finger lockerten sich etwas und sah neben mir runter auf die Wasseroberfläche. Es war ein eigenartiges Gefühl, durch nichts als hundert Meter Luft vom Meer getrennt zu sein.

Der Sicherheitsgurt, der mir anfangs so klein und zierlich vorkam, reicht völlig aus. Ich hatte erwartet, dass ich ihn mehr brauchen würde. Aber de facto hat mich die Fliehkraft im Sitz gehalten. Ich hätte den Gurt wahrscheinlich gar nicht gebraucht. Allerdings wäre ich ohne Gurt garantiert gar nicht erst eingestiegen!

Vor lauter Aufregung hatte ich die Esperanza ganz aus den Augen verloren. Schließlich war ich beim Start und bei den ersten Flugmanövern schwer mit mir beschäftigt - aber vor allem mit den Griffen zum Festhalten ;-)

Wenn man mit einem Schiff zur See fährt, setzt man sich mit dem Schiff auseinander. Man lernt es sozusagen kennen, alle Ecken und Winkel und das ganze Schiff wird einem vertraut. Aber auf See sieht man es in der Regel immer nur von innen. Man sitzt quasi auf einer Insel und schaut hinaus aufs Meer. Selten schaut man auf die Insel, wie sie so daliegt im Meer.

Allerdings hatte ich schon die Gelegenheit die Esperanza von außen zu sehen, vom Schlauchboot aus. Aber das ist etwas ganz anderes. Im Schlauchboot sitzt du nahe der Wasseroberfläche. Das heißt, du kannst nicht allzu weit sehen. Außerdem wirkt das das Schiff neben dir riesengroß. Der Blick vom Hubschrauber veranschaulichte mir, wie klein und verloren so ein Schiff in den unergründlichen Weiten des Ozeans ist. Lediglich ein Stecknadelkopf auf der riesigen Wasserfläche...

Mir wurde bewußt, dass ein Schiff eine Art Mikrokosmos ist, aus dem es für eine bestimmte Zeit, die Zeit auf See, keine Möglichkeit des Entrinnens gibt. Egal ob man an Bord mit den Leuten klarkommt oder nicht, ob einem das Essen schmeckt oder ob man sich in seiner Kammer wohlfühlt. Man muss sich mit der Situation arrangieren. Letztlich gibt es erst im nächsten Hafen, die Möglichkeit das Schiff zu verlassen.

Nein, keine Sorge, mir geht es an Bord ausgezeichnet. Ich habe viel Spass und mir schmeckt das Essen. Manchmal eher zu gut :-) Aber es war schon interessant, einen Blick von oben auf unseren Mikrokosmos Esperanza zu werfen und ihn mal für einige Minuten zu verlassen!

Der Helikopterflug dauerte etwa 15 Minuten - gefühlt eher mindestens eine Stunde - dann landeten wir wieder auf der Esperanza. Illegale Fischer haben wir keine gefunden. Diesbezüglich darf ich nicht ungeduldig werden. Das Weltmeer ist riesengroß und wir wissen ja, dass hier illegal gefischt wird. Es ist eine Frage der Zeit bis wir die illegalen Thunfischfänger finden - und wir halten natürlich die Augen offen!!!

Soweit für heute, viele Grüße, Timo

13. September 2006: Heute haben wir in der endlos erscheinenden Weite des Pazifiks ein Fischerboot gefunden - einen sogenannten "Longliner", einen japanischer Langleinenfischer. Diese Schiffe legen eine viele Kilometer lange Fangleine aus, an der in bestimmten Abständen kurze Leinen mit Haken und Ködern befestigt sind. Hauptsächlich sind diese Fischer auf den wertvollen Thunfisch aus. Aber an den Haken dieser endlos langen Fangleinen verenden auch andere Tiere wie Meeresvögel, Schildkröten und Haie. Dies ist dann der Beifang - verlorenes Leben, welches als Abfall wieder ins Meer gekippt wird.

Wir sind mit der Esperanza in die Nähe des Fischerbootes gefahren und sind mit einem Schlauchboot näher herangefahren. Dort konnten wir feststellen, dass es kein Piratenfischer ist, sondern ein legaler Thunfischfänger. Und die halten sich im Allgemeinen an Regeln und Gesetze.

Unser Hauptanliegen hier ist die illegale Fischerei, die sich eben nicht an Fangbestimmungen, bestehende Gesetze hält. Wir wissen, dass diese Piratenfischer hier draussen sind ... es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir sie finden.

Grüße, Timo

10. September 2006

Das erste richtige Wochenende auf See liegt nun hinter uns - letzten Sonntag sind wir aus Cebu ausgelaufen. An Bord wird samstags nur bis Mittag und am Sonntag "gar nicht" gearbeitet - bis auf das Nötigste natürlich! Das heißt, die Brücke und der Maschinenraum sind natürlich besetzt, aber z.B. die Decksarbeiten ruhen am Wochenende. Für mich als Steuermann heißt Wochenende zwar im Bezug auf das Wache gehen nichts Besonderes, ich gehe natürlich weiterhin meine zweimal vier Stunden Wache, aber das war's dann auch - am Wochenende muss ich keine Sicherheitseinrichtungen inspizieren und Bootstrainings oder Ähnliches finden auch nicht statt.

Allerdings wird der Samstag gerne für Sicherheitsübungen genutzt, so auch diesen Samstag: Es war eine Übung zur Evakuierung des Schiffes angekündigt, jedoch nicht die Uhrzeit. Es konnte also jederzeit am Samstag passieren - dies ist sinnvoll um die Übung so realistisch wie möglich zu halten, denn im Ernstfall ist ja auch nichts angekündigt.

Um 15:30 Uhr war es soweit - der General-Alarm ertönte überall im Schiff und an Deck - insgesamt sind weit über 20 richtig laute Alarmglocken auf der Esperanza installiert und es ist echt unmöglich diese zu überhören. General-Alarm bedeutet für alle Menschen an Bord, dass sie sich so schnell wie möglich zum Sammelplatz begeben. Der Sammelplatz ist auf der Esperanza das Hubschrauberlandedeck am Heck. Dort wird dann die Vollzähligkeit festgestellt, um sicherzustellen dass alle da sind und nicht noch Menschen irgendwo im Schiff sind. Am Sammelplatz gab es dann von Jolien (1. Steuerfrau) die Info, dass alles zum Verlassen des Schiffes vorbereitet werden soll - Rettungswesten wurden angelegt, die Rettungsinseln und die Schlauchboote vorbereitet, extra Wasser und Proviant bereitgestellt. Nach insgesamt sieben Minuten war dann alles soweit, gezählt ab dem ersten Ertönen des Generalalarms. Das war eine reife Leistung und bemerkenswerterweise lief alles völlig ruhig und stressfrei ab - das Schlimmste in solchen Situation ist nämlich Panik, und diese kommt selbst in Übungssituationen schnell auf.

Nach der Übung gab es noch eine tiefgehende Einweisung in Überlebensausrüstung, die wir an Bord haben. Ich demonstrierte beispielsweise einen sogenannten Überlebensanzug - das ist ein Neopren-Anzug mit Kaputze, Handschuhen und Füßlingen. Er ist in Signalrot gehalten und hält einen Menschen im Wasser erstens trocken, zweitens an der Oberfläche und drittens warm. Vor allem das Trocken- und Warmhalten ist wichtig, denn der menschliche Körper kühlt im Wasser zigmal schneller aus als an der Luft - und selbst bei einer Wassertemperatur von über 25 Grad kühlt man aus - vielleicht etwas langsamer, aber trotzdem. Da nimmt man selbstverständlich das eigenartige Aussehen in Kauf.....

Viele Grüsse, Timo

8. September 2006: Heute abend ging ich die zwölf Stufen hinauf, welche den Flur vor meiner Kabine von meinem Arbeitsplatz (der Brücke). Ich hatte Wache von 20 bis 24 Uhr (übrigens 13 bis 17 Uhr eurer Zeit). Dabei dachte ich ganz leise: Mensch Timo, was sollst du heute bloß für's Weblog schreiben?

Wir hatten wieder Helikopter-Flüge, ich hatte vormittags ganz normal Wache, Piratenfischer haben wir keine gefunden und es gab mal wieder ein kleines Bootstraining. Diesmal aber ohne mich. Aber über das hatte ich schon geschrieben ...

Dem Folgenden muss ich jetzt voraus schicken, dass hier gegen 18.00 Uhr die Sonne untergeht. Und als ich mich auf dem Weg zu meiner Spätschicht befand, war es schon richtig dunkel. Ich kam auf die Brücke und erwartete das Normale: Dunkelheit!

Auf der Brücke brennt nachts kein Licht, damit sich die Augen schnell an die Dunkelheit gewöhnen und man sehen kann was draußen vor sich geht. Selbst das Displays des Radargeräts wird gedimmt, um störende Lichtquellen zu reduzieren. Wenn man nachts die Brücke betritt, sieht man also erstmal gar nichts. Die Augen müssen sich an die Dunkelheit anpassen. Doch als ich die Brücke betrat sah ich alles: das Radargerät, das geöffnete Brückenfenster, die Tasten des Funkgeräts ...

Direkt vor der Esperanza stand ein wunderschöner, fast voller Mond am Horizont. Sein Licht reflektierte auf der Meeresoberfläche und tauchte die Esperanza in ein wunderschönes, gleissendes Licht. Ich trat von der Brücke ins Freie, um die Abendstimmung aufzunehmem, nahm einen tiefen Atemzug der frische Nachtluft und ließ diesen Anblick auf mich wirken. Als ich hinter mich blickte, wollte ich meinen Augen nicht traun: dort war ein Regenbogen! Nachts! A rainbow in the dark!

Hinter der Esperanza hatte es geregnet und vor dem Schiff stand der helle Mond - das macht in der Summe einen Regenbogen. Und wenn der Mond hell genug ist auch nachts. Ich hätte das nicht für möglich gehalten! Mir fehlen absolut die Worte und kann nicht wiedergeben, was ich in diesem Moment empfunden habe.

Ich bin einer der Regenbogenkrieger, die sich an Bord der Esperanza für den Schutz des Weltmeers einsetzen. Gegen Zerstörerisches wie illegale, schonungslose Fischerei - und dann sehe ich so etwas wunderbares... Einen Regenbogen in der Nacht! Selbst die Farben waren gut zu erkennen. Ich kann es kaum fassen. Vielleicht beschreibt es am besten meinen Zustand in diesem Augenblick.

Ich genoss diesen Anblick, ließ meine Aufgaben aber deswegen nicht aus dem Auge. Nach etwa 20 Minuten war alles vorbei und eine wenig ereignisreiche Nachtwache lag vor mir.

Viele Grüße, Timo

7. September 2006: Ein ganz normaler Tag

Für mich war heute "ein ganz normaler Tag" an Bord der Esperanza, so normal, wie ein Tag auf einem Greenpeace-Schiff eben sein kann. Aber ich will euch einen solchen Tag mal vorstellen, obwohl natürlich kein Tag wie der andere ist.

Begonnen hat der Tag für mich um halb acht mit dem Frühstück. Als dritter Steuermann gehe ich die sogenannte acht-zwölf Wache. Das heisst ich habe Wache von acht bis zwölf Uhr und von 20 bis 24 Uhr. Während der Wachzeit ist der Steuermannn für die sichere Navigation und für die Sicherheit aller an Bord befindlichen Personen und des Schiffes selbst verantwortlich.

An Bord der Esperanza bedeutet das nun nicht, dass ein Steuermannn die ganze Zeit am Ruder stehen muss - da gibt es für den Normalfall elektronische Hilfsmittel wie den Autopiloten. Aber in Situationen, in denen nicht viel Bewegungsraum vorhanden ist, z.B. beim Einlaufen in einen Hafen, wird von Hand gesteuert. Denn ein elektronischer Autopilot kann nur das tun was man ihm sagt und er kann kaputt gehen.

Ein Teil meiner Aufgabe als Steuermannn besteht also darin, kontinuierlich die Position und den Kurs des Schiffes im Auge zu behalten und den Autopiloten entsprechend einzustellen. Und da wir nicht alleine auf dem Meer unterwegs sind, muss immer scharf Ausschau gehalten werden nach anderen Schiffen oder treibenden Gegenständen, die uns nahe kommen können. Hierfür habe ich allerdings Unterstützung. Die philippinische Aktivistin Mary-Anne steht mir als Ausguck während meiner Wachzeit helfend zur Seite.

Außerdem muss ich während meiner Wachzeit den Funkverkehr überwachen. Am wichtigsten ist dabei auf Notrufe zu achten. Ebenso muss ich auf andere nützliche Informationen achten, wie nautische Warnnachrichten oder die Wettervorhersagen. Ja, und die Wetterbeobachtung und Dokumentation ist wichtig, denn wer will sich schon gerne von schlechtem Wetter oder starken Winden auf See überraschen lassen. Die Wachzeit ist also keine Zeit in der man Gefahr läuft, sich zu langweilen.

Um zwölf Uhr war meine Frühschicht vorbei und es hieß: Mittagessen! Es gab Nudeln mit Tomatensauce, ein ganz normales Essen :-)). Nach einer kleinen Mittagspause gab es dann eine Sicherheitsübung. Die Esperanza hat einen Helikopter an Bord und wir nahmen das Procedere von Start und Landung unter die Lupe. Bei der Gelegenheit haben wir auch gleich unseren Helikopter ausprobiert.

Unser Helikopter kann ein viel größeres Gebiet überwachen als die Esperanza. Er ist schneller und vor allem - er fliegt. Er wird uns bestimmt gute Dienste leisten können bei der Suche nach illegalen Fischern, den Piratenfischern. Und um dem Unwesen dieser Fischer Einhalt zu gebieten, sind wir schließlich hier. Sie fischen unsere Meere leer, haben dabei nur ihren Profit im Auge und kümmern sich um keinerlei Fischereiabkommen oder Fangbeschränkungen. So geht es nicht!

Nach der Helikopterübung kümmerte ich mich um einen Rauchmelder, auch der musste getestet werden. Überall auf der Esperanza sind neben Feueralarmknöpfen auch automatische Rauchmelder installiert - insgesamt weit über hundert. Und die müssen regelmässig überprüft werden. Im Ernstfall - der hoffentlich nie eintritt - müssen sie tadellos funktionieren.

Ganz allgemein ist für die Überprüfung der Sicherheitseinrichtungen an Bord der dritte Steuermannn zuständig. Jeder Steuermannn hat neben seinen Wachaufgaben noch ein weiteres Betätigungsfeld - sein Verantwortungsbereich. Der erste Steuermannn (hier an Bord übrigens eine Steuerfrau: Jolien aus den Niederlanden) ist für den gesamten Decksbetrieb und die Schlauchboote zuständig, der zweite Steuermannn (derzeit auch eine Steuerfrau: Nadia aus Kanada) ist für die Aktualisierung der Seekarten und für die Reiseplanung zuständig und der dritte - das bin gerade ich - ist für die Sicherheitseinrichtungen zuständig.

Nachmittags stand dann eine Probefahrt mit einem Schlauchboot an. Eine solche Gelegenheit verbinden wir in aller Regel mit einem kleinen Bootstraining. Zum einen um den erfahrenen Bootsfahrern eine Möglichkeit zum Üben zu bieten, zum anderen um weniger erfahrenen Leuten die Chance zu geben, neue Erfahrungen zu machen und sich zu verbessern. Ich fahre seit über sechs Jahren für Greenpeace Schlauchboote - aber man lernt nie aus und Übung ist das halbe Leben ... oder so.

Tja, nach einer kleinen Lesepause gab es schon wieder Essen: Abendbrot. Und nun sitze ich vorm Computer und schreibe diese Zeilen. Nicht mehr lang und es beginnt meine Spätschicht, die Nachtwache von 20 bis 24 Uhr.

Viele Grüße, Timo

6. September 2006: Kurs Ost

Die Esperanza ist unterwegs - Kurs Ost. Um uns herum nur Wasser - selbst unter uns ist mehrere tausend Meter (!) Wasser. Mich beeindruckt die Riesenhaftigkeit unserer Ozeane immer wieder.

Die Esperanza, ein stattliches Schiff von über 70 Meter Länge, wirkt im Hafen schon beeindruckend groß, wer zum ersten Mal an Bord ist, hat schon manchmal Probleme, die Orientierung an Bord zu behalten. Hier draußen aber, auf der riesigen Wasserfläche, da wirkt sie klein und fast etwas verloren. Besonders beeindruckend finde ich die Wassertiefen, die hier östlich der Philippinen zu finden sind: 5000, 6000 Meter!

Versucht euch mal folgendes vorzustellen: Legt drei ausgeklappte Zollstöcke (je zwei Meter) hintereinander. Und dann betrachtet die ersten fünf Millimeter des ersten Zollstocks. Die drei Zollstöcke sind die Tiefe des Ozeans, die verschwindend kleinen fünf Millimeter sind der Tiefgang der Esperanza - etwa fünf Meter. Ein kleines Nichts an der Oberfläche...

Dazu kommt, dass niemand weiß, was dort unten, in der dunklen Tiefe des Ozeans, alles lebt und passiert. Es ist schon komisch - die Menschheit war auf dem Mond, man denkt über Flüge zum Mars nach - aber was in unserem Weltmeer los ist, dass vermag niemand genau zu sagen...

Was man allerdings heute schon sagen kann und muss, ist, dass unser Weltmeer in seiner noch nicht vollständig entdeckten Einzigartigkeit bedroht ist. Bedroht durch Aufheizung, Verschmutzung durch Müll, Öl, etc. ... und Überfischung. Das stimmt mich natürlich schon nachdenklich und ist ein Grund, warum ich mich an Bord der Esperanza zusammen mit 30 weiteren AktivistInnen für einen nachhaltigen Schutz des Weltmeers einsetzte!

Grüße, Timo

4. September 2006: Gestern war Sonntag - allerdings war das an Bord der Esperanza nicht zu merken. Es wurden Proviant und Ersatzteile geliefert und überall gearbeitet. All die Lieferungen mussten natürlich an Bord der Esperanza verstaut werden. An Arbeit mangelt es uns also nicht, zumal die Esperanza für eine längere See-Etappe ausgerüstet wurde.

Am Abend sind wir aus Cebu ausgelaufen - unserem letzten Hafen auf den Philippinen. Drei sehr beeindruckende Wochen auf den Philippinen liegen nun hinter uns. Wir haben viel gesehen und viel erlebt: Die beeindruckende Schönheit eines funktionierenden Meeresschutzgebietes auf Apo-Island ebenso wie die zerstörerische Arbeit einer Riesen-Mine oder das aus der Tiefe aufsteigende, tödliche Oel aus einem verunglückten Tankschiff vor Guimeras...

Nach vielen Stationen auf den philippinischen Inseln und nur kurzen Passagen dazwischen liegt nun wieder ein längerer Seetörn vor uns. Und darauf freue ich mich. An Bord kann sich eine ganz andere Routine einstellen, wenn man nicht dauernd irgendwo an Land kommt. Die Seewachen laufen ganz normal, die Steuerleute und Wachgänger gehen zweimal am Tag ihre vier Stunden Wache und an Deck läuft die reguläre Tagesarbeit. Das sieht im Moment so aus, dass aufgrund der guten Wetterlage viele Farbarbeiten gemacht werden können. Da Seewasser sehr aggressiv ist, gibt es an Bord nämlich immer irgendwo Rost - und da hilft nur entrosten und neue Farbe.

Natürlich hat sich die Bordroutine noch nicht eingestellt. Wir sind ja noch nicht mal 24 Stunden unterwegs. Außerdem sind in Cebu nochmal neue Crew-Mitglieder an Bord gekommen. Für sie fand heute eine umfangreiche Sicherheitseinweisung statt. Da gibt es an Bord viel zu zeigen und zu erklären: Wie funktionieren die Feuerlöscher? Wo sammeln wir uns im Notfall? Wo sind die Notausgänge? Nur um ein paar zu nennen.

Jetzt bin ich sehr gespannt, was uns im Pazifik erwartet. In jedem Fall werde ich Euch auf dem laufenden halten! Soweit erstmal, viele Grüße, Timo

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