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Bittere Weihnacht im Südpolarmeer

Nach einer mehr als 40 Stunden dauernden Flucht hat die japanische Walfangflotte im Walschutzgebiet im Südpolarmeer wieder mit der Jagd begonnen. Trotz rauer See wurden die Greenpeace-Schlauchboote ins Wasser gelassen. Sie konnten aber nicht verhindern, dass die Walfänger fünf weitere Wale töteten. Regine Frerichs, Aktivistin und Schlauchbootfahrerin, berichtet über die Situation vor Ort.

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Heilig Abend ... aber ich habe ich keine Ruhe vor den Szenen, die sich im Packeis abgespielt haben. Die Bilder der vergangegen Tage lassen mich nicht los. Und die anderen Crewmitglieder auch nicht. Die beiden letzten Tage ist es recht still an Bord.

Die Brutalität, mit der hier diese sanften riesigen Tiere abgeschlachtet werden ... wenn eine Granate keine 30 Meter neben einem in einem trockenen, dumpfen Knall in einem Wal explodiert, spürt man selber noch die Vibration der Explosion im eigenen Leib! Das Grausigste sind die Fänge, die nicht gleich tot sind. Bis zu 15 Minuten hat es gedauert, bis das geschundene, blutende Tier endlich verendet war.

Es versucht zu fliehen und taucht immer wieder auf, es versucht an der Harpune hängend immer wieder in die sonst rettende Tiefe zu entfliehen. Die Walfänger schiessen ihnen mit Gewehren in den Kopf, wenn die Harpune nicht richtig getroffen hat. Aber auch damit sind sie oft nicht sofort tot ...

Du sitzt dann hilflos daneben und fragst, warum töten sie ihn nicht endlich?! Eines der noch lebenden Tiere wurde noch in seinem Todeskampf längsseits des Fangschiffes gezogen, um dann zum Fabrikschiff transportiert zu werden.

Ich selber sitze in meinem Boot und mir bleibt das Gefühl: du hast versagt... hier und jetzt, du hast versagt und musst hilflos dem Gemetzel zusehen. Da versucht man sich daran festzuhalten und sich zu sagen, ja, aber du hast doch eben noch einem anderen Wal das Leben gerettet und jeder Abschuss, der verhindert wird, hilft anderen Tieren.

Aber ich muss feststellen, in diesem Moment hilft mir dieses Bewusstsein wenig. So greift das Gefühl der Hilflosigkeit, der Ohnmacht auch nach mir...

Ich frage mich, wieviel Verrohung dazu gehört, damit jemand dieses blutige Handwerk ausführt? Das hat nichts mit Not und Hunger zu tun, das ist Habgier! Im Namen der Wissenschaft werden diese intelligenten Meeressäuger dahingemetzelt, um auf den Tischen teurer japanischer Spezialitäten-Restaurants zu landen...

So begleiten mich diese Bilder, die sich wohl ein für alle Mal in unser Gehirn gebrannt haben. All diese Gedanken, ein erster Versuch, den Berg an Emotionen zu sortieren, der einen noch immer betäubt. Gedanken, Bilder, Gefühle, die mich verfolgen und wohl noch lange Zeit begleiten werden ... auch am heiligen Abend.

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