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Bordtagebuch Ostsee Teil 2: Unterwegs mit der Arctic Sunrise

Das Greenpeace-Schiff Arctic Sunrise kreuzt im September auf der Ostsee. Die Crew befindet sich im Einsatz gegen Piratenfischer. Doch schon die reguläre Fischerei führt derzeit zum Zusammenbruch der Dorschbestände. Ulrike Beck berichtet für uns von Bord.

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Mittwoch, 4. Oktober 2006: allo zusammen, dies ist nun das letzte Weblog, das ich schreibe ... Morgen werden wir in Kopenhagen/Dänemark ankommen und ich werde von Bord gehen.

Die letzten vier Wochen waren eine großartige Zeit und eine Erfahrung fürs Leben! Das Zusammenleben mit Leuten aus aller Welt, die gemeinsame Arbeit, die Aktionen, der spontane Einsatz in Estland ... Das alles wird für immer einen besonderen Platz in meinen Erinnerungen einnehmen.

Das Leben hier an Bord wird mir fehlen!

Und das Meer... Ich hatte schon immer eine Sehnsucht danach, aber jetzt ist echte Leidenschaft daraus

geworden! Es war sicher nicht das letzte Mal, dass ich mit einem Greenpeace-Schiff unterwegs war!

Danke an euch dafür, dass ihr die Arbeit von Greenpace hier in der Ostsee und mich selbst über das Weblog auf der Arctic Sunrise begleitet habt!

Beste Grüsse an euch alle, Ulrike

Dienstag, 3. Oktober 2006: Kaum zu glauben....Noch gestern abend fiel die Entscheidung: Die russische Hafenbehörde wird nach mehreren Gesprächen mit uns und dem russischen Greenpeace-Büro tätig !!!

Die fünf Fischtrawler werden nun genauer unter die Lupe genommen, das heißt die Bücher werden gecheckt und die Mannschaft überprüft. So lange dürfen sie nicht auslaufen. Wenn wir sehr viel Glück haben, werden sie festgesetzt!

Aber selbst wenn dies nicht geschehen sollte und sie weiterfahren dürfen - der Druck auf sie, die Eigner und die verantwortlichen Behörden ist deutlich gewachsen. Es wird in Zukunft für sie nicht mehr ganz so einfach. Und Greenpeace wird sie weiter im Auge behalten und so lange dranbleiben, bis sie aus dem Verkehr gezogen werden.

Vor einer Stunde haben wir abgelegt und fahren gerade durch den Kanal, der uns aus dem Hafen auf die offene See bringt. Aaaah! Ich freue mich nach jedem Anlanden, wenn es wieder raus aufs Meer geht und wir unterwegs sind! Wir sind auf dem Weg nach Kopenhagen/Dänemark!

Beste Grüße, Ulrike

Montag, 2. Oktober 2006: Gestern Nachmittag sind wir in Kaliningrad eingelaufen. Um in den eigentlichen Hafen zu gelangen, muss man einen etwa 22 Seemeilen (rund 40 Kilometer) langen Kanal in sehr langsamer Fahrt passieren. Wir haben dafür an die drei Stunden gebraucht. Eine Passage ist per Konvoi nur zweimal am Tag möglich, morgens und abends.

Leider darf ich und viele andere auch, nicht an Land gehen - das darf nur, wer ein Seemannsbuch oder ein Visum hat. Die Passkontrolle war hier um einiges strenger als in Polen und Estland. Als die Hafenpolizei/ Grenzpolizei an Bord kam, mussten wir alle in unsere Kabinen gehen und durften sie erstmal nicht verlassen.

Dann gingen die Beamten durch das Schiff und verglichen die Reisepässe mit den jeweiligen Personen. Wir mussten Schubladen und Schränke öffnen. Schon etwas beklemmend, wenn man sich auf dem eigenen Schiff nicht frei bewegen kann...

So, warum sind wir hier - ein Stückchen ab von unserer geplanten Ostsee-Tour? Im Prinzip ist es wieder ein spontaner Einsatz, und wieder geht es um den Schutz der Meere! Daran könnt ihr sehen, wie vielschichtig das Problem ist, wie viel an menschlichen Einflüssen auf unsere Meere einwirkt, an wie vielen Ecken es brennt und dringend was passieren muss, um effektiv erhalten zu können, was noch vorhanden ist.

Es ist nicht nur der normlale Fischfang, wie man vielleicht denkt, der auf die Ökologie der Meere einwirkt. Es sind zerstörische Fischfangmethoden wie die Grundschleppnetzfischerei, die Unmengen von Beifang, die Einleitung von Giftmüll, der Abbau von Kies und Sand sowie die Erdgas und Erdölgewinnung, der Klimawandel ... all diesen Dingen müssen die Ozeane standhalten.

Bei unserem jetzigen Einsatz geht es um ein besonders undurchsichtiges und sehr schwer zu bekämpfendes Kapitel der Fischerei: Fünf georgische und russische Fischtrawler die auf auf der Black List stehen, liegen hier in Kaliningrad im Hafen. Sie fischen illegal, unregulated und unreportet (IUU) (illegal, unreguliert und nicht gemeldet) und liefern den Fang zum Teil noch auf See an Kühlschiffe.

Immer wieder wechseln sie die Flagge, unter der sie fahren, und die Namen, um rechtlichen Konsequenzen zu entgehen. Greenpeace ist ihnen schon seit Jahren auf den Fersen und versucht, die Behörden dazu zu bekommen, sie endlich festzusetzen. Letzten Winter lagen sie für mehrere Monate im Rostocker Hafen, um Winterpause zu machen und wurden dabei von Greenpeace-Aktivisten beobachtet. Danach spürte Greenpeace sie in Swinemünde/Polen und Klaipeda/Litauen auf. Bis vor kurzem durften sie eigentlich in Häfen der EU weder mit Proviant noch Sprit versorgt werden, mittlerweile sind die Regelungen verschärft worden.

Die weitverbreitete Praxis der IUU macht die Erhaltung der verbliebenen Fischbestände noch schwieriger. Die kommerziell genutzten Bestände (wie zum Beispiel die des Dorschs) sind durch die hohen und entgegen den Empfehlungen des ICES (Internationaler Rat für Meeresforschung) Quoten eh schon unter Druck. Was zusätzlich noch illegal gefischt beziehungsweise mit falschen Papieren angelandet wird, macht hier in der Ostsee zum Teil nochmal 40 Prozent aus! Das muss man sich mal vorstellen!!!

Mal sehen, was wir morgen ausrichten können. Beste Grüße, Ulrike

Samstag, 30. September 2006: Wir sind auf dem Weg nach Kaliningrad... Den Grund dafür kann ich euch erst in den nächsten Tagen verraten. Es ist gegen 22 Uhr und ich bin noch ganz gefangen von dem Anblick, den ich eben erlebt habe. Ich komme gerade von draußen rein. Habt ihr schon mal einen Sternenhimmel bei klarer Sicht auf See gesehen? Wo es kein störendes Licht von Häusern, Straßenlampen, Reklame usw. gibt? Einfach nur den weiten, weiten Himmel?

Man sieht jeden noch so kleinen Stern funkeln, der dunkle Horizont verschwimmt mit dem Meer und man hat das Gefühl, man würde in die Unendlichkeit blicken. Unglaublich! Ich stand ganz vorne am Bug der Arctic und sah direkt vor mir die orange leuchtende Sichel des Halbmondes. Der Wind pfiff mir um die Ohren, ich spürte die leise und doch starke Bewegung des Schiffes unter mir und hörte und sah das Rauschen und die weiße Gischt der Wellen.

Über mir hatte ich das Sternbild der Kassiopeia, das Himmels-W, eines der wenigen Sternbilder, die ich neben dem Großen Wagen kenne ... und die Intensität des Szenarios raubte mir für einige Sekunden buchstäblich den Atem. Es dauerte ein bisschen, bis ich mich wieder gefangen hatte. Ich stand noch ziemlich lange draußen, um die Atmoshäre weiter in mich aufzunehmen.

Solche Augenblicke, in denen ich die beeindruckende Schönheit der Natur so hautnah erleben kann, sind für mich sehr, sehr kostbar. Ich versuche, sie mir tief ins Gedächnis einzuprägen. Sie sagen mir jedesmal aufs Neue, dass es wichtig und richtig ist, sich aktiv für den Schutz und die Erhaltung der Natur einzusetzen.

Lieben Gruß, Ulrike

Freitag, 29. September 2006: Habe heute morgen festgestellt, dass ich etwas mit den Tagen durcheinandergekommen bin. Das passiert an Bord ziemlich leicht und es geht allen gleich. Wenn man Glück hat, kommt man mit den Wochentagen gerade noch klar, das aktuelle Datum ist fast schon ein Ding der Unmöglichkeit. Da hilft es auch nicht, wenn man Tagebuch schreibt und es eigentlich wissen müsste.

Ich war der festen Überzeugung, dass wir Samstag haben und ich habe mir den Kopf darüber zerbrochen, warum mir irgendwie ein Tag in meiner Erinnerung feht. Habe es damit erklärt, dass ich einfach durch wenig Schlaf und den Stress in den letzten Tagen sowie die zwei Nachtwachen einfach aus dem Rhytmus gekommen bin. Puuh! Aber jetzt bin ich wieder auf dem Laufenden. Mal sehen wie lange.

Nochmal zu gestern: Bei der Pressekonferenz hat das Deck von Journalisten und Kamerateams nur so gewimmelt. Wir hatten bestimmt zehn verschiedene Kamerateams an Bord. Kaum zu glauben, aber der European Environmental Commissioner Stavros Dimas ist extra angereist, um sich bei Greenpeace und der Mannschaft der Arctic Sunrise für die Arbeit der letzten Tage zu bedanken.

Durch die Blockade- und Schiffswand-Anmalaktionen wurde soviel öffentliche Aufmerksamkeit erregt, dass eine Reaktin erfolgen musste. Vor allem aber wurde den sehr langsam mahlenden Mühlen der estnischen Behörden und der EU Zeit verschafft, um in die Gänge zu kommen.

Die öffentliche Meinung über uns hat sich seit unserer Ankunft deutlich geändert, wie uns ein Journalist bestätigte. Nach unserer ersten Blockade und der Malaktion hatten wir das Image von Terroristen, Hippis und Quertreibern. Jetzt werden wir plötzlich als Helden gefeiert.

Na ja, sehe letzteres schon etwas kritisch! Keiner von uns sieht sich als Held. Warum auch? Man muss kein Held sein, um ein sichtbares Unrecht aufzudecken und was dagegen zu tun. Es reicht, wenn man seinen Hintern hochbekommt und nicht nur zuschaut ;-)

Es ist schon hart sich klar zu machen, dass es so lange braucht, bis ein Gifttanker der für den Tod und die Vergiftung von Menschen verantwortlich ist, an die Leine genommen wird und Untersuchungen eingeleitet werden. Und erst müssen wir eingreifen bis was passiert - obwohl schon Wochen klar war, was die Probo Koala für einen Schaden angerichtet hatte.

Ach, der Schiffseigner hat Strafanzeige gegen unsere Maler gestellt. Er fordert von den Aktivisten 2000 Euro Schadensersatz für die Beschädigung der Schiffswand! Deshalb hatten wir gestern den halben Tag die Polizei an Bord. Doch was ist diese Mal-Geschichte im Vergleich zum Tod und der Vergiftung von Menschen.

Beste Grüße, Ulrike

Donnerstag, 28. September 2006: Wir sind heute morgen wieder in den Hafen eingelaufen und liegen nun ganz offiziell längseits der Probo Koala. Es wird heute noch eine Pressekonferenz an Bord stattfinden und wir werden von mehren wichtigen Leuten Besuch bekommen.

Wie wir von unseren Pressesprecher erfahren haben, hat die Aktion weltweit Wellen geschlagen! Super! Hoffentlich eine Warnung und ein Signal an alle, die ihren Müll einfach illegal irgendwo hinkippen und dabei nicht nur Umweltverschmutzung sondern sogar das Leben von Menschen riskieren!

Tschüss, Ulrike

Mittwoch, 27. 09.06: Hallo liebe Leute, tut mir leid, dass es ein paar Tage gedauert hat bis ihr nun wieder was von mir hört. Aber es gab eine überraschende Änderung unserer Tourroute. Am Samstag abend hatten wir noch vor der schwedischen Küste geankert, um dort bis zum nächsten Morgen zu bleiben um uns wieder auf die Suche nach Fischtrawler zu machen. Eine Stunde später - ich saß gerade in der Lounge - wurde plötzlich der Anker hochgezogen und die Maschienen starteten. Wir schauten uns alle erstaunt an, was ist passiert? Kurze Zeit darauf erfuhren wir es in einer Crew-Besprechung.

Die Arctic Sunrise war auf dem Weg zu einem Rapid Response-Einsatz nach Estland in Sachen Giftmüll. Der Giftmüll-Tanker Probo Koala, der einige Wochen zuvor in einem südafrikanischen Hafen illegal hochgiftigen Müll entladen hatte, in Estland angelegt hatte und den Hafen in ein paar Tagen wieder verlassen wollte.

Obwohl allen bekannt ist was in Südafrika geschehen war, sahen die estnischen Behörden und die EU keinen Handlungsbedarf, das Schiff aus dem Verkehr zu ziehen und die Verantwortlichen für die Katastrophe in Südafrika zur Verantwortung zu ziehen.

Montag mittag, 40 Stunden später, liefen wir in Estland ein. Den Sonntag hatten wir damit verbracht ein 15 Meter langes Banner mit dem Schriftzug Toxic Trade Kills (Giftiger Müll tötet!) zu produzieren. Das ist kein ganz so leichtes Unterfangen, wenn man nur den begrenzten Laderaum des Schiffes zur Vefügung hat.

Zeitgleich überlegten wir, wie wir den Skandal, dass das Schiff immer noch fährt, puplik machen können. Außerdem hofften wir, das Auslaufen der Probo Koala so lange verhindern zu können, bis die Beörden sich den Tanker und seine Ladung genau anschaut hatten.

In unserem ersten Kontakt setzten wir uns mit der Arctic Sunrise direkt vor den Tanker - mit dem 15 Meter-Banner, um klar zu machen, warum wir da waren. Dabei muss man sich vorstellen, dass der Tanker 3,5 Mal so lang wie die Arctic Sunrise ist - also rund 180 Meter.

Am selben Abend brachten wir den Spruch: EU Toxic Crime Scene an der Schiffswand an. Die Mannschaft der Probo Koala beschimpfte uns von der Reiling aus, unternahm aber nichts Schlimmeres. Und die Hafenpolizei beobachtete die Situation.

Während der folgenden Tage, setzte sich die Arctic Sunrise immer wieder vor den Tanker, wir wollten auf dieses Schiff aumerksam machen und klar stellen, dass wir es nicht einfach wieder ziehen lassen.

Mittwoch: Als ich morgens gegen neun Uhr von meiner Nachtwache im Schlauchboot ziemlich durchgefroren zurückkam, machte sich gerade ein Malerteam fertig, um die Probo Koala ein weiteres Mal zu kennzeichenen. Obwohl ich todtmüde war, blieb ich an Deck und beobachtete das Szenario.

Die Mannschaft des Giftmülltankers war nach der letzten Malaktion nun anders vorbereitet. Von Anfang an wurde das Malteam mit einem hefitgen Strahl aus dem Wasserschlauch bespritzt. Doch die ließen sich davon nicht beeindrucken, sie malten ihren Spruch in großen Buchstaben an die Schiffswand.

Gegen Mittag schafften es, wenn auch nur für kurze Zeit, zwei Klettererinnen auf die Anlegeseile der Probo Koala, um damit das Ablegen zu verhindern. Zu der Zeit hatten wir schon mehrere Beamte der Hafenpolizei an Bord, die sich entschlossen hatten unsere Anwesenheit und unsere Aktivitäten dazu zu nutzen, die Schiffsbücher besonders ganau zu prüfen. Währendessen wurde die Arctic Sunrise von kleineren Polizeibooten umkreist und etwas entfernt hatte ein bedrohlich wirkendendes Militärschiff Stellung bezogen.

Gegen Abend war dann klar, dass die Probo Koala vorest nicht mehr auslaufen wird. Trotzdem lagen wir auf der Lauer. Francsico, unser erster Steuermann fragte mich, ob ich nochmal eine Schicht der Nachtwache übernhmen könnte. Und so bezog ich nach zwei Stunden Schlaf um Mitternacht Uhr mit Texas-Joe aus Kanada im Grey-Whale, einem unserer Schlauchboote, Stellung. Trotz Müdigkeit und Kälte sind solche Wachen spannend.

Heute morgen, war lange nicht klar, was weiter passieren würde. Doch vor einigen Stunden erhielten wir erstaunliche Nachrichten: Die Probo Koala darf den Hafen vorerst nicht verlassen! Alle Papiere und die Ladung werden ürberprüft. Endlich waren da ein paar Leute aufgewacht! Genau das wollten wir erreichen!

Ihr wundert euch vielleicht darüber, dass wir thematisch so plötzlich von unserem Kampf gegen die Piratenfischerei zu Giften umgeschwenkt sind. Aber überraschende Ereignisse erfordern schnelles Handeln!

Bis bald, Ulrike

Donnerstag, 21. September 2006: Wir sind wieder vor Polen... Heute Vormittag haben wir dem Fischer sein Netz zurückgegeben, welches wir vor ein paar Tagen aus dem Wasser gezogen haben. Marcin, unser polnischer Aktivist, der als Übersetzer mit an Land war, hat mir erzählt, dass es heftige Diskussionen gab. Der Fischer hatte noch Kollegen mitgebracht, und es waren sowohl Vertreter vom polnischen Fischereiministerium als auch ein Inspektor von der Hafenpolizei mit vor Ort.

Die Meinung, die vorherrscht, ist sehr interessant. Die Fischer sind nicht wirklich gegen uns beziehungsweise dagegen, dass sich Greenpeace für Schutzgebiete einsetzt. Das verstehen sie und finden es auch richtig. Es sind die Aktionen, die sie weniger gut finden, weil wir damit einzelne Trawler oder einzelne Fischer herauspicken.

Das Ganze ist, wie ich finde, ein ziemliches Dilemma. Ich habe mich darüber auch schon mehrmals mit Marcin unterhalten, der mir einiges über die Situation vor allem der polnischen Fischer erzählt hat, und befinde mich in einem Zwiespalt. Es handelt sich ja meist um kleinere Fischtrawler mit einer Mannschaft von nur ein paar Leuten - allerdings gibt es sehr viele davon. Die Fischer verdienen sich mit dem Fischfang ihren Lebensunterhalt, indem sie eben hier fischen und den Fisch dann verkaufen. Und dann kommen wir und sagen ihnen, sie sollen es nicht tun oder sie sollen sich an die Vorschriften halten...

Natürlich muss was passieren, sonst bricht die ganze Fischerei in kurzer Zeit zusammen, weil es dann gar keinen Dorsch mehr gibt. Ich glaube auch nicht, dass die Fischer so blind sind, dass sie nicht wissen, auf was sie zusteuern, wenn sie so weiter machen. Die Frage ist allerdings, was für eine Alternative bleibt ihnen, von was sollen sie leben?

Wie so oft, sind die wirklich Schuldigen ein paar Etagen höher zu finden und viel schwerer zu greifen. So muss das eigentliche Problem an der Basis sichtbar gemacht werden, um Aufmerksamkeit zu erreichen, und damit sich was ändert. Und wenn man dann noch im Hinterkopf hat, dass Deutschland kein ganz so geringer Abnehmer von Ostsee-Dorsch ist... Es wäre leichter, wenn es einfach Schwarz und Weiß gäbe!

Beste Grüße an euch alle, Ulrike

Mittwoch, 20. September 2006: Hallo ihr Lieben, habt ihr schon mal versucht, bei nettem Wellengang und viel Wind das Deck eines schaukelnden und rollenden Schiffes abzuschrubben und abzuspritzen? Das Wasser läuft in alle möglichen Richtungen, nur nicht in die, in die es soll. Man selbst hat auch einiges damit zu tun, da stehenzubleiben, wo man gerade ist, und nicht woandershin zu stolpern. Ich kann euch sagen!

Aber es war genau der richtige Job für die Sea-Sick-Crew! Viel frische Luft, der Horizont im Blick und etwas Ablenkung durch die Arbeit. Und einen seeehr kurzen Weg zur Reling, falls sich die letzte Mahlzeit doch entschieden hat, wieder den Weg nach draußen zu nehmen.

Ja, die Seekrankheit hat uns doch wieder erwischt. In der Nacht hatte der Wellengang wieder merklich zugenommen. Dabei war noch nicht wirklich raue See. Aber irgendwie haben wir nicht recht die Möglichkeit, das Ganze bis zum Ende auszukosten. Das heißt, wir haben so lange heftigen Seegang, bis der Körper sich daran gewöhnt hat. Bisher sind wir immer nach einem Tag wieder in ruhigere Gewässer gefahren. Und danach fängt das Ganze von Neuem an...

Seit Sonntag haben wir zwei polnische Journalisten der zweitgrößten Zeitung Polens an Bord. Sie werden bis Donnerstag bleiben und wollen sich ein Bild von den Leuten hier an Bord und ihrem normalen Leben, außerhalb von Greenpace, machen. Da Greenpeace in Polen noch nicht so bekannt ist, ist es natürlich interessant für die Leser, mehr über uns zu erfahren. So werden auch eventuell vorherrschende Vorteile abgebaut.

Auf Fischer sind wir heute nicht gestoßen. Zumindest auf keine, die sich in der Verbotszone befanden. Aber wir sind natürlich weiter aufmerksam und auf der Suche nach ihnen. Ich denke aber auch, dass sich unsere Anwesenheit hier inzwischen herumgesprochen hat und dass dies die Fischtrawler davon abhält, ganz offensichtlich illegal zu fischen. So können wir auch schon durch unsere alleinige Präsenz dazu beitragen, dass die Vorschriften eingehalten werden.

Bis bald, Ulrike

Dienstag, 19. September 2006: Heute Morgen habe ich eine wirklich nette Überraschung erlebt, als ich mich an den PC setzte, um meine E-Mails zu checken....Ich habe völlig unverhofft Post von Regine auf der Rainbow Warrior bekommen, eine deutsche Kollegin von Greenpace. Ihr kennt sie vielleicht noch von der Antarktistour im letzten Winter. Sie war damals als Bootsfahrerin auf der Arctic Sunrise, die zusammen mit der Esperanza im Rahmen der SOS-Weltmeer-Tour gegen den japanischen Walfang protestierte.

Es ist total schön, dass man egal wo man sich auf der Welt befindet, immer wieder überraschend auf alte Bekannte aus der Greenpeace-Welt stößt oder Nachricht von ihnen bekommt. Und wenn das von Schiff zu Schiff geschieht, ist es umso spannender.

Das Wetter hat sich inzwischen merklich geändert ... Nebel wohin man blickt... als ob man auf einem Geisterschiff durch die Gegend fährt. Ständig bläst das Nebelhorn, um den anderen Schiffen zu zeigen, dass wir hier sind...

Habe heute den Großteil des Tages in meiner Kabine verbracht - nein - keine Seekrankheit! Ich glaube, die dürfte ich inzwischen überwunden haben. Hatte ein kleines Problem mit dem Magen und auch etwas Kopfweh - aber auch das Bedürfnis, einfach mal einen Tag für mich zu sein, um Kraft zu tanken. So schön und interessant es ist, ständig mit Leuten zusammenzusein, es fordert auch seinen Tribut! Und dann tut es gut, sich rechtzeitig einfach mal ein paar Stunden zurückzuziehen.

Während ich in meiner Kabine lag, haben Iwona und Marcin, unsere beiden polnischen Aktivisten, fleißig Handbanner für die kommenden Tage gemalt: Stopp Piratenfischerei auf Polnisch. Wir gehen davon aus, dass wir in den nächsten Tagen auf Fischtrawler stoßen, die illegalen Fischfang betreiben.

Wir befinden uns seit heute in einem Areal nordöstlich vor Bornholm (Bornholm-Tief), in dem jegliche Fischereiaktivität - nicht nur für Dorsch - in der Zeit vom 1. Mai bis zum 31. Oktober verboten ist. Es gibt eine Ausnahmeregelung für Stellnetze, deren Maschen größer als 157 Millimeter sein müssen, und für die Leinenfischerei. Allerdings darf bei letzteren kein Dorsch an Bord gehen.

Die Gegend hier ist vergleichbar mit einem Kindergarten für Dorsch. Hierher kommen die erwachsenen Tiere, um zu laichen; hier wachsen die nächsten Generationen heran, bis sie wiederum laichfähig sind. Oft werden durch die Fischtrawler aber Tiere gefangen, die noch nicht ein einziges Mal in ihrem Leben gelaicht haben und die somit für die Stabilität des Bestandes verlorengehen. Der Bestand muss durch diese Art des Fischfangs auf Dauer zusammenbrechen...Grund genug, warum das Gebiet hier besonders wichtig und schützenswert ist und der Fischfang eigentlich gänzlich verboten werden sollte.

Es gibt in der Ostse zwar noch zwei weitere kleinere Laichgebiete des Dorschs, aber das Bornholm-Tief gilt als das letzte besonders reproduktive Gebiet. Nur hier gibt es für den Dorsch noch wirklich ideale Voraussetzungen zum Laichen. Was früher kein Problem war, ist mittlerweile gar nicht mehr so leicht zu finden.

Um eine erfolgreiche Nachzucht zu bekommen, muss das Wasser nämlich einen genügend hohen Salzgehalt aufweisen und zudem genügend Sauerstoff enthalten. Vor allem Letzteres ist ein großes Problem. Das Ostseewasser enthält durch menschlichen Einfluss extrem viele Nährstoffe, insbesondere Nitrat. Die Nährstoffe führen zu starkem Algenaufkommen. Deren Wachstum, Absterben und Absinken verbraucht sehr viel Sauerstoff, der dem Wasser entzogen wird (Eutrophierung). Alles Leben geht zugrunde.... Kaum zu glauben, aber es gibt jetzt schon Stellen in der Ostsee, die völlig tot sind.

Das war jetzt ein kleiner Ausflug ins Naturwissenschaftliche. Hoffentlich habe ich euch damit nicht gelangweilt, aber ich finde es wichtig und interessant, auch die Hintergründe zu kennen.

So, beste Grüße für heute an euch, Ulrike

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