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Bordtagebuch Mexiko: Teil 1

Die Esperanza hat ihr nächstes Ziel erreicht: den mexikanischen Golf von Kalifornien. Er gehört zu den artenreichsten Gewässern der Welt, doch Fischerei und unkontrollierter Tourismus gefährden die Region. Greenpeace fordert ein Netz von Schutzgebieten, um diese Entwicklung zu stoppen. Von Bord der Esperanza berichtet unsere Greenpeace-Aktivistin Nina Hofmann.

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06. Dezember 2006: Sonnenverbrannt und mit geröteten Augen kehrten wir gestern erfolgreich auf die Esperanza zurück. Mit zwei Schlauchbooten von der Esperanza und mit tatkräftiger Hilfe an Land konnte die Arbeit an dem illegalen Bau der Marina Los Cabos für ein paar Stunden verzögert und die Aufmerksamkeit der Einwohner und Medien vor Ort auf den Brennpunkt gezogen werden.

Aber eigentlich ist lediglich noch die Aufmerksamkeit der Medien nötig: die Bewohner bekommen die Nachteile des Ausbaus von Häfen und Hotels bereits am eigenen Leib zu spüren. Vor allem das Frischwasser wird knapp, während die Touristen in den Hotels genug zur Verfügung haben. Natürlich trifft der Eingriff in die Natur nicht nur die Einwohner, sondern auch die lokale Fischerei und das Ökosystem Meer.

Nachdem sich Greenpeace-Aktivisten an einige Kräne gekettet und sie somit zum Stillstand gebracht hatten, kam es zu einer Pressekonferenz vor Ort, an der sich viele mexikanische Medien beteiligten. Und am späten Nachmittag, als wir die Aktion beendet und auf die Esperanza zurückgekehrt waren, erfuhren wir zu unserer großen Freude, dass sich eine Gruppe vor Ort formiert hatte und weitere Proteste plant.

Soweit zu gestern, auf uns wartet heute sehr viel Arbeit, da wir morgen früh in Puerto Vallarta einlaufen. Bis dahin müssen wir einige Wartungsarbeiten hier an Bord abgeschlossen haben.

Alles Liebe, Eure Nina

5. Dezember 2006: Heute findet die große Aktion in Los Cabos statt. Deshalb lief schon gestern an Bord alles anders ab als geplant: Zuerst einmal wurde gleich nach dem Frühstück klargemacht, wer die African Queen und wer das Novi - zwei der Boote an Bord - fahren sollte, dann wer die jeweilige Crew auf den Booten stellt und letztendlich, wer bereits an Land geht und sich von dort aus an der Aktion beteiligt.

Also verließen schon gestern Mittag einige die Esperanza, was besonders beim Dinner ins Auge fiel: In der Messe herrschte gähnende Leere. Ich war darüber etwas unglücklich, denn mir war die Aufgabe zugefallen, Cooks Assistance [Assistenz des Kochs] für den Nachmittag zu sein, da auch Yohena, die das üblicherweise macht, an Land gegangen war. Und natürlich blieb mehr als die Hälfte stehen.

Heute Morgen um 4 Uhr 30 standen dann die ersten auf, um die beiden Boote zu Wasser zu lassen. Eine halbe Stunde später fand sich die Crew ein und die beiden Boote verschwanden im Dunst der Dämmerung. Für mich, die an Bord geblieben ist, heißt es jetzt warten: warten auf eine Nachricht, auf die Rückkehr der Crew. Außerdem würde ich gerne wissen, wie die Aktion verlaufen ist. Es ist außergewöhnlich still an Bord, nur das Klappern der Ventilatoren ist zu hören und ab und an wirft jemand einen Blick in die Messe.

Als Cooks Assistant in der Küche zu arbeiten, hat mir übrigens großen Spaß gemacht. Ganz nach eigenen Vorstellungen kochte ich den vegetarischen Teil des Dinners. Der einzige Nachteil unserer Galley ist, dass es sofort furchtbar heiß wird. All die Öfen strahlen eine große Hitze aus. Besonders der Backofen und auch der Herd in der Mitte, um den man komplett herumgehen kann. Die Zeit dort verging im Nu und ich war abends nicht mehr sicher, ob die Esperanza sich überhaupt fortbewegt hatte oder nicht. Denn die Bullaugen nach außen sind verstellt mit Flaschen und Behältern mit Öl, Essig, Salz, Pfeffer und allen anderen Gewürzen, die man so braucht. Es ist beinahe unmöglich, einen Blick nach draußen zu werfen.

Beim Kochen machte ich eine wunderbare Entdeckung: ein schönes Backbuch mit vielen Kuchen, Keksen, Plätzchen und Muffins. Schließlich geht es auf Weihnachten zu und Plätzchen gehören einfach zu Weihnachten dazu. Es hört sich wahrscheinlich seltsam an, aber trotz der hohen Temperaturen und der Aufgabe, die wir hier vor Ort haben - Essen ist einfach sehr wichtig. Hungrig auf Aktion? Das geht einfach nicht. Und Weihnachten ohne Plätzchen? Wahrscheinlich ist meine Mutter daran schuld, dass mir das so wichtig ist. Wenn sie zu Weihnachten gebacken hat, dann duftete das ganze Haus nach Honig, Hefe, geschmolzener Butter und Schokolade. Und da ich mich in unserer Kombüse wirklich wohlfühle, kann ich mir gut vorstellen, mal ein paar Zimtsterne zu fabrizieren.

Zu unserer Aktion hier vor Ort kann ich noch nicht viel sagen. Nur so viel zum Hintergrund: Besonders hier in Los Cabos ist die marine Umwelt vom Tourismus bedroht. Für den neuen amtierenden Präsidenten, Felipe Calderon, der am ersten Dezember vereidigt wurde, hat der Tourismus hohe Priorität. Vom Ausbau sind vor allem die Küsten betroffen. Er bringt großen Schaden für die Umwelt und das Meer mit sich. Die Aktion, an der sich die Esperanza heute beteiligt, soll darauf hinweisen und auf die Sensibilität des Ökosystems Meer aufmerksam machen.

Alles Liebe, Eure Nina

1. Dezember 2006: Obwohl wir schon vorgestern ein Update über den weiteren Verlauf der Kampagne bekommen haben, habe ich es nicht geschafft, darüber zu berichten. Über Nacht hat es einen Wetterumschwung gegeben und es ist ein kalter Wind aufgezogen, der viele Wellen mit sich gebracht hat. Wir waren vollauf damit beschäftigt, die Bullaugen zu schließen und alles wetterfest zu machen.

Danach hing ich dann erstmal an der Reling und fühlte mich vom Leben schlecht behandelt. Die meisten meinten wohl, ich wäre seekrank - aber da habe ich bei weitem Schlimmeres erlebt. Ich tippe auf einen Gruß aus der Küche. Allen voran kümmerten Nolan und Mark sich reizend um mich. Kommt alles wieder zurück, von wo es herkommt, so Nolan.

Wie dem auch sei, ich lag pünktlich zum Lunch im Bett und habe den Rest des Tages dort verbracht. Gestern konnte ich nichts berichten, da wir Probleme mit dem Internet hatten. Allerdings lag ich bereits um Punkt fünf in meiner Koje. Mit den Arbeitsklamotten - so müde war ich.

Mit Erschrecken stellte ich heute fest, dass schon der erste Dezember ist. Hier bekommt man davon wenig mit. Nur wenn ich ins Internet gehe, springt mir überall Werbung mit Schneeflocken, Sternen, Christbaumkugeln und Nikoläusen ins Auge. Eigentlich angenehm, einmal nichts von all dem Trubel und der vorweihnachtlichen Stimmung mitzubekommen.

Eine meiner Aufgaben gestern: Treppengeländer weißeln. Über Nacht setzen sich immer mehr Pelikane und Seemöwen überall an Bord hin und hinterlassen ihre Spuren. Was für ein Gestank, wenn man das wegschrubben muss.

Die letzten beiden Tage hat die Esperanza versucht Fischer aufzuspüren, die in einem besonders sensiblen Meeresgebiet fischen. Es handelt sich dabei um ein ähnliches Gebiet wie am Seamount Espiritu Santu, das mittlerweile zum Meeresschutzgebiet erklärt wurde. Besonders die Dokumentation ist bei dem Wetter nicht einfach.

So weit von hier, Nina

29. November 2006 Um halb sieben packten die beiden TV-Journalisten von Televisa in unserer Kabine geräuschvoll ihr Equipment zusammen: Stative, Kameras, Batterien, Mikrophon und Jacken. Das alles wurde nur nach und nach hinausgetragen. Zu wach, um weiterzuschlafen, schwang ich mich aus der Koje und schlich mich an der noch friedlich schlafenden Isabel vorbei. Das erste Mal seit unserem Auslaufen beobachtete ich den Sonnenaufgang über einer bewegten See. Und während die Lichter auf der Esperanza erloschen, glitzterte die Sonne auf dem Wasser.

Wegen der relativ schlechten Wettervorhersage für die nächsten Tage wurde die Beobachtung der Vaquitas gestern nachmittag abgesagt. Unsere beiden Beobachter Benjamin und Gustavo sowie ihre Unterstützung Laura und Diego wurden danach verabschiedet. Ergebnis der Observation: Keine Vaquitas gesichtet.

So langsam erwacht das Leben an Bord um mich herum. Überall klappern Türen und werden Leute geweckt, Duschen rauschen und ich höre die Crew die Treppe zur Messe hinuntertappen. Sobald ich genau weiß, was unsere neue Aufgabe sein wird, melde ich mich zurück. Achja, und der Koch ist gefeuert!

Alles Liebe, Nina

24. bis 26. November 2006 Auf dem 31.Breiten- und 114. Längengrad liegt die Esperanza auf einer ruhigen See und befindet sich damit in einem Vaquita Hot Spot. Unsere Beobachtung erfolgt in so genannten Transekten, der Ausgangspunkt ist jeweils ein anderer, dazu fährt die Esperanza einen parallel verlaufenden Zickzack-Kurs.

Eingetragen wird jede Sichtung per Hand, dabei benutzen wir das GPS (Globales Kommunikationssystem) für die einzelnen Daten. Später können die Daten dann ausgewertet und mit relativ komplizierten Berechnungen hochgerechnet werden. So bekommt man ein annäherndes Bild davon, wieviele Wale einer Art in diesem Gebiet vorkommen.

An erster Stelle steht die Uhrzeit, dann die Personen und jeweilige Position der Beobachter, Windrichtung, Beaufort, Bewölkung, Sicht, die Position und Geschwindigkeit des Schiffes, die Position der gesichteten Tiere, deren Anzahl, welche Spezies und wie oft diese gesichtet wurden. Manchmal passiert für Stunden nichts, dann wieder rufen alle gleichzeitig durcheinander:

Wir haben bis jetzt viel gesehen, aber leider keinen Vaquita. Außerdem breitet sich langsam Enttäuschung unter den Beobachtern aus und der ein oder andere kränkelt gar, denn der ständige Wind auf dem Deck kühlt manchmal schon sehr aus.

Deshalb sind alle eingepackt wie Eskimos und schälen sich aus wie eine Zwiebel, wenn sie das Affendeck verlassen. Unter Deck ist es richtig heiß und die restliche Crew beäugt uns wie Außerirdische, wenn wir anfangen, Schals, Mützen und Handschuhe usw. aus zu ziehen.

Ansonsten ist das Leben an Bord die letzten Tage sehr ruhig. Am Sonntag hatten alle ihren freien Tag, während Paul und ich in der Küche wurstelten. Die meiste Zeit verbrachten wir mit dem Suchen der Dinge, die wir zum Kochen brauchten. Ich verbrachte beispielsweise zwanzig Minuten auf der Suche nach einer Reibe für Muskatnuss. Dabei ist die Küche gar nicht so groß. Es gab Gulasch, Nudeln mit Gorgonzolasauce, gefüllte Paprika - vegetarisch und mit Fleisch -, Kartoffelbrei, verschiedene Salate, Birnen- und Apfelkuchen mit Sahne und gefüllte Datteln. Verschwitzt, total erhitzt und erledigt waren wir dennoch glücklich über unseren Einsatz in der Kombüse. Die Platten waren leergeputzt und die Gesichter erschienen uns überglücklich. Lob genug für die Amateurköche. Also räumten und putzten wir die Küche nach dem entstandenen Chaos in Windeseile auf.

Heute werde ich die mir angebotene Rückenmassage einfordern, da ich vom vielen Fernglashalten und auch vom Kochen noch ganz verspannt und verkrampft bin. Danach denke ich darüber nach, ob ich nicht doch noch einmal einen Kuchen backen soll, denn gerade unsere Observer könnten eine kleine Aufmunterung gebrauchen.

Mittlerweile rührt Penny mir eine schöne weiße Farbe an und ich komme wohl endlich dazu, das Treppengeländer, das ich letzte Woche vom Rost befreit habe, weiter zu bearbeiten. Das heißt, weitere Stunden in der warmen Sonne, während ich an meine Freunde in Deutschland denke, die mir von Novemberregen, Nebel und Kälte geschrieben haben. Hier wird es gerade mal in der Nacht ein wenig frischer.

Alles liebe aus der Sonne, Nina

Mittwoch, 22. November: Kaum hatte ich gestern zusammen mit Natasha die Messe geputzt und aufgeräumt - es war ein Uhr mittags, also direkt nach dem Lunch - erklang ein wirklich ohrenbetäubendes Klingeln. Alarm! Mit beiden Händen auf den Ohren strömte die ganze Crew zum unteren Deck, wo auch der Helikopter steht. Das schrille Geräusch ging wirklich durch Mark und Bein - was es natürlich auch soll. Jeder war erleichtert, als es nach dem Durchzählen ausgeschaltet wurde.

Ganz gelassen erklärte uns Jolien, wir seien gerammt worden und müssten die Esperanza sofort verlassen. Als erstes sollten wir die Schwimmwesten anlegen. Nachdem wir alle in diesen riesig wirkenden roten Dingern steckten, erklärte Jolien uns den richtigen Umgang damit. Aber keine Panik: Es war alles nur ein Probealarm. Schließlich muss die Mannschaft auf alles vorbereitet sein. Beim Einsatz gegen die japanischen Walfänger ist die Esperanza tatsächlich schon mal gerammt worden.

Nachdem wieder Ruhe an Bord eingekehrt war, sprach ich noch einmal mit Penny und Ruth: Ich durfte tatsächlich an der Beobachtung und Dokumentation teilnehmen. Zuerst hatte ich ein schlechtes Gewissen, weil ich Penny ja meine Hilfe als Deckhand angeboten hatte, aber sie lachte nur: Du bist noch länger an Bord, du wirst schon noch als Deckhand mithelfen können. Und das möchte ich auch wirklich gerne!

Das Monkey Deck (Affendeck) ist das höchste an Bord und befindet sich damit noch über der Brücke, wo sich der Kapitän aufhält. Bevor ich hochging, legte ich eine ordentliche Schicht Sonnencreme auf, denn die Dokumentation bedeutet: stundenlang in der Sonne stehen, mit einem Fernglas auf das Wasser schauen und jede Sichtung sofort melden. Dick eingeschmiert erklomm ich also das Affendeck. Dass ich dort mehrere Stunden verbrachte, merkte ich gar nicht. Zum einen hat man von dort eine wunderbare Sicht auf alle Seiten des Schiffes, zum anderen verleiht einem der hohe Standpunkt ein wenig das Gefühl zu fliegen. Wir sichteten auch erfolgreich Delfine, Finnwale und Pottwale.

Richtig ausgehungert stürzten wir uns dann auf das Abendessen. Danach war ich mit dem Aufräumen und Putzen der Messe dran. Eigentlich allein, aber irgendwie meinte die halbe Mannschaft, mir helfen zu müssen. Es war für mich der erste Abend, an dem ich nicht müde war, also beschloss ich, dem Rat von Jolien zu folgen. Sie hatte uns nach dem Alarm empfohlen, mal mit geschlossenen Augen oder im Dunkeln über das Schiff zu gehen, um ein Gefühl dafür zu bekommen. Denn den Weg nach draußen sollte man in jeder Situation finden können.

Ich stolperte also ein wenig im Dunkeln herum und traute meinen Augen kaum: Bei einem Blick aufs Wasser hinunter schäumte und glitzerte die Bugwelle der Esperanza - und leuchtete im Dunkeln! Ich stand bestimmt eine Stunde an Deck und war fasziniert von dem fluoreszierenden Plankton sowie dem Sternenhimmel über mir. Und ich stellte mir die Frage: Wenn ein Mensch so etwas erleben kann, warum besitzt er dann die Kraft und die Fähigkeit, diese Schönheit zu zerstören? Sie ist gratis und für jeden zugänglich...

Damit komme ich zum Grund unserer Reise zurück: Die Meere müssen ebenso wie die Menschen durch Gesetze geschützt werden. Vor Tourismus, der die Küsten zerstört. Vor Fischerei wie beispielsweise der Grundschleppnetzfischerei - eine besonders zerstörerische Methode, die den Meeresboden vollkommen umpflügt und alles Leben vernichtet.

Um diese Fischereimethode geht es gerade bei den UN in New York. Dort wird diese Woche über ein Moratorium gegen die Grundschleppnetzfischerei auf Hoher See entschieden - und ich drücke ganz fest die Daumen, dass Spanien und Kanada, die diesem Moratorium vor allem noch im Wege stehen, ihre Position überdenken. Es wäre wirklich eine Schande, wenn es lediglich an diesen wenigen Ländern scheitern würde. Ein bisschen Zeit bleibt ja noch...die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt, die Esperanza aber mit Sicherheit nie!

Alles liebe, Eure Nina

19. bis 21. November 2006: Schon bei meinem Zwischenstopp in Amsterdam bin ich auf eine Gruppe Greenpeacer gestoßen, die ebenfalls auf dem Weg zur Esperanza waren. Vor allem Penny aus Großbritannien ist mittlerweile eine ständige Ansprechpartnerin für mich geworden, denn sie organisiert den Arbeitsalltag der Deckhands, zu denen ich mich ebenfalls zähle. Mein erster Tag hier, der ja ein Sonntag war, verlief sehr ruhig. Außer einem kurzen Ausflug an den Strand passierte nichts Aufregendes. Der nächste sollte dafür umso früher beginnen.

Und tatsächlich, der Waking Call [Wachruf] fand schon um fünf Uhr morgens statt, denn die Esperanza sollte aus Pichilingue auslaufen. Nachdem ich eine Zeitlang ziellos an Deck herumgewandert war und mich eher krank vom Nichtstun als vom Jetlag oder dem Wellengang fühlte, stürzte ich mich auf Penny und bot ihr meine Hilfe als Deckhand an. Damit war der Arbeitsalltag für mich begonnen.

Meine erste Aufgabe war es, die Duschen zu putzen. Das ging recht schnell, schließlich gibt es nur fünf Duschen. Danach trug ich mich in die Putzliste ein, aus Angst, die kommenden drei Wochen nicht genug zu tun zu haben... Denn alle anderen scheinen genau zu wissen, was sie wann und wo zu tun haben. Für mich ist es deshalb nur natürlich, mich nützlich zu machen und nebenbei etwas mehr über die Esperanza zu lernen, wo es doch mein erster Aufenthalt auf diesem Schiff ist.

Nach dem Lunch erwischte mich dann doch der Jetlag, der sich bisher nur durch Müdigkeit bemerkbar gemacht hatte. Ich fiel mit Magenschmerzen in die Koje und verschlief die nächste Stunde. Die Koje ist übrigens sehr gemütlich: Das Schöne an ihr ist, dass sie nur rund zwei Meter über der Wasseroberfläche liegt, was bedeutet, dass man durch die immer geöffneten Bullaugen rund um die Uhr das Rauschen und Plätschern der Wellen hören kann. Neben dem Brummen der Motoren ist das unheimlich beruhigend.

Die Kabine teile ich übrigens mit Isabel und Ben, die beide sehr nett sind. Isabel arbeitet im Kampagnenbüro und kümmert sich um die Pressearbeit hier in Mexiko, während Ben von der Universität kommt und vor allem für die Beobachtung und Dokumentation der Meeressäugetiere hier ist, um die es in den nächsten Tagen geht.

Überhaupt bin ich fast von der ganzen Mannschaft mit einem Welcome on Bord oder Nice to meet you begrüßt worden. Ganz offensichtlich bin ich das Nesthäkchen, was mir natürlich gar nicht recht ist, denn jeder scheint auf mich Rücksicht nehmen zu wollen. Sogar der Kapitän fragte mich, ob ich Heimweh hätte! Natürlich nicht, alles ist viel zu spannend und interessant, als dass ich auch nur eine Sekunde darüber nachdenken könnte. Außerdem fühlte ich mich sofort heimisch an Bord.

Gestern fand dann der erste richtige Einsatz statt, wenn man das so nennen kann. Leider habe ich nicht viel davon mitbekommen. Einige Mitglieder der Crew sowie Gäste an Bord sind zum Seamount Espiritu Santo getaucht und haben dort Aufnahmen gemacht. Da sie mit einem Boot hingefahren sind, kann ich lediglich die Bilder bewundern.

Währenddessen durfte ich jedoch einer mexikanischen Journalistin ein - mein erstes - Interview über meine Aufgabe hier an Bord geben. Ich erzählte also von der einzigartigen Gelegenheit, die ich hier bekommen hatte, dass dies mein erster Aufenthalt auf der Esperanza sei und vom Auftrag der Esperanza, auf das spezielle Ökosystem vor Ort hinzuweisen.

Der Golf von Kalifornien ist nämlich ein äußerst empfindliches Meeresgebiet mit endemischen Arten. Das bedeutet, dass diese Arten nur hier existieren. Dazu gehört beispielsweise der Vaquita, ein kleiner Schweinswal, den wir hier auch beobachten werden. Er gilt als vom Aussterben bedroht. Die letzte Dokumentation im Jahre 1997 durch das National Fisheries Institute von Mexiko und dem US-amerikanischen National Marine Fisheries Service wies lediglich einen Bestand von rund 400 Individuen auf.

Seitdem ist viel Zeit vergangen, in der die Fischerei, die den kleinen pazifischen Hafenschweinswal besonders bedroht, zugenommen hat. Deshalb ist eine aktuellere Dokumentation, die in den kommenden Tagen stattfinden soll, so wichtig.

Heute Morgen bin ich nun um sieben Uhr aufgewacht und konnte den Sonnenaufgang über einer spiegelglatten See genießen. Nur nach fünfzehn Minuten war es schon wieder zu heiß, um sitzen zu bleiben und die wenigen Wolken am Himmel waren auch verschwunden. Also ein großartiger Tag für den Beginn der Dokumentation und nachdem ich schnell die Toiletten zusammen mit Natasha geputzt hatte, besuchte ich Ben auf der Brücke.

Alles in allem ein erfolgreicher Beginn, für mich persönlich ein guter Auftakt an Bord der Esperanza.

Alles Liebe, Eure Nina

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