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Bordtagebuch Mittelmeer: Die Rainbow Warrior vor Beirut

Mit dem Flaggschiff Rainbow Warrior haben Greenpeace-Aktivisten Untersuchungen zur Umweltzerstörung durch die Ölkatastrophe im Libanon aufgenommen. Damit leisten sie einen Beitrag zu den lokalen und internationalen Bemühungen, die Ölverschmutzungen an der Küstenlinie zu begrenzen. Bereits am 17. September nahm das Greenpeace-Team seine Arbeit auf. Die deutsche Aktivistin und Taucherin Regine Frerichs berichtet von der Rainbow Warrior.

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Mittwoch, 04.10.2006: Beirut, Hafen, abends, 25 Grad, klarer Himmel

In den letzten Tagen hatten wir keine Satellitenverbindung, da ist man von der Welt ganz schön abgeschnitten. Aber es tut auch gut! Die Gedanken kreisen vermehrt um die hiesige Achse, mehr Zeit, mehr Muße.

Nach unserer Arbeit auf Palm Islands sind wir die letzten Tage in Byblos gewesen. Dort arbeitet eine Gruppe von Fischern und reinigt die Felsen bzw. die Bereiche zwischen den Steinen in geringer Wassertiefe. Unsere Suche nach dem Öl unter Wasser war ja bisher glücklicherweise eher "erfolglos". Hier in Byblos sah das anders aus! Der gesamte Strandbereich, fast einen Kilometer lang, bis in zwei Meter Wassertiefe, ist voller Öl!

Was aber erst einmal keiner sieht! Das Öl ist unter dem Sediment versteckt! Greift man mit den Händen hinein, so fühlt man schnell die zähen, weichen Klumpen zwischen den Fingern, die überall in einer bis zu 20 Zentimeter dicken Schicht liegen. Die Ölschicht besteht aus Unmengen kleiner Ölklümpchen. Sobald die Wellen höher werden, wird das Sediment teilweise weggespült, die Klumpen werden vom Boden gerissen und durch den Wellenschlag immer weiter zerkleinert!

Was beim ersten Hinsehen noch wie eine heile Unterwasserwelt aussieht - mit Seepferdchen an Steinen und Rochen auf dem Boden, mit Sepia und blauen Schwimmkrabben - entpuppt sich auf den zweiten Blick als Zeitbombe! Jeder Sturm wird das Öl wieder und wieder hervorbringen. So bleibt zu hoffen, dass die Aufräumarbeiten auch in dem schwierigen Bereich des Sandes fortgesetzt

werden!

Meine Zeit auf dem Schiff geht zu Ende. Wieder hat man alte Freunde getroffen und neue gefunden und wieder ist es Zeit, Abschied zu nehmen. So bleibt mir der heutige Abend, mich noch einmal in Ruhe mit den anderen Crewmitgliedern zusammenzusetzen, die gemeinsame Zeit Revue passieren zu lassen oder wie so leicht in den "Weisst-du-noch-wie-wir-in-Frankreich-den-Atommülltransport...-Zeiten" zu versinken!

Liebe Grüße und bis zum nächsten Mal, Regine

Samstag, 30.09.2006: Palm Islands, 26 Grad, 26 Grad Wasser, Wind Süd 5 bis 6, See 1,5 Meter

Die Suche nach dem Öl ist mühsam. Wir Taucher können ja immer nur kleine Gebiete abtauchen. Dabei orientieren wir uns an dem Öl an Land und der Richtung, aus der der Ölteppich vor bald vier Monaten gekommen ist. Das ist gleichzeitig die vorherrschende Strömungsrichtung. Allmählich entsteht so etwas wie Routine an Bord. Bootsfahrer und Taucher kennen sich mittlerweile und arbeiten Hand in Hand. Jeder weiß, was der andere braucht und wo er helfen kann.

Heute ist Samstag und da wir auch am Sonntag arbeiten wollen, hat die eine Hälfte der Crew heute frei, die andere morgen. Rob, unser Koch, war ein paar Tage krank gewesen und es fehlte schon die typische Woodstock-Musik aus der Küche! Aber heute wird wieder Woodstock-Flair in Verbindung mit angenehmen Essensgerüchen verbreitet!

Unser Kameramann und unser Fotograf waren für drei Tage an Land und haben Eindrücke aus dem gesamten Libanon mitgebracht. Für sie war es nicht ganz ungefährlich, weil es einige Minen im Land gibt. Sie sind gerade an Bord gekommen und bereiten ihr Material auf, wovon wir morgen hoffentlich einen Auschnitt zu sehen bekommen. Ich bin ganz gespannt darauf, weil hier auf See und in Beirut die Auswirkungen des Krieges kaum zu sehen und zu merken sind - wenn man mal von der Präsenz der Kriegsschiffe und Küstenwache absieht.

Heute haben die Taucher die Südseiten der kleineren Inseln abgesucht. Auch hier war zum Glück nichts zu finden. Auf diesen Inseln ist auch an den Felsen so gut wie kein Öl zu sehen. Diese Inseln haben allerdings keine Strände, an denen die Schildkröten ihre Eier ablegen können.

Ich verbringe den heutigen Tag damit, unsere Berichte fertigzustellen, damit die Italiener und lokalen Gruppen mit den Ergebnissen weiterarbeiten können. Außerdem tut mir ein Tag auf dem Schiff ganz gut!

Liebe Grüße, Regine

Freitag, 29.09.2006: Palm Islands, 26 Grad, 26 Grad Wasser, heiter bis wolkig, Wind 4 bis 5, See 1 Meter

Tripoli liegt auf einer Halbinsel, die sich in den Palm Islands fortsetzt, kleine Felsentupfer, wie auf einer Schnur. Die Skylines der Städte entlang der libanesischen Küste sind auswechselbar und für den außenstehenden Betrachter nicht zu unterscheiden. Viereckige Hochhäuser kleben aneinander, voreinander und hintereinander, als ob es keinen Platz gäbe. Dem Anschein nach ist die libanesische Küste eine einzige Stadt! Wie lange schmale Bauklötzchen strecken sich die Betonklötze in den Himmel. Hinter ihnen steigt ein braunes Panorama teilweise bis auf 2000 Meter auf, ein Gebirgszug, der die Stadt und ihre Skyline zu Spielzeug macht!

Heute Morgen haben wir uns mit Raed getroffen, einem Libanesen, der seit 26 Jahren in Deutschland lebt. Er wollte uns das Öl vor den Inseln zeigen. Kaum waren wir an Deck, um die Boote klar zu machen, fing wie aus dem Nichts ein böiger Wind an zu wehen! Davon lassen wir uns natürlich nicht abhalten!

So fuhren wir auf immer größer werdenden Wellen vor die Inseln, setzten auf Raeds Zeichen eine Boje und tauchten ab. Die Sicht war fantastisch: gute 30 Meter. So hatten wir einen guten Überblick über den Meeresgrund. Der Beachrock, der offenbar fast überall entlang der Küste verläuft, bildet seine eigenen Miniaturgebirgszüge mit Bergen, Hochebenen, Tälern und Canyons! Sogar kleine Flussläufe meint man zu erkennen.

Das Leben scheint hier allerdings etwas arm zu sein. Ich weiß nicht, ob es an dem Öl liegt oder ob es hier immer so war. Es gibt so gut wie keine Wasserpflanzen, einige Fischarten, teilweise Schwärme, einige wenige Krebse und sehr viele Schnecken. Wobei es sich bei den Schnecken nur um wenige Arten aber viele Individuen handelt. Auch Austern sind anzutreffen, nur haben sie jetzt von uns nichts mehr zu befürchten!

Schildkröten sehen wir bisher jeden Tag. Allerdings eher vom Boot aus als unter Wasser. Es gibt noch Seegurken und ein paar Algen und einige Muscheln. Der Meeresgrund wirkt fast verlassen, wie ein abgeholztes Gebirge oder die Regionen oberhalb der Baumgrenze.

Nachdem bei dem ersten Tauchgang kein Öl zu finden war, teilten wir uns am Nachmittag in zwei Gruppen und tauchten entlang einer südöstlich verlaufenden Linie im Abstand von etwa 300 Metern. Am Grundgewicht der Boje wurde ein Suchseil befestigt und wir schwammen einen Kreis um die Boje. Aber auch jetzt: nichts! Kein Öl! Ich frage mich, ob das nun gut ist oder schlecht! Klar, wenn kein Öl da ist, ist es gut, wenn es aber da ist und wir es nicht finden, dann...

Dima, unser zweiter Offizier, ist noch unterwegs und fährt die Küste an der Stadt entlang in Richtung Süden ab. Dort soll auch noch recht viel Öl an Felsen und Stränden sein. Für unsere morgige Planung warten wir auf seine Rückkehr.

Da die Tauchgänge heute recht tief und länger waren, bin ich mittlerweile ganz schön müde! Aber da man auf dem Schiff nicht in Verlegenheit kommt, noch auszugehen, bleibt kaum etwas anderes, als mir abends auf meinem Laptop einen Film anzusehen. Und bei dem schlafe ich heute bestimmt schon nach fünf Minuten ein!

Bis morgen, liebe Grüße, Regine

Donnerstag, 28.09.2006: Palm Islands, 29 Grad, Wasser 27 Grad, Wind 2 bis 3, See 0,5 Meter

Die Rainbow Warrior liegt zwei Meilen vor Palm Islands vor Anker. Es ist schwül und die hohen Gebirgszüge hinter Tripoli schimmern hellbraun durch einen fernen Dunst.

Nachdem wir mit der Probennahme fertig sind, ist es unsere Aufgabe festzustellen, ob Palm Islands von der Ölkatastrophe betroffen ist. Die Inselgruppe besteht in erster Linie aus drei Inseln und einigen kleinen Felserhebungen, die mehr oder weniger wie eine Kette vor Tripoli liegen. Die Strände der kleinen Eilande sind die einzigen Brutstrände der letzten Grünen Meeresschildkröten, weshalb das Öl hier besonders schlimm ist.

So fuhren wir heute Morgen als erstes mit einem Schlauchboot zu den Inseln, um uns einen ersten Überblick zu verschaffen. Auf dem Weg dorthin sind wir aber erst einmal von der libanesischen Küstenwache gestoppt worden! Ein Schnellboot hielt mit großer Geschwindigkeit auf uns zu. Auf dem Vordeck ein Maschinengewehr auf einer Halterung montiert und unmissverständlich Zeichen gebend, wir sollten anhalten! Nachdem sie wussten, dass wir von Greenpeace sind und zu dem großen Segelschiff gehören, die Nationalität der Bootsinsassen nur aus einem Spanier und zwei Deutschen bestand, konnten wir unseren Kurs unbehelligt fortsetzen.

Auf zwei Inseln haben wir Öl an den Felsen erkennen können. Wir haben die Koordinaten unseres neuen Gebietes genommen und uns einen ersten Überblick verschafft. Zum Mittagessen ging es zurück an Bord, wo wir gleichzeitig Pläne zum weiteren Vorgehen gemacht haben.

Nach dem Essen fuhren wir mit zwei Booten los. In einem eine Tauchgruppe, die die Küste der kleinen Insel abgetaucht hat; in dem anderen eine Gruppe mit Schnorchlern, die entlang der größeren Insel den Flachwasserbereich kontrollierte.

Anschließend sind wir auf die größere Insel gegangen und haben uns die ölverschmierten Felsen und Strände angesehen. Hier wird täglich weiteres Öl angeschwemmt und die alten und frischen Ölflecken sind deutlich zu unterscheiden! Unter Wasser haben wir noch kein Öl ausmachen können. Aber irgendwo muss es ja herkommen! Als wir uns auf den Rückweg machten, trafen wir noch einen Einheimischen, der uns sagte, wo das Öl unter Wasser sei!

Wir haben uns morgen mit ihm verabredet und sind sehr gespannt, ob wir das Öl finden werden! Allein heute haben wir vier Wasserschildkröten gesehen! Wir haben auch erfahren, dass die Fischer um die Inseln herum mit Dynamit fischen. Das tun sie natürlich nicht, wenn wir da sind.

Die Dynamitfischerei ist ein weiteres Problem, dass in dieser Region das Unterwasserleben gefährdet ist. Sie ist gesetzlich verboten, aber es kümmert sich niemand darum. Weder die Polizei oder die Küstenwache noch die Regierung.

Bis morgen, liebe Grüße, Regine

Mittwoch, 27.09.2006: Nördlich Beirut, Luft 27 Grad, Wasser 26 Grad, Wind 4 bis 5, See 1,5 Meter

Genau wie gestern haben wir heute drei Tauchgänge gemacht, um weitere Austern zu sammeln. Und heute war die Sicht recht gut, so um die 10 Meter. Nur beim zweiten Tauchgang haben wir lange gebraucht, da kaum Austern zu finden waren. Die Tauchplätze haben wir alle von Fischern gezeigt bekommen, die ja ihre Region und ihr Gebiet so gut kennen wie die bekannte Westentasche!

Nach zwei Tagen und sechs Tauchgängen klappt die Probennahme wie am Schnürchen. Die Zusammenarbeit zwischen Tauchern und Bootfahrern, die Versorgung der Ausrüstung, alles wird zur Routine und läuft reibungslos. Die Zeit unter Wasser kann ich leider nicht so genießen, wie ich es am liebsten möchte. Zu sehr bin ich mit der Probennahme beschäftigt. Und da wir die nächsten Tage auch noch viel ins Wasser müssen, habe ich keine Zeit, zwischen den Steinen nach Fischen und Krebsen zu sehen oder in die kleinen Canyions zu tauchen, die hier zu finden sind.

Normalerweise entführt einen die Unterwasserwelt und löst Raum und Zeit um einen herum auf. Die Schwerelosigkeit vermittelt Leichtigkeit. Man kann fliegen - aufsteigen und herabsinken, vorübergleiten an Felsen, durch Gräben oder einfach über dem Grund verharren und die Vielfalt der Unterwasserwelt betrachten. All das geht jetzt nicht, wir sind ja nicht zum Urlaub hier! Einige Blicke auf die Fauna und Flora, auf die unterschiedlichen Arten, ein kurzer Überblick und dann die versteckten und gut getarnten Austern absammeln.

Oben warten die Schlauchboote und bringen uns wieder an Bord. Dort wird die Ausrüstung mit Frischwasser gespült, da ja alles salzig ist! Nach diesen intensiven Tauchtagen bin ich mittlerweile recht müde. Heute Abend haben wir noch eine Crewbesprechung und anschließend sitze ich wohl noch einige Zeit am PC, um meine Berichte fertigzustellen!

Lasst es euch gut gehen, ich bin sehr gespannt, wie es auf Palm Island aussieht!

Liebe Grüße, Regine

Montag, 25.09.2006: Südlibanon, Luft 28 Grad, Wasser 28 Grad, Wind 2, See 1 Meter

Fünf Uhr morgens Wake-up call (Wachruf). Es ist noch dunkel, an der Küstenlinie funkeln Millionen Lampen und es scheint, dass die gesamte Küstenlinie eine einzige große Stadt ist.

Nach einem kurzen, zu frühen Frühstück werden die Schlauchboote ins Wasser gelassen, die Tauchausrüstungen verstaut, und noch bevor die Sonne hinter den Hügelketten aufsteigt, fahren wir entlang der Küste zu unserem ersten Tauchgang. In den kleinen Tälern und zwischen Wäldchen halten sich herbstliche Nebelschwaden fest, allein die Temperatur vermittelt einem ein ganz klares Sommergefühl.

Kurz bevor wir unsere Ausrüstungen anlegen, steigt ein glutroter Sonnenball zwischen Hügelkette und Wolkenschicht auf, taucht alles kurz in ein rosa Licht, um sich hinter der schmalen Wolkenschicht in den gleißend gelben Sonnenball zu verwandeln, der uns tagsüber auf die Haut brennt.

Heute nehmen wir Proben: Austern. Sie filtrieren das Wasser und nehmen so kleinste Nahrungspartikel auf. Und mit ihnen auch Giftstoffe, Schwermetalle - eben alles, was sich in Körpern anreichern kann. Hier im Süden ist das Wasser vom Öl nicht betroffen, so werden hier Proben genommen, die später mit den Austern aus den betroffenen Gebieten verglichen werden können. Daran kann man feststellen, wie stark die Verschmutzung und die Beeinträchtigung des Ökosystems ist.

Die Boje ist gesetzt, fünf Taucher tauchen ab. Die Sicht geht gegen Null! Starker Wellengang treibt das Sediment vom Boden und lässt uns Taucher nur einen Meter weit sehen. Zwei der Taucher bringen dünne Schnüre auf dem Meeresgrund aus, anhand derer wir uns orientieren können.

Der Meeresgrund ist langweilig braun und ich halte Ausschau nach Austern. Die kleben gut getarnt an den Steinen und haben auch nicht vor, sich leicht entdecken zu lassen, geschweige denn ihren Platz an den Steinen zu verlassen. Aber das Auge ist schnell geübt und ich entdecke die gut getarnten Schalen. Ihre leicht geöffneten Hälften und deren runde Form verraten sie! Kommt man ihnen näher, schließen sie sich schnell, dabei wird meist eine kleine Sedimentwolke herausgepresst und schon sind sie entdeckt! Einige sitzen aber in Spalten und Löchern, aus denen sie niemals herauszuholen sind!

Die Wellen an der Oberfläche haben in sieben Meter Tiefe leichtes Spiel mit uns Tauchern und wir werden innerhalb weniger Sekunden hin und her gerissen. Dennoch können wir unsere Arbeit fertigstellen, bevor die Tauchflaschen leer sind. Zurück an Bord heißt es gleich Anker auf und

zum nächsten Spot. Hier erwartet uns eine ungleich bessere Sicht! Etwa zwölf Meter und ruhiges Wasser lassen den zweiten Tauchgang wie einen Spaziergang erscheinen! Nur die Austern, die sind hier viel kleiner!

Ich würde mir gerne mehr Zeit lassen: Es gibt einige bunte Fische, eine kleine Muräne und Krebse, die sich um Futter zanken. Aber da mich noch weitere Tauchgänge erwarten, muss ich mit meiner Grundzeit sorgfältig umgehen! Für die Nichttaucher sei hier angemerkt: Durch das Atmen unter Druck wird der Körper verstärkt mit Gasen (Stickstoff, 78 Prozent unserer Atemluft!) angereichert, die an der Oberfläche nur langsam abgeatmet werden. Daher ist es bei Taucheinsätzen, die über viele Tage gehen sollen, so wichtig, möglichst wenig Stickstoff im Körper anzureichern.

Jetzt sind wir wieder auf dem Weg nach Beirut, weil sich die nächste Stelle genau vor der Stadt befindet. Diesmal wollen einige Journalisten und Kameraleute mitkommen, um bei der Probennahme dabei zu sein. Natürlich nicht unter Wasser, aber dafür haben wir ja Marko, unseren Unterwasserkameramann und -fotografen!

Ich hoffe, dass wir bei unserem dritten Tauchgang auch gute Sicht haben. Erstens ist die Arbeit dann einfacher und zweitens macht es auch ganz einfach mehr Spaß!

Liebe Grüße, Regine

Sonntag, 24.September 2006: Beirut, 30 Grad, Wind kaum vorhanden

Für die meisten der Crew war heute ein freier Tag. Aber eben nicht für alle. So bin ich recht früh aufgestanden und hatte das Schiff fast für mich alleine. Nach einem ruhigen Frühstück fand ich mich in unserem kleinen Büro wieder und habe unseren Bericht fertig gestellt.

Immerhin sollten wir mittags unsere Ergebnisse unseren Mitstreitern, den Italienern, vorstellen. Aber wo bekommt man auf einem Schiff repräsentative Klarsichtfolien und Ordner her? Nun, wir haben auch das gefunden, irgendwo in einer versteckten Schublade im Funkraum.

Marko, unser Unterwasser-Kameramann, hatte noch eine kleine Dokumentation über unsere Einsätze erstellt. Und so haben wir uns mit Bericht, Film und Fotos die Anerkennung der Spezialisten verdient.

Als nächstes fahren wir an der libanesischen Küste entlang und nehmen für die amerikanische Universität und andere Institute Proben. Um genau zu sein: Austern! Austern sind Filtrierer, die sehr schnell Schwermetalle und Gifte aufnehmen und in ihrem Körper anlagern. Sie sind somit gute Anzeiger für Umweltbelastungen!

Mitte der kommenden Woche geht es dann in ein marines Schutzgebiet, das für uns besonders interessant ist: Palm Island! Hört sich romantisch an, aber leider ist es nix mehr mit Palmen. Nachdem vor etlichen Jahren schon jemand Kaninchen dort ausgesetzt hat, ist die Vegetation zerstört. Sie hat sich bis heute nicht erholt. Und Palmen gibt es dort eben nicht mehr...

Auf der Hauptinsel sollen einige Strände verschmutzt sein. Dort hat die Grüne Meeresschildkröte eines ihrer wenigen Brutgebiete. Die Inseln sind nicht bewohnt, Fischen ist dort verboten und so hat dort bisher noch niemand gründlich nachgesehen! Das wollen wir jetzt tun.

Ich wollte aber noch vom Taxifahren erzählen! Der Straßenverkehr in Beirut ist, sagen wir mal, beeindruckend! Vorfahrt hat offenbar, wer sich den Weg erdrängelt. Mittels Hupen wird die Stärke der Dängelbereitschaft bekundet. Vorsichtshalber gibt es keine weißen Streifen auf der Fahrbahn, es würde sich eh niemand an Fahrspuren halten. Und bei wem das Licht des Nachts nicht geht, der fährt trotzdem. Kein Licht ist kein Grund, den Wagen stehen zu lassen. Auf der Stadtautobahn eine Abfahrt verpasst? Macht nichts, schnell umgedreht und gegen den Verkehr zur verpassten Ausfahrt gefahren!

Die Taxis selber sind in sehr unterschiedlichem Zustand. Beherrscht wird die Taxiszene allerdings von durchaus antiquierten Fahrzeugen, von denen einige wohlweislich in den Kurven sehr langsam fahren. Sonst scheuern die Radkästen auf den Reifen, die Stoßdämpfer haben schon seit langem ihren Dienst aufgegeben.

Es gibt auch Minivans, die meist in sehr schlechtem Zustand sind. Sie fahren auf Routen, ähnlich wie Busse. Man kann den Fahrer aber auch durchaus überreden, von seiner Strecke abzuweichen, und einen anderswo abzusetzen, so er denn englisch spricht oder man einen Einheimischen dabei hat. Ansonsten sagen die Fahrer grundsätzlich ja und man findet sich sonstwo wieder! Und sonstwo heißt, dass du wirklich keine Ahnung hast, wo du bist!

Die Schiebetüren der Kleinbusse sind oft mit einem Strick festgebunden. Entweder weil die Türen kaputt sind oder weil man sich das ewige Auf und Zu sparen will. Außerdem ist die Luft so im Fahrzeug besser! Immerhin findet man sich durchaus mit über 20 Leuten in so einem Kleinbus, der eigentlich nur Platz für 15 hat...

Überfüllte Autos, nicht anschnallen, alles kein Problem! Wenn man vor so einer Fahrt noch nicht an Reizüberflutung gelitten hat, danach bestimmt! Zu allem Überfluss quäken aus dem Radio arabische Songs, die für meine Westkultur-Ohren nicht unbedingt Ruhe und Harmonie verbreiten. So viel zum Taxifahren in Beirut...

Liebe Grüße, Regine

Samstag, 23.September 2006: Jieh, 30 Grad, Wasser 28 Grad, Sonne

Heute war der letzte Tag in unserem ersten Gebiet und wir konnten die Kartierung zu Ende bringen. Morgen stellen wir den Bericht den italienischen Spezialisten vor.

Wir waren wieder fast den ganzen Tag auf dem Wasser. Ich bin es ja eher etwas frischer gewohnt... und hier wird man mit ganz neuen Schwierigkeiten konfrontiert. Das Wasser im östlichen Mittelmeer ist sehr salzig. Das liegt daran, dass das Mittelmeer nur im Westen einen Austausch mit frischem ozeanischem Wasser hat. Und da es im östlichen Mittelmeer sehr trocken ist, verdampft hier mehr Wasser als durch Flüsse, Regen oder andere Gewässer wieder hinzukommt.

So entsteht eine große Umwälzpumpe. Durch die Verdunstung wird im Osten des Mittelmeeres das Wasser dichter (und schwerer), weil es salziger wird. Dadurch sinkt es in die Tiefe. An der Oberfläche strömt Wasser aus dem Westen nach. In der Tiefe strömt das Wasser nun wieder nach Westen und aus dem Mittelmeer hinaus.

Man kann also sagen, an der Oberfläche gibt es eine Strömung, mit der frisches ozeanisches Wasser ins Mittelmeer hineinfließt und in der Tiefe strömt das salzhaltige Wasser aus dem Mittelmeer wieder hinaus und in den Ozean.

Das Salz ist es, was uns hier zum Teil zu schaffen macht. Wenn man den ganzen Tag im Boot sitzt und einen Tauchgang nach dem anderen macht, wird alles nass und wieder trocken und wieder nass. Überall bilden sich Salzkristalle, die in der Sonne anfangen zu brennen. Man muss sehr viel Wasser trinken und gleich nach der Rückkehr unbedingt duschen. Sogar in den Ohren klebt so viel Salz, dass es mit den Fingern zu fühlen ist!

Natürlich brauchen wir eine Menge Sonnencreme, sonst verbrennen wir innerhalb weniger Stunden auf dem Wasser. Man kann erahnen, mit was für Schwierigkeiten Schiffbrüchige in entsprechenden Breiten früher zu tun hatten!

Die letzten Tage war fast in unserem ganzen Kartiergebiet ein dünner Ölfilm auf dem Wasser. Teilweise schwammen kleine schwarze Öltropfen mit. Gestern war schlechtes Wetter angekündigt, das sich bei uns aber nur in verstärktem Seegang gezeigt hat. Das war auch der Grund, warum plötzlich wieder Öl an der Wasseroberfläche auftauchte.

Wir haben noch einen letzten Tauchgang direkt vor dem zerbombten Kraftwerk gemacht. Dort zeigte sich deutlich, was die verstärkten Wellen in der Tiefe anrichten: Das noch viskose Öl wird durch die Wellen in Bewegung versetzt, Wasser gelangt unter die Placken, hebt sie empor und zerreisst die zähe, schwarze Ölschicht in Fetzen. Kleiner geworden werden sie zum Spielball der Wellen werden und immer wieder die Küsten und Strände verschmutzen -

eine ständige Gefahr besonders für Seevögel, deren Gefieder, einmal mit Öl in Berührung gekommen, nicht mehr ohne Hilfe sauber werden kann. Und schon ein kleines bisschen Öl im Gefieder verhindert den Schutz, den ein Seevogel unbedingt braucht!

Am Nachmittag nahm die Rainbow Warrior wieder den Anker auf und fuhr zurück nach Beirut. Leider können die beiden neuen Taucher heute noch nicht an Bord kommen, da der Papierkram bei der Immigration nicht mehr fertig wurde.

Bis Morgen, liebe Grüße, Regine

Freitag, 22.September 2006: Jieh, 30 Grad, Wasser 28 Grad, Wind 2

In den beiden letzten Tagen haben wir angefangen, ein relativ großes Gebiet gleich nördlich des zerbombten Kraftwerks nach weiterem Öl abzusuchen. Aufgrund einer langen Kaimauer ist es zwar unwahrscheinlich, dass hier Öl hingelangt ist, aber auch nicht unmöglich. So sind wir mit den italienischen Spezialisten und der Küstenwache so verblieben, dass wir nördlich von Jieh suchen.

Nach den typischen anfänglichen Schwierigkeiten, die Theorie in die Praxis umzusetzen, konnten wir am zweiten Tag über die Hälfte unseres Gebietes fertigstellen! Das liegt aber auch daran, dass der größte Teil flacher als zehn Meter ist und man recht gut bis in diese Tiefe sehen kann - ohne auch nur einen Zeh ins Wasser zu halten!

So hat eine Schlauchbootcrew heute vormittag die eine Hälfte des Flachwassers abgesucht, nachmittags die zweite und wir Taucher haben angefangen die äußere Grenzlinie abzusuchen. Hierbei haben wir an elf Punkten Bojen gesetzt, sind an ihnen abgetaucht und haben unten am Grundgewicht eine Leine festgebunden. Diese Leine ist 25 Meter lang.

So sind wir jeweils einmal um das Gewicht herumgetaucht und konnten einen Kreis von 50 Metern Durchmesser abtauchen. Die Sicht war aufgrund der Wellen nicht gerade berauschend: etwa fünf bis sieben Meter. Jede Welle schiebt einen erst über den Grund, um einen gleich wieder zurück zu zerren. Und genauso ergeht es jedem Sandkorn, das nicht groß genug ist!

Den ganzen Tag lag ein dünner Ölfilm auf der Wasseroberfläche und zog sich durch unser Gebiet. Ein deutlicher Anzeiger, dass auch südlich des Kraftwerks noch Öl auf dem Meeresgrund sein muss.

Nachdem jeder Taucher vier Tauchgänge gemacht hat, sind wir ganz schön müde! Und dann musste ich noch den Suchbericht tippen. Da müssen genau die GPS-Punkte genommen werden, Tiefen gemessen, die Suchmethoden beschrieben werden - und das auf Englisch! Am Sonntag haben wir wieder ein Treffen mit den Italienern, vielleicht kommt sogar der italienische Umweltminister. Ich soll dann unseren Suchbericht vorstellen... Und mehr vom Bordleben und Taxi fahren in Beirut(!!!) in Kürze!

Liebe Grüße, Regine

Mittwoch, 20.September 2006: Beirut - Sonne 27 Grad, Wasser 27 Grad, Wind 2

Gestern war ein langer Tag! Unser zurzeit noch kleines Tauchteam - bestehend aus Marko, unserem Unterwasser-Filmer, und mir - fuhr nach El Jira zu dem zerbombten Kraftwerk. Vor Ort trafen wir die Tauchgruppe, die mit den Säuberungsarbeiten betraut ist.

Ein kleines Schlauchboot brachte uns zu den Arbeitsbooten, die dicht an der Küste, direkt vor dem Kraftwerk lagen. Entlang der Küste zieht sich ein schwarzer Streifen und kündet von der Katastrophe, die bereits vor Wochen ihren Anfang nahm. Der treibende Ölteppich ist mittlerweile nicht mehr da, die flüchtigen Anteile sind in die Atmosphäre gelangt, der Rest ist auf den Meeresgrund gesunken.

Schon das Schlauchboot war ölverschmiert, und der Anblick der Taucher und der Männer an Bord der kleinen Arbeitsboote vermittelte eine erste Ahnung, was es bedeutet, ölverseuchten Meeresgrund zu säubern. In nur vier Metern Tiefe trafen wir auf sieben oder acht Taucher. Die Arbeitsweise war schnell erkannt: Das Öl wird in Plastiktaschen verfrachtet, an die Oberfläche gebracht und an Bord in größeren Behältern gelagert.

Einige Taucher sind damit beschäftigt, leere Taschen zum Meeresgrund zu bringen und volle zu den Booten zurück. Andere arbeiten daran, das Öl in die Tüten zu verfrachten, was nicht gerade einfach ist. Direkt vor dem zerstörten Kraftwerk hat sich eine Mischung aus frischem und verbranntem Öl gebildet. Eine zähe Masse, die sich wie flüssige Lava zwischen die Steine und auf das Sediment gesetzt hat.

Die Taucher kämpfen mit der zähen Masse, um handhabbare Stücke abzutrennen, die in die Tüten passen. Teilweise arbeiten sie mit bloßen Händen. Handschuhe werden nach nur wenigen Minuten zerrissen, weil sich die klebrige Masse nicht mehr von ihnen löst. Die Taucher tragen Wollmützen, die nur das Gesicht freilassen, um ihre Haare zu schützen, denn im Wasser treiben unendlich viele ölige Partikel. Sie setzen sich überall fest.

Tauchanzüge gibt es nicht, was bei den Wassertemperaturen auch nicht unbedingt erstrebenswert ist. Daher tragen die Taucher schwarze Overalls, deren Verschmutzung erst auf dem zweiten Blick zu sehen ist. Teilweise kann man die Farbe der Flossen nicht mehr erkennen. Dicke Ölbrocken kleben an ihnen, als ob sie geteert wurden! Und wenn es Köperpartien gibt, die nicht geschützt sind, so hat sich das Öl ihrer angenommen.

Nachdem ich viele Bilder von der Unterwasserarbeit machen konnte, tauchte ich die nähere Umgebung ab, um weitere Eindrücke zu sammeln. Der Meeresgrund ist nicht komplett vom Öl bedeckt. Es lagert sich in mehr oder weniger großen Mengen ab. Vorzugsweise in geschützten Bereichen, wo Strömung und Wellen es nicht erreichen.

Es ist gut zu erkennen, wie die schwarze Masse geflossen ist, wie sie Steine umspült hat und Nischen und Höhlen besetzt. Manchmal kann man noch eine Muschel oder Schnecke erkennen, deren Haus und Schalen noch ein wenig herausgucken. Teilweise ist die Schicht bis zu einem halben Meter dick, je nach Bodenprofil.

Das Schwierige ist, das Öl zu finden! Das hört sich vielleicht merkwürdig an, aber da der Ölteppich nicht durchgehend ist, gibt es zwischendurch Bereiche, an denen kein schwarzer Partikel zu sehen ist. Das bedeutet aber nicht, dass kein Öl da war!

Die italienische Spezialfirma hat ein Flugzeug auf Zypern, das für einen Überwachungsflug geordert ist. Dieses soll das Öl mit speziellen Instrumenten erkennen können. So es denn nicht zu tief und die Sicht gut ist. Der Haken ist nur, dass es noch keine Erlaubnis hat, im libanesichen Luftraum zu operieren.

In den nächsten zwei Tagen erwarten wir zwei weitere Taucher. Dann können wir mit größer angelegten Kartierungen beginnen. Bis dahin dokumentieren wir noch Ölteppichbestandteile, die sehr flüssig sein sollen und somit nicht von Tauchern geborgen werden können.

Weiterhin fangen wir an, nördlich von Beirut weitere Ölablagerungen zu suchen, zu markieren und zu kartieren. Mich erwarten noch ein paar weitere Treffen, die aufgrund der internationalen Zusammenarbeit unumgänglich sind.

Liebe Grüße, Regine

Dienstag, 19.September 2006: Beirut - Sonne 32 Grad, Wasser 26 Grad, Wolken 0 Prozent, Wind 0

Die Rainbow Warrior liegt in glühender Sonne im Hafen von Beirut und wird nicht mehr lange auf das Auslaufen warten müssen. Seit gestern haben wir deutlich mehr Klarheit, was uns hier erwartet und was unsere Aufgabe sein kann und wird.

Wir haben Kontakt zu der italienischen Firma, die sehr viel Erfahrung mit Ölkatastrophen jeglicher Art hat. In erster Linie werden wir das Lokalisieren und Markieren des Ölteppichs im Bereich der 20 Meter Tiefenlinie mit übernehmen, da der flachere Bereich möglichst schnell gesäubert werden muss.

Das ist notwendig, da bei schlechterem Wetter das Öl auch aus dieser Tiefe noch immer an die Strände geschwemmt wird. Um den flacheren Lebensraum und vor allem den dann betroffenen Lebensraum an der Küste und den Stränden zu schützen, ist es notwendig, diesen Bereich möglichst schnell zu säubern. Außerdem werden in den kommenden Wochen auch hier so was wie die Herbststürme erwartet.

Es gibt bereits eine libanesische Tauchergruppe, die seit Ende des Bombardements damit beschäftigt ist, den Wasserbereich unmittelbar vor dem zerstörten Kraftwerk zu säubern. Heute fahren wir mit dem Schlauchboot dorthin, treffen diese Gruppe und wollen uns unter Wasser selber ein Bild von der Verschmutzung und den Säuberungsarbeiten machen. Heute Abend haben wir ein nächstes Treffen und planen unsere zukünftigen Einsätze.

Da die Rainbow Warrior während des Krieges Hilfslieferungen nach Beirut gebracht hat, haben wir hier eine sehr gute Position für unsere Arbeit. Man braucht hier sehr viele Genehmigungen für alles Mögliche und wir haben erfreulich wenig Probleme, welche zu bekommen. Nichtsdestotrotz nimmt der Papierkram recht viel Zeit in Anspruch.

Die Hitze ist ungebrochen und ich kann nicht so ganz verstehen, warum Menschen in ihrem Urlaub dahin fahren, wo es so heiß ist! Nach wenigen Stunden ist das T-Shirt komplett durchgenässt und nimmt einen Zustand an, als ob es seit Wochen im muffigen Wäschekorb liegt... Am liebsten würde ich alle zwei Stunden duschen! Allerdings läuft einem nach dem Abtrocknen die Suppe gleich wieder überall herunter. Man kommt mit dem Trinken fast nicht hinterher. Ich fühle mich schon wie ein Durchlauferhitzer! Was für ein Glück, dass wir im Schiff eine Klimaanlage haben! Ich berichte nach unserem ersten Taucheinsatz wieder!

Bis dann, liebe Grüße, Regine

Sonntag, 17.September 2006: Beirut - Gestern Abend gegen sechs Uhr sind wir in Lanarka ausgelaufen und hatten gute 100 Seemeilen bis Beirut vor uns. Die Dämmerung geht hier in südlichen Breiten sehr viel schneller vonstatten als bei uns. So kann man die Sonnenuntergänge nur entsprechend kurz genießen.

Die Rainbow Warrior lief bei ruhiger See und klarem Sternenhimmel gen Osten. Ich habe selten so gut auf einem Schiff geschlafen wie hier. Ich habe die Rainbow Warrior vorher noch nie life gesehen und so bin ich angenehm überrascht, wie ruhig hier alles läuft. Das Schiff ist zwar auch 50 Meter lang, aber dennoch recht überschaubar. Die Kabinen sind angenehm groß und ich bin dankbar, dass wir eine Klimaanlage an Bord haben.

Heute Morgen liefen wir gegen acht Uhr im Hafen von Beirut ein. Wir stehen in Verbindung mit den UN-Truppen und wurden von einem UN-Schiff der spanischen Marine in den Hafen geleitet. Der anschließende Papierkram mit Zoll und Einwanderungsbehörden verlief schnell und problemlos. Offenbar ist man um Normalität bemüht.

Es liegen wieder große Containerschiffe im Hafen und löschen ihre Ladung. Und ein Ballon, der Touristen hoch über die Stadt trägt, zeugt von der Wiederkehr des Alltags. Wir haben am Dienstag ein Treffen mit einer italienischen Firma und der amerikanischen Universität von Beirut, um unsere Arbeit für die kommenden Wochen abzustimmen und zu organisieren.

Gleich treffen wir unsere Kollegen vom libanesischen Büro und ich freue mich auf ein Wiedersehen mit Lama. Mit ihr war ich vor zwei Jahren auf einem Training. Wir wollen den Stand der Dinge besprechen, was über den Ölteppich bis jetzt bekannt ist, und bekommen Informationen, wann wer in Beirut eintreffen wird. Und Neuigkeiten auf einem Schiff sind so wichtig wie das Salz in der Suppe!

Ansonsten haben wir heute einen freien Tag, allerdings bin ich heute Nacht von zwölf bis vier Uhr für die Wache eingeteilt.

Bis morgen, liebe Grüße, Regine

Samstag, 16.September 2006: Mit der Rainbow Warrior nach Beirut. Am Dienstag ereilte mich das Gerücht, ich solle demnächst auf die Rainbow Warrior und es gehe um Taucheinsätze. Am Mittwoch hieß es, dass ich Freitag auf Zypern sein solle. Am Donnerstag erfuhr ich, dass ich nach Lanarka müsse, denn dort würde die Rainbow Warrior am Freitagnachmittag einlaufen. Am Donnerstag konnte ich dann meinen Flug für Freitag buchen.

So kam ich gestern im Hafen von Lanarka an und wurde sehr freundlich auf der Rainbow Warrior empfangen. Und welch Überraschung! Es waren gleich vertraute Gesichter dabei. Maite aus Spanien, mit der ich im vergangenen Winter auf der Arctic Sunrise in der Antarktis gewesen bin. Und Beate, die seit Jahren auf den Schiffen als Maschinistin arbeitet und die ich seit mindestens drei Jahren nicht mehr gesehen hatte.

Eine besondere Überraschung war Pablo! Pablo kommt auch aus Spanien. Wir haben uns im vergangenen Jahr in Spanien kennengelernt, als ich bei ihrem Bootstraining geholfen habe. Er war Trainee und jetzt ist er als

Volunteer Deckshand an Bord der Rainbow Warrior. Das ist Greenpeace live! So hatten wir gleich eine sehr gute und vertraute Stimmung und uns natürlich viel zu erzählen. Was hat wer in der Zwischenzeit alles gemacht, wer hat wen gesehen usw.!

Als ich in Hamburg losfuhr, habe ich doch eine beachtliche Stimmung der Sorge hinter mir gelassen. Wir bleiben ja nicht auf Zypern, sondern es geht nach Beirut. Da ist es klar, dass sich die Daheimgebliebenen Sorgen machen. Und wenn ich ehrlich bin, ich kann ihnen die Sorgen nicht nehmen! Ich kann nur empfehlen, sich über die Verhältnisse im Nahen Osten gut zu informieren. Dann bleibt diese Region nicht als ein Herd von irgendwelchen Bombenattentätern im Gedächtnis! Die politische Lage hat sich in der letzten Zeit deutlich entspannt.

Die Rainbow Warrior hat in den letzten Wochen - vor allem während der Seeblockade der Israelis - Güterlieferungen für die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen übernommen. Doch dieses Mal geht unser Einsatz um das ausgelaufene Öl, dass durch die Bombardierung eines Kraftwerks im Süden Beiruts ins Mittelmeer gelangt ist. Den Ölteppich konnte man deutlich auf Satellitenaufnahmen sehen. Jetzt ist der flüchtige Anteil des Öls in die Atmosphäre gelangt und ein großer Teil an die Küste gespült. Oder es erdrückt, als schmierige Ablagerung, jedes Leben auf dem Sediment des Meeres.

Wir treffen uns in Beirut mit einer Firma, die sich auf Ölunfälle spezialisiert hat, und mit Mitgliedern einer Universität. Wir sind alle sehr gespannt, wie die Zusammenarbeit vor Ort laufen wird, was für unterschiedliche Aufgaben auf uns warten und natürlich, wie wir in Beirut aufgenommen werden! Heute gibt es noch eine Sicherheitseinweisung an Bord, dafür müssen wir aber noch auf einige weitere Crewmitglieder warten!

Bis morgen, liebe Grüße, Regine

Auf dem Website von Greenpeace Libanon können Sie sich weitere Bilder zur Ölkatastrophe anschauen. Den Link finden Sie weiter unten!

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