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Azoren-Tagebuch: Pottwale und andere Schönheiten der Tiefsee

Die Crew der Esperanza ist von Mitte April bis Mitte Mai vor den Azoren unterwegs. Sie unterstützt Wissenschaftler der Universität der Azoren bei ihren Untersuchungen von Seebergen. Die Esperanza ist dafür bestens ausgerüstet: mit einem Unterwasserrobotor und einer Unterwasserkamera, die bis auf 300 bzw. 800 Meter Tiefe hinabgelassen werden können. Wolf Wichmann steuert den Unterwasserroboter und ist für uns mit dabei.

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12.05.2006 - Open Day in Horta und mein letzter Tag auf der Esperanza. Das Aufräumen und Einpacken der Gerätschaften geht schneller und reibungsloser vonstatten, als gedacht. Schon gegen elf Uhr ist alles wichtige transportsicher in den Gitterboxen verstaut. Die Sachen gehen mit dem Schiff nach Barcelona, von wo aus sie dann mit einer Spedition nach Hamburg weiter verfrachtet werden. Gegen Ende Mai werden sie wieder bei uns auf dem Hof stehen.

Ab ein Uhr ist das Schiff dann für die Öffentlichkeit zugänglich. Crewmitglieder, Kampagnen- und Presseteam führen die Besucher in kleinen Gruppen durch das Schiff, erklären technische Details und informieren sowohl über Greenpeace im allgemeinen als auch über die derzeit laufende Kampagne.

Richard, der offizielle Videofilmer aus Paris, hat einen kleinen Videobeitrag über die Aktivitäten der Esperanza im Laufe der vergangenen Woche zusammengestellt und mit einigen Unterwasseraufnahmen von Gavin ausgeschmückt.

Die Resonanz ist erstaunlich hoch und den ganzen Nachmittag über haben wir qasi volles Schiff. Das Publikum ist gemischt. Mitglieder deutscher Reisegruppen sind ebenso da, wie Schulklassen aus Horta, Journalisten und Wissenschaftskollegen von Frederico und Adreia aus dem Institut.

Einen kleinen Zwischenfall gibt es auch noch: Gavin unternimmt einen Kontrolltauchgang, um Schrauben und Ruder der Esparanza zu untersuchen. Gestern waren wir bei der Herfahrt über eine frei im Meer treibende Tonne gefahren, die anschließend nicht mehr im Kielwasser aufgetaucht war. Grund genug, einmal nachzuschauen, ob Ruderblatt oder Schraube Schaden genommen haben.

Kaum ist unser Taucher im Wasser, steht die Hafenpolizei an Deck und verlangt, Personalausweis und gültige Tauchbescheinigung des Tauchers, sowie den technischen Zustand der Tauchausrüstung zu kontrollieren. Bald wird klar, warum die Polizei an Bord ist. Wir hätten auch für diesen Inspektionstauchgang an dem am Kai festliegenden Schiff die Taucherflagge setzen müssen. Tja, Vorschrift ist Vorschrift und nachdem alles in Ordnung und die fällige Ermahnung ausgesprochen ist, gehen die Jungs wieder von Bord.

Nach dem Dinner komme ich dazu, meinen Privatkram zu packen. Bei Käpt'n Frank füllen wir - morgen gehen insgesamt etwa zehn Leute von Bord - noch die Zollpapiere aus und begleichen anschließend unsere Rechnungen für Getränke und Telefonate bei Eddie.

Dass die Azorenkampagne zumindest hier in der Region hervorragend angekommen ist, belegen nicht nur die hohen Besucherzahlen am Nachmittag. Der Fernsehjournalist José Serra, der während der vergangenen Woche unsere Kampagne an Bord mit begleitet hat, war auch am Nachmittag bei uns und hat eine Video-DVD seiner beiden Sendungen mitgebracht. Wir sehen uns die beiden Beiträge später am Abend an. José beschreibt darin sehr ausführlich und tiefgründig die Kampagne und deren Ziele, Frederico übersetzt simultan.

Beide Beiträge dauern zusammen etwa eine dreiviertel Stunde und beschäftigen sich ausschließlich und sehr engagiert mit unserer Arbeit der letzten Wochen in den Gewässern um die Azoren.

Wake up call ist morgen früh um halb sieben, etwas später steht der Zoll auf der Matte, um sicher zustellen, dass es mit unserem Gepäck auch alles seine Ordnung hat. Anschließend geht es auf den Flieger. Abends gegen zehn Uhr Ortszeit werde ich dann auf dem Rollfeld Fuhlsbüttel aufsetzen - schön sanft, will ich hoffen. Die Schaukelbewegung des Schiffes wird mir erst nach Tagen aus den Knochen gehen und so die Erinnerung an diese Expedition noch eine ganze Weile wach halten.

Vielleicht träume ich ja dann einmal von einem Wal - wenigstens von einem einzigen. Während der ganzen Reise habe ich nur in weiter Entfernung einmal so etwas wie einen grauen Rücken aus dem Wasser tauchen sehen. Meine Kollegen haben gemeint, das sei bestimmt ein Wal gewesen. Das - glaube ich inzwischen allerdings auch. Muß ich ja ...

Lieben Gruß, Wolf

11.05.2006

Die folgenden Tage verlaufen gleichförmig und eher ereignislos - gleichwohl in spannender Atmosphäre. Immerhin, jetzt stehen Enscheidungen an, wie es weiter gehen soll - und das hängt nicht allein von uns ab. Nachdem wir den Phoenix verloren haben und unser ROV unter den Bedingungen, unter denen wir meist arbeiten müssen, nur selten eingesetzt werden kann, müssen wir uns nun etwas einfallen lassen.

In der Nacht nach unseren beiden Tauchgängen auf dem Vulkan lichtet die Esperanza Anker und nimmt Kurs Richtung Terceira. Hier, vor der drittgrößten Insel des Archpiels, haben wir unsere Drop-Cam dem Meeresgrund geopfert. In der Hafenstadt Angra do Heriosmo gehen die beiden Biologen Filipe und Fernando von Bord. Fernando fliegt am kommenden Dienstag von Horta aus über Lissabon nach Hamburg. Er wird in Warnemünde am Institut für Ostseeforschung an einer internationalen Meereskundetagung teilnehmen. An ihrer Stelle wird die Universität der Azoren ab Montag von Andreia und Frederico vertreten.

André, der tauchende Journalist, verläßt uns ebenfalls und wird abgelöst von seinem ebenfalls tauchenden Kollegen, dem Kameramann José Serra.

Den Samstag und Sonntag verbringen wir damit, unseren verloren gegangenen Phoenix zu suchen. Nach einigen Fehlschlägen, müssen wir jedoch aufgeben. Bernhard hat inzwischen Verhandlungen mit dem Besitzer eines in Horta stationierten, privat betriebenen Zwei-Mann U-Bootes aufgenommen. Bedauerlicherweise versagt ihm die Marine die hierfür notwendige Genehmigung und so ist auch dieser Plan gescheitert.

Am Sonntag abend ziehen wir Bilanz. Es bleiben uns noch zwei Optionen: die erste liegt in der Hoffnung, der bestellte Ersatz kommt rechtzeitig bis Montag hier an, so dass eine neue Drop-Cam gebaut werden kann. Die zweite Option besteht darin, eine noch an Bord befindliche Ersatzkamera an unsere Bedürfnisse anzupassen und eine Filmleuchte aus Gavins Bestand umzubauen.

Hierfür müssten wir aber funktionierende Geräte auseinander nehmen und deren Teile verwenden. Unter anderem müssten etwa Bauteile aus unserem ROV quasi zweckentfremdet für die Kabelsteckverbindungen herhalten. Diese Maßnahmen wären reversibel, daher eine realistische Option.

Doch da wir im Augenblick noch alle Hoffnung auf das Packet setzen, welches am Montag vormittag hier eintreffen soll, besteht derzeit kein Grund, an unsere Reserven zu gehen: Never touch a running system...

Den Rest der Zeit verbringe ich in der Hauptsache am Computer, in diesen Tagen. Ich nutze die Flaute, um das mittlerweile doch recht große Archiv an Digitalfotos zu sichten und die lohnenswerten Motive zu editieren. Ein Teil der Bilder wird für die Internetseite von Greenpeace International bereit gestellt, und auch für die Diashow während des geplanten Open Day am kommenden Freitag in Horta werden noch Unterwasserbilder gebraucht.

Für eine Bestandsaufnahme und technische Bewertung der an Bord befindlichen Tauchausrüstung finden Gavin und ich zwischendurch auch noch Zeit.

Am Montag früh erfahren wir dann schließlich von dem lokalen Agenten in Horta, dass unser Paket in Lissabon auf dem Flugplatz festhängt und wahrscheinlich nicht mehr mit der Abendmaschine nach Horta mitgeliefert werden kann. Der nächste Termin wäre dann der Dienstag früh.

Wir nutzen den Vormittag des Dienstag, um unter Fredericos Führung einige Unterwasserdokumentationen im Bereich der Fradinhos Felsengruppe zu machen, die in Küstennähe der Insel Terceiras vorgelagert sind. Als wir zurück an Bord sind hören wir, dass das Paket vielleicht auch heute nicht geliefert werden kann, sondern vielleicht erst morgen, oder auch dann nicht, weil ja - und überhaupt hat DHL das ja gar nicht als Expressgut versendet ...

Na toll! Auf der Eilbesprechung wird jetzt beschlossen, auf die Leihgeräte zu verzichten. Es lohnt sich einfach nicht, noch einen Tag zu warten, auf eine Lieferung, die vielleicht kommen wird - oder eben auch nicht.

Noch am Nachmittag stechen wir in See, stracks zurück in Richtung Dom João de Castro. Unterwegs werden wir, vor allem aber Bernhard und Gavin, sich den größten Teil der Nacht um die Ohren schlagen und - unter Ausnutzung der zur Verfügung stehenden technischen Möglichkeiten - die Neue Drop-Cam zusammen zu bauen. Sie ist am frühen Morgen einsatzbereit.

Warum fahren wir zurück zum Vulkan? Einer der Ziele der Kampagne ist die Darstellung der Schönheit und Sensibilität besonderer mariner Lebensräume - und das in Zusammenarbeit mit den wissenschaftlichen Institutionen vor Ort. Ein geeignetes Mittel hierfür ist die bildhafte Dokumentation schwer zugänglicher Bereiche, wie etwa die der Tiefsee oder der erreichbaren Seamounts.

Wir müssen nun den effizientesten Weg hierfür wählen und werden das uns zur Verfügung stehende Gerät dort einsetzen, wo es uns am sinnvollsten erscheint. Tiefenbereiche über 150 Meter können wir mit unseren Mitteln nicht mehr erreichen. Wir können aber die Flanken des Dom João de Castro mit der Drop-Cam bis in diese Tiefe hinunter besuchen.

Gleichzeitig können wir das Ökosystem der der Gipfelregion weiterhin tauchenderweise - quasi zu Fuß - erkunden und dokumentieren. Dabei hilft uns die Tatsache, dass Frederico, der Meeresbiologe auf dem Berg hier zu Hause ist. Seine Forschungen haben ihn schon oft hierhergeführt und er kann uns an die interessantesten Plätze führen.

Der Mittwoch vergeht hektisch mit Tauchen und Drop-Cam-Einsatz auf dem Vulkan. Schon während der Nacht geht es mit voller Fahrt zum nächsten Ziel. Um acht Uhr ist ein Tauchgang bei den Formigas, einer kleinen, unbewohnten Inselgruppe geplant. Hier gibt es die berühmten schwarzen Korallen, die im wahren Leben allerdings weiß sind. Erst, wenn sie aus dem Wasser gehoben werden und sterben, verfärben sie sich. Auch von diesen Korallen wollen wir unbedingt Video- und Fotomaterial sammeln.

Die steil abfallenden Flanken laden auch unseren Drop-Cam ein, seinerseits auf Tauchfahrt zu gehen. Gegen sechs Uhr beenden wir diese anstrengende und hektische Woche, die ursprünglich mit einer echten Flaute begonnen hat.

Der technische Dienst liegt nun noch vor uns und eine Menge an Vorbereitung für den morgigen Open Day in Horta. Der Vormittag bleibt uns noch, unsere Gerätschaften für den Rücktransport nach Deutschland vorzubereiten. ROV, Taucherausrüstung und anderes Gerät wird in zwei Gitterpaletten für die Spedition bereitgestellt.

Ich hab gehört, in Hamburg soll die Sonne scheinen ...komisch

Lieben Gruß, Wolf

06.05.2006 - Tauchgang auf dem Vulkan ... und diesmal finden wir den Berg auf Anhieb - GPS sei Dank. André und ich werden daher zusammen bleiben und uns in der Nähe des filmenden Gavin auf Motivsuche machen. Da ich Gavins Fotokamera und Videolicht dabei habe, ist meine Fotoausrüstung auf dem Schiff geblieben.

Wir lassen uns rücklings vom Gummiwulst des Schlauchbootes fallen, uns Licht, Foto- und Videoausrüstung reichen und tauchen dann zügig in Richtung Berggipfel ab, die Bojenleine ständig im Blick. Strömung gibt es keine und der Schwell der Dünung hält sich oben zumindest in Grenzen. Die Erfahrung zeigt, dass sich das auf der offenen See sehr schnell ändern kann und gerade im Bereich von Seamounts sind die Strömungsverhältnisse kaum vorhersagbar.

Die Wetterprognose sagt beständiges Hochdruckwetter für die nächsten Tage voraus und daher brauchen wir uns zumindest um diese Seite der Veranstaltung nicht zu kümmern.

Vor etwa zehn Jahren habe ich an einer Tauchexpedition auf den Gettysburgh-Seamount im Bereich des Gorringe Ridge teilgenommen. Der Lebensraum, den ich hier vorfinde, unterscheidet sich aber deutlich von dem des Gettysburgh-Gipfels, der zwar viel weiter weiter östlich - nämlich zwischen Madeira und der Iberischen Halbinsel - aber dennoch auf dem selben Breitengrad liegt, wie der Dom João de Castro.

Während der Gettysburgh-Gipfel im Top-Bereich fast vollständig mit Kelp bewachsen war, fallen hier vor allem die dichten Matten kleinwüchsiger Rotalgen auf, welche die Felsen großflächig überziehen.

Von den dominierenden Kelpbeständen des Gettysburgh, vornehmlich Palmtang (Laminaria hyperborea, Braunalgen), ist hier nichts zu bemerken. Wie mir Frederico, einer der uns begleitenden Biologen der Universität mitteilt, handelt es sich bei den Rotalgen um die bereits in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts aus dem Süatlantik eingeschleppte Art Asparagopsis armata.

Solche so genannten invasiven Spezies können sich entweder gut in die regionalen Ökosysteme eingliedern, oder aber die bestehende Artenzusammensetzung dramatisch verändern. Oft zitiertes Beispiel für die negativen Auswirkungen einer solchen Einwanderung, oder auch Einschleppung, ist die oft zitierte Schlauchalge Caulerpa taxifolia, die im Mittelmeer seit Jahren für Schlagzeilen sorgt.

Die großen, grünen Bälle, die auf größeren und kleineren Flächen vereinzelt auftauchen, sind die im Bereich der Makaronesischen Inseln endemische Grünalgenart Codium elisabethae.

Die Gipfelregion besteht aus einer stark zerklüfteten Felsenlandschaft mit Einzelfelsen und größeren Massiven. Steil abfallende Wänden und Durchlässe zwischen größeren Brocken sorgen für differenzierte Strömungsverläufe.

Darüber tummeln sich Schwärme kleinerer Lippfische, einzelne Papageienfische und Gruppen von Riffbarschen schaukeln in der Dünung. Über dem Gipfelregion im Freiwasser kann ich hin und wieder kurz einen Blick auf vorbei ziehende Schwärme von Bonitos werfen.

Vereinzelt steigen aus Spalten und runden Öffnungen im sonst massiv erscheinenden Felsen die erwarteten Blasen auf, die unter dem Einfluss von Schwell und Dünung in Schlangenlinien nach oben steigen. Andrè, der diesen Seamount vor ein paar Jahren schon einmal zusammen mit einer wissenschaftlichen Expedition besucht hat, taucht zielstrebig über eine Kante einer Steilwand folgend auf die nächste Plateaufläche hinunter.

Ich folge ihm und auf etwa 30 Metern strömen die Gase nun in dicht aneinander gereihten Vorhängen aus Perlenketten nach oben. Ihre Austrittsstellen sind mit einem weiß - gelblichen Belag umgeben - dies sind die Matten der schon erwähnten Sulfat reduzierenden Bakterien.

Jetzt will ich es genau wissen und halte vorsichtig meine Hand in so einen Blasenstrom. Es fühlt sich eigentlich angenehm warm an und als ich nun auch mein Gesicht in die Blasen halte, bizzelt es tatsächllich ein bißchen. Kein Grund zur Panik - das ausströmende Wasser ist wirklich anfangs fast kochend heiß, kühlt aber beim Kontakt mit den relativ kalten Meerwasser sehr rasch ab. Und auch der Säuregrad ist, obwohl spürbar, nicht besonders hoch und wird im übrigen auch schnell wieder neutralisiert.

Mittlerweile zeigen uns Finimeter und Tauchcomputer an, dass wir aufsteigen müssen. Die Strömung hat merklich zugenommen und unseren Sicherheitsstopp in fünf Metern Tiefe absolvieren wir an der Shotline in der Strömung flatternd wie Fahnen im Wind.

Da wir noch einen Tauchgang machen wollen, müssen wir die Situation im Auge behalten und uns darauf einstellen. Wieder auf dem Schlauchboot angekommen, fragt Gavin:"Have you seen the barracudas - there were masses of thems wimming over the top - all the time!"

Natürlich habe ich die NICHT gesehen. Ich sehe eigentlich nie etwas. Wale habe ich auch noch keine gesehen. Immer wenn die da sind, bin ich woanders. Vielleicht gibt es ja überhaupt keine Wale und die anderen wollen mich nur auf den Arm nehmen. Wenn da nicht die Fotos wären ...

Barrakudas, Salpen und ein Mondfisch ...

... gegen 17.00 Uhr sind wir wieder im Wasser. Diesmal ist Bernhard mit dabei und wird zusammen mit André auf Fotopirsch gehen. Gavin hat seine große Videokamera und den Fotoapparat dabei, den ich mit hinunter nehme. Video- und Makroaufnahmen sind das Ziel dieses Tauchganges. Wenn Gavin den Fotoapparat hat, soll ich mit der Videokamera arbeiten und aufnehmen, was mir abbildenswert erscheint. Nun, denn man los. Die Strömung ist so gut wie eingeschlafen, dafür werden wir unten von einer heftigen Dünung hin und her gewirbelt.

An Videolicht ist überhaupt nicht zu denken und ich klinke die Lampe wieder an meinem Tarierjacket fest, um beide Hände fürden Fotoapparat frei zu haben. Bloß nicht mit dem teuren Gerät irgendwo anschlagen. Noch dazu, wo es doch nicht meins ist !

Gavin klemmt sich derweil in einer Felsspalte fest und versucht, die Videokamera nach oben gerichtet, die Barrakudas - die ich jetzt übrigens auch sehe - zu verfolgen. Danach kommen die Vents an die Reihe, Makrofotos, danach Gasblasen auf Video.

Schließlich gehen wir auf fünf Meter Sicherheitsstopp und landen in einer Wolke von - ja, seltsamen Wesen aus Gelee. Neben unterschiedlichen Quallen sind das vor allem die Salpen, die uns faszinieren. Merkwürdige Wesen, wie Quallen hauptsächlich aus Wasser bestehend. Als Gürtel oder Bänder werden diese Organismen als zusammengefügte Kolonien aus Individuen von Strömung und Wind durch das Meer getrieben. Viele Fragen zu diesen Wesen hat die Forschung bis heute noch nicht beantworten können.

Zwei von ihnen - unterschiedliche Arten - kommen uns besonders nahe und werden zum Opfer einer wahren Blitzlichtsalve aus Gavins Digitalkamera. Ich halte die Videocam und komme vor lauter Staunen zuerst überhaupt nicht auf den Gedanken, den Auslöser zu bedienen. Erst als die zweite Salpe in unser Sichtfeld treibt, fange ich an, zu drehen. Aus dem Augenwinkel bemerke ich dann, wie Gavin nach oben zeigt. Ich folge seiner Hand mit der Kamera und sehe auf dem LCD-Schirm einen riesigen Mondfisch nahe der Wasseroberfläche treiben. Ich halte einfach nur drauf, bis er aus unserem Blickfeld verschwunden ist ...

Wir können zufrieden sein mit unserer Ausbeute. Zurück an Bord erfolgt die normale technische Nachbereitung des Tauchgangs, wie Flaschen füllen, Kameras spülen und Nahrung aufnehmen.

Am Abend stehen wir wieder an der Reling und schauen den Schwärmen größerer Fische zu, wie sie Schwärme kleinerer Fische jagen, die wiederum Schwärme von noch kleinerem Krill jagen - wie im richtigen Leben eben. Irgendwo will auch wieder irgendwer irgend einen Wal gesehen haben ... angeblich.

Lieben Gruß, Wolf

5.05.2006 - Die Esperanza schaukelt sanft in der Dünung, als wir uns nach dem Frühstück zum Tauchen fertig machen. Wir - das sind André Barreiros, der freie Journalist aus Lissabon, der uns seit Beginn Expedition begleitet, Bernhard, Gavin und ich. Wir wollen versuchen, insgesamt drei Tauchgänge auf der Caldera zu machen. Ich habe mich mit Gavin dahingehend verständigt, dass wir auf unserem ersten Tauchgang beide unsere Fotoausrüstung mit hinunternehmen, um so viele Fotos wie möglich zu bekommen.

Die beiden übrigen Tauchgänge sollen im Wesentlichen der Video- und der Makrokamera vorbehalten sein. Ich werde dann Gavin assistieren, also etwa Licht setzen oder je nach Bedarf die Ausrüstung anreichen. Wir haben das bereits im letzten und vorletzten Jahr in der Nordsee exerziert und sind ganz gut dabei gefahren. André hat seine eigene kleine Digicam im Unterwassergehäuse dabei und wird zusammen mit Bernhard auf eigene Faust losziehen.

Unser Tauchplatz ist die Banco Dom João de Castro. Er liegt mitten im Atlantik, etwa jeweils 40 Seemeilen von den Inseln Terciera und Sao Miguel entfernt und ist in mehrfacher Hinsicht ein Seamount der besonderen Art. João de Castro steigt mit steilen Flanken aus 1.500 Metern Tiefe bis auf 17 Metern unter den Meeresspiegel auf.

In nur rund 20 Metern Tiefe sprudeln entlang zweier Bruchspaltensysteme zwischen 60 und 120 Grad Celsius heiße Quellen - so genannte Hot Vents - aus dem Felsen in das kalte Atlantikwasser.

Sie werden begleitet von vulkanischen Gasen, deren Blasen kettenförmig oder in dichten Vorhängen ausperlen. Diese bilden ein Gemisch aus hauptsächlich Kohlendioxid (CO2, ca. 90 Prozent), Schwefelwasserstoff (H2S), Helium (He) sowie Methan, und anderen Spurengasen. Die Austrittsstellen sollen in Tiefen von 150, manchmal 250 Metern hinunterreichen. Kommt man den Gasperlen zu nahe, soll man ein leichtes Brennen auf der Haut spüren. Das werde ich mit Sicherheit ausprobieren.

Auch die Morphologie dieses Seamounts bildet eine Ausnahme, da sein Gipfel in einer elliptischen, so genannten Caldera von rund 300 Metern im Durchmesser endet. Calderen (spanisch für Kessel) sind kesselförmige Einbruchsstrukturen, die sich über ehemaligen Magmenkammern gebildet haben, nachdem diese vollständig leergelaufen sind.

Calderen füllen sich bisweilen durch erneute Vulkanausbrüche wieder mit Lava auf. Bei einem Wiederaufleben der magmatischen Aktivität können sich schon mal kleine Vulkankegel neu auf dem Grund der Schüssel bilden.

Der Kegel des Dom João de Castro wird bis zum größten Teil aus Pillowlaven aufgebaut, kissenförmigen Strukturen, die sich bilden, wenn Lava untermeerisch ausfließt. Der die Gipfelregion umgebende bogenförmige Wall ist zum größten Teil aus basaltischer Lava entstanden, in einigen Bereichen durchsetzt mit vulkanischem Auswurfmaterial.

Etwa zehn Mal pro Jahr werden seismische Aktivitäten an diesem Seamount gemessen. Aus diesem Grund, aber auch wegen der starken Entgasungstätigkeit im Kraterbereich unter Wasser wird der João de Castro als potenziell aktiver Vulkan gelistet. Kein Wunder, in dem Alter ist man ja in der regelauch noch aktiv - als Vulkan zumindest.

Seine Existenz in der heutigen Gestalt soll der João de Castro einigen untermeerischen Vulkanausbrüchen im Dezember 1720 zu verdanken haben. Aus rund 100 Metern Tiefe soll er damals Asche und Wasserdampf, von den Nachbarinseln Terciera und Sao Miguel aus gut sichtbar, in die Atmosphäre geschleudert haben. Die dabei entstandene kleine Insel aus vulkanischem Lockermaterial haben die Winterstürme in den darauffolgenden Jahren dann wieder weggewaschen. Den harten Kern hat es bis heute erhalten, er bildet jetzt den einzigartigen Lebensraum, den es zu schützen gilt.

Besondere Umgebungen bilden auch spezielle Lebesräume. So haben sich im Bereich der direkten Austrittsöffnungen der Vents ganze Matten aus speziellen so genannten thermophilen, zumeist fadenförmigen Bakterien gebildet, die bestens unter diesen, für andere Lebensformen unzugänglichen Umständen gedeihen. Sie gewinnen ihre Lebensenergie, indem sie unter Sauerstoffabschluss Schwefelverbindungen auf biochemischem Wege reduzieren.

Auch die Artenvielvalt im Bereich dieser Lebensoase ist bemerkenswert. Auf einer einzigen Forschungsfahrt wurden in nur zwei Tauchgängen schon 80 verschiedene Arten von den Biologen der Universität der Azoren (UAC) identifiziert.

Dass auch die Politik diesen speziellen Lebensraum inzwischen anerkannt hat, zeigt die Tatsache, dass der Seamount von der EU als besonders schützenswertes Gebiet unter die Bestimmungen der Habitat-Richtlinie aufgenommen werden soll.

Nun ja, von dem Fischreichtum zumindest können wir uns ja gleich selber überzeugen. Aber den müssen wir erst einmal gefunden haben. Seit mindestens einer halben Stunde sind wir jetzt mit einem der großen Schlauchboote der Esperanza unterwegs und suchen den Berg im Meer. Langsam wird uns warm, in unseren Tauchanzügen und wir fragen uns, ob wir vielleicht den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen.

Laut der Koordinaten, die uns das GPS liefert,müssten wir direkt über dem Plateau sein. Allein das Grundgewicht an dem 30 Meter langen Seil an der Tauchboje findet den Meeresboden nicht, auch nachdem wir es mit allen an Bord befindlichen Tampen bis auf rund sechzig Meter verlängert haben. Merkwürdig - so schwierig kann das doch gar nicht sein. Immerhin liegt die Esperanza nur 200 Meter von uns entfernt vor Anker - und deren Kette reicht nicht bis in die Tiefsee!

Nachdem auch André schnorchelnderweise vergeblich versucht hat, den Gipfel von der Oberfläche aus zu finden, beschließen Gavin und ich, an der Stelle, die uns das GPS als die richtige angibt, abzutauchen. Sollten wir nach etwa fünf Minuten nicht wieder oben sein, sollen die beiden anderen nachkommen.

Als wir in 30 Metern immer noch weder Grundberührung noch Sichtkontakt haben, gibt Gavin das Signal zum Auftauchen. Irgend etwas ist hier schief gelaufen. Wir fahren zurück zu Esperanza. Wir müssen nun unsere GPS-Daten mit denen des Schiffes abgleichen, die Tauchboje mit einer längeren Shotline versehen, und möglicherweise das Boot wechseln. Das Schwesterboot ist zusätzlich mit einem Grundsonar ausgestattet, mit dessen Hilfe wir eine so auffällige Struktur wie einen Vulkan auf dem Meeresgrund wohl kaum noch verfehlen dürften.

Nächster Versuch ... Nach Lunch und Nachpressen unserer Taucherflaschen starten wir die nächste Runde. Diesmal ohne Bernhard. Er will versuchen, telefonisch leihweise eine Drop Cam für Montag zu organisieren.

Das Rätsel um die vergebliche Suche nach dem Vulkan im Atlantik hat sich auch gelöst. Das Handheld-GPS war seit den Einsatz der Esperanza gegen den japanischen Walfang in der Antarktis noch nicht wieder eingesetzt worden. Die Grundkalibrierung der Bezugskoordinaten war also noch auf die Pazifik relevanten Koordinaten eingestellt. Kleine Ursachen - große, große Wirkung. Die Anzeige lag nur um etwa hundert Meter daneben - bei einer kleinen Gipfelfläche mitten im Atlantik kann das eben doch ziemlich nervig sein.

Jedenfalls haben wir jetzt einen Tauchgang weniger als geplant und stehen somit stärker unter Druck, gute und genügend Bilder zu liefern ...

... in Kürze mehr, lieben Gruß, Wolf

3./4.05.2006 - Fortuna ist wieder weg! Heute gegen 14.00 Uhr Ortszeit haben wir unseren Phoenix verloren. Nach einem ersten wiederum sehr erfolgreichen Tauchgang am Vormittag kollidiert der Rahmen mit dem Steilhang eines Unterwasserberges und verhakt sich vermutlich unter einem Felsüberhang.

Da die Ersperanza mit der Strömung treibt, kommt jede Reaktion zu spät. Das Kabel, für eine Tonne Last ausgelegt, hält dem Zug schließlich nicht mehr Stand und reißt mit einem lauten Schnappen und einem Feuerstrahl kurz oberhalb der Wasserlinie.

Nun scheint "Phoenix" endgültig dahin! Was uns bleibt, sind rund 200 Meter Kabel, fein säuberlich aufgewickelt, mit einem verschmorten Ende. Nachdem sich der erste Schock gelegt hat, fangen wir an, neue Pläne zu schmieden - es muss ja weiter gehen

Durch die veränderte Situation gezwungen, müssen wir nun einige der vorgesehenen Tauchplätze streichen. Vorerst steht uns zwar noch der Unterwaserroboter zur Verfügung. Dessen Einsatztiefe beschränkt sich allerdings auf 300 Meter und der wir können ihn nur bei geringer Strömung und niedrigen Wellen einsetzen. So entschließen wir uns, direkt Kurs auf Station neun, den Gipfel des Seamount D. Joao de Castro bei Position 38 Grad 13 Minuten Nord, 26 Grad 36 Minuten West zu nehmen.

Dieser Seamount ist einer der interessantesten Stationen dieser Expedition. Sein Gipfel, der bis auf 16 Meter unter den Meeresspiegel hinauf reicht, bildet eine Caldera - einem trichterförmigen Einsturzkrater über einer ehemaligen Magmenkammer - mit hydrothermal aktiven Spalten. Aus diesen Öffnungen im Gestein strömt beständig bis zu 60 Grad Celsius heißes Wasser, begleitet von vulkanischen Gasen. An diesen so genannten hydrothermalen Vents haben sich spezielle Lebensgemeinschaften etabliert, die wir versuchen wollen, zu dokumentieren.

Die steilen Außenhänge der Caldera scheinen uns in unserer derzeitigen Situation nicht erreichbar. Die Calderenregion selber allerdings liegt mit 16 bis 30 Metern in Tauchtiefe und - falls die Situation es erlaubt - werden wir hier selber einige Tauchgänge machen.

Inzwischen werden verschiedene Optionen zum weiteren Vorgehen diskutiert. Schließlich wird beschlossen zu versuchen, im Laufe des Wochenendes unseren Phoenix wiederzufinden und nach Möglichkeit zu bergen. Die Chancen hierfür stehen nicht schlecht. Immerhin kennen wir die genaue Position und wir können die ungefähre Lage der 800 Meter Kabel bestimmen, die noch am Schlitten hängen.

Gleichzeitig ordert Bernhard telefonisch bei SIMRAD für den kommenden Montag eine Mietkamera, die aus England eingeflogen werden soll. Immerhin haben wir noch rund 200 Meter einsatzfähiges Kabel auf der Winde. Das schränkt unseren Aktionsradius zwar ein, doch wollen wir jede Möglichkeit ausschöpfen, das Projekt zum Erfolg zu führen.

Inzwischen sind wir an der Caldera eingetroffen und die Esperanza geht vor Anker. Dieser Ort ist schon etwas Besonderes. Gegen Abend scheint auch für Wale, Fisch und Vögel Lunchzeit zu sein. Um das Schiff herum tauchen plötzlich Schwärme von kleineren Fischen auf, die nach Krill jagen, ihrerseits verfolgt von Schwärmen größerer Fische, Schnappern etwa, und Makrelen.

Über diesem Gebrodel, dass sich an der Wasseroberfläche gut verfolgen läßt, kreisen Möven und Seeschwalben, die sich hin und wieder im Sturzflug in die Tiefe fallen lassen. Einige besonders schlaue Seeschwalben nutzen die Reeling der Esperanza als Aussichtspunkt, um auf eine gute Gelegenheit für den Beuteflug zu warten.

Wir sind gespannt, wie es unter Wasser aussieht und freuen uns darauf, morgen endlich einmal selber abtauchen zu dürfen, anstatt immer nur Maschinen hinunter schicken zu müssen ...

Lieben Gruß, Wolf

2.05.2006 - Wieder einmal liegt eine lange Nacht hinter uns. Das Triumvirat Gavin, Bernhard und Ramon haben es bis zum frühen Morgen geschafft, den neuen Schlitten fertig zu schweißen und die elektronische Signalübertragung neu zu konfigurieren. Jetzt geht es an den Zusammenbau, danach wird der erste Testlauf zeigen, wo wir stehen.

Gegen Mittag ist es soweit: wir lassen unser neues Modell Mark II oder auch Phoenix zum ersten Mal eintauchen. Der erste Testlauf zeigt noch einige Probleme bei Steuerung und Trimmung, aber sowohl Bildübertragung, als auch Signalsteuerung funktionieren einwandfrei. Unser Vogel ist noch ein wenig hecklastig und schwingt in der Strömung unkontrolliert um sein eigenes Kabel. Daher bekommt er noch ein Strömungsblech und einige Tariergewichte verpasst bis alles stimmt.

Nach dem Lunch geht Phoenix wieder tauchen. Wie sind jetzt auf Station sieben der Expedition, vor der Gemeinde Ribeiras südlich der Insel Pico auf Position 38 Grad 23 Minuten 51 Sekunden Nord, 028 Grad 10 Minuten 19 Sekunden West. Wegen des Zeitverlustes durch den Um- bzw. Neubau des Systems musste eine Station aus der Planung genommen, eine andere auf einen späteren Zeitpunkt verschoben werden.

Fortuna hat sich uns jetzt wieder für einen Moment zugewandt. Die beiden folgenden Tauchgänge verlaufen reibungslos. Mehr noch, der zweite Flug des Phoenix übertrifft an Bildern alles, was uns vorher geboten wurde. Wir bewegen uns in Tiefenzonen zwischen 500 und 700 Metern und bekommen einen Querschnitt all der unterschiedlichen Lebensräume präsentiert, die wir vorher nur in Ansätzen sehen konnten.

Zwar müssen wir nun auf den schwenkbaren Kamerakopf verzichten, doch das System ist leicht vornüber geneigt ausbalanciert und in Weitwinkelstellung wird ein großer Bildauschnitt erfasst.

Die Auswertung des gesammelten Materials wird einige Zeit in Anspruch nehmen. Wir sind so beindruckt von den Bildern des heutigen Tages, dass wir uns entschließen, noch einen weiteren Tauchgang an dieser Stelle zu machen. Gut also, morgen ist auch noch ein Tag und für heute sind wir alle ziemlich geschafft.

1.05.2006 - Condor Terra ... Land des Condors heißt unsere heutige Etappe. Der Spot, liegt auf westlich der Insel Faial auf 38 Grad 32 Minuten 15 Sekunden Nord, 029 Grad 02 Minuten 10 Sekunden West und ist in unserem Routenplan mit 211 Metern Tiefe angegeben.

Das ist relativ flach und wir überlegen uns - günstige Strömungsverhältnisse vorausgesetzt - ob wir nicht auch zusätzlich unseren kleinen Unterwasserroboter ausbringen könnten. Sein Einsatz ist auf Tiefen bis höchstens 300 Meter begrenzt und seine vier Elektromotoren können gegen eine Strömungsgeschwindigkeit über einem Knoten (eine Seemeile pro Stunde, etwa 1,8 Kilometer pro Stunde) nicht mehr effektiv operieren.

Gegen halb zehn vormittags Ortszeit - das sind etwa zwei Stunden später als in Deutschland - lassen wir die Drop-Cam wieder zu Wasser. Wer von Mannschaft und Schiffsführung etwas Zeit erübrigen kann, findet sich im Helihangar ein und versucht ein Plätzchen vor den Bildschirmen zu ergattern.

Der erste Tauchgang bietet wieder Anlass zu vielen lauten Ahs und Ohs vor den Monitoren. Die Fahrt geht über ein ausgedehntes Geröllfeld und führt uns durch einen üppigen Wald eng zusammenstehender Fächerkorallen von weißer bis gelblicher Färbung. Die Biologen haben die Art noch nicht genau bestimmt, können sie jedoch grob auf Gorgonaria eingrenzen. Peitschenartige, unverzweigte, und ebenfalls weiße Korallen der Art Viminella flagellum ergänzen die Gorgonarien. In den Nischen zwischen den einzelnen Felsblöcke blitzen hin und wieder silbrige, weiße und rote Reflexe auf - kleinere Fische, Weichtiere und Crustaceen, die Schutz vor dem suchen, was ihnen vielleicht wie eine fliegende Untertasse erscheinen mag.

Rundum zufrieden mit dem bisher gewonnenen Video- und Fotomaterial beenden wir den ersten Gang nach etwa zwei Stunden. Der Chip der digitalen Fotokamera ist voll und muss ausgewechselt werden. Das trifft sich eigentlich ganz gut, denn es ist lunchtime und in der Messe kann man hervorragend über die Dinge spekulieren, die einem da unten so begegnet sind - ... wars´ ein Barsch oder vielleicht doch eine Art Lippfisch? ... Kann nicht sein, die haben doch ganz andere Flossen - aber hast du das komische Vieh gesehen, das da vorne unter dem Stein ...

Broken Wings ...

Drop-Cam die Zweite, kurz nach Lunch - alles fängt an, wie es aufgehört hat: Fischchen und Krebschen im Scheinwerferlicht, auf dem Hartgrund der Felsen fest sitzende Schwämme und Korallen.

Aber auf einmal, knapp 30 Minuten später, wird´s hektisch: die Drop-Cam schlägt gegen einen harten Brocken - einen sehr harten Brocken, wie die Bilder suggerieren - schleift über Grund und wirbelt kleinere Brocken von Irgendwas ins Bild.

Anscheinend sind wir gegen den steilen Hang eines Unterwasserberges gestoßen: Bernhard zerrt hektisch am Lifthebel der Winde, um die Ausrüstung in sichere Höhe zu hieven, dann sehen wir noch einen bewachsenen Felsbrocken auf uns zurasen, ein heller Blitz - das wars´ - ab jetzt sehen wir schwarz ...

Cool bleiben ist die Devise, trotz des Adrenalins im Blut, vorsichtig das Kabel anhieven und schauen, was noch dranhängt. Die Esperanza macht noch Fahrt in der Strömung. Der Verlauf des Kabels an der Winde zeigt uns, dass noch etwas mit Gewicht dranhängen müsste, welches sich der Strömung wiedersetzt. Vielleicht ist der Schaden ja doch nicht so groß. Endlich, nach 500 Metern eingerollten Kabel taucht das auf, was einmal unsere Drop-Cam war - ein loser, aber immerhin noch zusammenhängender Haufen wirr miteinander verknäulter Gegenstände. Der Condor ist also gelandet, und hat sich seine Flügel gebrochen.

Wir holen die Bruchstücke an Bord und sortieren die Einzelteile vor dem Helihangar. Fazit: Das Kamerachassis ist aus der Halterung gerissen, die Videoeinheit hängt lose am Kabel. Zusätzlich haben wir uns auch noch ein Stück Fischerei-Langleine eingefangen, mit dem verrosteten Rest eines Hakens und einigen Organismen dran. Eine Solotärkoralle namens Cariophyllia cyathus, sowie winzige Kolonien von Hydrozooen und Bryozoen besiedeln die verknäulte Plastikschnur.

Die genaue Inspektion ergibt, dass unsere Geräte alle noch funktionieren, lediglich Halterungen und einige der Spezialkabel sind zerfetzt. Also, kein Grund zur Panik, die Kabel können wir ersetzen und was die Halterung angeht - wir bauen etwas Neues.

Diesmal soll es etwas Stabileres sein, ein Rahmen aus Eisenrohr, der die empfindlichen Geräte schützt und selber einen kräftigen Stoß vertragen kann. Zusammen mit Ramon, unserem niederländischen Genius am Schweißgerät, entwerfen Bernhard und Gavin einen entsprechenden Konstruktionsplan. Also los, auch dieser Tag wird wieder lang. Morgen soll der neue Schlitten fertig und im Wasser sein - und Phoenix soll er heißen ...

Fortuna hat uns vielleicht noch nicht ganz verlassen - sie war wohl zu beschäftigt und hat nur mal kurz weggeschaut.

Lieben Gruß, Wolf

30.04.2006 - Der Himmel zeigt sich heute in marineblau - kein Wunder, es ist ja Sonntag. Pünklich um 08.00 Uhr geht der Anker hoch - in der Seefahrt heißt das: der Anker wird gelichtet. Ob dieser Begriff jetzt von leichtern kommt oder ausdrücken soll, dass der Anker ans Tageslicht kommt, konnte mir auch keiner an Bord erzählen ... na ja, war vielleicht auch `ne blöde Frage.

Gerade hat die Esperanza Fahrt aufgenommen und wir haben uns in die letzten Vorbereitungen für die zweite Etappe unseres Projektes gestürzt, als die Alarmglocke ohrenbetäubend schrillt - Probealarm. In unregelmäßigen Abständen und jedenfalls immer dann, wenn neues Personal auf die Esperanza kommt, wird eine solche Abandon-Ship-Übung angesetzt, damit im Notfall auch jede/r weiß, wo was zu finden und was überhaupt zu tun ist. Wir haben sofort alles stehen und liegen gelassen und uns sofort zum Sammelpunkt - in diesem Fall ist es der Helihanger - zu begeben.

Im Verlaufe der Übung werden einige Mitmenschen auserwählt, sich in die dicken Überlebensanzüge aus Neopren zu quälen. Den Umstehenden bereitet das jedes Mal ein gewisses Vergnügen, da man sich in solcher Kluft doch eher unbeholfen fühlt. Vor zwei Jahren war ich an der Reihe, und der Rest der Menschen hatte seine Freude daran, mich in dem roten Zeug verschwinden zu sehen. Diesmal kann ich mich entspannt zurücklehnen.

Der Drill dauert etwa eine halbe bis dreiviertel Stunde und das Schiff ist unterdessen am Ziel bei Position 38 Grad 34 Minuten 37 Sekunden Nord und 28 Grad 49 Minuten 20 Sekunden West eingetroffen. Der Meeresboden an unserer zweiten Etappe, der Varadouro-Bucht vor der Ortschaft Caphelinhos an der Südküste Faials, liegt in etwa 700 Metern Tiefe.

Die Karten zeigen eine flache Grundfläche ohne nenneswerte Erhebungen. Wir versprechen uns daher ausgedehnten Sandgrund mit einigen Steinen oder Felsbrocken und erwarten eine angepasste Lebewelt, die sich vornehmlich aus sessiler - also fest auf dem Substrat aufsitzender - Bodenfauna zusammensetzen wird.

Doch bevor es jetzt aber an das Eingemachte geht, soll noch das gute Wetter genutzt werden. Schließlich soll die gesamte Kampagne ausführlich in Wort und Bild dokumentiert werden und auch dafür muss die Zeit da sein.

Das vorbereitete Banner wird in der besten Position an Backbordseite aufgehängt, ein Schlauchboot zu Wasser gelassen und Kameraleute und Fotografen machen sich ans Werk. Gavin lässt sich am Kran hängend außerbords fieren, um die Bilder von der über Bord gehängten Drop-Cam zu machen.

Nach rund zwei Stunden ist auch diese Aufgabe gelöst und gegen 15.00 Uhr geht unser Werkzeug, wir haben es rückblickend Mark I getauft, dann endlich ins Wasser. Unsere Biologen von der Uni Gui, Fernando and Filipe haben die Unternehmung auch diesmal gut vorbereitet.

Und wieder sitzen wir gespannt vor den insgesamt sieben Monitoren im abgedunkelten Helihangar und warten bis der Lichtstrahl auf den Meeresgrund fällt. Es bietet sich uns ein ähnliches Bild wie am Vortag. Trotzdem kommt keine Langeweile auf, denn immer wieder gleitet etwas Neues aus dem dunklen Umfeld in den begrenzten Lichtkreis der Scheinwerfer. Die Neugierde auf das, was als nächstes kommen könnte, hält die Aufmerksamkeit hoch.

Am Ende dieses Tauchganges haben wir doch einiges mehr gesehen als gestern. Wenig Fisch, dafür wie erwartet, filigran aussehende Korallen, Seeigel und verschiedene Krebsarten. Ein kleiner, rot gefärbter Oktopus löst Begeisterung beim Publikum aus. Wenn auch noch nicht der immer wieder beschworene Riesenkalmar, so ist es doch ein weitläufig Verwandter des großen Cephalopoden - na ja und jeder hat ja mal klein angefangen.

Nicht immer gelingen die Fotos so, wie wir es gerne hätten. Die Kamera driftet mit einer gewissen Geschwindigkeit über den Grund und der Autofocus hat oft Mühe, rechtzeitig auf das gewünschte Motiv scharf zu stellen. Oft genug löst der Verschluss auch erst aus, wenn die Beute längst wieder hinter uns im Dunkel verschwunden ist.

Trotzdem können wir zufrieden sein. Bis jetzt hat alles zuverlässig funktioniert und außer ein paar Nachbesserungen im laufenden Betrieb brauchten wir keine größeren Veränderungen am System vorzunehmen. Auch die Ausbeute an Bildmaterial stellt Wissenschaftler, Greenpeace-Fachleute und Operatoren gleichermaßen zufrieden.

Morgen wollen wir auf Condor Terra, der 200 Meter-Tiefenlinie im Westen Faials landen. Über diese Stelle ist noch wenig bekannt. Alle hoffen, dass Fortuna uns weiterhin gewogen bleibt ...

Lieben Gruß, Wolf

29.04.2006 - Dieser Tag wird zeigen, ob und - wenn ja - wie unser Kamera-System zur Erforschung der Tiefsee funktionieren wird. Wir wollen mit der Esperanza ein laufendes Forschungsprojekt des Instituts für Ozeanografie und Fischerei der Universität der Azoren unterstützen. Während sich Mike-Elek, unser Fachmann für Strom und Widerstand, um die Sicherung unserer hydraulischen Winde kümmert, kommen die vier Wissenschaftler der Uni an und richten sich an Bord ein.

In Abstimmung mit dem Institut ist ein Tourplan erstellt worden, auf dem die einzelnen Stationen für die Tauchgänge eingetragen sind. Doch so hilfreich schöne Pläne für die grobe Orientierung auch sein mögen - letztendlich haben sie sich doch den Gegebenheiten der Realität zu beugen. Wie die Erfahrung zeigt, geht es niemals so glatt, wie mensch sich das so denkt. Schon gar nicht auf See - und mit der Technik ist das meistens auch so eine Sache.

Die Wissenschaftler, alles Meeresbiologen, sind in erster Linie daran interessiert, Daten über die speziellen Tiefsee-Lebensräume im Bereich der zahlreichen Seamounts in den Gewässern um die Azoren zu sammeln. Was hat es nun eigentlich mit diesen Bergen oder gar ganzen Gebirgen auf sich, die vom Meersgrund aus über tausend Meter Tiefe mit steilen Hängen oft bis auf wenige hundert oder gar zehner Meter unter die Meeresoberfläche aufragen? Und warum gibt es gerade in dieser Gegend so viele von diesen Seebergen?

Zusammen mit noch anderen Inseln und Inselgruppen, etwa Ascension, Jan Mayen oder auch Island gehört das Archipel der Azoren zu den so genannten Makaronesischen Inseln. Sie bilden die Gipfelgegionen des Mittelatlantischen Rückens, des riesigen untermeerischen Gebirges, welches den Atlantik von Nord nach Süd in zwei Hälften teilt.

Dieses Gebirge ist magmatischen Ursprungs. Es hat sich im Laufe der vergangenen rund 200 Millionen Jahre entlang einer Nahtstelle zwischen zwei tektonischen Platten der Erdkruste aufgetürmt. Mit einer Geschwindigkeit von an einigen Stellen bis zu mehreren Zentimetern pro Jahr driften die Amerikanische- und die Eurasische Kontinentalplatte seither auseinander. An einer rechtwinklig zum Mittelatlantischen Rücken verlaufenden Querstörung, der so genannte Azoren-Gibraltar-Störung, die durch die Meerenge von Gibraltar durch das Mittelmeer nach Osten verläuft, reiben sich wiederum die Eurasische- und die Afrikanischen Platte aneinander.

Aufsteigendes Magma aus dem Erdinnern füllt den immer wieder neu aufreißenden Graben zwischen den divergierenden Platten des Mittelatlantischen Rückens beständig auf - neuer Meeresboden entsteht. Entlang dieser divergierenden Kontinentalränder bildeten sich auch die Azoren. Infolge andauernder vulkanischer Eruptionen wurden sie - wie auch Island - im Laufe der Zeit bis über den Meeresspeigel hinaus angehoben.

Ein weiteres Phänomen, unter dem Namen Hot-Spot-Vulkanismus bekannt, ist neben dem Magmatismus der Kontinantalränder mit für die Bildung von vulkanischen Inseln beteiligt. Hier steigt - meist in enger Nachbarschaft zu aktiven Kontinentalrändern - heißes Magma aus dem Erdmantel bis in die Erdkruste hinein auf. Diese so genannten Plumes oder auch Mantle Plumes erhitzen die Kruste darüber wie eine Art Schweißbrenner von unten her und lösen unterschiedliche vulkanische Aktivitäten aus.

Die Erdkruste wandert langsam über diese im wesentlichen stationären Hot Spots hinweg während vulkanische Aktivität und Ruhephasen miteinander abwechseln. Inselketten, wie beispielsweise Hawaii aber auch die Kanarischen Inseln - oder eben die Azoren - sind das Ergebnis derartiger Vorgänge. Erst vor wenigen Jahren ist der aktuellen Geoforschung der Nachweis für die Existenz eines aktiven Mantle-Plumes unter Island gelungen.

Die Azoren liegen rund 200 Kilometer südöstlich der Schnittstelle dreier tektonischer Platten. Die älteste Azoreninsel ist Santa Maria - sie hat etwa 150 Millionen Jahre auf dem Buckel. Ihre jüngeren Schwestern sind erst 20 Millionen Jahre später aufgetaucht.

In der näheren und weiteren Umgebung dieser Inseln haben sich nun infolge dieser verschiedenen vulkanischen Aktivitäten noch weitere Vulkanberge auf dem Meeregrund aufgetürmt. Sie haben es einfach noch nicht geschafft, bis über den Meeresspiegel hinauszuwachsen, und sind eben - erstmal - Seamounts geblieben. An den Hängen derartiger Erhebungen unter Wasser, mit oft außergewöhnlich steilen Hängen und extremen Lebensbedingungen, haben sich Organismen und Lebensräume gebildet, die unserer Wahrnehmung in der Regel verborgen bleiben.

Spektakuläre Strandungen riesiger Kalmare, alte Seefahrergeschichten von ominösen Ungeheuern, aber auch Bilder, die Bio- und Geoforschung erst vor kurzem aus den Regionen der Tiefsee ans Tageslicht bringen konnte, steigern die Spannung und regen die Neugierde an.

Aber auch die Ausbeutungsgier regt sich schon. Wie kann man die hoch konzentrierten Erzschlämme im Bereich hydrohermaler Felder in der Tiefsee oder die Methanhydrate an den Hängen der Kontinentalschelfe abbauen und gewinnbringend verschachern? Wie kann man mit wenig Aufwand an den genetischen Pool der so genannten extremophilen Organismen der Tiefsee kommen und möglichst schell möglichst hohen Profit herausschlagen? Das fragen sich globale Industrieunternehmen schon heute - die Jagd ist eröffnet, noch bevor man das Revier und seinen eigentlichen Reichtum für das Ökosystem wirklich kennt.

Es ist früher Nachmittag. Die Esperanza legt ab und nimmt Kurs auf die erste Station. Nach kaum zehn Seemeilen Fahrt lassen wir schließlich gegen 17.00 Uhr zum ersten Mal vor dem Küstenort Feteira unser Drop-Cam-Ensemble zu Wasser. Die Forscher der Uni sind gut vorbereitet: Sie präsentieren uns recht genaue bathymetrische Karten des Meeresbodens mit exakten Tiefenangaben und morphologischen Details des Grundes. So sind in diesem Bereich auch Seamounts zu erwarten und wir sind gespannt, was der erste Testlauf uns denn so an Erfahrungen bringen wird.

Die Esperanza driftet in der Strömung und versucht mit langsam drehender Schraube den Kurs zu halten, während die hydraulische Winde langsam abspult. Endlich, in 580 Metern Tiefe haben wir Sicht auf den Grund. Im Lichtkegel der Scheinwerfer erkennen wir zuerst nur eintönigen Sandboden, der in mäßigem Tempo unter der Videokamera vorbeizieht. Gavin bedient Auslöser und Steuerung von Digitalkamera und Schwenkkopf, Bernhard sitzt leicht angespannt am Fernsteuerungshebel der hydraulische Winde, um die Flughöhe der Kamera den Bodengegebenheiten anzupassen.

Jetzt tauchen hin und wieder einzelne, unregelmäßig geformte Felsbrocken auf, die mit unterschiedlichen Organismen bewachsen sind. Wir unterscheiden weiße, peitschenförmige von gelblichen Fächerkorallen, Schwämme und andere Hartgrundbewohner, die wir in der Eile nicht bestimmen können. Da werden uns später die Fotos helfen, die Gavin hin und wieder schießt.

Manchmal flüchten kleinere Fische vor dem hellen Scheinwerferlicht ins Dunkel, Garnelen nehmen Reißaus vor dem fremden Ungetüm. Deutliche Wühl- und Grabspuren im Sandgrund, zeigen uns, dass auch größere Fische nach Nahrung suchen und trichterförmige Vertiefungen belegen die Anwesenheit von im Sand vergraben lebenden Würmern.

Nach ungefähr einer Stunde ungetrübter Freude - abgesehen von einigen folgenlosen touchdowns in den weichen Sandboden - wird uns die Drift doch zu stark. Die Esperanza hat sich etwas gedreht und das Kabel hängt mittlerweile in recht steilem Winkel nach achtern querab aus der Führungsrolle des Halterahmens.

Mit dem Ergebnis unserer ersten Testfahrt zufrieden beschließen wir, das Gerödel wieder hochzuhieven. Über einige Verbesserungen im laufenden Betrieb werden wir uns noch Gedanken machen müssen. Aber die Bilder und Videosequenzen, die Gavin eingefangen hat, geben Anlass zur Hoffnung auf mehr. Der große Riesenkalmar Archaetheutis Dux hat sich zwar noch nicht gezeigt, aber vielleicht sollten wir darauf auch nicht wirklich hoffen ...

Also dann auf ein Neues. Am Sonntag geht es weiter ... Wolf

28.April - Der Freitag gestaltet sich ähnlich wie der gestrige Tag. Die Waltruppe bricht am frühen Morgen zu ihrer zweiten Waldoku-Tour auf, und ein Großteil der Mannschaft nimmt an einem kommerziellen Whale-Watching Trip teil, der extra für uns organisiert worden ist.

Die Tiefsee-Crew setzt nach einer kurzen Nacht die technische Anpassung der Geräte fort. Das ROV läuft seit gestern einwandfrei mit der neuen Videokamera. Die Datenübertragung zwischen den Kameras auf der Drop-Cam-Einheit, der Brücke und der Aufnahmezentrale im Heli-Hangar funktioniert seit dem Nachmittag auch fast reibungslos.

Lediglich die hydraulisch betriebene Winde, mit der das Halte- und Steuerkabel ausgefahren und wieder eingeholt wird, gibt sich noch ein bisschen bockig. Zuerst springt die Maschine überhaupt nicht an, später, nachdem Bernhard die Kabelbelegung mehrfach geändert hat, schmelzen regelmäßig nach etwa zwei Stunden Laufzeit die Sicherungen durch.

Das ist letztlich ein Fall für Mike, den Schiffselektriker, der sich wieder bei der Unterstützungsmannschaft auf der Exkursion zu den Walen befindet.

Er wird sich morgen darum kümmern müssen. Immerhin, Foto- und Videokamera liefern Bilder, der Blitz löst aus, und die GPS-Positionsdaten lassen sich auch problemlos auf einen der insgesamt sieben Monitore legen, die wir im hinteren Teil des Helihangars aufgestellt haben. Eigentlich kann es jetzt losgehen und wir sind schon sehr gespannt auf den ersten Testlauf, der für morgen nachmittag angesetzt ist.

Inzwischen ist es 18.00 und die Walcrew ist auch wieder da. Die Kommentare ähneln denen von gestern: die Sicht war noch immer nicht besser und die Wale haben sich auch nicht richtig kooperativ verhalten.

Aber immerhin, es waren wieder welche da und Gavin hat einige Aufnahmen von abtauchenden Pottwalen und einem Blauwal machen können. Russel ist wieder zufrieden mit dem Ergebnis, konnte er doch weiteres Material für seine Identifikations-Datenbank gewinnen. Auch die Teilnehmer an der kommerziellen Waltour zeigen sich zufrieden bis begeistert. Kein Wunder, kommt man doch nicht jeden Tag so nahe an Großwale heran ...

Lieben Gruß, Wolf

27.04.2006 - Das Wetter hat sich stabilisiert und das Walforschungsteam bricht pünktlich um 08.15 Uhr zu seiner ersten Ausfahrt auf. Das Team besteht aus zum einen aus Gavin Newman und Russel Leaper, die beide eine spezielle Genehmigung der Regierung haben, sich den Walen zu Forschungs- und Dokumentationszwecken bis auf kurze Distanz zu nähern. Sie operieren von einem kleinen Schlauchboot aus, welches sie so nah wie möglich an die Tiere bringt, ohne sie zu stören oder zu gefährden.

Begleitet werden sie von einem zweiten, größeren Boot, auf dem sich die Unterstützungscrew bestehend aus Mike und Ramon von der Esperanza, den Videografen Richard und Phil, sowie der Meeresbiologin Monica als ortskundige Führung bereit halten. Dieses Boot muss immer einen angemessenen Abstand zu den Meerssäugern halten.

Wo aber findet man die Wale? Nun, dank alter Gebräuche ist das in dieser Gegend kein allzu großes Problem. Noch bis vor etwa zwanzig Jahren wurden Großwale auf den Azoren auf traditionelle Weise von kleinen Booten aus mit Harpunen gejagt, die - ganz im Stil von Melvilles´ Roman Moby Dick - von Hand geschleudert wurden.

Das Jagdgebiet beschränkte sich auf die Küstenzone und die Bestände waren zu keiner Zeit gefährdet, da die Jagd nie industrielle Dimensionen erreichte. Die Weiterverarbeitung der erlegten Tiere vornehmlich zu Tran, aber auch zu Fischködern und Souveniers erfolgte direkt vor Ort. Erst 1989 erklärte die autonome Regierung des Archipels schließlich ihr Hoheitsgebiet zur absoluten Schutzzone für alle Meeressäuger.

Besonders begehrt waren seit jeher die wertvollen Pottwale, deren Wanderwege sie direkt in die Gewässer um die Inselgruppe führt. Um sie zu orten, hatten die Azorianer bereits im 19. Jahrhundert ein spezielles Überwachungssystem entwickelt. Ein ausgeklügeltes Netzwerk von optimal angelegten Spähposten an allen wichtigen Aussichtspunken des Archipels garantierte jederzeit ausreichende Beute.

Rund um die Uhr wurden die gesamten Küstengewässer auf diese Weise von den Vigias - den Walspähern überwacht. Der Ruf baleia, baleia alarmierte die Walfänger in den Küstenkommunen, sobald der typische Blas in erreichbarer Entfernung gesichtet wurde. Zusätzlich konnte der Alarm über Schall- oder Leuchtsignale auch über große Entfernungen hinweg übermittelt werden.

Dieses effektive Überwachungssystem wird heute für wissenschftliche und touristische Zwecke weiterhin genutzt. Whale Watching unter strengen Sicherheits- und Schutzbestimmungen hat sich zu einer lukrativen Einnahmequelle auf den Azoren entwickelt und bietet gleichzeitig der Wissenschaft beste Bedingungen für die Feldforschung. Die Vigias-Stationen, von denen es pro Insel jeweils vier bis fünf gibt, garantieren noch heute erfolgreiche Sichtungen.

Die Späher sitzen in kleinen containerartigen Hütten - den so genannten bufos - hoch über dem Meer. Mit ihren Feldstechern können sie auf einer Entfernung von bis zu zehn Seemeilen die unterschiedlichen Blasfontänen von Pott- und verschiedenen Arten von Bartenwalen identifizieren.

Auch unsere Walforscher machen sich die Erfahrungen der Azorianer zu Nutze: Monica, unsere Kontaktperson zur Universität, hat unsere Crew bereits vor Tagen bei den Vigias angemeldet und bekommt nun, als das Wetter sich bessert, auch prompt die ersehnte Rückmeldung. Eine Gruppe Pottwale ist am frühen Morgen vor der Küste der Nachbarinsel Pico aufgetaucht. Kurz darauf werden auch Finn- und Seiwale gemeldet. Das ist schließlich das Go! für unsere Leute. Na, mal sehen, was sie zurück bringen.

Die Tiefsee-Crew kümmert sich unterdessen weiterhin um die Ausrüstung. Das ROV liegt noch in Einzelteilen dort, wo wir es gestern Nacht verlassen haben. Wir entschließen uns nach eingehender Beratung, auf den Einbau der digitalen Fotokamera in das ROV zu verzichten.

Da es keine Möglichkeit der direkten Bilddatenübermittlung an die Oberfläche gibt, müssten wir das ROV nach jedem Tauchgang öffnen,um an den Speicherchip zu kommen. Auch die Stromversorgung kann nicht über das Versorgungskabel stattfinden, sondern läuft über die internen Kameraakkus. Auch diese müssten wir also nach jedem Tauchgang durch frisch geladene Zellen ersetzen. Im Hinblick auf die gute Ausstattung des Drop-Down-Systems können wir auf die zusätzliche Kamera verzichten. Also stimmen wir die neue Videoaufnahme-Einheit auf die Versorgungsteile des ROV ab, und fahren den ersten Testlauf erfolgreich auf dem Trockenen. Jetzt geht es an das Drop-Down-System und die hydraulische Winde, mit dessen Hilfe die Ausrüstung an dem insgesamt rund 1.000 Meter langem Kabel in die Tiefe gelassen werden soll.

Am späten Nachmittag treffen schließlich unsere Walbeobachter - nach rund sieben Stunden Exkursion - wieder auf der Esperanza ein. Nach den Erzählungen hat es wohl viele Tiere gegeben. Pott- und Finnwale zur Genüge, sogar Blauwale waren dabei. Trotzdem, die Reaktionen auf unsere neugierigen Fragen sind gemischt. Während sich der IFAW-Forscher Russel zufrieden mit der ersten Tour zeigt, ist Gavin ein wenig enttäuscht. Er war mit den Walen im Wasser und hat versucht, gute Video- und Fotoaufnahmen zu Stande zu bringen. Leider haben die Tiere nicht so richtig mitgespielt, und die Sicht lag wegen der einsetzenden Frühjahrsblüte des Phytoplanktons bei eher bescheidenen 15 Metern. Nun ja, morgen ist auch noch ein Tag und man soll die Hoffnung ja nicht aufgeben.

Ach ja, fast hätte ich noch etwas vergessen: das Esperanza-Gemälde an der Hafenmauer von Porta ist fast fertig. Einer Tradition folgend können die Schiffe, die den Hafen nach einem längeren Aufenthalt wieder verlassen, sich mit einer Art Visitenkarte in Form eines Graffitos an der Hafenmauer verewigen. Einige besonders begabte Crewmitglieder haben sich in den Regenpausen der letzten Tage dieser Herausforderung gestellt und ein nettes Kunstwerk zustande gebracht ...

Lieben Gruß, Wolf

26.04.2006 - Das Azorenhoch ist immer noch nicht da. Aber immerhin - es regnet nicht mehr in Strömen, sondern nur noch in einzelnen Schauern. Leider bläst auch noch ein kräftiger Wind, der die See recht unruhig aussehen läßt. Für unseren Zeitplan könnte sich das schlechte Wetter ungünstig auswirken, zumal das Meeressäuger-Projekt, das in der Hauptsache heute und morgen stattfinden soll, auf günstige Bedingungen angewiesen ist.

Der erste Tag an Bord dauert gleich richtig lange, gibt es doch vieles vorzubreiten und abzuarbeiten, um den Erfolg des Unternehmens Tiefsee sicher zu stellen. Hierfür müssen die verschiedenen Aufnamegeräte an die Bordbedingungen angepasst und miteinander vernetzt werden.

Den Vormittag verbringen Bernhard, Gavin und ich damit, unseren Unterwasser-Roboter auseinander zu nehmen, der schon vor einigen Wochen aus der deutschen Aktionsabteilung auf die Esperanza geschickt worden ist. Die Maschine - ein OFFSHORE-Hyball - ist ursprüglich für die technische Inspektion von Unterwasseranlagen, etwa Pipelines oder Schiffsrümpfen konzipiert worden, und daher nur mit einer entsprechend einfachen Kamera ausgestattet. Für die neue Aufgabe ist aber eine qualitativ hochwertige Bildwiedergabe notwendig.

Gavin Newmann, professioneller Fotograf, Kameramann und Allroundtalent, ist für die Unterwasserdokumentation zuständig. Die aus seinem Fundus stammende hochauflösende Videokamera soll nun gegen unsere einfache ausgetauscht werden. Zusätzlich wollen wir noch versuchen, eine digitale Fotokamera zu implantieren. Ich habe hierfür zwei verschiedene Modelle zur Auswahl aus Hamburg mitgebracht, von denen eines noch in meinem verschollenen Gepäck ist.

Für den Umbau müssen noch verschiedene Anpassungen vorgenommen werden, deren Ausmaß wir im Einzelnen jetzt noch nicht abschätzen können. Auf jeden Fall muss erst einmal alles zerlegt und durchgemessen, gegebenenfalls neu verkabelt und gelötet, und anschließend wieder zusammengebaut werden. Also, an die Arbeit ... hoffentlich bleiben nachher keine Teile mehr übrig.

Der Startschuß zum Azoren-Projekt fällt mit der Pressekonferenz, die für den frühen Nachmittag anberaumt ist. Das Schiff wird entsprechend herausgeputzt und wir müssen unsere Arbeit an unseren System unterbrechen, da Heli-Hangar und Heli-Deck - unsere eigentliche Operationszentrale - nun als Bühne für die Präsentation dienen soll.

Im Anschluss soll die erste der zwei speziell von der Regierung der Azoren genehmigten Ausfahrten zur Walbeobachtung stattfinden. Russel Leaper, der IFAW-Walforscher, konnte in den vergangenen Wochen sein Unterwasser-Mikrofon schon oft erfolgreich von der Esperanza aus einsetzen, um die Laute unterschiedlicher Walarten aufzunehmen und so quasi ihren Spuren zu folgen.

Er brennt nun schon seit Tagen darauf, seine Fotodatenbank zu erweitern. So können zum Beispiel einzelne Pottwale anhand der Fluke identifiziert werden. Das Verfahren ist mit Erfolg bereits in Patagonien und der Halbinsel Valdez mit Glattwalen angewandt worden. So können unter anderem Erkenntnisse zu den Wanderwegen einzelner Arten gewonnen werden.

Und auch Gavin hat seine Ausrüstung schon vorsorglich bereit gelegt. Er ist der einzige von uns, der die Erlaubnis erhalten hat, im Schutzgebiet Unterwasseraufnahmen von Walen zu machen. Nur unter strengen Auflagen und nach eingehender Prüfung des Antragstellers werden solche Genehmigungen erteilt.

Bedauerlicherweise bleibt das Wetter zu unbeständig. Die geplante Exkursion muss daher für heute ausfallen und wird auf morgen verschoben. Da die Wettervorhersage für die kommenden Tage günstig ist, bekommt das Walprojekt nun noch einen zusätzliche Tag zur Verfügung gestellt.

Nun, uns, der Tiefsee-Crew, kann das nur recht sein - gewinnen wir auf diese Weise doch noch ein wenig Zeit, unsere technischen Anpassungen vorzunehmen. Außerdem können wir versuchen, möglichen Problemen schon im Vorfeld zu begegnen.

Und noch eine gute Nachricht: mein Gepäck ist mittlerweile vollständig und unbeschädigt angekommen. Mit ihm die zweite Kamera, die Ersatzmotoren für das ROV und das Silikonöl für den Kamera-Schwenkkopf des Drop-Down-Systems. Eigentlich kann nun gar nichts mehr schiefgehen ...

Lieben Gruß, Wolf

24.04.2006 - Die Esperanza im Hafen von Horta, Faial: Hier liegt die Esperanza am Kai und wartet auf ihren nächsten Einsatz, der ganz im Zeichen von Wissenschaft und Forschung stehen soll. Zwei unterschiedliche Projekte soll die Greenpeace-Crew an Bord der Esperanza in den Gewässern rund um die Azoren mit zum Erfolg führen.

Zusammen mit Wissenschaftlern des Fachbereiches für Ozeanografie und Fischerei der Universität der Azoren (DOP/ UAc) sollen Daten gesammelt und fremde Lebensräume erkundet werden. Die gewonnenen Erkenntnisse sollen helfen, die bisher wenig bekannten aber bereits jetzt gefährdeten sensiblen Ökosysteme der Tiefsee weltweit unter Schutz zu stellen, bevor es zu spät ist.

In unmittelbarer Nähe der vulkanischen Inselgruppe der Azoren ragen einige noch wenig erforschte Seeberge (Seamounts) aus Tiefen von über 1000 Metern auf. Das Forschungsprogramm des Institutes für Ozeanografie und Fischerei verfolgt unter anderem das Ziel, die dort lebenden Arten der Tiefsee zu dokumentieren und zu katalogisieren.

Die Esperanza unterstützt dieses Programm und führt dafür ein ganzes Arsenal, zum Teil speziell für diese Expedition entwickelter und zusammengestellter Gerätschaften mit sich. Dazu gehören ein ferngesteuerter Unterwasser Roboter - ein so genanntes Remote Operated Vehicle (ROV) - und eine Drop Down Kamera-Einheit. Beide Einheiten sind mit hoch auflösenden Videokameras ausgerüstet und können aus Tiefen von 300 Metern (ROV) beziehungsweise 1.000 Metern (Dropdown) Bilder bester Qualität nach oben schicken. Die kommenden Tage bis zum Start werden wir, die Bediener-Crew, dafür nutzen, die Feinabstimmung der Geräte vorzunehmen und die entprechenden Testläufe zu fahren.

In der Zwischenzeit wird das zweite Projekt die volle Aufmerksamkeit der übrigen Beteiligten fordern. Die Gewässer um die Azoren nehmen wegen ihrer ungewöhnlichen Artenvielfalt eine Sonderstellung ein. Besonders bekannt ist dieses Meeresgebiet für die hohe Vielfalt an Meeressäugern. Neben den unterschiedlichen Arten von Tümmlern und Delfinen kommt es hier außergewöhnlich häufig zu Begegnungen mit Großwalen.

So führen etwa die Wanderwege der Pottwale, die noch bis vor wenigen Jahren hier von kleinen Booten aus quasi mit der Hand gejagt wurden, durch diese Gewässer. Aber auch Blau-, Sei- und Finnwale sind durchaus keine Seltenheit. Nicht umsonst sind die Azoren berühmt für ihre erfolgreichen und vergleichsweise schonend durchgeführten Whale Watching-Unternehmungen.

Diese außergewöhlich hohe Dichte an Pottwalen hat die internationale Umweltschutzorganisation IFAW (International Fund for Animal Welfare) dazu veranlasst, ein Monitoringprgramm in dieser Region durchzuführen. Ein Walforscher der Organisation aus England wird an Bord der Esperanza mit Hilfe von Hydrofon und Fotoapparat seine Identifikationsdatenbank vervollständigen und Untersuchungen zur Populationsdichte in der Region anstellen.

Alles in allem sind die Aussichten für die kommenden Tage und Wochen sehr spannend. Wolf

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