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Bordtagebuch Mexiko: Teil 2

Die letzte Station der Esperanza in Mexiko ist Puerto Vallarta. Ein symbolischer Ort: In Puerto Vallarta beschloss die Internationale Walfangkommission 1994 das Walschutzgebiet in der Antarktis. Dieses wird auch das nächste Ziel der Esperanza sein. Leinen los nach Neuseeland. Von Bord berichtet unsere Greenpeace-Aktivistin Nina Hofmann.

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10. und 11. Januar 2007: der letzte Tag an Bord der Esperanza verging wie im Flug. Eigentlich sind wir auch gar nicht mehr an Bord. Nach meiner Nachtwache, die abgesehen von einem lauten Platzregen ruhig verlief, habe ich vielleicht eine Stunde geschlafen, den Rest mit Nachdenken und Grübeln verbracht.

Was hat mir die Reise mit Greenpeace gebracht, wie hat sie mich verändert und bin ich nun traurig, die Esperanza und ihre Crew zu verlassen oder nicht? Eine Antwort auf alle diese Fragen habe ich in den nächtlichen Stunden nicht gefunden, dafür war die Zeit einfach zu kurz. Schließlich habe ich nahezu zwei Monate an Bord verbracht, mit tausend verschiedenen Eindrücken und Begegnungen.

Der heutige Tag verging dann mit dem Organisieren eines Autos, Tickets für Bus und Fähre sowie der Buchung zweier Hotels. Meine Reise mit der Esperanza endet hier in Auckland, ich reise weiter über Wellington nach Picton und Christchurch.

Die Reise für die Esperanza ist allerdings noch lange nicht zu Ende: Nach der Zwischenstation hier in Auckland, die Erholung aber auch Arbeit an Bord der Esperanza bedeutet, geht es weiter in die Antarktis, um ein weiteres Mal Position gegen den japanischen Walfang zu beziehen. Aber nicht nur die Crew braucht ein wenig Erholung, bevor es ab in die Kälte geht. Auch die Meere brauchen sie.

Ich wünsche der Crew Mut für ihre Reise und Kraft für die Strapazen sowie Durchhaltevermögen und über all das hinaus noch Freude an der Natur. Ich werde mit Sicherheit mit einem lachenden und einem weinenden Auge zurückblicken. Schon letzte Nacht, die ich in einem Hotel verbrachte, fehlten mir ein wenig die Geräusche hier an Bord, die nächtlichen Rundgänge auf dem Schiff und das nie Alleinsein. Aber nur ein bisschen. Schließlich wartet Neuseeland auf mich - drei Wochen lang ein Land entdecken.

Alles Liebe wünscht wie immer Eure Nina

9. Januar 2007: Nach meiner letzten Wache auf See sind wir heute Morgen um Punkt 10 Uhr Ortszeit in Neuseeland eingelaufen. Nachem wir eine Stunde lang die Zollbeamten an Bord hatten, unsere Pässe, Visa und das Schiff kontrolliert waren, legten wir in Auckland an. Am Pier stand schon eine große Gruppe von Bekannten, Besuchern und Journalisten mit Kameras, doch es dauerte eine Weile, bis wir die Gangway eingerichtet hatten und sich die gesamte Crew auf der Pier einfand.

Dann wurden uns gleich drei traditionelle Lieder gesungen, denn man wollte uns nicht ein- oder zweimal, sondern gleich dreimal willkommen heißen. Wir dankten zurück mit einem Song von Aretha Franklin, den wir ein wenig umgestaltet hatten. Klatschnass waren wir, denn es regnete in Strömen. Nur unser Gitarrist Freddy hatte einen Schirm für sein Instrument. Aber trotz des Wassers, das von unseren Gesichtern tropfte und in unseren Kragen lief, sangen wir enthusiastisch und voller Freude:

People get ready
There's a ship comin
Don't need no baggage just get on board
All you need is faith
To hear the e-drive hummin'
Don't need no ticket just thank the board

People get ready
Ship to Auckland
Picking up friends from coast to coast
Faith is the key
Open the doors and board them
There's room for all those who love the most

There ain't no room for the hopeless loser
Who would hurt all mankind to sell his own soul
Have pity on those whose choises grow thinner
There's no hiding place from mother natures throne

There's a ship, there's a ship, there's a ship comin'
There's a ship, there's a ship, there's a ship comin'
There's a ship, there's a ship, there's a ship comin'
There's a ship, there's a ship - just get on board

Nach einer herzlichen Begrüßung mit Nase-aneinander-Reiben und Umarmungen saßen wir dann mit über 40 Personen in der Messe und speisten unser erstes halb neuseeländisches Mahl. Wir stürzten uns auf Salat und Gemüse und Obst, denn die letzten zwei Wochen hatten wir das Grünzeug eher selten gesehen und waren ganz gierig danach.

So schnell, wie unsere Besucher erschienen waren und uns willkommen geheißen hatten, so schnell verschwanden sie auch wieder und schon rollten die ersten zwei Laster an. Für ein paar Stunden waren wir beschäftigt mit Ausladen, Verstauen und Begutachten neuen Equipments. Nun befinden wir uns alle auf Standbye und warten auf weitere Dinge, die eventuell verladen werden müssen, bis es Feierabend! heißt.

Für mich wird es mein erster Landgang werden, auf dem ich mir ein schönes Glas Wein oder ein Bier in einer Kneipe und nicht an Bord genehmige, mit fremden Gesichtern um mich herum und in einer fremden Umgebung. Ob es sich komisch anfühlen wird? Ich denke, nach fünf Minuten wird es sich ganz normal anfühlen. Doch die kurze Zeit auf der Pier, während wir unser Lied präsentierten, hat mir schon ein wenig wackelige Knie geschaffen.

Alles Liebe, Eure Nina

5. bis 7. Januar 2007: Heute hat nun unser Sprung durch die Zeit stattgefunden. Während wir uns schon im Samstag befinden, seid ihr noch im Freitag - ein komisches Gefühl. Außerdem befinden wir uns nun in der südlichen Hemisphäre und das bedeutet Sommer in Neuseeland, während ihr euch im Winter befindet. An Bord bereiten wir fieberhaft unsere Ankunft in Auckland vor. Die letzten Arbeiten werden verrichtet. Alles ist bereits auf Abschied eingestellt. So habe auch ich meine letzten beiden Nachtwachen vor mir.

Obwohl ich die Wege mittlerweile auswendig kenne und mir das Schiff mit seinen Ecken und Kanten nicht mehr neu ist, entdecke ich doch immer wieder kleine Dinge, die mir vorher nicht aufgefallen sind. So wusste ich zwar, dass die Esperanza früher mal ein russisches Schiff war, doch erst in den letzten Tagen fallen mir die kyrillischen Schriftzüge an allen möglichen Gegenständen auf, zum Beispiel an bestimmten Türen und im Maschinenraum. Auch die Gerüche haben sich bei mir langsam aber sicher mit bestimmten Orten verbunden: So riecht es an einer Stelle im Maschinenraum ganz stark nach Öl, ein Stück weiter bläst mir sehr heiße Luft entgegen, an wieder einer anderen Stelle stehen einige Kübel und Kanister mit Fett - auch dieser Platz hat einen eigenartigen Geruch.

Trotzdem bin ich froh, wenn ich wieder zu meinem ganz eigenen Biorhythmus zurückkehren kann. Obwohl die Nachtwache sehr schön ist, fehlt mir der Morgen, das Frühstück - der Tag erscheint unheimlich kurz, wenn man wie ich gerne draußen ist. Zu schnell geht die Sonne unter, und natürlich erscheint am Horizont das erste Licht, der erste Schimmer von Sonne, wenn ich gerade schlafen gehe. Das kann manchmal sehr durcheinanderbringen. Dennoch: Es sind nur noch zwei Tage bis Auckland!

Alles Liebe, Eure Nina

3. Januar 2007: Auch wir sind erfolgreich ins neue Jahr geschlittert und haben Punkt zwölf auf der Brücke unseren Neujahrsgong geschmettert. Die See war ruhig und glatt und der Mond glitzerte sanft auf dem Wasser. Aber wir sorgten auf der Brücke für Trubel.

Die letzte Woche vor Silvester war aufregend, denn ich war als Frischling auf Nachtwache. Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt und freue mich auf die ruhigen Stunden in der Nacht. Dann ist nur leises Knacken und Knarren der Böden und Wände zu hören. Ab und an klappert mal ganz entfernt eine Tür, aber meistens ist es sehr still.

Vor allem nachts schleichen dann Gedanken in meinem Kopf herum. Dann habe ich einfach die Zeit und blicke oft lange auf das Wasser. So deutlich wie nie erschien mir zum Beispiel das Gefühl von Freiheit, als ich letzte Nacht bei einem fast vollen Mond Wasser bis zum Horizont erblickte und auch sonst nichts anderes gesehen sah. Da mischt sich kein Gefühl der Einsamkeit hinein, obwohl es scheint, als wär man ganz allein auf diesem großen Ozean.

Zwei Nächte früher konnte ich eines der schönsten Gewitter meines Lebens beobachten. Die Esperanza hielt Kurs auf eine riesige Wolkenfront und in kürzester Zeit erhellten Blitze die Dunkelheit. Der Donner war nicht zu hören, dennoch waren wir so fasziniert von den Blitzen und dem Anblick der Wolken, dass ich länger auf der Brücke blieb, als ich musste. Heute Nacht erwartet mich eine Vollmondnacht, auf die ich mich schon besonders freue.

Alles Liebe, Nina

26. Dezember 2006: Mit neuem Kurs Richtung Papeete auf Tahiti haben wir Weihnachten und unsere Äquatortaufe hinter uns gelassen. Viel ist passiert in den vergangenen Tagen, deshalb noch einmal ganz von vorne...

Das Weihnachtswochenende startete mit einem lauten Gong: In unserer Kabine standen Piraten und eine seltsame, verhüllte Gestalt. Mit lauter Stimme verlas sie unsere Vergehen. Das Überqueren des Äquators ohne Genehmigung von Neptun. Des weiteren hatte ich mich schuldig gemacht, mit Flip-Flops bei der Deckarbeit zu erscheinen und darauf zu beharren, nicht seekrank zu werden.

Deshalb - so wurde es mir in meiner Anklageschift mitgeteilt - hatte ich noch am selben Tag vor dem Gericht Neptuns zu erscheinen. Dann wurde uns unser Galgenfrühstück serviert. Bis es soweit war, stellten wir viele Vermutungen und Mutmaßungen an, was mit uns passieren würde und welche Aufgaben wir zu bestehen hatten. Fünf Verurteilte warteten auf ihre Hinrichtung, während der Rest der Mannschaft uns schon die schlimmsten Qualen ausmalte.

Punkt zwei Uhr nachmittags fanden wir uns im Bug der Esperanza ein, wo wir von grimmigen Abgesandten Neptuns auf unseren Knien gefesselt wurden. Nach einer Stunde bangen Wartens wurden uns die Augen verbunden und vor Neptun gebracht.

Als Jüngste der Verurteilten war ich die Erste, die sich ihren Schandtaten stellen musste. Ich wurde mit Meerwasser gewaschen, vor Neptun geschleppt und meine Taten unter lauten Buhrufen verlesen. Nicht einmal unser Anwalt, des Teufels Advokat, konnte mich mehr retten. Sein Plädoyer war auf Italienisch verfasst und das verstand hier keiner.

Meine erste Aufgabe war es, Wasser aus einem großen Becken in ein kleines zu transportieren - mit einem durchlöchertem Eimer auf meinem Kopf. Ich selbst hatte am Ende mehr Wasser aufgesogen, als der Eimer im Laufe des Nachmittag sehen würde. Erst nach dem sechsten Hürdenlauf wurde mir Mitleid gezollt.

Erneut trat ich vor den Richterstuhl. Nun sollte ich vom Grunde des Beckens Seeschlangen mit den Zähnen heraufholen, eine leichtere Aufgabe. Am Ende blieb mir nichts zu tun, als die Füße von Neptuns Frau zu küssen und den Käse zwischen ihren Zehen behutsam zu entfernen. Danach war ich Mitglied der Shellbacks und meine Sünden getilgt. Ich wurde auf den Namen Smiling Vaquita getauft. Darüber bekam ich sogar eine Urkunde.

Triefend nass und erschöpft durfte ich Sangria schlürfen und konnte die Prozesse der anderen mitverfolgen. Bis spät in die Nacht zelebrierten wir auf dem Helikopterdeck unsere Taufe und tanzten uns auf dem rauen Boden alle Schrunden von den Fußsohlen. Am Sonntag eroberte ich mir die Galley zurück und zauberte Eis, Plätzchen und einen weihnachtlichen Kuchen für unser Weihnachtsessen. Und auch an diesem Abend wurde gefeiert.

Gestern erholten wir uns von den Strapazen, wobei einige der Crew noch mit ihren Weihnachtsgeschenken beschäftigt waren. Erst am Abend des 25. Dezember gab es an Bord der Esperanza Geschenke. Feierlich mit Truthahn und einer Schokoladentorte wurden diese überreicht.

Ich persönlich ließ den Abend sehr ruhig angehen, denn ich war auf Nachtwache. Für die kommenden zwei Wochen drehe ich zwischen zwölf und vier Uhr morgens eine stündliche Runde an Bord. Den Rest der Zeit verbringe ich dann auf der Brücke. Es ist eine wunderbar ruhige Zeit an Bord und den Sternenhimmel kann man in dieser Zeit besonders schön betrachten. Taurus, Sirius oder Cassiopeia - leider kenne ich nur ein paar der Sterne hier, aber die Zeit vergeht im Nu.

Rund sieben Sternschnuppen konnte ich vergangene Nacht zählen. Das sind sogar zu viele, um noch Wünsche übrig zu haben. Nur einen habe ich gleich mehrere Male geäußert: Nolan, einer unserer Engineers, hat Probleme mit seinem Herzen. Deshalb hat unsere Ärztin auf eine Kursänderung bestanden. Morgen laufen wir Papeete auf Tahiti an, damit Nolan in ein Krankenhaus gebracht und dort behandelt werden kann.

Seit gestern geht es ihm zwar schon besser, aber sicher ist sicher. Daher wünschte ich ihm angesichts der Sternschnuppen eine schnelle Genesung, damit er bald seine Heimreise antreten kann. Er stammt aus Neuseeland und macht den Zwischenstopp auf Tahiti nur ungern.

Mir macht es deutlich, dass uns der Abschied bevorsteht und ich habe ein wenig Angst vor diesem Moment. Viele sind mir ans Herz gewachsen und wir haben eine sehr intensive Zeit miteinander verbracht. Es stellt sich mir die Frage: Mit wem wird der Kontakt bestehen bleiben, mit wem wird er abbrechen? Und wird es ein Wiedersehen geben? Ich hoffe es.

Alles Liebe, Nina

20. Dezember 2006: Der Tag unserer Taufe - bei der Überquerung des Äquators. Wir sind gerade mal eine Handvoll Leute, die dies zum ersten Mal tun und uns steht eine spezielle Taufe bevor. Was genau passieren wird, wissen wir nicht. Nur, dass wir am Ende eine Urkunde bekommen werden, die uns die Überquerung bescheinigt. So schleicht also die Crew seit Tagen um uns herum und brütet etwas aus. Nicht nur die kleinen Präsente für Weihnachten werden in dieser geheimnisvollen Stimmung vorbereitet, sondern auch die Zeremonie, wie jeder sie nennt. Das kann manchmal ganz schön seltsam sein, und nicht selten platzte man in den vergangenen Tagen in ein Gespräch, das abrupt beendet wurde.

Deshalb sind wir alle gespannt und warten auf irgendwelche Zeichen und Anomalien, die uns vielleicht einen Hinweis geben könnten. Und tatsächlich entdeckte Paloma, meine Kabinengefährtin während ihrer Nachtwache einige seltsame Requisiten im Engineers Room. Kronen, Ketten aus bunten Holzkugeln, einen bunten Regenschirm, bunte Mützen und den Dreizack des Neptun. In einer Nacht- und Nebelaktion hat sie zusammen mit Maaike Bilder davon geschossen, und nun sind wir nicht mehr ganz so angespannt, sondern eher voller Freude, wer wann in diese witzigen Kostüme schlüpfen wird.

Paloma kommt übrigens aus Madrid, während Conchi, unsere Ärztin an Bord, aus Alicante stammt. Sie stellen sozusagen den spanischen Anteil unserer Crew. Diese ist wahrlich international, so kommt Cat aus Italien, Christian, der Größte an Bord, aus Norwegen und Tyrone aus Trinidad. Auch Mexiko, Grossbritannien, Holland oder die USA sind hier vertreten. Seltsamerweise scheint es aber keine Rolle mehr zu spielen, wer woher kommt. Man arbeitet zusammen und hilft sich, wo man kann. Manchmal gestaltet sich das schwierig, wenn die Grenzen der Sprache einem im Wege stehen. Mir zumindest passiert das schon öfter, wenn ich auf der Suche nach einer Bohrmaschine versuche mit Händen und Füßen zu beschreiben, was ich eigentlich meine. Oder aber, wenn mir einfach kein Wort für Holzleim einfällt und ich mit wilden Gestik- und Mimikspielen die Crew zum Lachen bringe. Im Nachhinein hat es meinen Wortschatz unheimlich bereichert. Ich weiß zwar nicht, ob ich nochmal eine Drilling Machine oder Glue brauchen werde, aber ich kenne nun die Worte dafür.

Den witzigsten Job, so dachte ich mir, hatte ich mir mit Mousing eingehandelt: natürlich sollte ich keine Mäuse an Bord jagen oder dergleichen. (Obwohl wir in unserem Trockenraum, in dem die Schutzanzüge und Schwimmwesten hängen, Kakerlaken entdeckt haben.) Nein, dabei handelt es sich darum, Shackles, die sich durch ständige Bewegung lockern oder lösen könnten, mit einem Draht so zu befestigen, dass dies auf keinen Fall passieren kann. Dabei wickelt man den Draht in Form einer Acht um die betreffende Stelle und zurrt ihn richtig fest. Bei fünf Schlauchbooten auf der Esperanza sind das dann eine ganze Menge Achten.

Soeben haben wir den Äquator überquert, zum ersten Mal war es dazu auf der Brücke richtig voll. Mit Fotos und Videos versuchten einige, den Moment festzuhalten, wenn das Navigationssystem auf dem Breiten- und Längengrad nur Nullen anzeigt. Aber außer dieser Zeichen konnten wir nur einen wunderbaren, sonnigen Morgen und ein paar Wolken über dem azurblauen Wasser, aber keine Anzeichen vom Ende der einen Welt und dem Anfang einer anderen erkennen. Wahrscheinlich werden wir also am heutigen Tag auf Neptun treffen und getauft werden ...

Alles Liebe, Eure Nina

19. Dezember 2006: Die Nacht in der Hängematte ist überstanden. Es war wirklich wunderbar, dort zu schlafen. Allerdings hat mich ein Regenschauer Punkt vier Uhr morgens geweckt und in meine Kabine vertrieben. Also war es zwar keine ganze Nacht, aber eine gute. Trotz der Motorengeräusche und des Rauschens und Rollens der Wellen habe ich bis dahin durchgeschlafen.

Mittlerweile befinden wir uns nahe dem Äquator, den wir heute überqueren werden. Zurzeit durchqueren wir ein Gebiet, in dem es sehr schnell zu Wetterveränderungen kommen kann und gestern hatten wir tatsächlich den ersten Squall: eine Sturmböe mit einem Regenvorhang, der mit bloßem Auge nicht zu durchdringen war, und in dem der Wind urplötzlich seine Richtung und Stärke ändern kann. Deshalb verbrachten wir den Tag auch mehr drinnen als draußen und trainierten noch einmal einen Feueralarm.

Danach bekamen die neu zur Seewache Eingeteilten eine Führung durch den Maschinenraum. Ab nächsten Montag werde wohl auch ich für zwei Wochen eingeteilt sein und jede Stunde meine Runde durch das Schiff machen müssen. Deshalb war es sehr interessant, noch einmal die wichtigsten Punkte gezeigt zu bekommen. Ab sofort sollen wir den Wasserstand im Auge behalten, können unterscheiden, welche Pumpen Seewasser und Süßwasser befördern (die grünen das Meerwasser, die blauen das Süßwasser) oder auch die Temperatur an zwei wichtigen Stellen messen, die dort einen bestimmten Grad nicht übersteigen darf.

Leider ist das alles so technisch, dass ich mich nicht wirklich gut auskenne... Da wäre ein bisschen mehr Wissen manchmal nicht schlecht. Aber wo lernt man schon technisches Fachenglisch, außer man wird selbst gleich Ingenieurin oder Elektrikerin.

Bis es jedoch so weit ist, wird noch viel passieren: Wir Quallen, das sind die, die den Äquator noch nicht überquert haben und deshalb kein Rückgrat haben, bekommen eine Taufe. Am Sonntag ist Weihnachten und somit auch Geschenke basteln angesagt.

Bis dahin alles Liebe, Eure Nina

14. Dezember 2006: Seit unserem Auslaufen aus Puerto Vallarta hat sich viel verändert. Die Crew setzt sich nun ganz neu zusammen und es gibt kein Kampagnenteam mehr an Bord - was für uns mehr Platz in den Kabinen bedeutet. Außerdem hat uns unser miserabler Koch verlassen. Leider sind all die Fliegen, Maden und Wanzen nicht mit ihm gegangen. So waren wir die letzten vier Tage mit dem Säubern und Ausräumen der Küche und des Gefrierraumes beschäftigt.

Dafür ist nun alles sauber und neu - es kann wieder von Herzen gegessen werden. Unsere beiden neuen Köchinnen, Emily und Karen, sorgen besser für unser Wohl und haben schnell unser Herz erobert. Neu an Bord sind auch Kapitän Pete, Webby [Webmaster] Helena, die Mates Zeger, Paul und Maaike, sowie die Engineers Freddy und Mannes. Auch unter den Deckhands gibt es eine Neue, Caterina aus Italien. So fahren wir also auf den Äquator zu, den wir in ungefähr fünf Tagen überqueren werden. Nächstes Ziel der Reise: Neuseeland.

Ich bin nun ganz offiziell Deckhand und da sich dieser neue Status auf meine Aufgaben an Bord auswirkt, hier ein Tag im Leben einer Deckhand:

Um 7.30 Uhr werde ich geweckt, das macht immer die letzte Nachtwache. Ein lautes Klopfen, dann wird energisch die Tür geöffnet und ein 'Good Morning' erschallt - mit einer anschließenden Stille, ob man auch wirklich wach ist und zurückgrüßt. Bis acht Uhr gibt es Frühstück in der Messe. Die meisten ziehen sich dann nochmal zurück oder setzen sich nach draußen, um die angenehme Luft zu genießen. Für die Deckhands geht der erste Blick auf die allgemeine Putzliste: Auf dieser Liste trägt man sich immer für eine Woche ein. Es gibt insgesamt fünf Dienste, die Duschen, Toiletten, die Gänge, die Lounge, unseren Waschraum mit Waschmaschine und Trockner.

Außerdem existiert eine zweite Liste, auf der man sich für die Reinigung der Messe eintragen kann, die täglich jeweils nach dem Essen stattfindet. Bis zehn Uhr übernimmt man dann die normalen Arbeiten an Deck, wie heute das Bemalen des Bodens in unserem kleinen Fitnessraum, wo ein Fahrrad, ein Laufband und ein Rudergerät stehen.

Um zehn wird dann alles stehen- und liegengelassen für die Teepause. Meist versammeln sich alle auf dem Poopdeck (Hinterdeck), trinken heißen Tee oder Kaffee, rauchen eine Zigarette und halten ein Schwätzchen. Danach geht es weiter bis zur Mittagspause um 12 Uhr. Nach dem Essen finde ich es schon schwieriger, wieder zu arbeiten. Am liebsten würde ich mich in die Sonne legen und erstmal eine Runde schlafen. Aber die nächste Pause kommt sehr schnell, nämlich von drei bis halb vier. Bis zum Arbeitsende sind es nur noch anderthalb Stunden, und die verlaufen meist recht ruhig.

Punkt fünf zieht Penny los und holt uns allen erstmal etwas zu trinken auf das Poopdeck (Hinterdeck), dort sitzen wir gemütlich für ein Bier und genießen unsere erledigte Arbeit. Oft zeigt uns Penny auch ein paar der Seemannsknoten, von denen es unzählige in tausend verschiedenen Variationen gibt. Mindestens drei sollte jeder können, so Penny. Wir haben es mit ihrer Hilfe schon zu mehr gebracht und sind sehr stolz auf unsere Versuche, Boote und leere Fässer an Deck sturmfest zu vertauen.

Die Runde löst sich sehr schnell auf und schon rauschen die Duschen an Bord, die ganz schnellen sind mit ihrer Wäsche unterwegs in die Laundry. Pünktlich um sechs Uhr gibt es dann Abendessen in der Messe. Offiziell endet der Arbeitstag dann, doch sechs Personen sind für die Nachtwache eingeteilt, zum einen die Deckhands, die ihre stündliche Runde machen, zum anderen die Duty Mates, die im Notfall geweckt werden. Besonders auf See bleiben auch die Mates während ihrer Wache auf und verlassen die Brücke kaum. Als Deckhand versorgt man die Mates deshalb mit Tee, Kaffee oder Keksen.

Oft findet nach dem Abendessen in der Messe ein Filmabend statt, denn wir haben an Bord eine beachtliche Menge an Filmen auf Video und DVD. Oft riecht dann das ganze Schiff nach Popcorn und die Messe wird zum Wohnzimmer. Im großen und ganzen sind die Tage nach außen hin vielleicht unspektakulär, von innen betrachtet aber nicht. Immer wieder entdeckt man Neues, kann während einer Pause Schildkröten, fliegende Fische oder Delfine sehen.

Manchmal sind es kleine Gesten, die das Leben hier an Bord so besonders machen. Für mich war das heute ein kleines Geschenk von Marc. Ich war schon auf dem Weg nach unten ins Fitnessstudio, um die nächste Farbschicht auf den Boden aufzutragen, als er mich zu sich winkte. Er deutete auf eine Hängematte und wollte, dass ich sie ausprobiere. Ich schaukelte ein wenig hin und her, als er mir anbot, sie weiterhin zu nutzen und auch drin zu schlafen, wenn ich wollte.

Ich war ganz erstaunt, denn sonst schlief er immer in der Hängematte. Nein, meinte er, er habe noch ein andere. Ich könne diese benutzen wenn ich wolle. Nur solle ich mir etwas unterlegen, damit mir das Muster nicht bliebe. Ein bisschen mulmig ist mir zwar schon bei dem Gedanken, an Deck zu schlafen. Schließlich sind auf dem Poopdeck die Motorengeräusche sehr laut und zur Sicherheit brennt die ganze Nacht ein Licht. Probieren werde ich es aber auf jeden Fall. Tagsüber war es auf jeden Fall eine Erholung, darin zu schaukeln und aufs Wasser zu blicken.

Alles Liebe, Eure Nina

11. Dezember 2006: Die letzten Tage unserer Defending our Oceans-Tour in Mexiko vergingen wie im Flug. Kaum vor Puerto Vallarta angekommen, starteten wir in drei sehr arbeitsreiche Tage. Alles musste aufgeräumt und für zwei Tage Open Boat vorbereitet werden. Das Kampagnenteam aus Mexiko verließ das Schiff schon am Mittwoch, weshalb es etwas ruhiger an Bord wurde.

Am Samstag und Sonntag riss dann der Besucherstrom nicht ab: Zwischen 10 und 17 Uhr besichtigte eine Gruppe nach der anderen die Esperanza und ließ sich alles an Bord zeigen. Der Andrang war so groß, dass wir an beiden Tagen bis 18 Uhr verlängerten.

Am Samstagabend fand ein großes Abschlusskonzert in Puerto Vallarta statt, mit verschiedenen Bands aus Mexiko: Es war fantastisch. Zwischen Rock und Pop, modernem Britpop und folkloristischer mexikanischer Musik war alles dabei, während im Hintergrund das Meer rauschte und die meisten Gäste barfuß vom Strand hinzukamen. Danach feierten wir dann selbst ein bisschen, obwohl allen die Erschöpfung deutlich anzumerken war.

Der Sonntag gestaltete sich total hektisch und chaotisch: Während sich einige der Crewmitglieder verabschiedeten, starteten andere nochmal in verschiedene Richtungen, um die letzten Besorgungen für den Transit nach Neuseeland zu besorgen. Sonnenbrillen, Sonnencremes, spezielle Schrauben, Grillkohle, Schuhe, Arbeitskleidung, Duschgel, Shampoo - die Liste war lang. Noch am Sonntagabend verließen wir den Hafen und ankerten auf dem offenen Meer.

Als der Anker im Wasser war, ereilte uns doch noch ein Schreck: Christian, ein Mitglied und der größte unserer Crew war verschwunden. Erst ein paar Stunden später meldete er sich vom Hafen aus, wo er zurückgeblieben war, und konnte mit einem der Schlauchboote abgeholt werden. Mit ihm kamen die mexikanischen Freiwilligen und das Kampagnenteam zu einem letzten Lebewohl für ein paar Stunden an Bord. Leider verabschiedete ich mich schon sehr früh von unseren Gästen, denn ich hatte eine der Ankerwachen. Es war eine Premiere für mich, doch hieß das: aufstehen um vier Uhr morgens.

Außer einem wunderschönen Sonnenaufgang passierte während meiner Wache nichts Aufsehenerregendes, aber dieser letzte Sonnenaufgang über Puerto Vallarta hat sich gelohnt. Obwohl - ein bisschen gespenstisch war es schon, alle Stunde auf dem stillen und gähnend leeren Schiff die Runde zu machen. In den letzten zwei Tagen waren so viele Menschen hier an Bord gewesen. An den Abenden waren die letzten erst um drei oder vier Uhr nachts in ihren Kabinen verschwunden.

Mir war ein bisschen wehmütig ums Herz: Unser Kampagnenteam würde mir sehr fehlen und die mexikanische Lebenslust und Lebensfreude auch. Schließlich waren die Mexikaner diejenigen gewesen, die bei unserer Feier an Bord noch getanzt und gesungen hatten, als sich die Crewmitglieder schon längst zurückgezogen hatten. Feiern und tanzen können sie wirklich, das muss man ihnen lassen.

Das Medienecho auf unsere Kampagne in Mexiko war sehr groß. Viele unterschiedliche Zeitungen und Magazine haben über uns berichtet. Hoffentlich geht der Protest vor Ort erfolgreich weiter. Auf Wiedersehen, Mexiko!

Alles Liebe, Eure Nina

8. Dezember 2006: Gestern Morgen haben wir die letzte Station unserer Mexiko-Fahrt erreicht, Puerto Vallarta. Auch diese Stadt ist vom Tourismus gezeichnet - ähnlich wie Los Cabos, wo sich mittlerweile breiter Protest formiert hat und für den sich auch Greenpeace Mexiko weiter einsetzen wird. Überall schießen Häuser in allen möglichen - man müsste eher sagen: unmöglichen - Formen und Größen aus dem Boden, meist nur wenige Meter vom Wasser entfernt.

Immer wieder sieht man, dass in die Natur eingegriffen wurde, um den Strand zu vergrößern, einen Abschnitt von einem anderen Hotelkomplex abzutrennen oder für ein Hotel eine winzige Hafenanlage zu bekommen, an der zum Beispiel Motorboote anlegen können. Besonders viele der Hochhäuser sind noch im Rohbau und wirken gegen die Sonne und den Himmel wie riesige Skelette. Immer wieder kommt unter uns die Frage auf, wer möchte denn so leben? Oder Urlaub auf diese Art machen?

Die Antwort hören und sehen wir, seit wir hier angekommen sind: Ständig fahren Boote an uns vorbei, von denen laute Musik herüberschallt und auf denen die Menschen tanzen. Gestern Abend fand auf einem dieser Schiffe sogar eine Art Freilichttheater statt, und ein großes Piratenschiff haben wir mittlerweile auch entdeckt. Die meisten sind mit Lichterketten ausgestattet, die im Dunkeln recht schön anzusehen sind. Nach dem dritten oder vierten Schiff mit lautem Gekreisch und wummernder Musik findet man das aber auch nicht mehr schön.

Es ist eine seltsame Welt, auf die wir hier getroffen sind. Wir fühlen uns ein wenig fremd. Zudem steht uns der Abschied von vielen Crewmitgliedern bevor, einige haben das Schiff schon verlassen. Heute wird es nochmal eine Pressekonferenz geben, danach rüsten wir uns für die Weiterfahrt. Langsam wird es hektisch um mich herum: Die Stühle für die Konferenz und das Zelt müssen aufgebaut werden.

Nachdenkliche Grüße, Eure Nina

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