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Bericht aus der Walebotschaft in Korea

Ich bin jetzt seit fast drei Wochen in Ulsan, Korea. Gemeinsam mit Greenpeace-Aktivisten aus aller Welt versuche ich, mit dieser Aktion gegen die Tendenz Südkoreas, die Wiederbelebung des kommerziellen Walfangs in Form von wissenschaftlichem Walfang und erstaunlich hohen Zahlen von zufälligem Beifang voranzutreiben. Die Arbeit in diesem zurzeit 14-köpfigen Team ist abwechslungsreich. Die gute Stimmung im Camp macht es einfacher, das wochenlange Campieren auf einer hässlichen Baustelle in einem Industriegebiet nicht als übermäßige Belastung zu empfinden.

Hier in der Whale Embassy in Jangsaengpo, Ulsan, wird die Lage immer angespannter. Im Laufe des Tages kam eine Gruppe von Anwohnern und forderte uns zum wiederholten Male auf, die Besetzung des Geländes, auf dem das Walforschungszentrum und die Walverarbeitungsfabrik gebaut werden sollen, zu beenden. Sie übergaben uns ein Schreiben, dessen Inhalt sich in zwei Hauptargumenten zusammenfassen lässt: Zum einen würden die Menschen vor Ort durch unsere Anwesenheit gestört. Insbesondere die mit Hilfe von Walfluken aus Holz zu einem Walfriedhof stilisierten Erdhaufen hinter der Embassy würden manchen Menschen regelrecht Angst einjagen. Zum anderen sei durch uns die wirtschaftliche Entwicklung, die sich dieser arme Stadtteil mit dem IWC-Treffen und dem Bau von Walforschungszentrum und Walverarbeitungsfabrik erhofft, gefährdet.

Uns wurde für 18.00 Uhr am Donnerstag ein Ultimatum gesetzt, nach dessen Ablauf die betreffende Gruppe mit direkten Aktionen gegen uns droht. Das bedeutet im Grunde Selbstjustiz, in welcher Form auch immer sie stattfinden mag. Wir haben das Gefühl, dass den örtlichen Behörden die Entwicklung sehr gelegen ist, wenn sie nicht sogar von ihnen in irgendeiner Form forciert wurde. Die Auseinandersetzung zwischen Greenpeace und der Stadt Ulsan in einen Konflikt zwischen Greenpeace und den Menschen vor Ort umzudeuten spielt ihnen natürlich in die Hände.

Das Verhältnis zwischen dem anwesendem Greenpeace-Team und der örtlichen Bevölkerung läuft dabei Gefahr, vollkommen verzerrt zu werden. Denn die uns drohende Gruppe zeigt nur einen kleinen Teilauschnitt der Reaktionen auf die Embassy. Wir haben regen Kontakt mit den Menschen hier. Ungefragt wird uns viel Unterstützung gegeben, Essensgeschenke und Frauen, die uns anbieten, unsere Wäsche zu waschen, sind alles andere als eine Seltenheit. Besonders an den Wochenenden ist die Embassy überlaufen mit interessierten und freundlichen Menschen.

Der von uns angebotene Englischunterricht erfreut sich wachsender Beliebtheit. In der Sekunde, in der ich diese Zeilen schreibe, kommt ein koreanisches Pärchen in die Embassy, um Kelly, einer Aktivistin aus den USA, die die beiden soeben über die Situation der Wale in Korea informiert hat, mit Kaffee zu versorgen. Jetzt bekomme ich auch eine Tasse. Verdammt süß.

Also, in den nächsten 24 Stunden wird sich hier eine Menge tun. Wir müssen uns darüber klar werden, wie wir am besten auf die neue Situation reagieren und gleichzeitig die Botschaft am Laufen halten. Man darf gespannt sein...

Jan, Donnerstag, 26.05.2005

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