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Auf See wird dir klar, wie abhängig wir von der Natur sind

Der Hamburger Timo Liebe (29) steuert sechs Wochen die MV Esperanza durch den Pazifik. Er ist auf dem Greenpeace-Schiff fast schon ein alter Hase. Angefangen hat alles mit einem Kinderbuch...

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Jeden Abend freute sich Timo (8) besonders aufs Vorlesen: Der Wal in der Falle, das seine Oma ihm zum Geburtstag geschenkt hatte, war sein absolutes Lieblingsbuch. Mutige Männer und Frauen stellen sich darin mit ihren Schlauchbooten denen in den Weg, denen Geld mehr bedeutet als eine gesunde Umwelt. Noch beim Einschlafen träumte der kleine Timo: Das will ich auch machen...

21 Jahre später steht er auf der Brücke der Esperanza und steuert das größte und schnellste Greenpeace-Schiff mit Kurs Philippinen: Der Hamburger Timo Liebe fährt für sechs Wochen als dritter Steuermann mit bei der Greenpeace-Expedition SOS Weltmeer. Gemeinsam mit 20 Aktivisten aus mehr als zehn Ländern wird er den Lebensraum des Walhais verteidigen gegen eine Gold- und Silbermine, die das philippinische Meer mit giftigen Abwässern bedroht.

Ich mag das gemeinsame Leben und Arbeiten auf dem Schiff, sagt der studierte Sozialpädagoge, der sein kleines Patent nebenbei im Urlaub gemacht hat. Auf See wird dir klar, dass der Mensch sich die Natur eben nicht Untertan machen kann, sondern dass wir von ihr abhängig sind. Zu Greenpeace kam Timo mit 21 durch einen Studentenjob im Aktionsmittellager. Schnell wurde es viel mehr als ein Job, und Timo war deutlich mehr auf Greenpeace-Aktionen zu finden als in Seminaren. Sein Studium hat er trotzdem abgeschlossen, und heute ist er als Projektleiter im Aktionsmittellager unter anderem zuständig für die Betreuung der Praktikanten und der ehrenamtlichen Aktivisten. Mein Ziel ist, dass alle Freiwilligen bei uns eine gute Zeit haben - und dass sie gerne wieder bei Greenpeace mitmachen.

Auf der Esperanza ist der 29-Jährige fast schon ein alter Hase: Er war bereits im Frühjahr zwei Monate vor Westafrika als deckhand dabei, hat Rost abgekratzt, geschmirgelt und gestrichen. So ein Schiff braucht ständige Pflege. Wenn du am Heck fertig bist, kannst du am Bug wieder anfangen, sagt Timo, der auch gelernter Automechaniker ist. Besonders beeindruckt haben ihn damals die spanischen Aktivisten, die im Hafen von Las Palmas über fünf Tage auf dem Mast eines Piratenfischers ausharrten - bis die Behörden die illegale Fracht beschlagnahmten.

Ist er selbst eine Kämpfernatur? Timo zuckt die Schultern: Ich mag halt keine Ungerechtigkeiten. Ich bin bei Greenpeace, weil wir die Gerechtigkeit verteidigen. Und weil die Leute hier für die gemeinsame Sache sich selbst hintenan stellen und auch mal Konsequenzen in Kauf nehmen. Damit meint er nicht nur Kälte, Hitze oder wenig Schlaf, sondern auch, notfalls vor Gericht für seine Überzeugungen und seinen Einsatz für die Umwelt geradezustehen.

Oder seinen 30. Geburtstag am 18. August nicht zu Hause mit seinen Freunden zu feiern, sondern auf der Esperanza mit Greenpeace. Wie an jedem anderen wird Timo an diesem Tag zwei Mal vier Stunden auf der Brücke stehen. Die eigentliche Steuerung übernimmt zwar auch auf der Esperanza ein Autopilot. Aber der Steuermann muss immer wissen, wo sich das Schiff befindet, er muss die Wettervorhersage interpretieren und ständig das Radar im Auge behalten, ob sich andere Schiffe nähern - denn die Esperanza hat bei normaler Fahrt einen Anhalteweg von mehreren hundert Metern.

Timo wird Schiff und Aktivisten sicher dorthin bringen, wo sie gebraucht werden: Nach Rapu Rapu, wo der Walhai in der Falle sitzt. Gemeinsam mit mutigen Frauen und Männern wird er die Bevölkerung in ihrem Kampf gegen die Mine unterstützen - und sich denen in den Weg stellen, denen Gold mehr bedeutet als eine gesunde Umwelt.

(Autorin: Heike Dierbach)

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